mini|Die Allianz SE weltweit (Stand 2009) mini|Hauptsitz der Allianz: die Königinstraße 28 in 80802 München mini|Inschrift des Firmennamens „Allianz Versicherungs Aktiengesellschaft“ am Hauptsitz der Allianz mini|Interims-Schein einer Aktie über 1000 Mark der Allianz Versicherungs-AG vom 5. Februar 1890 mini|hochkant|Alte Hinweistafel einer Agentur
Die Allianz SE mit Sitz in München ist ein 1889 gegründeter börsennotierter Versicherungskonzern und einer der größten Versicherer der Welt. Das Unternehmen tritt weltweit unter dem Namen Allianz Group auf. Vorstandsvorsitzender ist seit Mai 2015 Oliver Bäte. Das Unternehmen wies im Jahr 2025 bei einem Umsatz von rund 187 Milliarden Euro einen Jahresüberschuss von 11,4 Milliarden Euro (Vorjahr: 10,5 Milliarden Euro) auf.
Geschichte mini|Ehemalige Generaldirektion der Allianz in der Berliner Taubenstraße, erbaut 1896/1897
Gründung und Aufstieg 1890 nahm die ein Jahr zuvor in München gegründete Allianz Versicherungs-AG in Berlin (Kochstraße) ihre Geschäftstätigkeit auf. Als Gründer fungierten alle Aufsichtsratsmitglieder der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft (außer Schmidt-Polex und von Schauss), der Vorstand der Münchener Rück Carl von Thieme, der das Projekt maßgeblich vorangetrieben hatte, der Reichstagsabgeordnete und Bergbaubesitzer Friedrich Hammacher, die Industriellen Heinrich Lueg (von der Firma Haniel & Lueg) und Wilhelm Oechelhäuser (von der Deutschen Continental-Gas-Gesellschaft) sowie die Deutsche Bank. Das Aktienkapital in Höhe von 4 Millionen Mark (zu 25 % einzuzahlen) wurde schwerpunktmäßig vom Bankhaus Merck Finck & Co (rund 1,5 Millionen Mark) und der Deutschen Bank (rund 1 Million Mark) gezeichnet, der Rest von den übrigen Gründern. Wilhelm von Finck wurde zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats gewählt, Hermann Pemsel zu seinem Stellvertreter.Details der Gründung, besonders auch das Verhältnis zur Münchener Rückversicherung, sowie die Entwicklung der Allianz in den ersten Jahrzehnten bei Harold Kluge: Der Einfluss des Geschäfts der „Allianz“ auf die Entwicklung der „Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft“ in deren ersten fünfzig Jahren (1880–1930). In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte/Economic History Yearbook. 2006/2, S. 217–246. 1893 wurde in London die erste Auslandsfiliale eröffnet, das Foreign Department unter der Leitung von Carl Schreiner, von der aus auch das Geschäft in den USA aufgebaut wurde. 1895 wurden die Aktien des Unternehmens erstmals an der Berliner Börse gehandelt.
1906 bestand die Allianz ihre erste Belastungsprobe, als sie einen nicht unerheblichen Teil der Entschädigungen nach dem verheerenden Erdbeben in San Francisco zu leisten hatte.Details bei Reinhard Spree: Two Chapters on early history of the Munich Reinsurance Company: The Foundation / The San Francisco Earthquake. Department of Economics, University of Munich, Munich Discussion Paper No. 2010-11, München 2010. Als im April 1912 die Titanic sank, musste die Allianz ebenfalls hohe Entschädigungszahlungen leisten.
In der Weimarer Republik Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war bei der Allianz geprägt durch die seinerzeit in vielen Branchen beobachtbare Konzernbildung, die insbesondere unter dem ab 1921 als Nachfolger des verstorbenen Paul von der Nahmer als Vorstandsvorsitzendem fungierenden Kurt Schmitt vorangetrieben wurde. Dieser war 1917 in den Vorstand aufgerückt, wo er die Expansion in neue Sparten wie die Luftfahrtversicherung und die nach der Novemberrevolution aufgekommenen Aufruhrversicherung sowie insbesondere die Kraftfahrtversicherung forcierte. Bei letzterer wurde insbesondere das Geschäft durch die im April 1918 in Kooperation mit der Münchener Rück und dem Kaiserlichen Automobil-Club gegründete Tochtergesellschaft Kraft Versicherungs-AG betrieben.
