Politische Korrektheit, häufig Political Correctness als Lehnwort aus dem Englischen (kurz PC),Wörterbucheintrag: Political Correctness. In: Duden.de. Abgerufen am 22. April 2020.Ngram-Worthäufigkeitsvergleich: Political Correctness vs. politische Korrektheit. In: google.com. Abgerufen am 22. April 2020. ist ein aus dem englischen Sprachraum stammendes politisches Schlagwort, das insbesondere in der Theorie der öffentlichen Meinung eine Rolle spielt. In der ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der englische Ausdruck politically correct, deutsch politisch korrekt, die Zustimmung zu der Idee, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können (etwa bezogen auf Geschlecht oder Hautfarbe).Wörterbucheintrag: politically correct. In: Merriam-Webster’s Dictionary. Abgerufen am 22. April 2020 (englisch); Zitat: “conforming to a belief that language and practices which could offend political sensibilities (as in matters of sex or race) should be eliminated”. Der Ausdruck ist älter, hat aber erst seit Beginn der 1990er-Jahre größere Verbreitung gefunden. Damals wurde er von der politischen Rechten und den Konservativen in den USA aufgegriffen, um die Verwendung und vorgebliche Dominanz „politisch korrekter“ Sprache als Zensur und Einschränkung der Redefreiheit zurückzuweisen. In der Folgezeit griffen auch konservative und neurechte Kreise in Europa das Schlagwort auf.
Begriffsentwicklung Die Bezeichnung politically correct wurde bereits 1793 in einem Gerichtsverfahren vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten erwähnt (Fall Chisholm v. Georgia). Das Gericht stellte dabei eine Überlegung zu den Bürgerrechten an und bezeichnete es in diesem Zusammenhang als „nicht politisch korrekt“, einen Trinkspruch auf den Staat (die USA) statt auf das Volk (US-Amerikaner) auszubringen, weil der Staat zwar „das edelste Werk des Menschen“, der Mensch selbst aber „das edelste Werk Gottes“ sei.United States Supreme Court: Chisholm v. State of Ga. In: caselaw.findlaw.com. 1. Februar 1793, abgerufen am 24. November 2019 (englisch); Zitat: “The states, rather than the People, for whose sakes the States exist, are frequently the objects which attract and arrest our principal attention. This, I believe, has produced much of the confusion and perplexity, which have appeared in several proceedings and several publications on state-politics, and on the politics, too, of the United States. Sentiments and expressions of this inaccurate kind prevail in our common, even in our convivial, language. Is a toast asked? ‘The United States,’ instead of the ‘People of the United States,’ is the toast given. This is not politically correct. The toast is meant to present to view the first great object in the Union: It presents only the second: It presents only the artificial person, instead of the natural persons, who spoke it into existence. A State I cheerfully fully admit, is the noblest work of Man: But, Man himself, free and honest, is, I speak as to this world, the noblest work of God.”
Im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert wurde der Ausdruck politisch korrekt verwendet, um eine strikte Einhaltung einer Reihe ideologischer Orthodoxien innerhalb der Politik zu beschreiben. Im Jahr 1934 berichtete die New York Times, dass Nazi-Deutschland Pressegenehmigungen „nur an reine ‚Arier‘, deren Meinungen politisch korrekt sind“, erteilte.
1917 tauchte der Begriff politisch korrekt im marxistisch-leninistischen Vokabular nach der Russischen Revolution auf. Zu dieser Zeit wurde er verwendet, um eine strenge Einhaltung der Politik und Prinzipien der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu beschreiben, das heißt, der Parteilinie. Später in den Vereinigten Staaten wurde der Ausdruck mit Vorwürfen des Dogmatismus in Debatten zwischen Kommunisten und Sozialisten in Verbindung gebracht. Laut dem amerikanischen Pädagogen Herbert Kohl, der über Debatten in New York Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre schrieb, wurde der Begriff politisch korrekt abschätzig verwendet, um sich auf jemanden zu beziehen, dessen Loyalität zur Parteilinie des Kommunistischen Programms das Mitgefühl überwog und zu schlechter Politik führte.
Er wurde von Sozialisten gegen Kommunisten verwendet und sollte Sozialisten, die an egalitären moralischen Ideen festhielten, von dogmatischen Kommunisten trennen, die Parteistandpunkte befürworteten und verteidigten, unabhängig von ihrem moralischen Gehalt.
