mini|alternativtext=Satellitenaufnahme von Vilnius mit den bebauten Gebieten und den Grünflächen, durch die ein Fluss von links unten nach rechts oben führt.|Satellitenansicht mini|alternativtext=Farbige Panoramaansicht einer Stadt mit alten Gebäuden und Bäumen im Vordergrund. Im rechten Hintergrund sind Wolkenkratzer und links hinter einem Wald sind moderne Häuser.|Panoramabild der Stadt (2015) mini|alternativtext=Farbfotografie in der Obersicht von einem weißen Schloss mit Seitenflügeln und schwarzem Dach. Links ist eine Kuppel und rechts ist ein gläserner Außenfahrstuhl. Im Hintergrund ist die Stadt mit Kirchen und einem Fernsehturm in der rechten oberen Ecke.|Das rekonstruierte Schloss der Großfürsten mini|alternativtext=Frontale Farbfotografie eines weißen, zweigeschossigen Gebäudes mit grünem Dach. Im mittleren Obergeschoss bilden Säulen eine Loggia. Vor dem Gebäude ist ein großer Platz mit einem runden Beet mit gelben Blumen. Am Rand sind kleine Rasenflächen und einige junge Bäume.|Präsidentenpalast in Vilnius mini|alternativtext=Frontale Farbfotografie einer weißen Kirche mit einem Säuleneingang. An der Fassade sind Figuren und ein langes Relief eingemeißelt. Im Giebeldach ist eine Szene und auf der Dachspitze und an dessen Ecken sind drei Figuren. Die mittlere Figur hält ein goldenes Kreuz.|Kathedrale St. Stanislaus
Vilnius [] , (, , , , früher Ви́льна Wilna), ist seit 1918 die Hauptstadt Litauens. Mit rd. 611.000 Einwohnern (Stand 2025) ist Vilnius die größte Stadt der drei Staaten des Baltikums. Als eine Stadt (litauisch miestas) ist sie zugleich das Zentrum der Stadtgemeinde Vilnius (litauisch miesto savivaldybė), die auch die Stadt Grigiškės umfasst.
Vilnius ist Sitz des römisch-katholischen Erzbistums Vilnius und mit der 1579 gegründeten Universität Vilnius eine der ältesten Universitätsstädte Europas. Vilnius war von Anfang an eine baltische Gründung und wurde im Gegensatz zu den Hauptstädten der baltischen Nachbarländer, Riga in Lettland und Tallinn in Estland nie vom Deutschen Orden kontrolliert. Als Wilno entwickelte sich die Hauptstadt Litauens zum Zentrum eines ausgedehnten Großreiches, das auf dem Höhepunkt seiner Macht um 1618 als Polen-Litauen zeitweise von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte. Vilnius/Wilno galt seit seiner Gründung als eine der liberalsten Städte Europas, die im Lauf ihrer Geschichte u. a. den verfolgten Juden aus Mitteleuropa und Russland Schutz bot. Als „Jerusalem des Nordens“ wurde Vilnius zu einem Zentrum der jüdischen Kultur und Aufklärung. Um 1900 stellten Litauer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung (2 %), nach Juden (41 %), Polen (30 %) und Russen (20 %). Während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit verlor die Stadt die Mehrheit ihrer Bewohner: die jüdische Bevölkerung wurde fast vollständig im Holocaust vernichtet; ein Teil der Polen wurde während der ersten sowjetischen Okkupation (1940/41) nach Sibirien deportiert, die große Mehrheit der restlichen polnischen Einwohner nach dem Krieg von der Sowjetunion nach Polen umgesiedelt. Zum Ausgleich wurden vor allem Litauer, auch Russen und Belarussen hier angesiedelt, wodurch sich die ethnische und soziale Struktur der Stadt völlig veränderte.
Ab dem 16. Jahrhundert schufen italienische Baumeister zahlreiche barocke Bauwerke in der Stadt. Die Altstadt von Vilnius zählt zu den größten in Osteuropa und wurde 1994 zum UNESCO-Welterbe erklärt. Aufgrund der über 50 Kirchen der Stadt trägt Vilnius auch den Beinamen „Rom des Ostens“.
Name der Stadt Entsprechend ihres multiethnischen und multikulturellen Charakters ist die Stadt unter verschiedenen Namen bekannt. Europäische Landkarten und Beschreibungen verwendeten vom 14. bis ins 20. Jahrhundert den Namen Wilna oder Vilna. Die ältesten belegten Formen aus dem 14. Jahrhundert lauten vor die Wilne, ante Vilnam oder ähnlich. Im Litauischen heißt sie Vilnius, und dieser – erstmals um 1600 belegte – Name setzt sich in der Gegenwart allmählich auch in anderen Sprachen durch.
