mini|Coalbrookdale by Night. Ölgemälde von Philipp Jakob Loutherbourg d. J. aus dem Jahr 1801. Coalbrookdale gilt als eine der Geburtsstätten der industriellen Revolution, da hier der erste mit Koks gefeuerte Hochofen betrieben wurde.

Als industrielle Revolution wird die tiefgreifende und dauerhafte Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, der Arbeitsbedingungen und Lebensumstände bezeichnet, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann und verstärkt im 19. Jahrhundert, zunächst in England, dann in ganz Westeuropa und den USA, seit dem späten 19. Jahrhundert auch in Japan und weiteren Teilen Europas und Asiens zum Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft geführt hat. Als wichtigste an dieser Umwälzung beteiligte Gesellschaftsklassen standen sich kapitalistische Unternehmer und lohnabhängige Proletarier gegenüber.

Die Industrielle Revolution führte zu einer stark beschleunigten Entwicklung von Technik, Produktivität und Wissenschaften, die, begleitet von einer starken Bevölkerungszunahme, mit einer neuartigen Zuspitzung sozialer Missstände einhergingJürgen Mirow: Geschichte des deutschen Volkes: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. 1. Katz, Gernsbach 1996, ISBN 3-925825-64-9, S. 502–503.: Es kam zu einer Teilverlagerung des Pauperismus vom Lande in die Städte, ohne dass hinreichende Wohnunterkünfte vorhanden waren;Frank Edward Huggett: A Dictionary of British History: 1815–1973. Blackwell, Oxford 1974, S. 128. und in den entstehenden Fabriken, für die Arbeitskräfte gebraucht wurden, konzentrierte sich ein Lohnarbeiterproletariat.„Die breite Masse der Industriearbeiterfamilien lebte immer an der Grenze des physischen Existenzminimums und konnte nur bei kontinuierlicher Arbeit dank anhaltender Gesundheit des Mannes sowie der Mitarbeit der Frau und meist auch der Kinder das bare Mindesteinkommen erzielen, um ihr kümmerliches Dasein fristen zu können.“ (zitiert nach Dieter Ziegler: Die industrielle Revolution. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, S. 46.) Daraus ergab sich als ein gesellschaftspolitisches Kernproblem die soziale Frage, verbunden mit wiederkehrenden Arbeiterunruhen und Bemühungen von Sozialreformern, die akute Not zu lindern und deren Ursachen zu bekämpfen.

In weltgeschichtlicher Perspektive wird der industriellen Revolution eine ähnliche Bedeutung zugemessen wie dem Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit in der Neolithischen Revolution.„Wenn man den Gesichtspunkt der Daseinsbewältigung in den Vordergrund stellt, gibt es wahrscheinlich doch nur zwei kulturgeschichtlich wirklich entscheidende Zäsuren: jenen neolithischen Übergang von der Jägerkultur zu einer ortsfesten Lebensweise und den modernen zum technisierten Industrialismus. Auch damals war die Transformation unabsehbar tiefgreifend und ging durch die Menschen quer hindurch, sie muß viele Jahrhunderte gedauert haben.“ Arnold Gehlen, Anthropologische Forschung, Reinbek 1961, S. 99. Bezüglich der industriellen Revolution bildeten sich mit der Zeit zwei Begriffsebenen heraus: Die eine meint die mit der Entstehung der Großindustrie verbundene Epochenbezeichnung, die andere zielt auf einen unabgeschlossenen Prozess fortlaufenden Gesellschaftswandels. Die in vor- und frühindustrieller Zeit am meisten benachteiligten proletarischen Schichten gewannen im weiteren Verlauf der industriellen Revolution auch an Lebensqualität, indem eine große innerstaatliche soziale Ungleichheit zunehmend als Problem begriffen wurde. Breitere Bevölkerungsschichten kamen durch die Arbeit in der Industrie nach organisierten und mehr oder weniger erfolgreichen Arbeitskämpfen zu relativem Wohlstand.

