mini|300px|Länder, die das lateinische Alphabet nutzen: mini|Schriftentwicklung von der Zeit des Römischen Reiches bis heute:• Capitalis monumentalis• Unzialschrift• Rotunda• Renaissance-Antiqua• Klassizistische Antiqua• Grotesk
Der Artikel Geschichte der Typografie bietet eine chronologische Übersicht über die Entwicklung der Typografie der lateinischen Schriften. Das lateinische Alphabet wird in den meisten Ländern der Welt genutzt, nur in Asien dominieren andere Schriften.
Im Mittelpunkt der westlichen Typografiegeschichte steht die historische Herausbildung der unterschiedlichen Druckschriften (Antiqua, Grotesk, Displayschriften) bis hin zur heutigen Typografie im Internet (Webtypografie). Zur Geschichte der Typografie gehören auch technische Innovationen (Buchdruck, Blei-, Maschinen- und Fotosatz, Desktop-Publishing) sowie die Herausbildung typografischer Konventionen und Maßsysteme.
Vorgeschichte: Handschriften In der Antike und im Mittelalter wurden Dokumente und Bücher von Hand geschrieben. Die Handschriften vor der Erfindung des Buchdrucks zählen definitionsgemäß nicht zur Typografie, sie repräsentieren jedoch ihre Vorgeschichte (siehe auch Lateinische Paläografie). Die heutigen Großbuchstaben (Majuskeln) stammen aus der Antike, die heutigen Kleinbuchstaben (Minuskeln) aus dem Mittelalter. Die wichtigsten Formen der Schrift in diesem Zeitraum werden nachfolgend aufgeführt. Am Ende des Mittelalters wurde die Majuskelschrift aus der Antike mit der mittelalterlichen Minuskelschrift zur heutigen Schreibweise mit Groß- und Kleinbuchstaben zusammengeführt. Einige der heutigen Schriftarten ahmen alte Schriftarten aus der Antike und dem Mittelalter nach. Sie dienen dazu, historische Epochen typografisch in Szene zu setzen.
Römische Capitalis
Über Etrusker und Griechen gelangten die Vorformen des heutigen lateinischen Alphabets im Verlauf des ersten Jahrtausends v. Chr. zu den Römern. Das römische Alphabet entsprach bereits weitgehend dem heute verwendeten. Allerdings war es ein reines Großbuchstaben-Alphabet. Als Hochschrift des Römischen Reiches gilt heute die Capitalis monumentalis, eine Monumentalschrift mit Serifen. Das bekannteste historische Dokument in dieser Schrift sind die Inschriften der 113 n. Chr. errichteten Trajanssäule. Neben den vor allem in Stein gehauenen Monumentalschriften gab es auch informellere Schriftvarianten wie etwa die Capitalis quadrata, die Capitalis rustica sowie die ältere römische Kursive und die jüngere römische Kursive. Neben der Verwendung als Buchschrift dienten sie vor allem dazu, den informellen, alltäglichen Schriftverkehr zu bewältigen.
Unzialschriften
mini|Unzialschrift und Halbunzialen
Auch im Römischen Reich unterlagen die Schriften einem langsamen Veränderungsprozess. Die Schriftkultur der Spätantike und des Frühmittelalters war von der Unzialschrift und der Halbunzialen geprägt. Deren Herkunft leitete sich von den informelleren Schreibvarianten der römischen Schrift ab (ältere römische Kursive, jüngere römische Kursive). Im angelsächsischen Bereich wurden für einzelne Laute auch Zeichen aus Runenschriften ergänzt (thorn für th). Die Unzialschrift hat ein Großbuchstaben-Alphabet; die seit dem 3. Jahrhundert verwendete Halbunziale benutzt auch Ober- und Unterlängen, um Buchstaben zu unterscheiden, und besitzt deshalb ein Kleinbuchstaben-Alphabet.
Neben der Unziale und der Halbunziale entwickelten sich aus den römischen Kursiven eine Reihe regionaler Schriftformen. Da sie vor allem lokale Bedeutung genossen, werden sie auch unter dem Oberbegriff Nationalschriften zusammengefasst, wobei ihr Gebrauch nicht ethnisch oder politisch bestimmt ist, sondern vorrangig geografischen Bezug hat. Entwicklungshistorisch sind die Schriften des Frühmittelalters die unmittelbaren Vorläufer der karolingischen Minuskel.
