mini|Sitz der Ullstein Buchverlage an der Friedrichstraße in Berlin-Mitte Ullstein Verlag ist der Name von zwei Unternehmen, des Zeitungsverlags B.Z. Ullstein GmbH als Tochter der Axel Springer SE und der Ullstein Buchverlage GmbH als Tochter des schwedischen Medienunternehmens Bonnier. Beide gehen auf den historischen Ullstein Verlag zurück, der 1877 gegründet und 1945 aufgelöst wurde. Der Ullstein Verlag war in den 1920er Jahren der größte Verlag Europas.Juliane Berndt: Die Restitution des Ullstein Verlages, Berlin 2020, ISBN 978-3-11-062979-8, S. 53 1952 erfolgte die Neugründung, 2003 die Aufteilung der beiden Unternehmen.

1877 bis 1945 Gründung und erste Erfolge miniatur|Leopold Ullstein, 1882 miniatur|Eule am Ullsteinhaus Kochstraße 23/24, nicht erhalten

Am 1. August 1877 gründete der Papiergroßhändler Leopold Ullstein den Ullstein Verlag als offene Handelsgesellschaft.Juliane Berndt: Die Restitution des Ullstein-Verlags (1945–52). Berlin 2020. S. 22 ff. PDF, ausführlich zur Geschichte seit 1877; am detailliertesten dazu W. Joachim Freyburg, Hans Wallenberg (Hrsg.): Hundert Jahre Ullstein. 4 Bände. Ullstein, Berlin 1977 Er hatte kurz zuvor den Verlag und das Druckhaus des Neuen Berliner Tageblatts in der Zimmerstraße 94 erworben. Da diese Zeitung wenig finanziellen Erfolg brachte, stellte er sie bald ein und übernahm stattdessen die Berliner Zeitung. Ullstein war liberal-demokratisch eingestellt, er kritisierte in den ersten Jahren öfter die Regierungspolitik. 1881 kaufte er das Gebäude in der nahegelegenen Kochstraße 23 und ließ 1885 ein neues Verlagsgebäude nach Plänen des Architekten Friedrich Schwenke errichten. Es folgten in den folgenden Jahren weitere Ankäufe und Neubauten umliegender Gebäude, sodass der Ullstein Verlag später das gesamte Karree besaß.

1887 gründete Leopold Ullstein die Berliner Abendpost, die die stillstehenden Druckmaschinen am Tag nutzen konnte und die Nachrichten der Berliner Zeitung am nächsten Tag in vielen Orten des Reiches verbreiten konnte. Beide Zeitungen erreichten bald eine Abonnentenzahl von über 100.000, was sich für die Anzeigen finanziell sehr positiv auswirkte. 1894 übernahm Ullstein die Berliner Illustrirte Zeitung. Mit vielen Zeichnungen und Fotos versehen wandte sie sich besonders an Frauen, begeisterte aber auch deren Männer mit Love-and-Crime-Storys. Ullstein rief außerdem 1898 die Berliner Morgenpost ins Leben, die später zur größten Tageszeitung Deutschlands heranwuchs.A. Enderlein: Ullstein Chronik. 2011, S. 15. In Leopold Ullsteins Todesjahr 1899 hatte diese rund 160 000 Abonnenten.

Nach Ullsteins Tod 1899 übernahmen seine fünf Söhne das Unternehmen.

Nachdem 1904 der Straßenverkauf von Zeitungen zugelassen worden war und Louis Ullstein gleichzeitig die Produktionsabläufe nach US-amerikanischem Vorbild modernisiert hatte, wurde die Grundlage eines neuen Zeitungstyps in Deutschland gelegt: Die B.Z. am Mittag gilt als erstes Boulevardblatt Deutschlands und als „schnellste Zeitung der Welt“.A. Enderlein: Ullstein Chronik. 2011, S. 17. Den Söhnen gelang Anfang 1914 die Übernahme der Vossischen Zeitung, der ältesten Zeitung Berlins, die ihre Leserschaft im Beamtentum und bei Intellektuellen hatte. (Sie galt als innenpolitisch der Demokratischen Partei zugeneigt, während die 1898 gegründete Berliner Morgenpost eher den Sozialdemokraten nahestand.)

