mini|Heinrich Brüning, Reichskanzler 1930–1932
Die Deflationspolitik war bezeichnend für die Wirtschaftspolitik von Heinrich Brüning während der Weltwirtschaftskrise. Er war der erste Reichskanzler eines Präsidialkabinetts in der Weimarer Republik. Diese Politik war gekennzeichnet durch eine strikte Haushaltssanierung und staatlich verordnete Lohn- und Preissenkungen. Dies verschärfte die bereits durch die Weltwirtschaftskrise ausgelöste Deflation erheblich. Das Ziel war eine Gesundschrumpfung der deutschen Wirtschaft, durch die niedrigeren Preise (Innere Abwertung) sollten deutsche Produkte auf dem Weltmarkt attraktiv und der Export angekurbelt werden. Ob die Deflationspolitik auch dem Ziel diente, Deutschlands Reparationsverpflichtungen zu beseitigen, ist in der Forschung umstritten.
Gründe für die Deflationspolitik Der Hauptgrund für die Deflationspolitik ist bis heute umstritten. Nach einer Ansicht war das Hauptziel die Senkung und Streichung der Reparationszahlungen, nach anderer Ansicht entsprach die Deflationspolitik vor allem den damaligen Vorstellungen von einer mittelfristig optimalen Wirtschaftspolitik.
Reparationszahlungen Der Historiker Wolfgang Helbich führte in seiner 1962 erschienenen Dissertation Belege dafür an, dass Brünings Hauptziel nicht die Überwindung der Krise gewesen sei, sondern eine Senkung oder Streichung der Reparationen, wie sie sein Nachfolger Franz von Papen in der Konferenz von Lausanne im Juli 1932 auch erreichte. Brüning habe den Siegermächten demonstrieren wollen, dass Deutschland die für den Reparationstransfer nötigen Devisen trotz der äußersten Anstrengungen nicht mehr erwirtschaften konnte, und habe dazu die Forderungen des Young-Plans nach Geldwertstabilität erfüllen wollen.Wolfgang J. Helbich: Die Reparationen in der Ära Brüning. Zur Bedeutung des Young-Plans für die deutsche Politik 1930 bis 1932. Colloquium Verlag, Berlin 1962. Die These von einer reparationspolitischen Motivierung der Deflationspolitik ist bis heute weit verbreitet.Siehe zum Beispiel Hermann Graml: Zwischen Stresemann und Hitler. Die Außenpolitik der Präsidialkabinette Brüning, Papen und Schleicher. Oldenbourg Verlag, München 2001; Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 4. C. H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-32264-6, S. 516; Volker Ullrich: Schicksalsstunden einer Demokratie. Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik. C.H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82165-3, S. 213. Die Berliner Historiker Henning KöhlerHenning Köhler: Arbeitsbeschaffung, Siedlung und Reparationen in der Schlußphase der Regierung Brüning. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 17 (1969), S. 276–306 (PDF-Datei, 5,6 MB). und Philipp HeydePhilipp Heyde: Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929–1932. Schöningh, Paderborn 1998. glauben dagegen, dass Brüning und seine Mitarbeiter ehrlich davon überzeugt gewesen seien, dass es zu ihrer Politik keine Alternative gebe. So komme die Revision der Reparationsverpflichtungen als Motiv der Deflationspolitik auffallenderweise nur in öffentlichen Reden des Kanzlers und seiner Mitarbeiter vor, in den internen Besprechungen dagegen würden die Reparationen keine herausragende Rolle spielen. Laut dem Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl kommt die Annahme, Brüning hätte die Wirtschaftskrise absichtlich verschärft, um die Reparationen loszuwerden, einer Verschwörungstheorie gleich, wenn man nicht von einer diktatorischen Allmacht des Kanzlers ausgehen wolle, gegen die kein Widerstand mehr möglich gewesen wäre. Beide Annahmen findet er unplausibel.Albrecht Ritschl: Deutschlands Krise und Konjunktur 1924–1934. Binnenkonjunktur, Auslandsverschuldung und Reparationsproblem zwischen Dawes-Plan und Transfersperre. Akademie-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-05-003650-8, S. 21. Laut dem Historiker Desiderius Meier hatte die Deflationspolitik zwar eine reparationspolitische Komponente, wenn sie auch nicht im Vordergrund stand. Ganz im Sinne der Erfüllungspolitik sollte sie eine aktive Handelsbilanz herbeiführen, die Deutschland in die Lage versetzen würde, seinen Reparationsverpflichtungen nachzukommen, und eben diese Verbesserung der deutschen terms of trade sollte die Reparationsgläubiger verhandlungsbereit machen. Insofern hätten Brüning und sein Finanzminister Hermann Dietrich „nicht auf eine dann zu instrumentalisierende Verelendung der Bevölkerung, sondern auf wirtschaftliche Prosperität in Form steigender Exporte“ gesetzt, um durch internationale Kooperation zu einer Revision der Reparationsverpflichtungen zu kommen.Desiderius Meier: Hermann Dietrich, Bürgertum und Liberalismus in der Weimarer Republik. De Gruyter, Berlin/Boston 2021, ISBN 978-3-11-068154-3, S. 377.
