Bei den VIII. Olympischen Spielen 1960 in Squaw Valley fanden sechs Wettbewerbe im Alpinen Skisport statt. Austragungsorte waren die Pisten Squaw Peak (Männer-Abfahrt), KT-22 (Frauen-Abfahrt, Männer-Slalom und -Riesenslalom) sowie Little Papoose Peak (Frauen-Riesenslalom und -Slalom) im Squaw Valley Ski Resort. Die drei Erstplatzierten in der Abfahrt, im Riesenslalom und im Slalom erhielten nebst den Olympiamedaillen auch Weltmeisterschaftsmedaillen, da diese Wettbewerbe gleichzeitig als 16. Alpine Skiweltmeisterschaften gewertet wurden. In der Alpinen Kombination wurden nur WM-Medaillen verliehen.
Olympische Bilanz
Medaillenspiegel Platz Land 20px|Gold 20px|Silber 20px|Bronze Gesamt 1 2 – – 2 2 1 2 2 5 3 1 1 1 3 4 1 – 2 3 5 1 – – 1 6 – 3 – 3 7 – – 1 1
Medaillengewinner Männer Konkurrenz Gold Silber Bronze Abfahrt Jean Vuarnet Hanspeter Lanig Guy Périllat Riesenslalom Roger Staub Josef Stiegler Ernst Hinterseer Slalom Ernst Hinterseer Mathias Leitner Charles Bozon Frauen Konkurrenz Gold Silber Bronze Abfahrt Heidi Biebl Penny Pitou Traudl Hecher Riesenslalom Yvonne Rüegg Penny Pitou Giuliana Chenal Minuzzo Slalom Anne Heggtveit Betsy Snite Barbara Henneberger
Vorschau Der Lokalmatador Wallace „Bud“ Werner, dem aufgrund seiner Leistungen in der vorangegangenen Saison (Siege in der Hahnenkamm-Abfahrt, in Lenzerheide und Davos) gute Chancen eingeräumt worden waren, hatte in einem Training Anfang Januar einen Beinbruch erlitten und konnte nicht teilnehmen.«Das alpine USA-Team ohne Bud Werner». Sport Zürich, 11. Januar 1960, S. 3. Es gab schon damals für die Trainings exakte Zeitpläne; der Schweizer Willi Forrer hatte beim Abfahrtstraining am 13. Februar diesen um zehn Minuten überschritten, wurde vor das Kampfgericht zitiert, wobei er mit einem Verweis davonkam. Trotzdem hielt er sich beim nächsten Training wiederum nicht an die Vorschriften.«Die Wahrheit über die olympische Herren-Abfahrtsstrecke». Sport Zürich, 17. Februar 1960, S. 1. Bereits mehrere Tage vor den Rennen hatte im deutschen Team Sepp Behr auf seine Nominierung zugunsten von Willy Bogner verzichtet. Nach der Weltrangliste war Behr besser klassiert, Experten hielten Bogner aber als momentan besser in Form.
«Sport Zürich» gab in seiner vom 19. Februar 1960 eine Vorschau auf die Alpinbewerbe. Bei den Herren ging man davon aus, dass die Österreicher drei Kombinierer und in jeder Disziplin einen Spezialisten einsetzen würden. Stiegler habe sich dabei als der Regelmäßigste erwiesen. Die Franzosen hatten in Kitzbühel für Aufsehen gesorgt (Guy Périllat Abfahrts- und Kombinationssieger sowie Slalom-Zweiter). Mit Adrien Duvillard als Nummer 1 sei in allen Disziplinen zu rechnen. Deutschland habe in den letzten zwei Jahren ungewöhnliche Fortschritte verzeichnet und es habe eine Wachablöse stattgefunden. Besonders Willy Bogner habe das Zeug zu einem großen Champion. Die Italiener seien zwar gut gestartet, hatten dann aber Mühe gehabt, sich im Vorderfeld zu behaupten. Die besten Waffen der Schweizer seien Roger Staub und Willi Forrer, wobei Staub im Riesenslalom und Forrer in der Abfahrt besonders stark seien. Der wieder aus der Versenkung gekommene Japaner Igaya habe bei Rennen in den USA eine gute Vorbereitung bewiesen. Den US-Läufern wurden keine großen Chancen eingeräumt und bei den Nordländern könne vielleicht Grahn eine Überraschung liefern.Sport Zürich, 19. Februar 1960, S. 5 und 7.
Reelle Chancen hätten die Schweizer Damen. Seit 1948 beweise die Liste der Olympiasiegerinnen und Weltmeisterinnen ihre Klasse und sie könnten in jeder Disziplin eine Olympiasiegerin stellen. Das österreichische Team bestehe aus einer guten Mischung routinierter und jüngerer talentierter Fahrerinnen. Traudl Hecher und Marianne Jahn besäßen Unbekümmertheit. Bei den Italienerinnen, die sich schon längere Zeit in der Kopfgruppe behaupten, sei insbesondere Pia Riva zu beachten. Die Französinnen würden es hingegen schwer haben, den Standard ihrer männlichen Kollegen zu halten. Die deutschen Rennläuferinnen dürften nicht unterschätzt werden, wenngleich sie nicht ganz an die Leistungen des vorangegangenen Winters hätten anknüpfen können. Am besten habe bisher Heidi Biebl abgeschnitten. Die Norwegerinnen seien bisher wegen Verletzungen noch nicht zur Geltung gekommen, während Gefahren aus dem Osten zu bezweifeln wären. Hingegen sollten die US-Läuferinnen schwer zu schlagen sein, auch den Kanadierinnen wurden Chancen eingeräumt.
