mini|Gavrilo Princip erschießt Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau. (Nachempfundene Illustration von Achille Beltrame in der italienischen Zeitung La Domenica del Corriere am 12. Juli 1914), allerdings saß Franz Ferdinand hinten links, seine Gattin auf der rechten Seite.

Beim Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 wurden der Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, bei ihrem Besuch in Sarajevo von Gavrilo Princip, einem Mitglied der serbisch-nationalistischen Bewegung Mlada Bosna (Junges Bosnien), ermordet. Das von der serbischen Geheimgesellschaft Schwarze Hand geplante Attentat in der bosnischen Hauptstadt löste die Julikrise aus, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führte.

Vorgeschichte Zeitliche Festlegung des Besuchs mini|Schlagzeile der New York Times vom 29. Juni 1914 mini|Schlagzeile der Bozner Zeitung vom 29. Juni 1914 mini|Franz Ferdinand von Österreich-Este, Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg (k.u.k. Militärpost, 1917)

Erzherzog Franz Ferdinand begab sich von einem Treffen mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. auf seinem Landsitz Schloss Konopischt in Beneschau (Böhmen) nach Sarajevo, um dem Abschluss der Manöver des k.u.k. XV. und XVI. Korps in Bosnien beizuwohnen. Der Besuch wurde auf Bitte des k.u.k. Statthalters von Bosnien-Herzegowina, Feldzeugmeister Oskar Potiorek, auf den 28. Juni festgelegt.

Die Attentäter planten den Anschlag allerdings schon seit März 1914, weil Zeitungen den Besuch Franz Ferdinands ohne genaue Datumsnennung angekündigt hatten. Den Attentätern war es vor allem wichtig, bei dem Besuch Franz Ferdinands ein Attentat auszuüben, wobei die tiefere Bedeutung des 28. Juni (15. Juni des Julianischen Kalenders) wohl nur ein Nebeneffekt war.Manfried Rauchensteiner: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914–1918. Böhlau, Wien 2013, ISBN 978-3-205-78283-4, S. 87. An jenem Veitstag (Vidovdan) war der 525. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld – ein symbolisches Datum für viele Serben. Gemäß einem Schreiben des Sekretärs der k.u.k. Gesandtschaft in Belgrad, Ritter von Storck, an den Außenminister Graf Leopold Berchtold vom 29. Juni 1914 müssen die österreichisch-ungarischen Behörden über das Ausmaß der monatelang im Voraus geplanten umfangreichen Veranstaltungen im Königreich Serbien zur 525-Jahr-Feier der verlorenen Schlacht sehr gut informiert gewesen sein.Österreichisch-ungarisches Rotbuch. Diplomatische Aktenstücke zur Vorgeschichte des Krieges 1914. Volksausgabe. Manzsche k. u. k. Hof-Verlags- und Universitäts-Buchhandlung, Wien 1915, Dok. 1, S. 8.

Einerseits war der Frühsommer eine übliche Jahreszeit für Manöver, und der Besuch eines Manövers bot sich an, da der Thronfolger bereits seit 1909 als Generalinspektor anstelle des Kaisers derartige Truppenbesuche vornahm. Potiorek wollte das Ansehen der Donaumonarchie, das seit der Bosnischen Annexionskrise des Jahres 1908 nicht sehr hoch war, mit einem Besuch des Thronfolgers pflegen, wozu eine gezielte Provokation kaum beigetragen hätte. Auch machte der als Zivilgouverneur für Bosnien und Herzegowina zuständige Finanzminister Leon Ritter von Biliński zu keiner Zeit Einwendungen gegen den Besuch, weil ihm zufolge der ursprüngliche vom Kaiser genehmigte Plan einen Besuch der Stadt gar nicht vorsah.