Die Unziale findet bis heute gern in christlichen Kontexten Verwendung, etwa für Inschriften in Kirchen oder auf Grabsteinen. Moderne Nachinterpretationen der Unzialschrift wie zum Beispiel die American Uncial finden sich im Fantasy-Bereich oder auch in der Esoterik-Szene. Ein bekanntes Einsatzbeispiel ist etwa in der Verfilmung des Tolkien-Bestsellers Der Herr der Ringe zu sehen.
Karolingische Minuskel
mini|Otlohs Gebet in karolingischer Minuskel, 11. Jahrhundert
Mit Unterstützung der Karolinger, die seit Ende des 8. Jahrhunderts weite Teile Mitteleuropas beherrschten, verbreitete sich die karolingische Minuskel über ganz Europa. Auslöser für ihre flächendeckende Etablierung waren insbesondere die Bildungsreformen Karls des Großen (die sogenannte Karolingische Reform). Am spätesten drang die Schrift in Spanien (Westgotische Minuskel), Großbritannien (Insulare Schriften) und Süditalien (Beneventana, Curialisca) ein.
Die karolingische Minuskel ist das Vorbild für das Kleinbuchstaben-Alphabet in seiner heute noch gebräuchlichen Form. Die Abschriften antiker Autoren (beispielsweise Horaz, Vergil, Homer) in klösterlichen Scriptorien führte bei den Gelehrten der Renaissance zu der Annahme, es handle sich bei der karolingischen Minuskel um die originale Schrift der Antike. Ab dem 14. Jahrhundert entstand so auf Basis der karolingischen Schriften in Italien die humanistische Minuskel, die zur Vorlage der ersten Renaissance-Druckschriften (Venezianische Renaissance-Antiqua, ab etwa 1470) wurde. In Abgrenzung zu den zeitgenössischen hochmittelalterlichen Schriften (der Textura und der Rotunda) wurde diese Schriftneuschöpfung als „antik“ (lateinisch antiquus) bezeichnet, um sie so gegenüber den später entstandenen Schriften abzugrenzen. Hiervon leitet sich der Begriff „Antiqua“ ab.
Gotische Schriften
mini|Gebrochene Schriften
Aus der spätkarolingischen Minuskel entwickelten sich im Hochmittelalter die Buchschriften der Gotik. Ihre zahlreichen Varianten zeichneten sich alle durch ein regelmäßiges, strenges, eng geschriebenes Schriftbild aus. Die Rundungen der Buchstaben wurden gebrochen, weshalb diese Schriften auch – insbesondere auch zwecks Unterscheidung zu den später entstandenen Antiqua-Schriften – als gebrochene Schriften bezeichnet werden. Das Hauptmerkmal der gotischen oder gebrochenen Schriften war ein enges, dunkles Schriftbild, das in seiner strukturartigen Form stark an gewebte Stoffe erinnert; daher leitet sich auch der Name Textura für die bekannteste Schrift dieser Epoche ab.
Parallel entwickelte sich in Italien, Spanien und in geringerem Maße in Deutschland eine alternative Form der gotischen Schrift: die Rotunda oder Rundgotische. Bei der rundgotischen Schrift sind die Formen weiter und die Buchstaben besitzen statt der harten Winkel Rundungen. Dies machte die Schrift lesbarer. Beide Schriftarten wurden von den frühen Druckern der sogenannten Inkunabelzeit übernommen. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts wurden sie allerdings weitestgehend von anderen Schriften verdrängt.
Eine weitere Entwicklung der hochmittelalterlichen Gotik waren Vorformen der heutigen Kursivschriften. Schräg geschriebene (also: kursive) Schriften wurden dem Gebrauch in Büchern angepasst und so zu den sogenannten Bastarda-Schriften weiterentwickelt. In Mitteleuropa bildete sich als Weiterführung der Textura zum Ende des Mittelalters die Fraktur heraus. Die zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstehenden Frakturschriften waren erfolgreich und lieferten auch die Vorbilder für die Schriftentwürfe von Albrecht Dürer und Johann Schönsperger. Eine derbe, volkstümliche Fortentwicklung der Textura ist die Schwabacher, die ebenfalls zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstand. Zusammen mit der Fraktur bestimmte sie das Druckbild in Deutschland bis hinein ins 20. Jahrhundert. In den Ländern um das Mittelmeer, dem Hauptverbreitungsgebiet der Rotunda, setzen sich hingegen die Antiqua-Schriften durch.