Ergebnisse Männer
Abfahrt Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Jean Vuarnet 2:06,0 2 Hanspeter Lanig 2:06,5 3 Guy Périllat 2:06,9 4 Willi Forrer 2:07,8 5 Roger Staub 2:08,9 6 Bruno Alberti 2:09,1 7 Karl Schranz 2:09,2 8 Charles Bozon 2:09,6 9 Willy Bogner 2:09,7 10 Egon Zimmermann 2:09,8 11 Ludwig Leitner 2:10,2 13 Jakob Arduser 2:10,9 15 Josef Stiegler 2:13,1 16 Eberhard Riedel 2:13,3 19 Andreas Molterer 2:15,1 20 Nando Pajarola 2:15,4 41 Adolf Fehr 2:27,4 49 Silvan Kindle 2:29,4 Hermann Kindle Datum: 22. Februar, 10:00 Uhr Piste: „Squaw Peak“ Start: 2707 m, Ziel: 1949 m Höhendifferenz: 758 m, Streckenlänge: 3095 m 20 Tore, Kurssetzer: Willy Schäffler (USA)
63 Teilnehmer, davon 61 in der Wertung.
Das Rennen war für Freitag, den 19. Februar (von 10 bis 12.30 Uhr) geplant, aber heftige Schneefälle ab dem Morgen des 18. Februar (auf dem oberen Streckenteil lagen 30 bis 50 cm Neuschnee) machten eine Austragung am terminierten Tag unmöglich. Zuvor gab es um die Aufstellung der gesamtdeutschen Mannschaft eine Konfliktsituation: Es sollte das Leistungsprinzip auf der Grundlage der aktuellen FIS-Weltranglisten gelten. Darin waren alle Läufer aus dem Westen besser platziert. Im aktuellen Winter war aber der Ostdeutsche Eberhard Riedel besser gewesen als Fritz Wagnerberger, sodass der «Chef de mission» Herbert Kunze aufgrund eines Protests der DDR-Funktionäre Riedel meldete.Der Spiegel, Ausgabe 9/1960, 24. Februar 1960.
Die Strecke begann mit einer Traverse, gefolgt von einem «großen Schuss», im Übergang zum nächsten Geländeabsatz waren schnelle Skier und gutes Gleiten verlangt. Die nächste Steilpartie mit einer schräg durch die Fahrtrichtung verlaufende Welle durfte nicht unterschätzt werden. Damit endeten die technischen Schwierigkeiten, im Schlussabschnitt waren Kondition und Gleitvermögen gefragt. Die Strecke stellte enorme Ansprüche an die technischen Fähigkeiten. Die Spitzenfahrer standen nach den ersten Training am 13. Februar fest. Während diese die Schlüsselstellen meisterten, hatten schwächere Konkurrenten Mühe.«Die Wahrheit über die olympische Herren-Abfahrtsstrecke». Sport Zürich, 17. Februar 1960, S. 1.
Der Sieg von Jean Vuarnet zwar nicht ganz unerwartet, war aber dennoch überraschend, zumal er in den Trainings nicht gut zurechtgekommen war. Als guter Gleiter stellte er seinen Erfolg vor allem im unteren Flachstück sicher. Der zweitplatzierte Hanspeter Lanig gehörte seit Jahren zu den besten Abfahrtsspezialisten der Welt. Er hatte vom Start weg die Führung, wurde erst im letzten Streckenabschnitt geschlagen. Auch Willy Bogner behauptete sich erwartungsgemäß unter den Besten. Wenngleich die Schweizer diesmal ohne Medaille blieben, waren sie gesamthaft sogar besser als im Riesenslalom.«Aussenseiter Jean Vuarnet (Frankreich) Sieger in der Herren-Abfahrt». Sport Zürich, 24. Februar 1960, S. 6. Bester Österreicher war Karl Schranz als Achter und wie die übrigen ÖSV-Läufer weit von einer Medaille entfernt. Trainer Othmar Schneider hatte offensichtlich jenes Wachs verwendet, das am Vortag beim Riesenslalom die Medaillen gebracht hatte, doch hatten sich die Schneeverhältnisse verändert und es war kälter geworden. Im Gegensatz zu den Franzosen, Schweizern und Deutschen hatten sie vor dem Rennen keine Wachsproben vorgenommen.
