mini|hochkant=1.3|Frau und Mann mit unterschiedlich ausgeprägten Körperproportionen und Geschlechtsorganen. Hier zur besseren Erkennbarkeit ohne die bei Erwachsenen üblichen Scham- und Achselhaare, sowie beim Mann ohne Bart- und Brusthaare.
Als menschliche Geschlechtsunterschiede werden all jene Unterschiede in der Anatomie, der Psyche und im Sozialverhalten zwischen Menschen bezeichnet, die auf deren Zugehörigkeit zum männlichen oder weiblichen Geschlecht zurückgeführt werden. Vereinfacht wird der Begriff als Geschlecht bezeichnet.
Einteilung mini|Wie entstehen menschliche Geschlechtsunterschiede? Erklärvideo (1 min 45) mini|hochkant=1.4|Geschlechtsorgane bei Mann und Frau, von denen einige aus denselben embryonalen Anlagen entstehen, also homolog sind.Michael Schünke, Erik Schulte, Udo Schumacher: PROMETHEUS - LernAtlas der Anatomie - Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem. Thieme Verlag, 6. Auflage, Stuttgart New York, 2022, S. 230, 236–245, ISBN 978-3-13-244413-3.
Es wird unterschieden zwischen primären, sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen. Primäre Geschlechtsmerkmale sind beim Mann Penis, Hoden, Nebenhoden und Samenwege, bei der Frau Klitoris, Eierstöcke, Eileiter, Gebärmutter, Vulva und Vagina. Die primären Merkmale sind bereits bei der Geburt ausgebildet. Die sekundären Geschlechtsmerkmale bilden sich in der Pubertät durch die Einwirkung von Sexualhormonen aus. Dazu gehören bei allen Geschlechtern das Wachstum von Achsel- und Schamhaar, beim jungen Mann der Bartwuchs, bei den Mädchen das Wachstum der Brust und die Vermehrung des Fettgewebes. Jungen und Mädchen kommen in der Pubertät in einen Stimmbruch, wobei die männlichen Teenager eine merklich tiefere Stimme bekommen als ihre Kinderstimme, während bei jungen Mädchen die Stimme nur geringfügig tiefer wird. Meistens kann man das Geschlecht einer Person mit dem Hörsinn erkennen.
Zu den tertiären Geschlechtsmerkmalen zählen der jeweilige Körperbau, z. B. Körpergröße und Beckenform, sowie geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Gefühle (Psyche). Die Unterscheidung zwischen sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen ist nicht immer eindeutig.Bernhard Rensch: Die stammesgeschichtliche Sonderstellung des Menschen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 1957, ISBN 3-663-02237-4, S. 33.
Genetische Grundlage mini|Karyotyp einer Frau
Aus molekularbiologischer Sicht unterscheiden sich Frau und Mann durch die Ausbildung der Geschlechtschromosomen. Während die Frau ein Chromosomenpaar aus zwei X-Chromosomen (XX) besitzt, liegt beim Mann ein Paar aus einem X-Chromosom und einem Y-Chromosom mit den jeweiligen Genen vor. Geschlechtsbestimmend ist dabei vor allem die Sex determining region of Y (SRY), die beim Mann für die embryonale Produktion des Hoden-determinierenden Faktors (TDF für englisch: Testis-determining factor), eines Proteins, und über diesen bereits während der frühen Embryonalentwicklung für die Ausbildung von primären männlichen Geschlechtsmerkmalen verantwortlich ist. Dieser Unterschied führt zu einem Geschlechtsdimorphismus.
Bei Fehlen des TDF bilden sich dagegen weibliche Geschlechtsmerkmale heraus. Durch verschiedene genetisch bedingte Ursachen kann sich ein Embryo ausnahmsweise auch trotz eines 46,XY-Chromosomensatzes zu einem weiblichen Baby entwickeln (siehe auch: XY-Frau).
Anatomie Körperbau Der größte Unterschied beim Knochenbau zeigt sich bei dem bei Frauen ausladenderen Becken, welches für das Gebären notwendig ist. Männer sind außerdem durchschnittlich 7 % größer und haben eine höhere Knochendichte (die im Alter weniger stark abnimmt) und einen höheren Muskelanteil. Männer haben weiter im Schnitt einen geringeren Körperfettanteil, welcher stärker im Rumpf und Bauch konzentriert ist.
Die Variationsbreite innerhalb der menschlichen Populationen ist jedoch so groß, dass nur anhand des Körperbaus nicht immer eine zweifelsfreie Zuordnung möglich ist.Thomas F. Lang: The Bone-Muscle Relationship in Men and Women. In: Hindawi Journal of Osteoporosis. 5. Oktober 2001.Ego Seemann: Sexual Dimorphism in Skeletal Size, Density, and Strength. In: The Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism. 1. Oktober 2001.
Gehirn Das menschliche Gehirn ist statistisch gesehen in einigen Regionen ebenfalls sexualdimorph, wobei die Unterschiede als eher klein angesehen werden.
Unterschiede Das männliche Gehirn ist im Durchschnitt 11 % schwerer, und dieser Unterschied bleibt signifikant, wenn die Körpergröße konstant gehalten wird. Die Größe einzelner Hirnareale im Verhältnis zur Gesamtgröße unterscheidet sich ebenfalls. Bezüglich der Größenunterschiede bestimmter Hirnareale ist allerdings zu beachten, dass die innergeschlechtlichen Varianzen die geschlechtsspezifischen übersteigen können.
Die Frontallappen sind bei Frauen eher größer, die Amygdala und der Hypothalamus bei Männern.