Einige Wirtschaftshistoriker und Sozialwissenschaftler kennzeichneten spätere historische Umbrüche in den Wirtschafts-, Produktions- und Arbeitsformen als zweite und dritte industrielle Revolution (Auch werden technische Fortschritte im Mittelalter, wie der Einsatz von Wassermühlen zum Antrieb von Hämmern, Sägen, Pumpen und Blasebälgen, als „industrielle Revolution“ bezeichnet). Der französische Soziologe Georges Friedmann sprach 1936 erstmals von einer zweiten industriellen Revolution.Georges Friedmann: La crise du progrès. Esquisse d'histoire des idées 1895–1935, Paris 1936 Er datierte sie auf die Jahrzehnte um 1900 und identifizierte als deren Charakteristika die intensivierte Mechanisierung, den weitverbreiteten Gebrauch von Elektrizität und die Massenproduktion von Gütern (Taylorismus und Fordismus). Die mikroelektronische Revolution seit Mitte der 1970er Jahre wird als technologischer Kern einer neuen, dritten industriellen Revolution angesehen, so zum Beispiel von dem US-amerikanischen Soziologen Daniel Bell.Daniel Bell: Die dritte technologische Revolution und ihre möglichen sozioökonomischen Konsequenzen. In: Merkur Jg. 44/1990, S. 28 ff. Die Debatte über Industrie 4.0 hat den Begriff „vierte industrielle Revolution“ aufkommen lassen (so etwa auf dem Weltwirtschaftsforum 2015 in Davos). Die technologische Grundlage der beschriebenen Informatisierung der Fertigungstechnik und engeren Vernetzung zwischen Produktion und Logistik ist jedoch weiterhin die Mikroelektronik. Der Industrieforscher Hartmut Hirsch-Kreinsen spricht von einer „zweiten Phase der Digitalisierung“.Hartmut Hirsch-Kreinsen: Einleitung: Digitalisierung industrieller Arbeit. In: Hartmut Hirsch-Kreinsen/Peter Ittermann/Jonathan Niehaus (Hrsg.): Digitalisierung industrieller Arbeit. Die Vision Industrie 4.0 und ihre sozialen Herausforderungen. Baden-Baden 2015, S. 11. In jüngerer Zeit wird in der Literatur auch der Begriff einer fünften industriellen Revolution verwendet. Damit ist die umfassende Transformation sämtlicher Wirtschaftssektoren mit dem Ziel der Dekarbonisierung bzw. Klimaneutralität gemeint. Die fünfte industrielle Revolution stellt demnach Nachhaltigkeit, Menschzentrierung und Resilienz in den Mittelpunkt. Im Unterschied zu den vorhergehenden industriellen Revolutionen, die durch einzelne Leittechnologien wie Dampfmaschine, Elektrifizierung oder Digitalisierung geprägt waren, beschreibt die fünfte industrielle Revolution eine branchenübergreifende Umstellung auf erneuerbare Energiequellen und klimaneutrale Produktionsweisen.

Die Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen und Eugene Stoermer haben im Jahr 2000 vorgeschlagen, den Zeitraum seit Beginn der Industriellen Revolution als neue Epoche der Erdgeschichte unter der Bezeichnung Anthropozän aufzufassen, da der menschliche Einfluss auf den Planeten seither immer größere Bedeutung bekommt.

Begriffsgeschichte Der Begriff der industriellen Revolution kam ursprünglich als Analogie zur Französischen Revolution in Gebrauch. Die Veränderungen der gewerblichen Produktionsformen vor allem in Großbritannien erschienen epochal ähnlich bedeutsam wie der politische Wandel in Frankreich. In diesem Sinne wurde der Begriff zum Beispiel 1827 in einem Bericht der Zeitung Le Moniteur Universel verwendet und ebenso 1837 durch Adolphe Jérôme Blanqui.Hans-Werner Hahn: Die industrielle Revolution in Deutschland. München, 2005: „Industrielle Revolution“ oder Industrialisierung?, S. 51 f. (zur Problematik des Begriffs) Dessen Kurzformel „Kaum dem Gehirn der beiden genialen Männer Watt und Arkwright entsprossen, nahm die industrielle Revolution von England Besitz“Adolphe Jérôme Blanqui: Histoire de l‘économie politique en Europe. Paris ³1845, S. 180f.vgl. Toni Pierenkemper: Wirtschaftsgeschichte: Eine Einführung – oder: Wie wir reich wurden, 2005, S. 21 f. (Industrialisierung versus Industrielle Revolution), Seite 22 gilt mit dem heutigen wirtschaftshistorischen Forschungsstand allerdings als unvereinbar: „Die Sicht der industriellen Revolution als einer Heldengeschichte großer Erfinder bedarf dringend einer Revision“, schrieb 1996 Pierenkemper.Pierenkemper 1996, S. 12.

