mini|Kurzvideo über den Unterschied zwischen Gender und biologischem Geschlecht (Tagesschau)

Als Gender (englisch [] oder []; Fremdwort aus dem Englischen), soziales Geschlecht oder Geschlechtlichkeit werden Geschlechtsaspekte zusammengefasst, die eine Person in Gesellschaft und Kultur in Abgrenzung zu ihrem rein biologischen Geschlecht (englisch sex) beschreiben. In den Sozialwissenschaften untersuchen die Gender Studies (Geschlechterforschung) seit den 1970er-Jahren das Verhältnis der Geschlechter zueinander, ihre unterschiedlichen Geschlechterrollen und die soziokulturelle Geschlechterordnung sowie – in kritischer Absicht – insbesondere auch deren gesellschaftliche Entstehung bzw. Konstituierung.

Etablierung Die e Bezeichnung gender role (Geschlechterrolle) wurde 1955 erstmals vom britischen Sexualwissenschaftler John Money in einem Aufsatz über Hermaphroditismus verwendet.John Money, Joan G. Hampson, John Hampson: An Examination of Some Basic Sexual Concepts: The Evidence of Human Hermaphroditism. In: Bulletin of the Johns Hopkins Hospital. Band 97, Nr. 4, 1. Oktober 1955, S. 301–319 (englisch; PMID 13260820). Die Feministin Gayle Rubin etablierte gender in den 1970er-Jahren als Begrifflichkeit, Judith Butler entwickelte sie in der Queer-TheorieHannelore Bublitz: Judith Butler zur Einführung. 3., vollständig überarbeitete Auflage. Junius, Hamburg 2010, ISBN 978-3-88506-678-1, S. 58–59 (erstveröffentlicht 2002; ).Paula-Irene Villa: Judith Butler: Eine Einführung. 2., aktualisierte Auflage. Campus, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-593-39432-9, S. 99 (). weiter. Später wurde die Bezeichnung Gender ins Deutsche übernommen, um auch hier, wie zuvor im anglo-amerikanischen Kulturraum, eine sprachlich erweiterte Unterscheidung zwischen juristischem, sozialem und biologischem Geschlecht einzuführen. Der Anglizismus Gender wird in diesem Kontext im deutschen Sprachraum meist mit „soziales Geschlecht“ übersetzt und dient vor allem zur analytischen Kategorisierung. Entsprechende Ansätze werden in jüngerer Zeit im Forschungsfeld der Gender Studies („Geschlechterstudien, Geschlechterforschung“) zusammengefasst.

Eine der frühesten und bis heute einflussreichen Thematisierungen von Geschlechterrollen stammt von Simone de Beauvoir, die schon 1949 feststellte: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht: Sitte und Sexus der Frau. Rowohlt, Hamburg 1951, S. 265; Neuübersetzung: Rowohlt, Reinbek 1992, S. 334 (französisch 1949: Le Deuxième Sexe).

Begriffsgeschichte und Definitionen mini|Ausbruch aus der Geschlechterrolle: die Brigantin Michelina De Cesare in Süditalien (19. Jh.)

Das Wort „Gender“ ist ein Anglizismus, wobei das englische Wort gender ursprünglich entlehnt ist aus der lateinischen Sprache, in der genere natus („Geburtsgeschlecht“) der grammatische Ablativ von genus ist, was „Gattung“ bedeutet. Das Wort „Geschlecht“ wurde im Deutschen ursprünglich für die Herkunft beziehungsweise die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe verwendet, etwa im Kontext der Ständeordnung (vergleiche Genealogisches Geschlecht). Die Veränderung der Wortbedeutung hin zu der des lateinischen sexus für das biologische Geschlecht erfolgte erst später (vergleiche Sexus in der Sprache).Herkunftswörterbuch:

Im Englischen wurden die Bezeichnungen gender und sex historisch synonym benutzt. Das Oxford Etymological Dictionary of the English Language von 1882 gibt die Bedeutung alternativ mit kind, breed, sex an (Art, Sorte, Geschlecht) und verweist auf das lateinische genere natus. Danach geriet der Ausdruck vorübergehend in Vergessenheit und wurde bis in die 1950er-Jahre fast ausschließlich für das grammatische Geschlecht (Genus) verwendet, welches im Englischen nur rudimentär ist. Mit Beginn der sexuellen Revolution in den USA seit dem Kinsey Report entstand ein Bedürfnis, die sozialen Geschlechterfragen sprachlich vom Wort sex zu trennen (sex gap vs. gender gap), und der Ausdruck gender kam wieder in Gebrauch.