Adrien Duvillard stürzte, als er auf den »Kamelbuckeln« mit den Skienden anschlug und in Rücklage geriet; er wurde bewusstlos zu Tal gebracht, seine Verletzungen waren aber nicht allzu schwer. Es war das erste Mal, dass ein Olympiarennen auf Metallskis gewonnen wurde. Sport Zürich stellte die Frage, inwiefern damit „Entwicklungen mit Markenkriegen wie im Profi-Radsport eintreten können; jedenfalls ist es höchste Zeit, dass die FIS endlich sich ganz energisch mit gewissen unerfreulichen Erscheinungen auf diesem Gebiet befasst“.«Alarmruf Richtung Skifabrikation». Sport Zürich, 24. Februar 1960, S. 1.
Riesenslalom Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Roger Staub 1:48,3 2 Josef Stiegler 1:48,7 3 Ernst Hinterseer 1:49,1 4 Tom Corcoran 1:49,7 5 Bruno Alberti 1:50,1 6 Guy Périllat 1:50,7 7 Karl Schranz 1:50,8 8 Paride Milianti 1:50,9 9 Charles Bozon 1:51,0 10 Adrien Duvillard 1:51,1 12 Andreas Molterer 1:51,6 13 Hanspeter Lanig 1:51,9 15 Fritz Wagnerberger 1:52,5 18 Ludwig Leitner 1:53,6 20 Willi Forrer 1:53,9 22 Fredy Brupbacher 1:55,0 25 Nando Pajarola 1:56,2 39 Silvan Kindle 2:08,9 40 Hermann Kindle 2:11,7 43 Adolf Fehr 2:13,3 Datum: 21. Februar, 10:00 Uhr Piste: „KT-22“ Start: 2447 m, Ziel: 1894 m Höhendifferenz: 553 m, Streckenlänge: 1800 m Tore: 55, Kurssetzer Barney McLean (USA)
65 Teilnehmer, davon 58 in der Wertung. Ausgeschieden u. a.: Willy Bogner (EUA).
Wieder einmal taten sich die ÖSV-Betreuer damit, ihr Quartett zu nominieren, wobei auch die Verschiebung der Herrenabfahrt eine Rolle spielte. Von Egon Zimmermann war eine gute Abfahrtsplatzierung erwartet worden, wurde aber wegen der noch ausstehenden Abfahrt nicht nominiert. Außerdem erhielt Anderl Molterer den Vorzug gegenüber Hias Leitner. Nach den Vorfahrern Jean Vuarnet und Egon Zimmermann I eröffnete Karl Schranz das Rennen. Dieser hatte vor den Spielen jedermann wissen lassen, dass er Abfahrt und Riesenslalom gewinnen werde, doch er war zu nervös, riss die Tore und kontrollierte das Tempo schlecht. Stiegler war wegen einer falschen Zeitnehmung irrtümlich als Sieger ausgerufen worden, was nach 18 Minuten korrigiert wurde (er war wegen eines Frühstarts um neun Zehntelsekunden schneller als Staub gewesen); er habe gleich gewusst, dass seine Laufzeit nicht in Ordnung sein konnte. Staub wurde der erste alpine Herren-Olympiasieger der Schweiz seit Edy Reinalter im Slalom 1948 und der erste alpine Herren-Weltmeister seit Georges Schneiders Slalomgold 1950. Er konnte seinem Ruf, «der ewige Zweite zu sein», ein Ende setzen. Die Österreicher mussten zur Kenntnis nehmen, dass die Sailer-Ära vorbei war, doch sie waren rangmäßig das beste Team. Die Franzosen schnitten zwar als Mannschaft ausgezeichnet ab, aber von der Wirkung des Metallskis war nicht so viel zu bemerken. Die US-Equipe überraschte mit Rang 4 und zwei weiteren Läufern unter den ersten 16. Die Siegerehrung fand noch am selben Nachmittag im Eis-Oval statt; die Medaillen wurden von IOC-Präsident Avery Brundage überreicht.«Gold für Staub im Riesenslalom» und «Roger Staub vor den Österreichern Stiegler und Hinterseer im Riesenslalom». Sport Zürich, 22. Februar 1950, S. 1 und 7.«Roger Staub – ein populärer Olympiasieger». Sport Zürich, 24. Februar 1960, S. 4.
Slalom Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Ernst Hinterseer 2:08,9 2 Mathias Leitner 2:10,3 3 Charles Bozon 2:10,4 4 Ludwig Leitner 2:10,5 5 Josef Stiegler 2:11,1 6 Guy Périllat 2:11,8 7 Hanspeter Lanig 2:14,3 8 Paride Milianti 2:14,4 9 Tom Corcoran 2:14,7 10 Sepp Behr 2:16,0 15 Adolf Mathis 2:23,5 21 Silvan Kindle 2:30,7 27 Hermann Kindle 2:45,7 31 Georges Schneider 2:52,7 Datum: 24. Februar, 09:30 Uhr Piste: „KT-22“ Start: 2110 m, Ziel: 1894 m Höhendifferenz: 216 m, Streckenlänge: 590 m Tore: 69 (1. Lauf), 62 (2. Lauf), Kurssetzer Stein Eriksen und Karl Molitor
63 Teilnehmer, davon 40 in der Wertung. Ausgeschieden u. a.: Willy Bogner (EUA) nach Bestzeit im ersten Durchgang, François Bonlieu (FRA), Willi Forrer (SUI), Ernst Oberaigner (AUT), Roger Staub (SUI).