Zeitgenössische wirtschaftspolitische Vorstellungen Die Deflationspolitik entsprach dem damaligen wirtschaftspolitischen Mainstream, der sogenannten Liquidationsthese. Nach damaliger Vorstellung war Deflation ein reinigender Prozess, in dem die Preise solange fallen, bis das Marktgleichgewicht wieder hergestellt ist. Die aus der Deflation entstehende Depression sei heilsam, gerade weil „untüchtige“ Betriebe beseitigt würden. Vor allem aber habe die konkurrierende Industrienation, die als erste den Tiefpunkt erreicht, preisliche Wettbewerbsvorteile und könne deshalb über steigende Exporte die kraftvollste Konjunkturwende schaffen.Ursula Büttner: Weimar. Die überforderte Republik 1918–1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-608-94308-5, S. 424 f.
Joseph Schumpeter veröffentlichte im März 1929 in der Zeitschrift Der Deutsche Volkswirt einen Aufsatz, in dem er erklärte, dass sich Deutschland wegen einer angeblich zu hohen Lohnpolitik und der Sozialpolitik in einer Depression befinde, die durch eine Mischung aus Lohn- und Preissenkungen sowie Austeritätspolitik bekämpft werden solle. Dies war exakt das Konzept der Deflationspolitik Brünings.Jürgen Ivert, Susanne Krausz (Hrsg.): Historische Debatten und Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 2002, ISBN 978-3515082532, S. 234. Friedrich August von Hayek empfahl damals (auch den Vereinigten Staaten) eine Deflationspolitik, um die Lohnrigidität zu brechen. In den 1970er Jahren gestand er dies als Fehler ein.Lawrence H. White: The Clash of Economic Ideas. The Great Policy Debates and Experiments of the Last Hundred Years. Cambridge University Press, Cambridge (MA) 2012, S. 94; Laurence H. White: „Did Hayek and Robbins Deepen the Great Depression?“ In: Journal of Money, Credit and Banking, Heft 40, 2008, S. 751–768 ().
Maßnahmen Austeritätspolitik Mit Hilfe von Notverordnungen wurden die direkten Steuern auf Löhne, Einkommen und Umsätze und vor allem die indirekten Steuern wie die Steuern auf Zucker, Bier und Tabak erhöht. Außerdem wurden die Sozialausgaben sowie die Löhne und Gehälter im öffentlichen Dienst gesenkt und öffentliche Investitionen weitestgehend zurückgefahren.