Heute bezeichnet Gender darüber hinaus in den Sozialwissenschaften die gesellschaftliche Geschlechterrolle (englisch gender role) oder die sozialen Geschlechtsmerkmale. Er bezieht sich also auf alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird (etwa Kleidung und Beruf); Gender verweist nicht unmittelbar auf körperliche Geschlechtsmerkmale (sex).

Versuch der wissenschaftlichen Begründung Die Bezeichnung wurde in dieser Bedeutung zunächst für Personen verwendet, die sich als Inter- oder Transgeschlechtliche nicht ohne Weiteres als männlich oder weiblich einordnen ließen. In diesem Kontext führte der US-amerikanische Psychologe John Money (1921–2006) im Jahr 1955 die Bezeichnungen gender role und gender identity ein, um die Diskrepanz zwischen erwartetem und tatsächlichem Verhalten solcher Personen diskutieren zu können. Zuvor wurden die Bezeichnungen sex role beziehungsweise sex identity verwendet, jedoch war gerade bei diesen Personen das körperlich-biologische Geschlecht (englisch sex) nicht eindeutig ausgebildet. John Money verwendete 1955 folgende Definition:

Doing Gender wurde in seiner heutigen, sozialkonstruktivistischen Konnotation von Harold Garfinkel etabliert,Regine Gildemeister: Doing Gender: Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung. In: Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden 2010, S. 139. der ihn auf den Fall der neunzehnjährigen Agnes anwandte, einer Patientin Robert Stollers an der University of California. Agnes’ Geschichte wurde von Garfinkel Ende der 1950er durch Interviews mit ihr und den verantwortlichen Ärzten nachgezeichnet und bildete einen wichtigen Teil seiner 1967 erschienenen Studies in Ethnomethodology. Während in der soziologischen Verwendung des Genderbegriffs zunächst der Fokus auf Abweichungen von Geschlechtsnormen dominierte, rückten in den 1970er-Jahren auch Mädchen und Frauen, die Geschlechtsnormen entsprachen, in das Blickfeld der Forschung. Das Genderkonzept wurde in diesem Zug vor allem von der feministischen Forschung als Konzept entdeckt und weiterentwickelt. Die Unterscheidung von sex als natürlichem, unabänderlichem Geschlecht einerseits und gender als sozial ausgehandeltem, veränderlichem Konzept andererseits bildete dabei die Basis für Kritik an den Verhältnissen zwischen Männern und Frauen. So wurden etwa die psychologischen und physischen Zuschreibungen, auf denen der Ausschluss von Frauen von bestimmten Berufen basierte, hinterfragt, indem die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern in Geschlechts- und Berufsbildern aufgezeigt wurden.

Joan Wallach Scott definiert Gender als konstitutives Element gesellschaftlicher Beziehungen, das auf wahrgenommenen Differenzen zwischen den Geschlechtern basiert und in dem Machtbeziehungen eine wesentliche Bedeutung erhalten. Es umfasst nach Scott vier Elemente:Joan W. Scott: Gender. Eine nützliche Kategorie der historischen Analyse. In: Nancy Kaiser (Hrsg.): Selbst Bewußt. Frauen in den USA. Leipzig 1992, S. 27–75, hier S. 52–55. Symbolische Repräsentationen (etwa „Eva“ und „Maria“, Mythen der Reinheit und Verschmutzung) Normative Konzepte, die die Interpretation der Symbole und die Wahl von Alternativen einschränken (etwa die viktorianische Konzeption von „Häuslichkeit“) Bezüge zu gesellschaftlichen Institutionen (Ehe, Familie, Bildung, Arbeitsmarkt, Politik usw.) Subjektive Identitätsbildung – in diesem Bereich vollzieht sich die Reproduktion des sozialen Geschlechts.