Der Name der Stadt ist von jenem des Flüsschens Vilnia (oft in der Verkleinerungsform Vilnelė genannt) abgeleitet, das – unweit des historischen Stadtkerns auf dem Gediminas-Berg – in die Neris mündet. Die litauischen Wörter vilnìs und vilnelė bedeuten „Welle“ bzw. „kleine Welle“. Ein alternativer Name der Neris ist zudem *Velija, belegt um 1230 als Велья. Der Name des kleineren Zuflusses war ursprünglich eine Diminutivbildung zu diesem Namen.
Der Asteroid des inneren Hauptgürtels (3072) Vilnius ist nach der Stadt benannt.
Funktion als Hauptstadt mini|alternativtext=Farbfotografie in der Obersicht von Wolkenkratzern. Das linke halbrunde Gebäude ist treppenartig aufgebaut. Im Hintergrund ist die Stadt zu sehen.|Vilnius City, Šnipiškės Von 1569 bis 1795 war Vilnius die Hauptstadt des litauischen Großfürstentums in der polnisch-litauischen Adelsrepublik Abiejų Tautų Respublika (Polen-Litauen bzw. Republik Zweier Nationen).
Durch die Dritte Teilung Polens bzw. Litauens verloren beide vollständig ihre Unabhängigkeit und Vilnius seinen bisherigen Status als Hauptstadt, den die Stadt – abgesehen von schnell wechselnden Hauptstadtfunktionen in den Jahren von 1918 bis 1922 – erst 1945 wieder erhielt. Mit der bei der Teilung erfolgten Einverleibung in das Russische Zarenreich wurde Vilnius 1795 der Sitz der Verwaltung des Litauischen Generalgouvernements (Lietuvos Generalgubernatorija). Von 1830 bis zu dessen Auflösung 1912 war die Stadt der Sitz der Verwaltung des Vilniuser Generalgouvernements (Vilniaus Generalgubernatorija). Innerhalb der beiden Generalgouvernements war Vilnius zugleich der Sitz der Verwaltung des umgebenden Gouvernements, unter anderem des Gouvernements Wilna. Die Namen der Gouvernements, zu denen Vilnius gehörte, und deren Zuschnitt wurden mehrfach geändert.
Nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Litauens (siehe ↑ Unabhängigkeit seit 1918) wurde Vilnius die litauische Hauptstadt. Als die Rote Armee im Litauisch-Sowjetischen Krieg gegen den jungen Staat vorrückte, dessen Südosten besetzte und dort am 16. Dezember 1918 die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik proklamierte, wurde Vilnius deren Hauptstadt und am 27. Februar 1919 die Hauptstadt der Litauisch–Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, in der die kurzlebige Litauische Sozialistische Sowjetrepublik aufgegangen war. Knapp zwei Monate später, in den Tagen vom 19. bis zum 21. April 1919, befreiten polnische Truppen Vilnius von der sowjetischen Besetzung.Timothy Snyder: The Reconstruction of Nations: Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus, 1569–1999. Yale University Press, New Haven 2004, ISBN 0-300-10586-X, S. 62.
Seit dem 12. Oktober 1920 war Vilnius die Hauptstadt von Litwa Środkowa (deutsch: Mittellitauen), eines polnischen Marionettenstaates,Gotthold Rhode: Geschichte Polens. Ein Überblick. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 3., verbesserte Auflage 1980, ISBN 3-534-00763-8, S. 473. der sich am 20. Februar 1922 der Republik Polen anschloss.
Von 1922 bis 1945 war Vilnius keine Hauptstadt eines litauischen Staates, sondern erneut ein Verwaltungssitz unterhalb der staatlichen Ebene, diesmal in Polen und in der Sowjetunion bzw. unter deutscher Besetzung. Im Einzelnen war Vilnius von 1922 bis 1939 die Hauptstadt der gleichnamigen Wojewodschaft in der II Rzeczpospolita (Zweite Polnische Republik) nach der Besetzung Litauens durch die Sowjetunion von 1940 bis 1941 die Hauptstadt der zweiten Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (litauisch: Lietuvos TSR; Litauische SSR) nach der Besetzung Litauens durch das Deutsche Reich von 1941 bis 1945 der Hauptort von Wilna-Land im Reichskommissariat Ostland nach der erneuten Besetzung Litauens durch die Sowjetunion von 1945 bis 1990 wiederum die Hauptstadt der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik
Geografie mini|750px|zentriert|alternativtext=Nachtaufnahme der Stadt mit beleuchteten Straßen und Hochhäusern. Im Vordergrund sind alte Reihenhäuser und Alleen. Von rechts führt ein Fluss bis zur Bildmitte.|Panoramabild der Stadt
Lage Die Stadt liegt in einer bewaldeten Hügellandschaft im Südosten Litauens an der Mündung der Vilnia in die Neris rund 40 km von der belarussischen Grenze entfernt. Nördlich von Vilnius im Dorf Purnuškės befindet sich der geographische Mittelpunkt Europas.
