Ein Ritual (von ‚den Ritus betreffend‘, rituell) ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und kann religiöser oder weltlicher Art sein (zum Beispiel Gottesdienst, Begrüßung, Hochzeit, Begräbnis, Aufnahmefeier usw.). Ein festgelegtes Zeremoniell (Ordnung) von Ritualen oder rituellen Handlungen bezeichnet man als Ritus.
Funktionen, Elemente und Formen des Rituals Rituale sind ein Phänomen der Interaktion mit der Umwelt und lassen sich als geregelte und formelhafte Kommunikationsabläufe beschreiben (vgl. Walter Burkerts DefinitionWalter Burkert: Homo necans. 1972, S. 31–39. des Rituals als kommunikative Handlung). Sie finden überwiegend im Bereich des menschlichen Miteinanders statt, wo rituelle Handlungsweisen durch gesellschaftliche Gepflogenheiten, Konventionen und Regeln bestimmt und in den unterschiedlichsten sozialen Kontexten praktiziert werden können (Begegnungen, Familienleben, Herrschaftsvollzüge, Veranstaltungen, Feste und Feiern, religiöse Kulte und Zeremonien usw.). Zugleich sind Rituale oder ritualisierte Handlungsweisen aber auch auf der Ebene des individuellen Verhaltens anzutreffen (persönliche Rituale, autistische Rituale, Zwangshandlungen).
Ein Ritual ist normalerweise kulturell eingebunden oder bedingt. Es bedient sich strukturierter Mittel, um die Bedeutung einer Handlung sichtbar oder nachvollziehbar zu machen oder über deren profane Alltagsbedeutung hinaus weisende Bedeutungs- oder Sinnzusammenhänge symbolisch darzustellen oder auf sie zu verweisen. Nach Carel van Schaik und Kai Michel sind die materiellen Ritualhandlungen meist abgewandelte Alltagstätigkeiten, die um Ernte und Ernährung, Tausch oder Feiern kreisen.Das Tagebuch der Menschheit. Reinbek 2016, S. 233 f. Durch den gemeinschaftlichen Vollzug besitzen viele Rituale auch einheitsstiftenden und einbindenden Charakter und fördern den Gruppenzusammenhalt und die intersubjektive Verständigung.
Indem Rituale auf vorgefertigte Handlungsabläufe und altbekannte Symbole zurückgreifen, vermitteln sie Halt und Orientierung. Das Ritual vereinfacht die Bewältigung komplexer lebensweltlicher Situationen, indem es „durch Repetition hochaufgeladene, krisenhafte Ereignisse in routinierte Abläufe überführt“.So drückt es die Feuilletonistin Christine Tauber in der FAZ vom 30. Januar 2008 (auf S. 36 in der Rezension zu einem Buch von Ingeborg Walter und Roberto Zapperi) aus. So erleichtern Rituale den Umgang mit der Welt, das Treffen von Entscheidungen und die Kommunikation. Zugleich sichern sie immer wieder die normative Ordnung. Der Philosoph Christoph Türcke bezeichnet Rituale in diesem Zusammenhang als Wiederholungsstrukturen und spricht von „geronnener, sedimentierter Wiederholung“,So Christoph Türcke am 2. September 2012 im Deutschlandfunk in der Sendung Zwischentöne um 13:55 Uhr. die dem Menschen ein aufmerksames Begreifen der Welt erst ermöglicht. Das schließt nicht aus, dass Rituale ambivalent oder falsch gedeutet werden können.
Rituale ermöglichen darüber hinaus die symbolische Auseinandersetzung mit Grundfragen der menschlichen Existenz, etwa dem Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Beziehung, dem Streben nach Sicherheit und Ordnung, dem Wissen um die eigene Sterblichkeit oder dem Glauben an eine transzendente Wirklichkeit (zum Beispiel durch Freundschaftsrituale, Staatsrituale, Begräbnisrituale, Grabbeigaben). Derartige Rituale sind daher Ausdruck der Conditio humana, des menschlichen Selbstbewusstseins, der symbolischen Verfasstheit menschlichen Handelns und nach Auffassung einiger anthropologischer Denker (etwa Helmuth PlessnerHelmuth Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch. 1928.) einer Art „Veranlagung“ (grob vereinfachend ausgedrückt) des Menschen zur Religiosität. In der rituellen Verehrung der Gottheit (insbesondere in der regelmäßig wiederholten Opferhandlung) verweisen Rituale auf das Bedürfnis des Menschen nach Wiederherstellung einer als gefährdet empfundenen existenziellen Welt- und Lebensordnung.
