Ein Neologismus (von , „neu“ und , „Wort“ oder „Rede“) ist eine innerhalb einer Sprachgemeinschaft in den allgemeinen Gebrauch übergegangene sprachliche Neuprägung, das heißt: ein neu geschaffener sprachlicher Ausdruck, also ein Wort (Neuwort) oder eine Wendung (genauer: eine lexikalische Einheit, siehe Lexem), oder eine neue Bedeutung, mit der ein bereits vorhandenes Wort bzw. ein bereits vorhandener Ausdruck versehen wird (Neubedeutung), oder auch das Wort bzw. der Ausdruck selbst, dem die Neubedeutung zukommt. Wenn es in der Sprachgemeinschaft Verbreitung findet, findet es Eingang in die Wörterbücher, die den Wortschatz dieser Sprache kodifizieren. Charakteristisch für Neologismen ist, dass die Sprecher sie für eine gewisse Zeit als neu empfinden. Welche Wörter (noch) Neologismen sind, hängt also auch von dem Zeitpunkt ab, zu dem der Wortschatz einer Sprache betrachtet oder untersucht wird. Neben den in allgemeinsprachlichen Standardwörterbüchern erfassten Neologismen gibt es für viele Sprachen auch Spezialwörterbücher, die ausschließlich diesen Teil des Wortschatzes behandeln.
Dem Ausdruck Neologismus liegen die altgriechischen Wörter „neu“ und „Wort“ zugrunde;Helmut Glück (Hrsg.), unter Mitarbeit von Friederike Schmöe: Metzler Lexikon Sprache. 3., neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3-476-02056-8 (Stichwort Neologismus).Weil das Wort νεολογισμός neologismós im Altgriechischen (mit den dort zu erwartenden griechischen Buchstaben, dem Akzent und der Endung -ος -os statt latinisiert -us) nicht existiert, handelt es sich um ein Neuwort, d. h. um einen Neologismus. auf Deutsch könnte man ihn daher auch mit Neuwort oder neues Wort wiedergeben.
Zur Problematik des Begriffs Neologismen entstehen zumeist über Wortbildung, aber auch über Entlehnung, Bedeutungsveränderung oder, selten, Urschöpfung/Kunstwortbildung. Die Verwendung des Begriffs Neologismus ist in der Linguistik nicht ganz einheitlich.
Hadumod Bußmann definiert ihn als „neu eingeführten oder neuartig gebrauchten sprachlichen Ausdruck“. Solche Wörter kommen durch Wortbildung, Entlehnung oder Bedeutungsübertragung zustande. Lediglich für die Neurolinguistik wird ein Verständnis des Begriffs im Sinne von Neuschöpfung oder Urschöpfung eingeräumt.Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002, ISBN 3-520-45203-0.
Helmut Glück setzt Neologismus zwar mit Neuschöpfung gleich, insofern das von ihm herausgegebene Lexikon unter dem Lemma „Wortneuschöpfung“ auf den Eintrag Neologismus verweist; die dort angeführten Beispiele sind aber ausschließlich Fälle von Wortbildung, Entlehnung oder Bedeutungsübertragung. Die linguistische Tradition unterscheidet hingegen spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zwischen „Wortschöpfung/Urschöpfung“ „Wortbildung“.Wolfgang Fleischer, Irmhild Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Unter Mitarbeit von Marianne Schröder. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Niemeyer, Tübingen 1995, ISBN 3-484-10682-4, S. 264.
Abgrenzung Sprecher lebender Sprachen erfinden unentwegt neue Wörter, um spontan entstehende Benennungslücken zu schließen oder stilistische, respektive emotionale Aspekte sprachlich zu realisieren. Die Anwendung der meisten davon bleibt auf den situativen Kontext beschränkt, in dem sie zur Erfüllung eines spezifischen denotativen oder konnotativen Zwecks entstehen. Diese Gelegenheitsbildungen (Okkasionalismen) werden nicht lexikographisch erfasst, bilden aber das Anfangsstadium jedes neuen Wortes. Gerade dieses Anfangsstadium ist für die Mechanismen der Wortschatzerweiterung äußerst aussagekräftig, da unterschiedliche Varietäten unterschiedlich kreativ sind und unterschiedliche Voraussetzungen für eine mögliche Etablierung bieten. Denn die Absicht, fehlende bereits etablierte Wörter durch Okkasionalismen zu ersetzen, stellt nur eine von vielen möglichen Erklärungen für deren Entstehung dar. Oft spielen ludische, sprachökonomische oder klangsymbolische Faktoren, die etwa zu Kunstwörtern (Urschöpfungen) führen, wie im Fall von Kodak, mit hinein. Neologismen dienen in der Regel einem bestimmten kommunikativen Zweck. Die Mechanismen, vermöge deren manche von ihnen sich lange genug erhalten, um schließlich lexikographische Berücksichtigung zu finden, sind noch nicht vollständig bekannt. Die Kriterien der Aufnahme in Lexika bedeuten für die Kodifizierung von Neologismen eine zusätzliche Restriktion, denn Namen und viele Komposita sind grundsätzlich nicht Gegenstand der Lexikographie. So sind viele Neologismen längere Zeit in Gebrauch, ohne in die Wörterbücher aufgenommen zu werden, bspw. Knödelstimme und Knopfaugen. Die Aufnahme in ein Lexikon kann darum nur bedingt als Hinweis auf die Neuartigkeit eines Wortes gelten.