Die enge Beziehung zur Münchener Rück war auch in der Nachkriegszeit von grundlegender Bedeutung, als die Gesamtwirtschaft und damit auch die Versicherungsbranche von der in der Hyperinflation 1923 kulminierenden Inflationszeit ab 1918 betroffen war. Die beiden großen Gesellschaften hatten aufgrund der Internationalisierung in der Vorkriegszeit anders als viele vor allem kleinere Unternehmen ausländische Devisen angesammelt und daher kaum Schulden in Fremdwährungen, die diese nun in Bedrängnis brachten.
Im April 1921 unterzeichneten die Münchener Rück und Allianz einen datierten „Gemeinschaftsvertrag“, der eine enge Verflechtung zwischen den beiden Unternehmen bezüglich gehaltener Mindestanteile am Grundkapital, gegenseitiger Aufsichtsratssitze der jeweiligen Vorstandsvorsitzenden und der Personalunion von mindestens drei Aufsichtsratsmitgliedern beim jeweils anderen Unternehmen und gleichzeitig eine strategische Aufteilung bezüglich der Aktivitäten vorsah. Dies bedeutete auch, dass die Allianz die Erstversicherungstöchter der Münchener Rück übernahm und diese zudem keine Unternehmen neu gründete, in denen die Allianz aktiv war, während gleichzeitig auf eigene Rückversicherungstätigkeiten verzichtet wurde, bestehende Rückversicherungen zugunsten der Münchener Rück als Gegenpartei geändert wurden sowie neu abgeschlossene Verträge hälftig beim Vertragspartner rückversichert werden sollten und bei Neugründungen oder Übernahmen die Münchener Rück einen Kapitalanteil von 50 % übernehmen sollte.Gerald D. Feldman: „Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft, 1933-1945“ (S. 32) Die Vereinbarung wurde maßgeblich durch Nahmer – der wenige Tage nach Unterzeichnung verstarb – und von Thieme ausgearbeitet und gilt insbesondere als Vermächtnis des Letzteren angesichts des bevorstehenden Ausscheidens aus dem Aufsichtsrat, wo er vereinbarungsgemäß durch MR-Generaldirektor Wilhelm Kißkalt beerbt wurde.
1922 wurde gemeinsam mit der Münchener Rück, die 50 % der Kapitalisierung übernahm, die mit 20 Millionen Reichsmark (: etwa Mio. Euro) Grundkapital ausgestattete Tochtergesellschaft Allianz Lebensversicherungs-AG gegründet.
Insbesondere in den Jahren 1920 bis 1923 wurden diverse kleinere Mitbewerber aufgekauft.Gerald D. Feldman: „Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft, 1933-1945“ Durch die Übernahmen ging die sich nun selbst als Konzern bezeichnende Allianz gestärkt in die Jahre nach der Inflation und gehörte im Zuge des Konzentrierungsprozesses zu den größten Versicherungsunternehmen Deutschlands, 1924 wurden rund 80 Millionen Reichsmark (: etwa Mio. Euro) Prämieneinnahmen verbucht.Gerald D. Feldman: „Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft, 1933-1945“ (S. 36) Die Basis nutzte das Unternehmen zur internen Konsolidierung, dabei wurde einerseits massiv Personal abgebaut und diese Straffung genutzt, um einige Tochtergesellschaften auf die Allianz Versicherung zu verschmelzen. Schmitt ließ die Unternehmen als Niederlassungen fortbestehen, um die jeweiligen Markennamen zu nutzen. Im Frühjahr 1927 unternahm die Allianz einen erneuten Versuch zur Übernahme des mittlerweile in Stuttgarter Verein umbenannten Allgemeinen Deutschen Versicherungsvereins. So musste die Allianz etliche Zugeständnisse bei der 1927 von den Führungsgremien und letztlich 1928 von den Hauptversammlungen abgesegnten Fusion der beiden Unternehmen machen, die in der Umfirmierung des Unternehmens in Allianz und Stuttgarter Verein kulminierten. Der Vorstandsvorsitzende des Stuttgarter Vereins Max Georgii wechselte zudem an die Spitze des Aufsichtsrats des Fusionsunternehmens, das weiterhin von Schmitt geleitet wurde, aber gleichzeitig einige Direktoren des Stuttgarter Vereins ins Vorstandsgremium übernahm. Wenngleich Berlin Hauptsitz des Unternehmens blieb, etablierte sich Stuttgart als bedeutende Zweigstelle, in der insbesondere das Lebensversicherungsgeschäft sowie das Unfall- und Haftpflichtgeschäft organisiert wurde. Das fusionierte Unternehmen setzte sich an die Spitze der deutschen Versicherungsunternehmen – alleine in der Lebensversicherung verwaltete die Allianz fortan mit 1,6 Mrd. Reichsmark (: etwa Mrd. Euro) fast doppelt so viel wie die Gruppe der seinerzeit 17 öffentlich-rechtlichen Versicherungen zusammen (rund 1 Mrd. Reichsmark) oder die Victoria (rund 950 Mio. Reichsmark) als seinerzeit zweitgrößter deutscher Lebensversicherer – und verzeichnete auch im Ausland nicht zuletzt aufgrund von Zukäufen in den 1920er Jahren steigende Umsätze.Gerald D. Feldman: „Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft, 1933-1945“ (S. 39) Unterdessen übergab die Bayerische Versicherungsbank ihre Tätigkeiten außerhalb Bayerns an die Gruppe und konzentrierte sich als Landesgesellschaft auf die Tätigkeit im Gliedstaat.