Neben der symbolischen Funktion haben Rituale auch instrumentell-pragmatische Funktionen, also zweckgerichteten Charakter (zum Beispiel Herrschafts-, Rechts-, Befriedungsrituale). In vormodernen Gesellschaften erfüllten sie viele Funktionen, die heute von spezialisierten Institutionen oder Organisationen erbracht werden. Die Legitimation durch soziale Verfahren ersetzt heute in vielen Bereichen das Ritual. Viele moderne Berufe bedienen sich solcher teils stark ritualisierter Kommunikationsformen und Verfahren.
Rituale können in Anlehnung an Karl Büchers Idee einer umfassenden Rhythmisierung der sozialen Arbeits- und LebensformenKarl Bücher: Arbeit und Rhythmus. Hirzel, Leipzig 1896 (; zu Inh. u. Bed. vgl.: Karl Bücher, in: Sächsische Biografie). insbesondere auch der zeitlichen Strukturierung von Lebensvollzügen dienen. Unterscheiden lassen sich demnach:Lukas Niederberger: Rituale. Dem Tag, dem Jahr, dem Leben Struktur geben. Patmos, Ostfildern 2020, ISBN 978-3-8436-1264-7 (Inhalt), S. 61–125. tageszeitliche Alltagsrituale, die den Tagesablauf untergliedern (zum Beispiel das Weckritual, Pausenrituale usw.); zyklische Rituale, die einem wöchentlichen, monatlichen oder jährlichen Kalender folgen (zum Beispiel die Sonnenwendfeier, wiederkehrende Ruhe- und Gedenktage, Reise- und Ferien-Rituale usw.); Schwellenrituale, die den Übergang zwischen lebenszyklischen Phasen markieren (zum Beispiel Initiationsrituale bei Geburt, Mannbarkeit und Ähnliches, Hochzeitsrituale usw.);
mini|Katholischer Gottesdienst in Riga: Gottesdienstliche Vollzüge sind generell stark von Ritualen geprägt (hier zum Beispiel Kniefall der Gläubigen, besondere Gewandungen der Mitwirkenden etc.). Die Kirche als Ritualgebäude ist besonders dafür ausgelegt (Beleuchtungseffekte, Einrichtung etc.).
Oft sind Rituale an Orte und Räume gebunden. Das Spektrum reicht von sakralen und öffentlichen Orten bis hin zu Sitzordnungen. Neben spezifischen Insignien, Kleidung und Sprache spielen beim Vollzug des Rituals auch bestimmte Bewegungsarten, nonverbale Signale, Gestik usw. eine Rolle. Während manche Rituale extrem formalisiert und in ihrem Ablauf determiniert sind, zeichnen sich andere durch größere Formoffenheit aus.
Rituale, die nur von „Eingeweihten“ verstanden oder praktiziert werden können, können auch der Ausgrenzung oder Beherrschung „Unwissender“ dienen. Von derlei elitären oder geheimnisvollen Ritualen besonders stark geprägt sind magische Riten und Kulte oder Geheimlehren. Auch die in vielen Kulturen praktizierten schamanistischen Rituale, die der Anrufung oder Beschwörung der Geister von Tieren, Pflanzen oder Verstorbenen dienen sollen, sind in der Regel nur ausgewählten Schamanen oder Heilern bekannt.
Werden Rituale durch entgegengesetzte Ritualhandlungen ausgelöscht oder aufgehoben, spricht man von Inversion (Umkehrung) des Rituals.
Das Menschenopfer und der Ritualmord sind Formen der rituellen Tötung eines Menschen.
Ritualkritik Manchmal verkehren sich die Wirkungen von Ritualen ins Negative, sie werden als abgegriffen, überholt, sinnentleert oder kontraproduktiv empfunden und daraufhin kritisch überprüft.
Frits Staal, der die 3000 Jahre alten vedischen Rituale erforschte und dokumentierte, bestreitet aufgrund seiner Forschungen die kulturelle oder soziale Bedeutung von Ritualen: Es seien keine symbolischen Handlungen, die sich auf etwas anderes beziehen als auf sich selbst: The only cultural values rituals transmit are rituals. Die Ausführenden des Rituals seien vollständig self-contained and self-absorbed, totally immersed in the proper execution of their complex tasks. Sie konzentrieren sich nur auf die komplizierten Regeln und die Korrektheit ihrer Handlungen (sogenannte Orthopraxie), auf die Rezitation nicht mehr verständlicher Texte oder den Gesang. All das sei ähnlich wie beim profanen Tanz.Frits Staal: The meaninglessness of ritual. In: Numen. Band 26, Nummer 1, 1979, S. 2–22, hier S. 3 f.; 8. Schon indische Philosophen, die keine Effekte der vedischen Rituale erkennen konnten, postulierten, dass diese nur „unsichtbare Früchte“ mit posthumer Wirkung zeigten.Frits Staal: The meaninglessness of ritual. In: Numen. Band 26, Nummer 1, 1979, S. 2–22, hier S. 7.