Erstmals als Prozess- und Epochenbegriff verwandte den Terminus industrielle Revolution 1839 der belgische Ökonom und Publizist Natalis Briavoinne in seinem zweibändigen Werk De l’Industrie en Belgique („Über die Industrie in Belgien“). Außerhalb des frankophonen Sprachraums finden sich erste Erwähnungen 1843 bei Wilhelm Schulz in Die Bewegung der Produktion und 1845 in der Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England von Friedrich Engels. Auch Engels verglich die politische Revolution in Frankreich mit der industriellen Entwicklung in Großbritannien. Für ihn war die industrielle Revolution eine Epochenzäsur: „Die industrielle Revolution hat für England dieselbe Bedeutung wie die politische Revolution für Frankreich und die philosophische Revolution für Deutschland“.Friedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Marx-Engels-Werke Bd. 2, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 250.

Während der Begriff hier auf die von England ausgehende industrielle Entwicklung begrenzt wurde, hatte Schulz ihn auch bereits auf frühere Epochen angewandt. Darin folgte ihm vor allem die angelsächsische Tradition, z. B. John Stuart Mill. Dieser verwandte den Begriff 1848 zur Kennzeichnung jedes schnellen technologischen und sozialen Wandels. Allgemeine Verbreitung fand der Begriff durch Arnold Toynbee (1852–1883), dem man deshalb lange auch die Prägung des Begriffs zugeschrieben hat. Im 20. Jahrhundert trat das Begriffsverständnis im Sinne von „Zeitalter der Industrialisierung“ stärker hervor.Dietrich Hilger, Industrie als Epochenbegriff Industrialismus und industrielle Revolution. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 3, Klett-Cotta, Stuttgart 1982, S. 286–296.

Unter Historikern üblich ist die Verwendung des Begriffs industrielle Revolution für das Geschehen auf der britischen Hauptinsel etwa zwischen 1750 und 1850, während ansonsten von Industrialisierung gesprochen wird, sofern in einer Volkswirtschaft ein über mehrere Jahrzehnte stetig anhaltendes Pro-Kopf-Wachstum der realen Erzeugung von mehr als 1,5 Prozent vorliegt.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 2009, S. 916.

Entstehungsbedingungen in Großbritannien

miniatur|Gusseiserne Brücke in Shropshire

Es hat sich als eher zweifelhaft erwiesen, spezifische einzelne Ursachen der Industriellen Revolution bestimmen zu wollen. Nicht wenige davon haben auch andernorts bestanden, etwa in den Niederlanden, in Nordfrankreich oder in Zentraljapan, sodass auch umgekehrt gefragt worden ist, warum es nicht in einer dieser Regionen zu einer derartigen Umwälzung kam.

Für das Vereinigte Königreich lässt sich ein Bedingungsgefüge aufzeigen, innerhalb dessen einzelne Faktoren spezifisch bedeutsam waren. Anzuführen sind: eine vorausgegangene, viele Jahrzehnte währende Friedensperiode; ein einheitliches Wirtschaftsgebiet ohne Zollschranken in Insellage; eine auf Großgrundbesitz ausgerichtete, verhältnismäßig produktive Landwirtschaft mit Arbeitskräfteüberschuss; eine für Verkehr und Transporte günstige Geographie und ergiebige, leicht erschließbare Kohlevorkommen; der für Rohstoffimport und Absatzmärkte sorgende Kolonienbesitz samt umfänglichem Kolonialhandel (teils als Tauschhandel); die entwickelte Feinmechanik und Werkzeugmacherei; eine partiell verbreitete Unternehmermentalität, besonders in einigen religiösen Milieus.