Ein Jahr null gibt es in der von den Historikern angewendeten traditionellen christlichen Zeitrechnung nicht, wohl aber in der astronomischen Jahreszählung sowie der internationalen Zeitnorm ISO 8601.

Im traditionellen System werden die Jahre mit Ordinalzahlen vor und nach der Geburt Christi gezählt: Das Jahr 1 vor Christi Geburt endet am 31. Dezember (1 v. Chr.), am nächsten Tag, dem 1. Januar, beginnt das Jahr 1 nach Christi Geburt (1 n. Chr.).

Die astronomische Jahreszählung verwendet hingegen die um die Null und die negativen Zahlen erweiterten natürlichen Zahlen, die sogenannten ganzen Zahlen. Die in dieser Zahlenreihe enthaltene 0 wird dem Jahr 1 v. Chr., die Zahl −1 dem Jahr 2 v. Chr. zugeordnet.

Vergleich von traditioneller und astronomischer Jahreszählung Im Gegensatz zur historischen Jahreszählung trägt die astronomische Zählung eine einheitliche Kalendermathematik. Sämtliche Formeln und Relationen, die sich auf der Grundlage der astronomischen Jahreszählung für alle Jahre der Welt einheitlich herstellen lassen, brechen bei der historischen Jahreszählung in zwei heterogene Teile auseinander.

Die Jahre 2 v. Chr., 1 v. Chr., 1 n. Chr. (bzw. 2 BC, 1 BC, 1 AD) der historischen Jahreszählung heißen in astronomischer Zählweise −1, 0, 1.

zentriert|400px|Illustration zum Jahr Null

Jüngere Astronomie-Handbücher erläutern die Unterschiede wie folgt:

Geschichte der astronomischen Jahreszählung Die insbesondere von Astronomen bevorzugte Zählweise wird wahlweise als astronomische oder wissenschaftliche Jahreszählung bezeichnet. Die Sache hat aber in ihrem Kern nichts mit Astronomie zu tun, sondern mit Kalendermathematik.

Sehr wahrscheinlich stammt die Idee, die traditionelle Jahreszählung durch eine auch zum Rechnen taugliche Zählweise zu ersetzen, in der das Jahr vor dem Jahr 1 mit der Zahl 0 bezeichnet wird, von dem italienischen Astrologen Luca Gaurico (1476–1558).Luca Gaurico: Calendarium ecclesiasticum novum, Venedig 1552, C2v, C6v, –, De eclipsi solis miraculosa in Passione Domini observata, Paris 1553, 12r, 40v–41r. Er begründete seine Setzung arithmetisch. Als Astrologe interessierte er sich für Spiegelungen in der Chronologie, er benötigte das Jahr Null als Symmetriezentrum. Im 17. Jahrhundert war die astronomische Jahreszählung bei der Akademie der Wissenschaften zu Paris üblich, wie sich aus dem Vortrag des Astronomen Giovanni Domenico Cassini von 1696 ergibtSitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften. Paris 1698, S. 390 und in Joh. Albertus Fabricius: S. Hippolyti Episcopi et Martyri Operum vol. etc. Hamburg 1716, S. 62.. Publik wurde die neue Zählweise dann vor allem durch seinen Sohn Jacques Cassini, der sie in astronomischen Tabellen benutzte.Jacques Cassini: Éléments d'astronomie & Tables astronomiques. Imprimerie Royale, Paris 1740. Oft hält man heute Jacques Cassini für den Vater der astronomischen Jahreszählung.

Vergleich zwischen moderner und römischer Zeitrechnung Die traditionelle historische Zeitrechnung entspricht dem römischen Kalender christlicher Zeitrechnung, benutzt aber trotz fehlendem Jahr null das arabische Zahlensystem. Die astronomische Zeitrechnung besitzt dieses Jahr null. Dem Jahr 1 v. Chr. entspricht das Jahr 753 nach der Gründung Roms nach der Sage.

+ Gegenüberstellung moderne Datumsangaben und lateinische DatumsangabenDie Tabelle gibt den theoretischen, richtig angewendeten Julianischen Kalender wieder. Julius Caesar führte seinen neuen Kalender am 1. Januar DCCIX a. u. c. (709 = 45 v. Chr.) ein. Dieses Jahr war gleich ein Schaltjahr. Das Jahr zuvor wird als Verworrenes Jahr bezeichnet (weil es 445 Tage hatte). Nach Caesars Tod wurde aber 36 Jahre lang ein falscher, missverstandener Schaltmodus angewendet. Das Jahr 709 a. u. c. wurde gleich wieder als erstes Jahr verstanden und im „vierten“ Jahr 712 abermals ein Schaltjahr eingelegt, also schon nach drei Jahren. So waren die römischen Jahre 715, 718, 721 etc. bis einschließlich 745 a. u. c. (9 v. Chr.) alle tatsächlich Schaltjahre. 36/3 = 12, aber 36/4 = 9. Das Jahr 745 wäre auch bei richtig angewandten Schaltregeln römisches Schaltjahr gewesen. Die eigentlichen Schaltjahre 749 a. u. c. (5 v. Chr.), 753 a. u. c. (1 v. Chr.) und 757 a. u. c. (4 n. Chr.) fielen aber aus – waren also Gemeinjahre –, um den Kalender zu korrigieren. Modernes Datum Historisches JahrIm lateinischen Kontext: Ante Christum natum (AC) – lateinisch: „vor Christi Geburt“; Anno Domini (AD) – lateinisch: „im Jahre des Herrn“, also nach der Geburt Christi. Astronomisches Jahr   Römisches JahrAb urbe condita (a. u. c.) – lateinisch: „seit der Gründung der Stadt (Rom)“. Lateinisches DatumObwohl Caesar das Neujahr eindeutig auf den 1. Januar festlegte, können Datumsangaben wie „pridie Kal. Ian.“ mit folgender Jahreszahl verschieden interpretiert werden, da die Römer ab dem 14. Dezember rückwärts zählten (XIX ante Kal. Ian.). Der 30. Dezember ist der dritte [sic] Tag vor den Kalenden, während der 31. Dezember der Vortag (pridie Kal. Ian.) der Kalenden des kommenden neuen Jahres ist. 31. Dezember 1 v. Chr. 0 = DCC.LIII a. u. c. pridie Kal. Ian. 1. Januar  1 (n. Chr.) 1 = DCC.LIV a. u. c. Kalendis Ianuariis

Anmerkungen zur Tabelle

Siehe auch Zeitenwende (geschichtswissenschaftliche Bezeichnung desselben Zeitpunkts) Millennium (Begriffsklärung) Jahreskalender: 1. Jahrhundert v. Chr. und 1. Jahrhundert n. Chr. Dekaden: 0er Jahre v. Chr. und 0er Jahre n. Chr. Jahre: Jahr 1 v. Chr. und Jahr 1 n. Chr. Ära – ausgewählte Punkte der Chronologie Zaunpfahlproblem – zu allgemeinen Problematiken mit Nullpunkten Astronomische Chronologie

Literatur Arnold Linke: Wann beginnt das dritte Jahrtausend? In: Sternkieker. Zeitschrift der Gesellschaft für volkstümliche Astronomie e. V. Hamburg, 37. Jahrgang, 2. Quartal 2000, Nr. 181, S. 88.

Weblinks Eric W. Weisstein: Calendar. In: Eric Weisstein’s World of Astronomy (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Zeitrechnung Kategorie:Jahresbegriff