Mitte der 1980er-Jahre wandten sich Studenten vor allem der University of California gegen Pflichtkurse zur westlichen Zivilisation (western civilization), in denen nach ihrer Auffassung die Werke „toter, weißer europäischer Männer“ (dead white European males, gemeint waren vor allem Philosophen der Aufklärung) zu sehr im Vordergrund standen. Sie verlangten eine Ausweitung des Lehrstoffs auf weibliche und außereuropäische Autoren und schufen Sprachkodizes (speech codes), die auf die Einbeziehung von Minderheiten abzielten. Mit der Ausweitung dieser Sprachregelungen gewann die ironisch verwendete Bezeichnung politically correct an Bedeutung.
Seit Beginn der 1990er-Jahre wurde der Ausdruck von einer reinen Selbstbeschreibung zunehmend auch zu einem pejorativ gebrauchten Kampfbegriff der politischen Rechten in den USA.Stuart Hall: Some ‘Politically Incorrect’ Pathways Through PC. In: S. Dunant (Hrsg.): The War of the Words: The Political Correctness Debate. Virago Press, London 1994, S. 164–184, hier S. ?? (englisch). Konservative Studenten, Akademiker und Journalisten übernahmen die Bezeichnung und wandelten sie in eine Chiffre zur Ablehnung linker Antidiskriminierungsbemühungen; US-Konservative verwenden sie seit den 1990er-Jahren in politischen Zusammenhängen in Auseinandersetzungen mit ihren politischen Gegnern. Allerdings wurde und wird sie auch weiterhin von undogmatischen Linken verwendet. Im Laufe der Zeit wurde der Ausdruck substantiviert zu political correctness.
Ariane Manske beschrieb den abwertenden Gebrauch des Ausdrucks Political Correctness als eine der „Strategien“ der konservativen Verteidigung traditioneller Werte. „Political Correctness“ äußert sich hierbei als „vehement betriebene Diffamierungskampagne gegen die Liberals“. Die Konservativen „setzten damit eine Strategie der politischen Diffamierung aus den 1980er Jahren direkt fort. An die Stelle des L-words (eine in der Wahlkampfkampagne 1988 von Konservativen geprägte negativ konnotierte Bezeichnung für den Liberalismus) trat nun Political Correctness, um gegen den liberalen ‚Feind‘ ins Feld zu ziehen.“Ariane Manske: „Political Correctness“ und Normalität: Die amerikanische PC-Kontroverse im kulturgeschichtlichen Kontext. Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Heidelberg 2002, ISBN 3-935025-33-5, S. ??.
Dorothy E. Smith schrieb in ihrem 1999 zu dem Thema veröffentlichten Buch, dass political correctness ein ideologischer Code und Ausdruck eines Widerstands einer traditionellen Elite gegen den Verlust von Autorität und Macht sei. Der PC-Code sei von neokonservativer Seite instrumentalisiert worden und ermögliche es, Kritik an der institutionellen Ordnung und der kulturellen Dominanz bestimmter Gruppen zu unterdrücken und diskreditieren. Der PC-Code erscheine nicht als Zensur, obwohl der Code implizit diese Funktion erfülle, indem er öffentliche Diskurse und die Autorität und Glaubwürdigkeit der Diskursteilnehmer reguliere und darüber entscheide, worüber und in welcher Weise über Themen gesprochen wird.Dorothy E. Smith: “Politically Correct”: An Organizer of Public Discourse. In: Writing the Social: Critique, Theory, and Investigations. University of Toronto Press, Toronto 1999, ISBN 0-8020-4307-0, S. 172–194, hier S. ?? (englisch; ).
Der französische Philosoph und Autor Alain Finkielkraut definierte Politische Korrektheit als „Nicht sehen wollen, was zu sehen ist“, was nach Interpretation von Jürg Altwegg bedeute, den Blick von einer unerträglichen Wirklichkeit abzuwenden und der Wahrheit aus Mutlosigkeit oder irgendwelchen Rücksichten nicht ins Auge zu sehen.Jürg Altwegg: Macron würdigt einen Helden: Entsetzen weicht der Bewunderung. In: FAZ.net. 6. April 2018.
