Bei den IX. Olympischen Spielen 1964 in Innsbruck wurden sechs Wettbewerbe im Alpinen Skisport ausgetragen. Wettkampforte waren der Patscherkofel und die Axamer Lizum. Die drei Erstplatzierten in der Abfahrt, im Riesenslalom und im Slalom erhielten nebst den Olympiamedaillen auch Weltmeisterschaftsmedaillen, da diese Wettbewerbe gleichzeitig als 18. Alpine Skiweltmeisterschaften gewertet wurden. In der Alpinen Kombination wurden nur WM-Medaillen verliehen.

Olympische Bilanz Medaillenspiegel Platz Land 20px|Gold 20px|Silber 20px|Bronze Gesamt 1 3 3 – 6 2 3 2 2 7 3 – 2 2 4 4 – – 1 1

Medaillengewinner Männer Konkurrenz Gold Silber Bronze Abfahrt Egon Zimmermann Léo Lacroix Wolfgang Bartels Riesenslalom François Bonlieu Karl Schranz Josef Stiegler Slalom Josef Stiegler Billy Kidd Jimmy Heuga Frauen Konkurrenz Gold Silber Bronze Abfahrt Christl Haas Edith Zimmermann Traudl Hecher Riesenslalom Marielle Goitschel Christine Goitschel Jean Saubert – Slalom Christine Goitschel Marielle Goitschel Jean Saubert

Vorschau Vor allem im alpinen Herrenrennsport sei „diesmal nichts so sicher wie die Unsicherheit“. Mit dieser Feststellung leitete der Sport Zürich in seiner Ausgabe vom 29. Januar 1964 seine Vorschau ein. Vor allem der bisherige Winter mit wenig großen internationalen Kraftproben, die zudem meistens unter Verhältnissen von sich gingen, die die Grenzen der Regularität gestreift hätten, habe dies mit aller Deutlichkeit gezeigt. Außerdem seien alle Olympiagewinner von 1960 zurückgetreten.Sport Zürich, 29. Januar 1964.

Als großer Favorit (vor allem für den Riesenslalom) wurde Egon Zimmermann II aufgrund seiner Überlegenheit am Lauberhorn bezeichnet. Dass man Karl Schranz doch nicht denselben Kredit geben könne, liege darin, dass in eine Abfahrt viele Zufälligkeiten hineinspielen könnten – und es sei tatsächlich so, dass es am Patscherkofel das erste „richtige Abfahrtsrennen“ in diesem Winter geben werde (nach den Absagen der Klassiker in Wengen und Kitzbühel). Die beiden Abfahrten in Madonna di Campiglio hätten eine Streckenlänge von 2600 Meter gehabt, nun müsse das Stehvermögen für weitere 550 Meter reichen. Dieser bevorstehende erste große Zusammenprall der besten Abfahrer, bei dem es auch gleich um Medaillen gehe, könnte Überraschungen Tür und Tor öffnen. Im Slalom werde Titelhalter Charles Bozon (suspendiert und verletzt) nicht antreten, gute Chancen hätten Guy Périllat und ein letztes Mal François Bonlieu, auch Ludwig Leitner und Pepi Stiegler. Der Gesamteindruck würde für Vorteile für die Gastgeber in ihrem Duell gegen Frankreich sprechen, wobei nach den Eindrücken in der jüngsten Vergangenheit zumindest Schweizer (Josef Minsch, Dumeng Giovanoli, Willy Favre), Deutsche (Wolfgang Bartels, Ludwig Leitner) mit sehr guten Aussichten eingreifen könnten, vielleicht auch noch Buddy Werner.

Bei den Damen seien die Favoritenstellungen weit ausgeprägter. Einzig Heidi Biebl trete als Olympiasiegerin 1960 an, doch sie habe seit den Weltmeisterschaften 1962 in Christl Haas eine kaum zu schlagende Rivalin erhalten, wenn eine Goldmedaillengewinnerin so gut wie feststehe, so sei es diese. Im Slalom und auch Riesenslalom müsse stark mit Jean Saubert gerechnet werden. Ebenso gute Chancen, sich in den letztgenannten Disziplinen an die Spitze zu setzen, habe Marielle Goitschel, im Slalom sei aber auch auf Traudl Hecher, die sich in diesem Winter in Topform befindet, zu setzen. Die Aussichten für die Schweizer Läuferinnen würden noch nie so schlecht wie diesmal gegeben sein. Theres Obrecht sei immer noch leicht verletzt angereist, ins erste Dutzend könnten vielleicht Ruth Adolf und Fernande Bochatay kommen. Reglement Für den alpinen Skilauf erlaubten die Bestimmungen 8 Läufer und 6 Läuferinnen. Da der ÖSV aber 12 Herren und 8 Damen in seinem Kader hatte, nahm Sportwart Dr. Sepp Sulzberger dementsprechende Punkteberechnungen auf Grund von als Qualifikationen angesehenen Rennen vor, denn die bloßen FIS-Punktelisten nahmen auf Vorjahrsverletzungen nicht Rücksicht.„Ein konsequenter Richter – ÖSV-Sportwart Dr. Sepp Sulzberger entschied mit Rechenschieber“ in »Tiroler Tageszeitung« Nr. 23 vom 29. Januar 1964, Seite 29