Ullstein Buchverlag

1903 gründeten die Gebrüder Ullstein 1903 den Ullstein Buchverlag in Berlin, der unter der verlegerischen Leitung von Emil Herz rasch zu einem der führenden deutschen Verlage aufstieg. Herz formulierte sein verlegerisches Programm mit einem klaren Bekenntnis zu inhaltlicher Vielfalt: „In diesem Haus wurden alle Strömungen eingefangen, alle Stimmen gehört, registriert und wie von einem riesigen Resonanzboden verstärkt der Öffentlichkeit wieder zugeführt.“Emil Herz: Denk ich an Deutschland in der Nacht. 1994, S. 308. Seit 1909 erschien die erste große Weltgeschichte in sechs Bänden, herausgegeben von Julius von Pflugk-Harttung. Für solche anspruchsvollen, mehrbändigen Werke wurde 1919 der Propyläen Verlag gegründet. Autoren wie Bertolt Brecht, Carl Zuckmayer, Lion Feuchtwanger, Ödön von Horváth, Heinrich Mann, Benno Reifenberg und Franz Blei veröffentlichten bei Ullstein. Zwei Bestseller der 1920er Jahre waren Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues (1928) und Vicky Baums Menschen im Hotel (1929). Außerdem erschienen ab 1910 Die Gelben Ullstein Bücher für nur eine Reichsmark, die viel Verbreitung fanden.Die gelben Ullstein Bücher ZVAB, mit einigen Titeln, auch in DNB

Konzept des Ullstein Zeitungsverlages seit den 1920er Jahren war es, erfolgreiche Schriftsteller zu binden, den Kaufanreiz mit Fortsetzungsromanen zu steigern, die eigens für Ullstein geschrieben waren, und die dann teilweise auch als Buch publiziert wurden. Eine Nachrichten- und Bildagentur gehörte ebenfalls zum Unternehmen, der heutige Ullstein-Bilderdienst. mini|Logo Ullstein Verlag, 1920er Jahre

Weitere Entwicklung bis 1933

mini|Einer der beiden Rumpler Lkw des Verlags zum Verteilen der Zeitungen, die speziell angefertigt wurden miniatur|Titelblatt der Berliner Illustrirten Zeitung, 1919 In den 1920er Jahren wurde das Ullsteinhaus in Berlin-Tempelhof gebaut. Dort waren die Redaktions- und Verlagsräume sowie eine eigene Druckerei. Die Zeitungsredaktionen blieben in der Kochstraße im Zeitungsviertel.

Es wurden weitere erfolgreiche Zeitschriften gegründet, die eine große Leserschaft fanden, so Die Dame, der UHU als erfolgreiche und anspruchsvolle Kulturzeitschrift, Der Querschnitt, die beliebte Kinderzeitschrift Der heitere Fridolin und das populärwissenschaftliche Magazin Koralle. Der größte wirtschaftliche Erfolg wurde die Sonntagszeitung Die Grüne Post seit 1927, die sich eigentlich vor allem an eine ländliche Leserschaft richtete und bald über eine Million Abonnenten hatte.

Der Ullstein Verlag war liberal ausgerichtet. „Ihr Motto war politischer Liberalismus und moderne Kultur (…). Sie waren anti-militaristisch, anti-chauvinistisch und im besten Sinne europäisch; die große Welle deutsch-französischer Freundschaft der Aera Briand-Stresemann war zum Teil dem Einfluss der Ullstein-Presse zuzuschreiben. Das Haus Ullstein war eine politische Macht und gleichzeitig die Verkörperung des fortschrittlichen und kosmopolitischen Geistes der Weimarer Republik.“Arthur Koestler: Frühe Empörung. Gesammelte autobiographische Schriften. Bd. 1, 1970, S. 175. Dabei hatte jedoch der kommerzielle Erfolg immer eine besondere Bedeutung, das Publikumsinteresse war der wichtige Maßstab.

Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 nahmen die Spannungen zu den Verantwortlichen spürbar zu, ein spöttischer Artikel in der Grünen Post 1934 führte letztendlich dazu, dass die jüdische Familie Ullstein das Unternehmen verkaufte, um den drohenden Bankrott durch bevorstehende Boykottmaßnahmen zu verhindern.Juliane Berndt: Die Restitution des Ullstein-Verlags, Berlin 2020; ausführlich zum Verkauf

Es wurde 1937 in Deutscher Verlag umbenannt und dem Zentralverlag der NSDAP (Franz Eher Nachfolger GmbH) angegliedert. Louis Ullstein starb bereits 1933, sein älterer Bruder Hans zwei Jahre später – beide in Berlin. Die übrigen drei Brüder entkamen dem Holocaust durch die Emigration.