David Reimer Der Psychologe und Sozialwissenschaftler John Money versuchte seine Theorie, der zufolge das Identitätsgeschlecht eines Menschen erst mit etwa drei Jahren entwickelt und vorher beliebig veränderbar ist, 1966 an dem damals 22 Monate alten Bruce Reimer zu belegen, der nach einer missglückten Genitalbeschneidung durch Ärzte seinen Penis verlor. Money empfahl den Eltern, eine chirurgische Geschlechtsangleichung des Kindes vorzunehmen und es, verbunden mit einer Östrogenbehandlung, als Mädchen Brenda aufzuziehen. Trotz dieser Erziehung benahm und fühlte sich Brenda wie ein Junge und wurde aufgrund ihres maskulinen Gangs, ihrer Vorlieben und ihres Verhaltens in der Schule gehänselt. Als Brenda mit 14 Jahren von ihrer Geschichte erfuhr, nahm sie den Namen David an und ließ die Angleichung rückgängig machen. Er heiratete und adoptierte die drei Kinder seiner Frau. David Reimer nahm sich 2004 im Alter von 38 Jahren das Leben. Moneys Experiment gilt als gescheitert, wenn auch dieser es als durchschlagenden Erfolg im Sinne seiner Theorie der geschlechtsneutralen Geburt mit anschließender erzieherischer Prägung in Richtung Mann oder Frau interpretierte. Der Sexualforscher Gunther Schmidt weist auf einen vergleichbaren Fall hin, in dem ein Junge nach Penisverlust als Mädchen erzogen wurde und heute als bisexuelle Frau in einem eher als männlich geltenden Beruf arbeitet.Gunter Schmidt: Sexualität: Tragödie als Schurkenstück. In: Der Spiegel. 2. Oktober 2000, abgerufen am 7. Februar 2021.

Gender und biologisches Geschlecht in den Gender Studies Ende der 1970er-Jahre entstehen erste Ansätze einer feministischen Anthropologie, weil viele Frauen sich von der Anthropologie („Menschenkunde“) Antworten zum Ursprung ihres geringeren sozialen Status erhoffen.Kathleen Sterling: Man the Hunter, Woman the Gatherer? The Impact of Gender Studies on Hunter-gatherer Research (a Retrospective). In: Vicki Cummings, Peter Jordan, Marek Zvelebil (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Archaeology and Anthropology of Hunter-gatherers. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-955122-4, S. 151–173, hier S. 156 (englisch; ); Zitat: „The late 1970s marks the beginning of feminist anthropology. […] many women looked to anthropology seeking the origins of women’s lower status (Reiter 1975a).“ Die Bandbreite der Definitionen von Geschlecht innerhalb der Gender Studies ist extrem groß, wobei der zentrale Streitpunkt ist, inwiefern Geschlecht(lichkeit) durch 'Natur' oder aber durch 'Kultur' bestimmt wird und der naturalistische Pol durch den Ökofeminismus der 1970-80er Jahre, der radikal konstruktivistische Pol durch die Butler-Schule repräsentiert wird.Barbara Holland-Cunz 2021: Geschlecht (sex and gender). In: Kirchhoff, Thomas (Hg.): Online Encyclopedia Philosophy of Nature/Online Lexikon Naturphilosophie. Heidelberg, Universitätsbibliothek Heidelberg, doi:10.11588/oepn.2021.2.85090: S. 6f. Letztere erfuhr ihre Grundlegung durch die 1990 erschienene und bis heute sehr einflussreiche Schrift Gender Trouble (deutsch: Das Unbehagen der Geschlechter) der feministischen Philosophin Judith Butler, in der sie die Probleme diskutiert, die sich aus der Zuschreibung und der Reproduktion von zweigeteilten Geschlechterverhältnissen ergeben.Paula-Irene Villa und Tatjana Schönwälder im Gespräch mit René Aguigah: 30 Jahre „Gender Trouble“ von Judith Butler: Explosiver Klassiker der Geschlechterforschung. In: Deutschlandfunk Kultur. 1. März 2020, abgerufen am 14. März 2020 (mit Audio: 38:43 Minuten).Ines Kappert: 30 Jahre Judith Butlers „Gender Trouble“: Gewissheiten in Frage stellen. In: taz.de. 14. März 2020, abgerufen am 14. März 2020. Nachfolgend entwickelt sich auch eine feministische Ethnologie, die „kulturvergleichend die Bedeutung der Kategorie Geschlecht im alltäglichen Leben, in der Forschung und in Theorien“ untersucht.Margrit E. Kaufmann: In: Journal Ethnologie. 2004, abgerufen am 14. März 2020 (Bremer Institut für Kulturforschung bik, Universität Bremen).

Kritik an der Unterscheidung von biologischem Geschlecht und Gender