Klima Das Klima in Vilnius ist gemäßigt kontinental. In den meist kurzen warmen Sommern wurden Spitzenwerte von über 35 °C gemessen. Die Tiefstwerte im Winter lagen unter −37 °C. Wärmster Sommermonat ist der Juli, kältester Wintermonat ist der Januar. Die Jahresniederschlagsmenge lag in den Jahren 1961 bis 1990 im Jahresmittel bei 683 Millimeter pro Jahr. Die Monatsdaten können dem Klimadiagramm entnommen werden.
Stadtgliederung mini|alternativtext=Grafische Karte der 21 Stadtbezirke von Vilnius mit ihrer Nummerierung.|Stadtgliederung Der Bezirk Vilnius ist einer der zehn Verwaltungsbezirke Litauens. Der flächenmäßig größte und auch bevölkerungsreichste Bezirk liegt im Südosten des Landes und umfasst auch die Hauptstadt Vilnius. Am 1. Juli 2010 wurden die Bezirksverwaltungen (apskrities administracija) in Litauen als Verwaltungseinheiten ersatzlos gestrichen.
Die Stadtgemeinde Vilnius besteht aus folgenden 21 Bezirken mit einer unterschiedlichen Anzahl von Stadtteilen. Sie ist die einzige Stadtverwaltung in Litauen, die zwei Städte (Vilnius und Grigiškės) sowie drei Dörfer von Grigiškės verwaltet. 1. Verkiai 2. Antakalnis 3. Pašilaičiai 4. Fabijoniškės 5. Pilaitė 6. Justiniškės7. Viršuliškės 8. Šeškinė 9. Šnipiškės 10. Žirmūnai 11. Karoliniškės 12. Žvėrynas13. Grigiškės 14. Lazdynai 15. Vilkpėdė 16. Naujamiestis 17. Senamiestis (Altstadt) 18. Naujoji Vilnia19. Paneriai 20. Naujininkai 21. Rasos
Geschichte mini|alternativtext=Farbige Zeichnung einer Stadt mit dem Titel „Vilna Lituaniae“. Innerhalb der Stadtmauer sind einige nummerierte Gebäude, die in der unteren Legende benannt sind. Links sind neben dem Fluss eine Burg und ein Schloss. Um die Stadt herum liegen viele Ortschaften und eine hügelige Landschaft. Am unteren Bildrand reden zwei Menschen miteinander und zwei Menschen kämpfen gegeneinander.|Karte der Stadt Wilna (1576) Einer Legende nach soll Gediminas, litauischer Großfürst seit 1316, bei einer Jagd auf einem Hügel am Zusammenfluss der Neris und Vilnia gerastet haben. Dort träumte er von einem eisernen Wolf, der markerschütternd „laut heulte wie hundert Wölfe“. Der Pfeil, den er auf das Tier abfeuerte, prallte an dessen stählernem Körper ab. Beunruhigt bat er seinen heidnischen Hohepriester Lizdeika um die Deutung dieser Episode: „‚Was die Götter dem Herrscher und dem litauischen Staat beschieden haben, mag geschehen: der eiserne Wolf steht auf einem Hügel, auf dem eine Burg und eine Stadt errichtet werden – die Hauptstadt Litauens und die Residenz der Herrscher.‘ Die Festung aber müsse fest wie Eisen sein, dann würde ihr Ruhm laut durch die Welt hallen (Die litauischen Wörter für laut und berühmt sind identisch).“Tauber/Tuchtenhagen (2008), S. 15. Zu jener Zeit war die westlich gelegene Wasserburg Trakai Sitz des Herrschers.
Anfänge mini|hochkant|links|alternativtext=Frontale Farbfotografie eines braunen, dreigeschossigen Turms mit Rundbogenfenstern aus Glas. Teilweise sind größere, ungeformte Steine eingebaut. Auf dem Turm ist eine Aussichtsplattform mit Menschen und einer Flagge.|Gediminas-Turm der Oberen Burg Vilnius