Andererseits lässt sich eine eventuelle Provokation durch den nach einem Krieg strebenden Flügel der Regierungskreise in der Donaumonarchie nicht ausschließen. Biliński erwähnt in seinen Memoiren, dass Potiorek eine tiefe Abneigung gegen Serben gehegt habe, was die Bosnienpolitik Österreich-Ungarns und den Konsens mit den bosnischen Serben massiv behindert hätte. Während der Hardliner Potiorek die Serben verachtete, vertrat Biliński einen moderaten Kurs, um die Serben Bosniens für die Monarchie zu gewinnen. Der Zivilgouverneur hatte aber nicht verhindern können, dass der Militärgouverneur den Bosnischen Landtag schloss und serbische Vereinigungen auflöste. Laut Biliński habe der ursprüngliche und von Kaiser Franz Joseph I. genehmigte Plan nur einen Besuch der Truppenmanöver vorgesehen. Die Entscheidung für einen Besuch der Stadt, und insbesondere die Teilnahme der Herzogin, sei kurzfristig und ohne Bilińskis Mitwirkung getroffen worden. Biliński erwähnt auch, dass sein Ministerium als einziges Amt in Österreich-Ungarn ausdrücklich vom Verteiler für die Besuchspläne des Thronfolgers ausgelassen worden sei, um „die Bemühungen des Landeschefs, einen würdigen Gast zu empfangen, nicht zu behindern“.

Frühere Attentate auf hochstehende Repräsentanten der Doppelmonarchie, wie der Anschlag auf Statthalter Marijan Freiherr Varešanin von Vareš am 15. Juni 1910 in Sarajevo, waren fehlgeschlagen, und vermutlich hätten die Attentäter gegebenenfalls auch ein anderes, weniger symbolträchtiges Datum gewählt.Manfried Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers: Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg. Styria, Graz/Wien/Köln ²1994, ISBN 3-222-12116-8, S. 63 f.

Es wird aber auch die Ansicht vertreten, dass gerade in Wien der Vidovdan eigentlich hinreichend als „heiliger Tag“ der Serben bekannt hätte sein müssen. Der Besuch in der erst unlängst annektierten Provinz an diesem Tage, sogar wenn er nicht als Provokation gedacht war, hätte deshalb faktisch als besondere Demütigung – oder, im Gegenteil, als eine sich besonders anbietende Gelegenheit für einen Schlag gegen die Fremdherrschaft – aufgefasst werden können.

Noch am Tag zuvor sendete Sophie von Hohenberg ein Telegramm an eine Freundin, in dem sie ihr Wohlbefinden ausdrückt. Es ist heute im Bautzener Diözesanarchiv archiviert.

Warnungen Bereits früher war es in Sarajevo zu Attentaten gekommen. Der Student Bogdan Žerajić hatte 1910 ein Attentat auf Kaiser Franz Joseph geplant, aufgrund des hohen Alters des Monarchen jedoch davon Abstand genommen. Stattdessen schoss er am 15. Juni 1910 bei der Eröffnung des bosnisch-herzegowinischen Landtags auf den bosnischen Gouverneur, General Marijan Freiherr Varešanin von Vareš, verfehlte ihn aber, woraufhin er sich mit einem Kopfschuss tötete. Žerajić wurde zum Vorbild für Princip: Dieser soll bei Žerajićs Grab feierlich geschworen haben, ihn zu rächen.

Auch nach vagen Vorwarnungen ließ sich Erzherzog Franz Ferdinand nicht von der Fahrt nach Sarajevo abhalten. „Unter einen Glassturz“, hatte er bei einer anderen Gelegenheit gesagt, „lasse ich mich nicht stellen. In Lebensgefahr sind wir immer. Man muss nur auf Gott vertrauen.“ Der Zeitplan und die Fahrtroute wurden Wochen vor dem Besuch in den Zeitungen öffentlich bekanntgegeben, wahrscheinlich auch, um möglichst viele jubelnde Zuschauer anzulocken. Es wurden so gut wie vor jedem Besuch Warnungen ausgesprochen, nicht nur in Bezug auf Bosnien. Keiner der Warner war allerdings so deutlich geworden, dass daraus wirklich das Ausmaß der Gefahr hätte abgeleitet werden können. Da niemand mit Gefahr rechnete, fielen die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend miserabel aus: Nicht nur, dass das Kronprinzenpaar im offenen Wagen durch die Stadt fuhr, es gab auch keine Absperrungen oder Kontrollen entlang der Route. Nur einige wenige Polizisten waren dort postiert, manche in Zivil, doch auch sie waren rasch zu erkennen, da sie beim Vorbeifahren der Kolonne dienstvorschriftsmäßig salutierten. Auf die bei ähnlichen Anlässen übliche Doppelreihe von Soldaten entlang der Fahrtstrecke hatte man verzichtet, um die Serben in der Stadt nicht noch mehr zu provozieren.Herfried Münkler: Der große Krieg. Die Welt 1914–1918. Rowohlt, Berlin 2014, ISBN 978-3-499-62785-9, S. 32 f.