Männer Abfahrt Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Egon Zimmermann 2:18,16 2 Léo Lacroix 2:18,90 3 Wolfgang Bartels 2:19,48 4 Josef Minsch 2:19,54 5 Ludwig Leitner 2:19,67 6 Guy Périllat 2:19,79 7 Gerhard Nenning 2:19,98 8 Willy Favre 2:20,23 9 Willy Bogner 2:20,72 10 Heinrich Messner 2:20,74 11 Karl Schranz 2:20,98 12 Fritz Wagnerberger 2:21,03 13 Dumeng Giovanoli 2:21,16 18 Georg Grünenfelder 2:22,69 48 Hans-Walter Schädler 2:35,84 52 August Wolfinger 2:37,25 53 Josef Gassner 2:37,38 Datum: 30. Januar, 12:00 Uhr Piste: „Patscherkofel“ Start: 1952 m, Ziel: 1085 m Höhendifferenz: 867 m, Streckenlänge: 3120 m Tore: 14

84 Teilnehmer, davon 77 in der Wertung.

Zimmermann war bereits im «Nonstoptraining» Bestzeit gefahren (2:21,0 min); Lacroix war in 2:22,6 min Zweiter vor Killy, Werner, Messner, Kidd. Schranz gewesen. Die Franzosen mussten den Weltmeisterschafts-Zweiten Émile Viollat ersetzen, der am 27. Januar bei einem Trainingssturz (er war mit der Schulter an einer Torstange hängengeblieben) einen Schlüsselbeinbruch erlitten hatte. Für ihn wurde Pierre Stamos einberufen.Viollat mit Schlüsselbeinbruch. In: Sport Zürich, 27. Januar 1964.

Rund 50.000 Zuschauer waren anwesend. Billy Kidd startete um 12:01 Uhr als Erster. Jean-Claude Killy (Nr. 9) stürzte bald nach dem Start und war in 2:32,96 weit abgehängt. Zu den Verlierern zählte auch Karl Schranz: Er fühlte sich nicht topfit, und er fand von Beginn an nicht die richtige Spur. Zimmermann (Nr. 7) holte seinen Vorsprung im oberen Streckenteil heraus, als er bereits 0,8 s vor Lacroix lag, verlor diesen aber im untersten, als „Velodrom“ bezeichnetem Abschnitt fast ganz. Er hatte sich ein völlig neues Skimodell angeschnallt, einen Metallski mit fünf Rillen (bisher hatten Touristen- und auch Rennmodelle eine Längsrille, höchstens zwei). Als Mannschaft beeindruckte Deutschland am meisten, wobei Willy Bogner statt Eberhard Riedel in das Team berufen worden war. Dumeng Giovanoli war als Geheimfavorit gehandelt worden, blieb aber hinter den Erwartungen. Demgegenüber holten Guy Périllat, Kidd, Nenning und Messner ein ihrem Niveau entsprechendes Ergebnis. Es gab einen schweren Unfall: Der für Indien startende Pole Jeremy Bujakowski, der nach einem Sturz im oberen Teil mit dem Kopf gegen einen Baum gestoßen und bewusstlos liegen geblieben war, musste in die Innsbrucker Universitätsklinik gebracht werden, wo eine mittelschwere Gehirnerschütterung festgestellt wurde.«Zimmermann vergoldete den Patscherkofel», «21 Läufer blieben unter dem Vorjahrsrekord», «Inder verunglückte». Kleine Zeitung Graz, 31. Januar 1964, S. 12, 13, 14.«3 Österreicher unter den ersten Zehn». Kurier Wien, 31. Januar 1964, S. 7 und 8.«H. Bonnet enttäuscht: Für ihn zählt nur ein Sieg. Schranz nicht nervös – darum schlecht gefahren». Kronen-Zeitung, 31. Januar 1964, S. 19.«Sieger Egon Zimmermann vor zweiter Goldmedaille?» Kronen-Zeitung Wien, 31. Januar 1964.

Riesenslalom Platz Land Sportler Zeit (min) 1 François Bonlieu 1:46,71 2 Karl Schranz 1:47,09 3 Josef Stiegler 1:48,05 4 Willy Favre 1:48,69 5 Jean-Claude Killy 1:48,92 6 Gerhard Nenning 1:49,68 7 Billy Kidd 1:49,97 8 Ludwig Leitner 1:50,04 9 Josef Minsch 1:50,61 10 Guy Périllat 1:50,75 14 Beat von Allmen 1:54,04 15 Eberhard Riedel 1:54,17 19 Edmund Bruggmann 1:55,30 40 Hans-Walter Schädler 2:05,08 46 August Wolfinger 2:10,64 47 Josef Gassner- Datum: 2. Februar, 12:30 Uhr Piste: „Birgitzköpfl“, Axamer Lizum Start: 2100 m, Ziel: 1570 m Höhendifferenz: 530 m, Streckenlänge: 1250 m Tore: 75

96 Teilnehmer, davon 80 in der Wertung. Ausgeschieden u. a.: Wolfgang Bartels (EUA), Willy Bogner (EUA), Jimmy Heuga (USA), Buddy Werner (USA), Egon Zimmermann (AUT).