Geschichte der europäischen Druckschriften bis zum 19. Jahrhundert mini|Antiqua-Modelle:• Venezianische Renaissance• Französische Renaissance• Barock-Antiqua• Klassizistische Antiqua• Serifenverstärkte Antiqua
Anders als die bislang beschriebenen historischen Schrifttypen sind die ab der frühen Neuzeit entwickelten Schriften keine geschriebenen Schriften, sondern Druckschriften. Das Hauptmodell für weite Teile Europas, die ab circa 1450 aufkommende Antiqua, bildet bis auf den heutigen Tag die Grundlage aktuell verwendeter Lateinschriften. Im Jahr 1708 wurde die kyrillische Schrift durch die Einführung der Bürgerlichen Schrift an die Antiqua angepasst. Die Feinausgestaltung der Antiquaschriften durchlief seit der Renaissance-Ära mehrere Entwicklungsstadien. Die Schriftklassifikation unterteilt diese in die Hauptgruppen Renaissance-Antiqua, Barock-Antiqua und klassizistische Antiqua. Ab dem 19. Jahrhundert kamen als weitere Schrifttypen die serifenbetonte Linear-Antiqua sowie die serifenlose Groteskschrift hinzu.
Entstehung der Antiqua Im Zuge der Frührenaissance erwachte auch das Interesse an den Schriftformen der Antike neu. Mittelpunkt der Entwicklung war Italien. Anders als im Norden hatte sich hier früh das gemäßigt gotische Modell der Rotunda etabliert. Gutenbergs 42-zeilige Bibel von 1455 hatte noch die besten gotischen Handschriften zum Vorbild. Bereits zehn Jahre später erkannten deutsche Druckmeister in Subiaco (Italien) sowie venezianische Nachfolger wie Nicolas Jenson und Aldus Manutius, dass die neue Technik auch eine andere Formgestaltung ermöglichte. Nach dem Vorbild italienischer Humanistenhandschriften vereinigten sie die „überarbeiteten“ Kleinbuchstaben der karolingischen Minuskel mit den Großbuchstaben der römischen Capitalis. Dadurch entstand eine Zweialphabetschrift, die sich von den gebrochenen Schriften des Hochmittelalters klar abhob – die sogenannte „Antiqua“.
Das Bild der ersten Antiquaschriften war noch stark von mittelalterlichen, gotischen Elementen geprägt. Auch die Entwicklung hin zur heute gebräuchlichen Groß- und Kleinschreibung vollzog sich erst langsam im Lauf der folgenden Jahrhunderte und von Land zu Land verschieden. Zusätzlich integrierten die Schriftentwerfer und Stempelschneider der Renaissance zwei weitere Zeichen-Komponenten in ihre zeitgenössischen Schriften: zum einen das arabische, ursprünglich aus dem indischen Raum stammende Ziffernsystem, zum zweiten Kursivschriften. Bei Letzteren handelte es sich um Bastarda-Varianten, welche einige Schreibmeister des ausgehenden 15. Jahrhunderts an das Erscheinungsbild der Antiqua anglichen. Die auch als „Italics“ bezeichneten Antiqua-Kursiven entwickelten sich erst im Verlauf der folgenden Jahrhunderte zu integrierten Schriftschnitten kompletter Schriftfamilien.
Renaissance (1400 bis 1600) Die Renaissance-Antiqua (andere Bezeichnungen: Old Style-Antiqua oder auch ältere Antiqua) lässt sich in zwei stilistisch klar voneinander abgrenzbare Gruppen aufgliedern: die Venezianische Renaissance-Antiqua und die Französische Renaissance-Antiqua.
mini|hochkant|Aldus Manutius Bei der venezianischen Renaissance-Antiqua, deren Stilmerkmale sich ungefähr zwischen 1455 und 1485 entwickelten, ist die Ableitung von spätmittelalterlichen Rotunda- und Bastarda-Schriften noch mehr oder weniger stark zu erkennen. Bekanntestes Exponat dieser Gruppe ist die von Nicolas Jenson um 1470 geschaffene Jenson Antiqua; eine zeitgemäße Interpretation ist die 1996 entstandene Adobe Jenson von Robert Slimbach. Die Strichstärken dieses Typs sind relativ einheitlich. Die kalligrafische Zeichnungsweise tritt klar hervor. Anders als spätere Antiquaschriften erwecken Frühantiquas dieses Typs einen mehr oder weniger stark ausgeprägten historisierenden, spätmittelalterlichen Eindruck und kommen daher im heutigen Satz eher seltener zum Einsatz.