Wörter, die aus einer anderen Sprache entlehnt sind (beispielsweise downloaden aus dem Englischen) und in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen, werden gemeinhin so lange zu den Neologismen gezählt, wie sie sich noch nicht im Lexikon etabliert haben.
Die Lexik einer lebenden Sprache ist ein komplexes Gebilde aus allgemeinsprachlichen, fachsprachlichen und gruppensprachlichen Wörtern. Allgemeinsprachliche Wörterbücher erfassen nur den Kernbereich der Lexik, den die Alltagssprache verwendet. Gelegentlich kommt es vor, dass Wörter, die in einer Fachsprache schon lange zuvor gebräuchlich gewesen sind, in die Alltagssprache vordringen. Das gilt zum Beispiel für die Fachsprachen technischer Schlüsselbereiche wie der Informationstechnik und der Telekommunikation. Wörter, die in der jeweiligen Fachsprache bereits vor ihrem Übergang in den allgemeinen Sprachgebrauch usuell gewesen sind, werden nicht als Neologismen betrachtet. Besonders zahlreich, allerdings oft auch ephemer sind die Neubildungen im Jargon der Jugendlichen.
In der Praxis der Lexikographie ist die Abgrenzung zwischen Neologismen einerseits und Okkasionalismen, wiederbelebten Archaismen und Fachwörtern andererseits recht schwierig. Besonders Textkorpora, die den aktuellen Sprachgebrauch dokumentieren, leisten bei der Erfassung und Beschreibung von Neologismen nützliche Dienste. In der Lexikologie wird auf die Abgrenzung verzichtet, da sie objektiv nicht möglich ist und da gerade seltene neue Wörter für soziolinguistische und kognitionslinguistische Fragestellungen wichtig sind und in der Praxis, etwa bei Übersetzungen und im DaF-Unterricht, durchaus eine Rolle spielen.
Die Psychiatrie misst Neologismen (vgl. Paraphasie) beim Erheben des psychopathologischen Befunds im Zusammenhang mit Erkrankungen wie der Schizophrenie spezifischere Bedeutung zu als dem linguistischen Verständnis.
Typen von Neologismen Folgende Arten von Neologismen lassen sich unterscheiden:
Neue sprachliche Ausdrücke und Neuwörter Ausdruck und Bedeutung sind neu. Ein Beispiel für ein Neuwort ist das Verb simsen aus SMS für das Versenden von Kurznachrichten.
Neubedeutungen Ein alter Ausdruck erhält eine neue (weitere) Bedeutung. So steht als ein etwas älteres Beispiel Maus auch für die Computermaus, ein „technisches Gerät, Teil der Computerperipherie“.
Ein Ausdruck erhält eine neue Bedeutung mit einem abwertenden oder aufwertenden Sinnbezug. Zum Beispiel erhält ein Ausdruck mit einem ursprünglich positiven Sinnbezug eine pejorative Bedeutung und findet als Schlagwort Verwendung. Es kann sich dabei z. B. um einen politischen und/oder ideologischen Kampfbegriff gegen unterschiedliche sprachliche Konventionen und Verhaltensweisen handeln. Beispiele dafür sind Gutmensch oder Politische Korrektheit. Neue Wortkombinationen Hier ist das Zusammenziehen von gebräuchlichen Wörtern (Internetcafé, Laptop-Tasche, auch als Retronym: Analoguhr) von metaphorischen Neubildungen zu unterscheiden. Bei letzteren entscheidet für die Verwendung nicht die tatsächliche Bedeutung, sondern eine charakteristische Eigenschaft. Beispiele dafür sind Modezar, Literaturpapst, Börsenzwerg, Wirtschaftsauguren oder Erzeinwohner, aber auch Geizhals.