Im August 1929 wurde die deutsche Versicherungsbranche durch den FAVAG-Skandal erschüttert, als die Frankfurter Allgemeine Versicherungs AG (FAVAG) als eine der größten Versicherungsgruppen in Deutschland zusammenbrach. Am 21. August gründete die Allianz die Neue Frankfurter Allgemeine Versicherungs-AG als Tochter, die nur eine Woche später die aufsichtsrechtliche Genehmigung zum Geschäftsbetrieb erhielt und auf die in der Folge die Verpflichtungen der FAVAG aus dem Sachversicherungsgeschäft übertragen wurden, während die einzelnen Lebensversicherungsgesellschaften im Herbst mit der Allianz Lebensversicherung verschmolzen wurden.Barbara Eggenkämper, Gerd Modert, Stefan Pretzlik: „Die Frankfurter Versicherung 1865–2004“ (S. 22)
1932 startete die Allianz ihr Engagement in der Schadenforschung und eröffnete eine Materialprüfstelle zur Schadenforschung, aus der später das Allianz Zentrum für Technik (AZT) hervorging. Ziel war es, aus den Schadenereignissen gewonnene Erkenntnisse interessierten Unternehmen zur Schaden- und Risikominimierung zur Verfügung zu stellen.
Zeit des Nationalsozialismus mini|hochkant=0.8|Plakat für das geplante neue Verwaltungsgebäude am Runden Platz, August 1939
Bereits zu Zeiten der Weimarer Republik hatte die Allianz enge Kontakte zu den Nationalsozialisten geknüpft. Im Februar 1931 etwa traf sich Adolf Hitler mit dem Allianz-Vorstandschef Kurt Schmitt und dem Aufsichtsratsvorsitzenden August von Finck. Hitlers Spendenbeschaffer Walther Funk verkündete anschließend: „Wenn es zum Bürgerkrieg kommt, gibt es von der Allianz fünf Millionen Mark.“ Schmitt wurde im Juni 1933 Reichswirtschaftsminister und SS-Ehrenmitglied.
Von 1933 bis 1945 versicherte die Allianz auch Unterorganisationen der NSDAP und erschloss im Zuge der Ausbreitung des Deutschen Reiches neue Geschäftsfelder. Unter anderem wurde durch die Übernahme jüdischer Versicherungshäuser der Kundenstamm ausgeweitet. Die Allianz profitierte direkt von Deportationen. Ab 1940 versicherte die Allianz in den Konzentrationslagern SS-Rüstungsbetriebe, Häftlingsbaracken, Materiallager und Fuhrparks, darunter in Auschwitz, Buchenwald und Dachau. Allianz-Mitarbeiter inspizierten regelmäßig die Konzentrationslager. Die Allianz führte ein Konsortium von Versicherern, welches ab Oktober 1942 Feuerversicherungsverträge für die Werkstätten des SS-Betriebs Deutsche Ausrüstungswerke im Vernichtungslager Auschwitz abschloss.
Henning Schulte-Noelle war der erste Vorstandsvorsitzende, der sich dieser Vergangenheit stellte, als er 1993 den Auftrag für den Aufbau eines firmenhistorischen Archivs gab, das 1996 eröffnet wurde. 1998 begann eine Gruppe von Historikern unter Leitung von Gerald D. Feldman, die Geschichte der Allianz von 1933 bis 1945 zu erforschen und veröffentlichte die Ergebnisse im September 2001. Auf Basis dieser Ergebnisse wurde eine Dauerausstellung sowohl im firmenhistorischen Archiv als auch im Internet eingerichtet. 2008 entstand in den Vereinigten Staaten eine Debatte über die nationalsozialistische Vergangenheit der Allianz. Im Zuge der Verhandlungen über die Vergabe der Namensrechte des Meadowlands-Stadions nahe New York wurde die Allianz in führenden Zeitungen und der Anti-Defamation League heftig kritisiert.
Nachkriegszeit