Verwendungskontext Inzwischen lassen sich zwei verschiedene Verwendungen der Bezeichnung unterscheiden:
Erstens ist politische Korrektheit ein prägnantes und bekanntes politisches Schlagwort im Zusammenhang der insbesondere in Nordamerika, Australien und Europa seit dem späteren 20. Jahrhundert vorhandenen gesellschaftlichen Tendenz, Interessen von Minderheiten stärker zu vertreten sowie Diskriminierung insbesondere im Sprachgebrauch zu vermeiden, die in der Vergangenheit akzeptiert oder schlicht unerkannt war. Mit der Aussage, dass etwas „politisch nicht korrekt“ oder „politisch inkorrekt“ sei, soll dementsprechend ausgedrückt werden, dass eine Norm verletzt worden sei, eine Äußerung (oder Handlung) allgemeinen moralischen Normen zuwiderhandle oder gar ein Tabu gebrochen worden sei.
Der zweite Kontext ist die Ablehnung einer als Freiheitsbeschränkung oder Zensur empfundenen gesellschaftlichen Norm oder Kritik, sei es, um am Gewohnten festzuhalten, sei es gegen Übertreibung bei der Vermeidung als negativ empfundener Bezeichnungen, oder weil durch zu viel Rücksichtnahme die Äußerung von (als solchen empfundenen) Fakten oder Wahrheiten unterdrückt würde. Diese Kritik vermeintlicher „politischer Korrektheit“ als Kampfbegriff gegen zu viel Rücksichtnahme oder gegen einen politischen Gegner ist gleichfalls als Schlagwort in Verwendung.
Verwendung und Kritik in US-Medien Als erster wichtiger Anstoß für die Verbreitung der Bezeichnung gilt der Artikel von Richard Bernstein in der New York Times 1990 mit dem Titel The Rising Hegemony of the Politically Correct („Die aufkommende Vorherrschaft des politisch Korrekten“).Richard Bernstein: Ideas & Trends: The Rising Hegemony of the Politically Correct. In: The New York Times. 28. Oktober 1990, Sektion 4, S. 1 (englisch; online auf nytimes.com).
Brigitta Huhnke, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Klagenfurt, folgte der ausführlichen Analyse von Richard Bernstein, die Lorna Weir 1995 veröffentlicht hatte: Bernstein stelle „pc“ als Unterart von „Tyrannei“ dar, auf einer Stufe mit „Orthodoxie“, „Faschismus“ und „Fundamentalismus“. Huhnke schrieb: „Auf der dritten Ebene folgen dann die Hyponyme von ‚pc‘, also quasi die untergeordneten Teilmengen von ‚pc‘. Das sind: ‚Auswärtige Politik‘, ‚Afrikanisch-amerikanische Studien‘, ‚Curriculumveränderung‘, ‚Affirmative Action‘, ‚Schwulen- und Lesbenforschung‘, aber auch ‚Feminismus‘, ‚palästinensische Selbstbestimmung‘ sowie ‚Attacken auf den Kanon und den Westen‘.“ Laut Huhnke habe Bernstein so auf die „Bildungsinhalte der amerikanischen Reformbewegungen seit den sechziger Jahren an[gespielt], die er eindeutig negativ klassifiziert“. Auf einer weiteren, institutionellen Ebene beziehe er die „Curriculumveränderung“ auf die „Universitäten von Texas und Berkeley“, nach Meinung von Konservativen Hochburgen linker Lehrinhalte, sowie auf Veröffentlichungen der Modern Languages Association (MLA) und andere.Lorna Weir: PC Then and Now: Ressignifying Political Correctness. In: Stephen Richer, Lorna Weir (Hrsg.): Political Correctness: Toward the Inclusive University. University of Toronto Press, 1995, S. 62–64 (englisch); paraphrasiert von Brigitta Huhnke: „political correctness“: ein Mantra nationaler Erweckung. In: ZAG 30. (online, ohne Jahresangabe auf nadir.org). Ausführlicher zur Analyse von Lorna Weir siehe Manske.
1991 lieferte John Taylors Essay Are You Politically Correct? im New York Magazine eine Übersicht über die an verschiedenen nordamerikanischen Universitäten um 1989 eingeführten Maßnahmen zur Sprachanpassung in rassistischer und sexueller Hinsicht:
In einer Rede an der Universität Michigan im Mai 1991 griff US-Präsident Bush Senior diesen neuen Medienausdruck auf und setzte sich damit im Zusammenhang mit der freien Rede auseinander: