mini|Langemarck-Kreuz der Veteranenvereinigung des XXVI. Reserve-Korps, 1933 Als Langemarck-Mythos oder Mythos von Langemarck wird ein politischer Mythos bezeichnet,Mythos und Schlachtenwirklichkeit, Ernst Jünger und Erich Maria Remarque, aus: Katrin Bürgel, Ludger Tewes Auf ein frohes Wiedersehen, liebe Mutter Kriegskultur und Erfahrungshaltung im westfälischen Amt Gladbeck 1914-1918, Essen 2016, S. 179–196. Remarque im Feldrekrutendepot der 2. Garde-Reserve-Division, 2. Kp. Res. Inf. Rgt. 15. ISBN 978-3-8375-1579-4. Jünger, Remarque und ein Gladbecker Soldat (Tagebuch) standen am 31. Juli 1917 bei Houhoulst im selben Frontabschnitt. der die im Deutschen Reich betriebene Verklärung einer verlustreichen militärischen Auseinandersetzung während des Ersten Weltkriegs zum Inhalt hatte. Das Gefecht fand am 10. November 1914 in der Nähe des belgischen Ortes Langemarck nördlich von Ypern statt.
Ursprung Nach der verlorenen Marneschlacht im September 1914 zog sich das deutsche Heer hinter die Aisne zurück. An der Westfront begann mit diesem Rückzug der Stellungskrieg. Im sogenannten Wettlauf zum Meer versuchten in den folgenden zwei Wochen die deutschen Truppen, ebenso wie ihre französischen und britischen Gegner, die jeweils andere Seite an der Nordflanke zu umfassen und auf dem Weg zur Küste günstige Ausgangspositionen für spätere Angriffe zu gewinnen. Man plante auf deutscher Seite, bis nach Calais vorzustoßen. In einem weiten Bogen, der sich von Norden nach Südosten um die belgische Stadt Ypern spannte, zwischen Dixmuide und Wytschate, entbrannte im letzten Drittel des Oktober 1914 die sogenannte Erste Flandernschlacht, die ab Mitte November mit dem Erstarren der Front endete.
Auf deutscher Seite wurden in dieser Schlacht hauptsächlich neu aufgestellte, auch aus Ungedienten wie Freiwilligen und Ersatzreservisten sowie zu einem Großteil aus älteren Angehörigen der Landwehr zusammengesetzte Reservekorps eingesetzt.Als Beispiel gibt das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 211 als Personalbestand an: 166 aktive Soldaten, 299 Reservisten, 970 Freiwillige (von denen sicher nicht alle Studenten oder Schüler waren), 1499 Landwehrleute, 1 Ersatzreservist Etwa 2000 Mann Verluste kostete ein deutscher Durchbruchsversuch am 10. November 1914. Der Angriff des XXIII. Reserve–Korps fand sechs Kilometer nordwestlich von Langemarck zwischen Noordschote und Bixschote statt. Es gelang den erschöpften französischen Verteidigern, den Ansturm der mangelhaft ausgebildeten und ausgerüsteten Reserveregimenter nach wenigen Kilometern abzuwehren. Die deutschen Angriffe wurden schließlich Mitte November ohne bedeutende Geländegewinne eingestellt, und auch in Flandern begann ein jahrelanger Stellungskrieg.
Die Oberste Heeresleitung kommentierte die Ereignisse vom 10. November 1914 einen Tag darauf mit einem folgenreichen Bericht, der von fast allen deutschen Zeitungen auf der Titelseite abgedruckt wurde:
Der Bericht war offensichtlich propagandistisch formuliert. Als Schauplatz gab man „westlich Langemarck“ an. Nicht quellengestützt ist ein Haupttopos der Kritik am Mythos, wonach der markant klingende und dem typisch preußisch-deutsch empfundenen „Bismarck“ ähnelnde Ortsname absichtlich dem genaueren „Bixschote“ vorgezogen worden sei.Gerd Krumeich: Langemarck (Lit.), S. 294. Im ersten Drittel des Novembers 1914 zeichnete sich bereits das Scheitern der deutschen Umfassungsversuche bei Ypern ab. Das magere Ergebnis des Angriffs vom 10. November, das mit starken Verlusten auf deutscher Seite erkauft war, überging man, stattdessen wurde von einem Sieg über französische Infanterie berichtet. Statt der genauen Bezeichnungen der beteiligten Verbände wurde vielsagend von „jungen Regimentern“ geschrieben.
Aufgrund der Beteiligung junger bzw. studentischer Freiwilliger, die bei dem Unternehmen getötet wurden, wurde dieser Vorgang in der deutschen zeitgenössischen und der späteren nationalsozialistischen Propaganda auch als „Kindermord von [bzw.: bei] Ypern“ bezeichnet, in der englischsprachigen Literatur bis heute als „Massacre of the Innocents“.