Mit der redaktionellen Okkupation und der wirtschaftlichen Aneignung des Ullstein Verlages durch das NS-Regime sowie der Umbenennung wurde das Angebot deutlich verändert. Bereits 1933/1934 wurden folgende Blätter eingestellt: Vossische Zeitung, Zeitbilder, UHU, Der Querschnitt und Tempo. Die übrigen Zeitungen und Zeitschriften blieben bestehen. Laut dem American Jewish Committee beschäftigte das Unternehmen während des Nationalsozialismus Zwangsarbeiter.

Zu den Chefredakteuren von Ullstein-Verlag und Deutschem Verlag gehörte von 1928 bis 1947 der Theater- und Filmkritiker Heinrich Satter (* 1908), der Sohn von Gerhart Hauptmann und Ida Orloff, der von 1946 bis 1958 auch als Wiener Kulturkorrespondent der Schweizer Zeitung Die Tat tätig war und später auch für Der Bund und andere Zeitungen arbeitete.Walter Habel (Hrsg.): Wer_ist_wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1049.

Seit 1952 Nachkriegsjahre mini|Das Ullsteinhaus in Berlin-Tempelhof Hermann Ullstein starb vor Kriegsende 1943 in New York, Franz Ullstein 1945 auch dort. Rudolf Ullstein kehrte als Einziger der Brüder nach Berlin zurück. 1952 erhielt die Familie ihr Unternehmen nach langwierigen Verhandlungen zurück. Das Haus an der Kochstraße war weitgehend zerstört, Autoren waren verstorben, verschollen oder zu anderen Verlagen abgewandert. Bereits unmittelbar nach Kriegsende waren Dependancen in Wien, Berlin und Frankfurt am Main entstanden. 1952 wurden sie zusammengeführt, ein Jahr später nahm in Frankfurt in Westdeutschland der Ullstein Taschenbuchverlag die Produktion auf. Große Erfolge jener Jahre waren Heinrich Harrers Sieben Jahre in Tibet und Françoise Sagans Roman Bonjour Tristesse.A. Enderlein: Ullstein Chronik. 2011, S. 284.

Übernahme durch Axel Springer Mitte der Fünfzigerjahre geriet Ullstein in eine schwere Finanzkrise. Axel Springer erwarb 1956 eine 26-prozentige Beteiligung an der Ullstein AG. Der Kauf ging mit der Vereinbarung einher, Druck- und Vertriebskapazitäten der Häuser Ullstein und Springer verstärkt gemeinsam zu nutzen.A. Enderlein: Ullstein Chronik. 2011, S. 343. 1959 erwarb Axel Springer die Aktienmehrheit und damit auch den Buchverlag unter der Leitung von Albrecht Knaus und später Wolf Jobst Siedler. Das Programm war mit deutscher und amerikanischer Literatur erfolgreich, zu den Spitzenautoren zählten Christine Brückner und Arthur Hailey.

Im Mai 1959 wurde der Grundstein zum neuen Druck- und Verlagshaus inmitten des ehemaligen Berliner Zeitungsviertels gelegt. Die Bauarbeiten erfolgten seit dem 13. August 1961 unter den Augen von DDR-Grenzsoldaten hinter der in unmittelbarer Nachbarschaft errichteten Mauer. Schon Monate vor der offiziellen Einweihung des Axel-Springer-Hochhauses im Oktober 1966 zogen die Redaktionen der B.Z. und der Morgenpost vom Druckhaus Tempelhof in das neue Haus. Auch der Propyläen Verlag bezog seine Büros im 16. Stock des Axel-Springer-Hochhauses,A. Enderlein: Ullstein Chronik. 2011, S. 346. während der Ullstein Buchverlag in einem eigenen Gebäude gegenüber in der Lindenstraße unterkam.

Seit der Übernahme durch Axel Springer ist die Berichterstattung der beiden Ullstein-Zeitungen konservativ und antikommunistisch. Die B.Z. wurde außerdem von einer Abendzeitung in ein Boulevardblatt angelsächsischen Stils umgewandelt.

In den 70er und 80er Jahren besaß Ullstein auch eine bedeutende Science-Fiction-Reihe, s. dazu Science Fiction im Ullstein Verlag.

Zeitschrift KONTINENT (1974–1992)