Die ursprünglich angegebene Streckenlänge von 1250 Meter wurde am 31. Januar auf 1500 Meter korrigiert. Zunächst unterbot Bonlieu Stieglers Zeit um 1,34 Sekunden. Wolfgang Bartels gab nach einem Sturz im oberen Teil auf. Nach ihm lag Gerhard Nenning gut im Rennen, vergab aber seine Chancen im Zielbereich. Heugas 1:48,76 hätten Rang 5 bedeutet, doch er hatte einen Torfehler begangen. Obwohl er vor dem Ziel fast stürzte, bewahrte Willy Favre vorerst seine Anwartschaft auf eine Medaille. Abfahrtssieger Egon Zimmermann (Nr. 12) wurde vorerst mit bester Zwischenzeit gemessen, doch hatte er zu viel riskiert, fädelte bei Tor Nr. 15 ein und gab drei Tore weiter nach einem Rutscher auf. Karl Schranz fuhr ein Tor verkehrt an. Edmund Bruggmann, der einige Wochen zuvor in Hindelang den Riesenslalom gewonnen hatte, kam trotz Sturz auf Platz 19.«Schranz siegte nur auf der Hälfte». Kurier Wien, 3. Februar 1964, S. 7 und 8.«Bonlieu nützte seine Chance» und «Riesentorlauf: Bonlieu vor Schranz und Stiegler». Kleine Zeitung Graz, 4. Februar 1964, S. 16 und 17. (Nebst James Heuga wurde u. a. auch Willy Bogner (Zwanzigster) disqualifiziert.„Acht Disqualifikationen im Riesentorlauf . Fünftplacierter Heuga auch ausgeschieden“ in »Tiroler Tageszeitung« Nr. 27 vom 3. Februar 1964, Seite 5)

Slalom Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Josef Stiegler 2:11,13 2 Billy Kidd 2:11,27 3 Jimmy Heuga 2:11,52 4 Michel Arpin 2:12,91 5 Ludwig Leitner 2:12,94 6 Adolf Mathis 2:12,99 7 Gerhard Nenning 2:13,20 8 Buddy Werner 2:13,46 9 Wolfgang Bartels 2:15,92 10 Stefan Kälin 2:16,04 13 Ernst Scherzer 2:18,10 14 Willy Favre 2:18,22 18 Eberhard Riedel 2:18,85 21 Mathias Leitner 2:19,64 24 Karl Schranz 2:21,58 36 Hans-Walter Schädler 2:32,00 Qualifikationsslalom 7. Februar, 11:00 Uhr Piste: „Birgitzköpfl“, Axamer Lizum Start: 1730 m, Ziel: 1600 m Höhendifferenz: 130 m, Streckenlänge: 350 m

Spezialslalom 8. Februar, 12:00 Uhr Piste: „Birgitzköpfl“, Axamer Lizum Start: 1770 m, Ziel: 1570 m Höhendifferenz: 200 m, Streckenlänge: 470 m 1. Lauf: 78 Tore, Kurssetzer Ernst Oberaigner (AUT) 2. Lauf: 71 Tore, Kurssetzer Hermann Nogler (ITA)

95 Teilnehmer, davon 50 im Hauptbewerb und 39 in der Wertung. Ausgeschieden u. a.: François Bonlieu (FRA), Chuck Ferries (USA), Bengt-Erik Grahn (SWE), Jean-Claude Killy (FRA), Josef Minsch (SUI).

Von den Österreichern sollte neben Schranz, Nenning und Matthias Leitner auch Stiegler starten. Laut Aussage von Sportwart Sepp Sulzberger käme Zimmermann nach seinem Riesenslalom-Ausfall nicht in Frage.«Föhn gefährdet Slalom. Zimmermann fährt nicht. Rodelbahn unter Wasser». Kurier Wien, 4. Februar 1964, S. 9. Am 4. Februar wurde bekannt, dass über höhere Intervention eine geheim gehaltene Ausscheidung zwischen Zimmermann und Stiegler auf der Damen-Riesenslalomstrecke in der Lizum stattgefunden hatte, die Zimmermann gewonnen hatte. Es gab weitere Interventionen (das Ausscheidungsrennen war ohne Wissen der Mannschaftsbetreuer durchgeführt worden) und am 5. Februar wurde doch Stiegler nominiert. Den Kurs hatte Hanspeter Lanig ausgesteckt, denn es gab auch für die deutsche Slalom-Mannschaft eine Ausscheidung.«Intrigen um Slalom-Start» und Glosse «Psychose» von Heribert Meisel. Kurier Wien, 5. Februar 1964, S. 10.«Empörung in Tirol: Egon statt Stiegler im Slalom». Kronen-Zeitung, 5. Februar 1964.«Slalom-Skandal: Trainer und Coach treten zurück». Kronen-Zeitung, 6. Februar 1964.«Nun doch Pepi Stiegler!». Kurier Wien, 6. Februar 1964, S. 10.