Dieser Bericht wurde von großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit unkritisch aufgenommen und löste die Entstehung eines Mythos über den heldenhaften Opfergang junger Soldaten aus: „Das Entstehen des Langemarck-Mythos ist das erste bedeutende Beispiel verschiedener erfolgreicher Versuche in diesem Krieg, militärische Niederlagen in moralische Siege umzudeuten.“Bernd Hüppauf: Schlachtenmythen und die Konstruktion des „Neuen Menschen“. 1993, S. 47.
Zwischen dem 11. und 17. November versuchte die Gruppe Linsingen (der auch das XV. Armeekorps unter General Berthold von Deimling mit der 30. und 39. Division unterstand) mit Masse zwischen dem von Comines auf Ypern zuführenden Kanal und Gheluvelt die um Schloss Hooge liegenden ausgedehnten Waldungen anzugreifen. Bis zum 17. November konnte hier gegen den erbitterten Widerstand des britischen I. Korps wieder kein Durchbruch erzwungen werden. Der Angriff der südlicheren Gruppe Fabeck gegenüber dem französischen XVI. Korps in Richtung zum Kemmelberg kam auch nur etwa einen Kilometer tief voran. Alle weiteren Bemühungen führten lediglich zur Frontausbuchtung des sich jetzt bildenden Wytschaete-Bogens.Reichsarchiv
Bei dieser Aktion soll General von Deimling vier Regimenter mit insgesamt 12.000 Mannwas mehr als der maximale Mobilisierungsbestand gewesen wäre angeblich mit Regimentsmusik und Spielen des „Deutschlandliedes“ haben angreifen lassen, wovon knapp die Hälfte überlebt haben soll.Im „Reichsarchiv“ ist davon jedoch nichts erwähnt.
→ Erste Flandernschlacht – Angriff am 10. November
Das Denkmal von Langemarck mini|Weihestunde des Denkmals von Langemarck am 10. Juli 1932 mini|Josef Magnus Wehner Langemarck Ein Vermächtnis (1932) Bei dem am 10. Juli 1932 eingeweihten Denkmal () auf dem deutschen Soldatenfriedhof Langemark rahmen Sandsteinquader den Eingang. In der Halle befinden sich auf Eichentafeln geschnitzt die Namen der Gefallenen. An der Stirnseite der Gräberstätte befand sich ein mit Mohn bepflanzter Ehrenraum. Es stehen dort noch drei ehemalige Betonunterstände. Die einst dort verlaufende Kampffront wird dargestellt durch eine Linie mit 52 Steinsarkophagen, die die Inschriften studentischer Verbindungen und beteiligter Truppenteile tragen. An ihnen führt ein Plattenweg entlang. Der Ehrenraum wurde von einem breiten Wassergraben umschlossen.Curt Badinski: Aus großer Zeit. Erinnerungsblätter des Jäger-Feld-Bataillons Nr. 9. Weltkrieg 1914–1918. Bd. 1. Lauenburgischer Heimatverlag, H. H. C. Freystatatzky’s Buchdruckerei, Ratzeburg 1932.
Anlässlich der Einweihung des Denkmals am 10. Juli 1932 hielt Josef Magnus Wehner, der an der Westfront selbst verwundet worden war, eine weit verbreitete, den Mythos untermauernde Rede. Zur gleichen Zeit fanden im gesamten Deutschen Reich Gedenkfeiern statt.