Deflationspolitik Das Ziel Brünings war, durch sinkende Preise und Löhne (Innere Abwertung) die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Mit Notverordnung vom 26. Juli 1930 wurde die Regierung ermächtigt, Preisabsprachen zu annullieren. Es folgten Appelle an die Wirtschaft, die Preise zu senken, untermauert mit der Drohung staatlicher Intervention. Nach der Lösung des englischen Pfunds vom Golddevisenstandard und dessen Abwertung ab 20. September 1931Bundesarchiv, Akten der Reichskanzlei: Die Sanierungspolitik des Kabinetts Brüning I: „Die Dritte Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen, am 6. Oktober 1931, einen Tag vor der Demission des Kabinetts Brüning I, veröffentlicht, korrigierte nur einige Fehlentwicklungen der Sommerkrise, konnte jedoch noch nicht auf die Abwertung des britischen Pfunds vom 20. September 1931 reagieren.“ wurden mit der 4. Notverordnung vom 8. Dezember 1931 Lohn-, Preis- und Mietsenkungen auf das Niveau von 1927 angeordnet und die Deflation weiter verschärft.Bundesarchiv, Akten der Reichskanzlei: Die Sanierungspolitik des Kabinetts Brüning II: „In einem Vermerk vom 16. Dezember 1931 faßte Ministerialrat Feßler die Grundgedanken der Vierten Notverordnung noch einmal zusammen. Durch die wirtschaftspolitischen Maßnahmen sollte ruckartig der Tiefpunkt erreicht werden, von dem aus die Wirtschaft ihren Wiederaufstieg beginnen könne. Die Preissenkungen in Kombination mit der Herabsetzung der Mieten, Gehälter, Löhne und öffentlichen Tarife würden schließlich die Gesundschrumpfung der Wirtschaft herbeiführen. Der dann einsetzende konjunkturelle Aufschwung würde die öffentlichen Finanzen sanieren und Deutschlands Position in den internationalen Verhandlungen stärken. Äußere Voraussetzung für Deutschlands Gesundung sei aber der unbehinderte, durch keine Zollmaßnahmen fremder Staaten eingeengte Export deutscher Waren.“ Verschont wurden von diesen Maßnahmen die Reichswehr und wegen Hindenburg bis zum Frühjahr 1932 auch die weitgehend bankrotten ostelbischen Großagrarier. Als Brüning mit der Osthilfeverordnung die Einstellung dieser Subventionen und stattdessen Zwangsversteigerungen der Güter zur Ansiedlung von Arbeitslosen plante, wurde er von Hindenburg entlassen. Insgesamt reduzierten sich die Lebenshaltungskosten um ca. 20 %, die Bruttostundenlöhne etwas stärker. Bis zu 15 % der 20-prozentigen Deflation dürfte auf Brünings Politik zurückzuführen sein.Michael North (Hrsg.): Deutsche Wirtschaftsgeschichte, Ein Jahrtausend im Überblick. Zweite Auflage, C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-50266-0, S. 324 f. Verstärkt wurde die Deflationspolitik Brünings noch durch die konjunkturellen Folgen der Weltwirtschaftskrise und eine kontraktive Geldpolitik der Reichsbank. Infolge der Wahlerfolge der NSDAP und der Deutschen Bankenkrise kam es zu einer Kapitalflucht, durch welche die Reichsbank mehr als die Hälfte der Gold- und Devisenbestände verlor. Aufgrund des Goldstandards war sie zu einer starken Anhebung des Diskont- und Lombardsatzes gezwungen.Michael North (Hrsg.): Deutsche Wirtschaftsgeschichte, Ein Jahrtausend im Überblick. Zweite Auflage, C. H. Beck, München 2005, S. 329.
Folgen der Deflationspolitik In Bezug auf die ökonomischen und sozialen Konsequenzen wird die Deflationspolitik als fataler Fehler angesehen, der nicht zuletzt die Machtergreifung Adolf Hitlers begünstigte.
Wirtschaftliche Auswirkungen miniatur|rechts|hochkant=1.4|Der Verlauf des Preisindexes zeigt die Deflation der Jahre 1929 bis 1932, das preisbereinigte Bruttosozialprodukt die zeitgleiche schwere Rezession. Ab 1935 wurde der wirtschaftliche Aufschwung stark von Rüstungsausgaben bestimmt.