Allerdings schaffe die Ausführung von Ritualen zumindest Verbundenheit unter den Ausführenden oder ein Gefühl von Zugehörigkeit, auch wenn die einzelnen Ausführenden die Bedeutung nicht (mehr) kennen. Staal sieht in diesen Wirkungen des Rituals jedoch nur useful side-effects. Gerade der Konservatismus und die Rigidität, mit denen unverständliche Rituale überliefert werden und mit denen an ihnen festgehalten wird, spreche gegen ihre pragmatische Nützlichkeit.Frits Staal: The meaninglessness of ritual. In: Numen. Band 26, Nummer 1, 1979, S. 2–22, hier S. 11.
Religiöse Rituale Rituale sind häufig im Bereich der Religion verankert (hierzu siehe ausführlicher: Religiöse Riten und Grundbegriffe der Religionssoziologie). Das religiöse Ritual hat dem schwedischen Religionswissenschaftler Geo WidengrenReligionsphänomenologie. de Gruyter, Berlin 1969, S. 209. zufolge eine enge Verbindung zum Mythos. Derartige Rituale fördern den Zusammenhalt religiöser Gruppen. So ergab die Auswertung von Daten über 83 US-amerikanische Religionsgemeinschaften aus dem 19. Jahrhundert, dass Religionsgemeinschaften desto langlebiger sind, je stärker sie von Ritualen und festen Verhaltensregeln bestimmt sind. Der Ritus ist die Mitte, das Herz der Religion.Klaus Dirschauer: Rituale – Oasen im Leben. Mit einem Glossar zu Festtags- und Alltagsriten. Donat Verlag, Bremen 2014, S. 9. Für weltliche Gemeinschaften lässt sich ein solcher Zusammenhang angeblich nicht feststellen.Gehirn & Geist. Nr. 1–2, 2005. (gehirnundgeist.de)
Religiöse Rituale spielen besonders in traditionellen Gesellschaften eine herausragende Rolle: Sie sollen den Menschen immer wieder bewusst machen, dass Abweichungen von der überlieferten Lebensweise keine Überlebenssicherheit bieten und daher nicht geduldet werden dürfen.Andreas Kött: Systemtheorie und Religion: mit einer Religionstypologie im Anschluss an Niklas Luhmann. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2575-X, S. 323.
Heilungsrituale Heilungsrituale sind ein Bereich alternativmedizinischer Behandlungsmethoden, zu denen in vielen Kulturen Besessenheitskulte zur Heilung eines Patienten gehören, der nach dem Volksglauben von einem krankmachenden Geist befallen sein soll. Die Prozeduren des Potenzierungsverfahrens in der Homöopathie, das eine selektive Steigerung erwünschter Wirkungen behauptet, jedoch naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Grundprinzip der evidenzbasierten Medizin widersprechen, folgen einem streng festgelegten Ablauf und werden als „rituell“ bezeichnet.„Die Herstellung der Homöopathika unterliegt strengsten rituellen Vorschriften.“ Demnach stellt sowohl die Herstellung als auch die tägliche Einnahme von Globuli eine alternativmedizinische Methode dar, bei der Rituale ein integraler Bestandteil sind. Heilungsrituale sind allgemein in der Naturheilkunde ein wesentlicher Faktor.
Die Arzt-Patient-Interaktion mit ihren festgelegten gegenseitigen Erwartungen, Rollen, Abläufen, Kulissen und Symbolen hat insgesamt ritualhaften Charakter, dessen Einfluss in der Placebo-Forschung erfasst wird.
Sozialwissenschaftliche und psychologische Forschung und Praxis Mit Ritualen beschäftigen sich eine Reihe von Sozialwissenschaften, unter anderen die Ethnologie, die Soziologie, die Psychologie, die Pädagogik, die Religionswissenschaft und die Politikwissenschaften. Die Geschichtsforschung widmet sich unter dem Begriff symbolische Kommunikation der systematischen historischen Ritualforschung. Ethnologisch sind beobachtbare Rituale vielfach ein Einstieg in die Erforschung von Stammeskulturen.