Neologismen und Sprachnorm Wenn ein neues Wort in Gebrauch kommt, haben Sprecher oft Normunsicherheiten. Die Aussprache wird erst im täglichen Gebrauch gesichert. Besonders bei Lehnwörtern tritt oft, aber nicht immer, ein Anpassungsprozess ein, bei dem die Aussprache dem Phonemsystem der entlehnenden Sprache angepasst wird. Ein Beispiel ist Download, das sich von nach entwickelt. Die Flexion kann angepasst oder originär sein. Heißt es des Piercing oder des Piercings? Heißt es im Plural die PC oder die PCs? Es kann Mehrdeutigkeit auftreten; so wird „der Download“ sowohl für den Ladevorgang als auch für herunterzuladende oder bereits heruntergeladene Dateien verwendet. Das Genus ist oft nicht eindeutig. Heißt es der Blog oder das Blog? Die Rechtschreibung ist ungeklärt. Schreibt man Spinoff, Spin-off oder Spin-Off?
Oft muss sich eine Norm erst etablieren. Dies gilt zum Beispiel für das Genus von Lehnwörtern aus dem Englischen, wo das Genussystem nur schwach ausgeprägt ist. Sprecher, die ein Neuwort verwenden, signalisieren manchmal, dass sie das entsprechende Wort noch nicht als Teil der Sprachnorm akzeptieren. Häufig dafür verwendete Mittel sind Anführungszeichen oder abgrenzende Ausdrücke: „Der ‚Break-even‘ sei noch nicht erreicht“, „der sogenannte Break-even“ oder „wie man heutzutage sagt, der Break-even“.
Über den Wert von Neologismen Nicht immer besteht die Hauptfunktion eines Neologismus darin, einen neuen Sachverhalt zu bezeichnen. Mit der Verwendung von Neologismen möchte man oft etwas verdeutlichen: Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, Modernität oder einfach nur Aufmerksamkeit erregen (Beispiel: „Entschleunigung“ statt „Verlangsamung“). Diese pragmatischen Funktionen sind die Ursache dafür, dass vor allem die Sprache der Werbung Neuwörter verwendet. Die Signalfunktion neuer Wörter und Ausdrücke wird soweit ausgereizt, dass man gegen grammatische Regeln verstößt (unkaputtbar, hier werden Sie geholfen).
Rudolf Merta unterschied 1966 zwischen „wirklichen Neologismen“ und den „Mode- und Schlagwörtern“, die der Sprache Gewalt antäten und allmählich ihre Ausdruckskraft verlören.
Der Linguist Wilhelm Bondzio stellte die These auf, dass Neologismen am zweckmäßigsten seien, wenn sie durch ihren Wortstamm Merkhilfen böten.
Neologismen haben auch kulturellen Wert. Durch Wortneuschöpfungen können Denkanstöße und Neuassoziationen gefördert werden. Die zeitgenössische Kunstrichtung expressiver Neologismus (kurz auch als neolog bezeichnet) befasst sich auf kritische Art mit der Sprache als Massenmedium und Beeinflussungsinstrument.
Neologismen werden auch als ersetzende Bezeichnungen verwendet, wenn dem Bezeichneten eine andere Wertung oder ein anderes Ansehen gegeben werden soll. Beispiel für eine solche Sprachpolitik ist die Deutsche Bahn AG: Aus Schaffner wird Zugbegleiter, der Schalter wird zum und neuerdings zum .
Zugleich entzündet sich an Neologismen als Symptom oft ein sprachkritischer Diskurs. Konservative Sprachkritiker machen an Neologismen, und vor allem an Lehnwörtern, einen von ihnen behaupteten Verfall der Sprache fest. Andererseits wird mit den Neologismen ebenfalls die Wandlungsfähigkeit einer Sprache und ihre Fähigkeit belegt, die den sich ständig wandelnden Benennungsanforderungen gerecht wird.
Neologismen sind auch ein häufiges Instrument von Propaganda. Beispielhaft dafür die 1942 erstmals verwendete Bezeichnung gesetzloser Kämpfer () zur Einführung einer Klassifizierung von Kriegsgefangenen, die das Völkerrecht umgeht. Weitere Beispiele sind Finanzjudentum und Islamfaschismus.
Herkunft von Neuwörtern