Der serbische Premierminister Nikola Pašić erfuhr nach einer späteren Aussage des damaligen Kabinettmitgliedes Ljuba Jovanović vorab von dem Attentat. Der Informant war wahrscheinlich Milan Ciganović, Pašićs Spion in der Schwarzen Hand (). Dieser Geheimbund hieß eigentlich Ujedinjenje ili Smrt („Vereinigung oder Tod“) und kämpfte für die Gründung eines großserbischen Nationalstaates, in dem ganz Bosnien und Herzegowina aufgehen sollte. Pašić stritt das Vorwissen immer ab, befand sich aber nach Darstellung von Christopher Clark in einem Dilemma: Wenn er den Plan zur Ausführung kommen ließe, riskierte er wegen der Verbindung zur Geheimorganisation einen Krieg mit Österreich-Ungarn; wenn er den Plan verriete, riskierte er, von seinen Landsleuten als Verräter hingestellt zu werden. So betraute er angeblich Jovan Jovanović, den serbischen Gesandten in Wien, mit der Aufgabe, Österreich-Ungarn mit vagen diplomatischen Aussagen vor dem Anschlag zu warnen. Jovanović, der als Nationalist galt und in Wien selten herzlich empfangen wurde, vertraute dem als offen und umgänglich bekannten k.u.k. Finanzminister von Biliński in einem Gespräch an, es wäre gut und vernünftig, wenn Franz Ferdinand nicht nach Sarajevo reiste, weil sonst „irgendein junger Serbe statt einer Platzpatrone eine scharfe Kugel nehmen und sie abschießen könnte“. Biliński erwiderte lachend, „lassen Sie uns hoffen, dass sowas niemals passiert“ und behielt den Inhalt des Gesprächs für sich. Die Authentizität dieser Darstellung von Clark und dieses Gesprächsinhaltes ist jedoch unsicher, da das Gespräch erst zehn Jahre später von Jovanović in widersprüchlicher Weise so dargestellt wurde. Am 4. Juli 1914 meldete Jovanović auf entsprechende Nachfrage Pašićs nach Belgrad lediglich, mit einigen Botschaftern allgemein über die Provokation durch die Manöver geredet zu haben.Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013, ISBN 978-3-421-04359-7, S. 89.Friedrich Würthle: Die Spur führt nach Belgrad. Die Hintergründe des Dramas von Sarajevo 1914. Wien/München/Zürich 1975, S. 32 ff., 276 (Endnote 29).

Laut Christopher Clark wurde eine gewisse Warnung ausgesprochen, aber keine, die der Situation angemessen gewesen wäre. Die offiziellen Sicherheitsvorkehrungen entsprachen nicht den Standards, so dass der übliche Kordon aus Soldaten fehlte sowie die Leibwache aufgrund eines Missverständnisses am Bahnhof zurückgelassen wurde.Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013, ISBN 978-3-421-04359-7, S. 95, 477.

Dagegen urteilt Jörn Leonhard, dass „[d]er Bericht des Grafen Harrach […] über den 28. Juni 1914 […] ein kaum nachvollziehbares Ausmaß an Naivität der Behörden“ offenbare.Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Kapitel 3: Entgleisung und Eskalation: Sommer und Herbst 1914. München 2014, Kindle-Ausgabe Position 1572.

Vorbereitungen für den Anschlag mini|Dragutin Dimitrijević Oberst Dragutin Dimitrijević, genannt Apis, Chef des serbischen militärischen Geheimdienstes und Führungsfigur der Schwarzen Hand, war der wichtigste Kopf hinter der Verschwörung zur Ermordung Erzherzog Franz Ferdinands, aber die Idee stammt vermutlich von seinem Kameraden Rade Malobabić. Im Rahmen dieser Verschwörung rekrutierte der ehemalige Freischärler Voja Tankosić den Kern des nach Bosnien geschickten Kommandos, die drei Mitglieder der proserbischen bosnischen Jugendorganisation Mlada Bosna (Junges Bosnien): Gavrilo Princip, ein 19-jähriger Gymnasiast, Nedeljko Čabrinović, ein 19-jähriger Druckergeselle, und Trifun „Trifko“ Grabež, ein 18-jähriger Schulabbrecher.Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013, ISBN 978-3-421-04359-7, S. 79 ff.