Entwicklung des Mythos Erster Weltkrieg und Weimarer Republik mini|Treffen des Waffenringes in München zu einer Langemarck-Gedenkfeier im Dezember 1931, Kronprinz Rupprecht von Bayern mit seiner Gattin und Sohn begrüßt Veteranen während der Gedenkfeier. mini|Langemarck-Feier in der Tennishalle am Fehrbelliner Platz in Berlin im November 1932, dabei Oskar Prinz von Preußen mit Sohn Burchard|alternativtext= Bereits am ersten Jahrestag der Kämpfe nördlich von Ypern veröffentlichten zahlreiche deutsche Zeitungen Artikel über die Ereignisse bei Langemarck, wobei nun erstmals der Tod vieler Beteiligter thematisiert und als Opfergang verherrlicht wurde. Dabei wurde auch die Forderung nach einem Langemarck-Tag formuliert. Auch in Schulfeiern gedachte man der gefallenen Langemarck-Kämpfer, wobei die Verstorbenen oftmals als vorbildlich dargestellt wurden:
Die Richtigkeit einzelner Aspekte der Mitteilung wurde schon bald nach Kriegsende angezweifelt. Besonders der Gesang war Gegenstand von Zweifeln und Kontroversen. Unglaubhaft machte diesen Aspekt, „daß angreifende Soldaten, die nach Tagen erschöpfender Kämpfe über nassen schweren Lehmboden flandrischer Rübenfelder rennen, ein patriotisches Lied singen sollten.“ Dagegen spricht nicht nur das Gewicht ihrer fast 30 kg schweren Ausrüstung, sondern auch der langsame, für ein Marschlied ungeeignete Rhythmus des Liedes.Bernd Hüppauf: Schlachtenmythen und die Konstruktion des „Neuen Menschen“. 1993, S. 47 und Endnote 8 auf S. 80. Für den Gesang wurde angeführt, dass er dazu gedient haben könnte, Freund von Feind zu unterscheiden und Eigenbeschuss durch die Artillerie zu vermeiden (was aber von den ca. vier Kilometer weiter hinten stehenden Kanonieren nicht hätte gehört werden können). Außerdem könnte er zur Kommunikation mit den benachbarten Bataillonen oder den rückwärtigen Linien gedient haben.Bernd Hüppauf: Schlachtenmythen und die Konstruktion des „Neuen Menschen“. 1993, Endnote 8 auf S. 80. Der Gesang wurde wegen des Abstandes zwischen erfahrener Kriegsrealität und dem heroischen Bild, in dem enthusiastische junge Soldaten „in der Tradition von Märtyrern jubelten und sangen, während sie ihr Leben für das Vaterland hingaben“, zu einem integralen Bestandteil des Langemarck-Mythos. Nach weiteren Berichten versuchte man, das Vorbild Langemarck nachzuahmen, so dass auch englische Quellen von deutschen Militärkapellen berichten, die angeblich bei Angriffen „Deutschland, Deutschland über alles“ spielten.auch hier ist die Phantasie mit den Erzählern durchgegangen – in der Praxis ist so etwas nicht durchführbar, noch nie ist eine Militärkapelle bei einem Angriff in der vordersten Reihe zu finden gewesenBernd Hüppauf: Schlachtenmythen und die Konstruktion des „Neuen Menschen“. 1993, S. 47f. und Endnote 9 auf S. 80f. Auch Adolf Hitler berichtete von seinem ersten Kriegserlebnis in dieser Weise; auch dort wird der Wahrheitsgehalt angezweifelt, zumal er als Angehöriger des 16. bayerischen Reserve-Infanterieregiments nicht selbst vor Ort war.Adolf Hitler: Mein Kampf. München 1943, S. 180f.; siehe dazu: Joachim Fest: Hitler. Eine Biographie. Spiegeledition 2006/2007, ISBN 978-3-87763-031-0, Erstes Buch, Endnote 104: „Die Regimentsgeschichte vermerkt, daß die Truppe beim Angriff auf Ypern nicht, wie immer behauptet werde, das Deutschlandlied, sondern ‚Die Wacht am Rhein‘ gesungenen habe“; vgl. auch Konrad Heiden: Adolf Hitler. Eine Biographie. Bd. 1: Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Europa-Verlag, Zürich 1936, S. 55 sowie die Kommentierung in Christian Hartmann u. a. (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Bd. 1, Berlin, München 2016, S. 462, Anm. 51.
Nach dem Ende des vom Deutschen Reich verlorenen Krieges war das Verlangen nach Heldenverehrung offenbar besonders stark. Ab 1921 organisierten zum „Langemarck-Ausschuß Hochschule und Heer“ zusammengeschlossene Studentenorganisationen, Jugendverbände und Veteranenvereine jährliche Langemarck-Feiern. 1924 fanden sich etwa 2000 Mitglieder von Jugendbünden auf der Rhön ein, um der Enthüllung eines Langemarck-Denkmals beizuwohnen. Der Schriftsteller Rudolf Binding schrieb in einer Erinnerung an die Feier später:
Seit 1926 bildeten sich Stahlhelm-Hochschulgruppen, die 1929 aus ihrer Unterstellung unter den jeweils lokalen Stahlhelm-Bund herausgelöst und im Stahlhelm-Studentenring Langemarck zusammengefasst wurden.Vgl. Jens-Markus Sanker: „Stahlhelm unser Zeichen, schwarz-weiß-rot das Band …“. Der Stahlhelm-Studentenring Langemarck. Hochschulpolitik in feldgrau 1926–1935. Würzburg 2004, S. 42. Das studentische Engagement macht deutlich, dass die Formulierung „junge Regimenter“ aus dem OHL-Bericht bald im Sinne von Studenten und Gymnasiasten interpretiert wurde.