Auch bei Hirnarealen, die für kognitive Funktionen zuständig sind, gibt es Geschlechtsunterschiede. Frauen haben im Mittel ein relativ größeres Sprachzentrum, und Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass diese anatomischen Merkmale mit höheren Sprachfertigkeiten von Frauen korrelieren.
Ein weiterer Sexualdimorphismus des menschlichen Gehirns ist die Lateralisation des Gehirns. Bei Männern sind die beiden Hemisphären in Bezug auf Sprache und Raumvorstellung tendenziell asymmetrischer organisiert als bei Frauen, was für einige Unterschiede in kognitiven Funktionen sorgen könnte. So haben Schäden an einer Hemisphäre bei Frauen manchmal weniger starke Auswirkungen als bei Männern.
Erklärungsansätze der Unterschiede Die unterschiedliche Hirnentwicklung beginnt sehr früh im Leben, wofür wahrscheinlich sowohl pränatale Sexualhormone als auch genetische Signale verantwortlich sind.
Bekannt ist zudem, dass Erfahrungen die Gehirnstrukturen prägen, wodurch geschlechterspezifische Erfahrungen Einfluss auf die Unterschiede im Aufbau des Gehirns haben können.
Körperliche Leistungsfähigkeit Es ist nicht möglich, ein einheitliches Maß für die körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen aufzustellen. Stattdessen wird die Leistungsfähigkeit für jede Disziplin einzeln bestimmt. Männer erreichen im Leistungssport im Schnitt 10 bis 20 % mehr Leistungsfähigkeit in den einzelnen Disziplinen. Dieser Effekt ist umso stärker, je mehr es auf Kraft ankommt. Der höhere Fettstoffwechsel von Frauen ist bei Ultra-Ausdauerdisziplinen von Vorteil., Lutz Aderhold, German Road Races, 23. Januar 2014.
Frauen besitzen im Bevölkerungsdurchschnitt etwa zwei Drittel der körperlichen Leistungsfähigkeit von Männern und haben im Durchschnitt 55 % der Muskelkraft von Männern. Die besten 20 % der Frauen haben dieselbe körperliche Leistungsfähigkeit wie die schlechtesten 20 % der durchschnittlichen männlichen Bevölkerung. Frauen verfügen jedoch über eine höhere Ausdauer als Männer. Running Endurance in Women Compared to Men: Retrospective Analysis of Matched Real-World Big Data auf pubmed.ncbi.nlm.nih.gov, abgerufen am 1. September 2025
In Deutschland haben Arbeitgeber im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung über die Lastenhandhabungsverordnung durch geeignete Messwerkzeuge, etwa die Leitmerkmalmethode, auf diese geschlechtsspezifischen Unterschiede Rücksicht zu nehmen. International sind die Unterschiede durch die ISO 11228 (Ergonomie – Manuelles Handhaben von Lasten) zum Heben, Halten, Tragen, Ziehen und Schieben von Lasten normiert. Europäische Norm ist die EN 1005 (Sicherheit von Maschinen – Menschliche körperliche Leistung).
Weitere Dimorphismen Frauen in allen bisher untersuchten menschlichen Populationen haben im Durchschnitt eine hellere Hautfarbe als Männer. Die Helligkeit korreliert bei Frauen (nicht bei Männern) positiv mit dem pränatalen Östrogenspiegel.
Einer in Island und den Niederlanden durchgeführten Studie zufolge kommt die Augenfarbe grün mehr als doppelt so häufig bei Frauen wie bei Männern vor, auch Sommersprossen sind deutlich häufiger.
Frauen haben im Verhältnis zu ihrer Körpergröße kleinere Füße als Männer.K. Krishan, T. Kanchan, N. Passi, J. A. DiMaggio: Sexual dimorphism in foot length ratios among North Indian adolescents. In: Journal of Forensic and Legal Medicine. 2015, doi:10.1016/j.jflm.2015.09.007, PMID 26414875.M. Voracek, M. L. Fisher, B. Rupp, D. Lucas, D. M. Fessler: Sex differences in relative foot length and perceived attractiveness of female feet: relationships among anthropometry, physique, and preference ratings. In: Perceptual and Motor Skills. 2007, doi:10.2466/pms.104.4.1123-1138, PMID 17879647.
Hormone Bei allen Menschen ist die Menge an produzierten und freien Hormonen sowie die Reaktivität des Körpers auf die Hormone individuell. Bei einigen Hormonen, wie etwa den Sexualhormonen, können jedoch deutliche, geschlechtsabhängige Tendenzen festgestellt werden.
Sexualhormone Während bei Frauen tendenziell Östrogene und Gestagene erhöht sind, sind es bei Männern eher Androgene.
Pränatal Vor der Geburt sind Jungen durchschnittlich mehr Testosteron ausgesetzt als Mädchen. Dies kann jedoch durch einen Enzymdefekt anders ausgeprägt sein, wie etwa bei dem adrenogenitalen Syndrom.
Reproduktive Kapazität Die Eierstöcke produzieren pro Monat etwa eine Eizelle, die sich zusammen mit einem Spermium zu einem Embryo entwickeln kann. Die Hoden produzieren pro Monat mehrere Milliarden Spermien, die sich jeweils zusammen mit einer Eizelle zu einem Embryo entwickeln können. Dies bedeutet, dass ein Mann in seinem Leben eine weitaus größere Zahl von Kindern zeugen als eine Frau bekommen kann. Im Durchschnitt haben Frauen und Männer die gleiche Anzahl an Kindern, da jedes Kind immer eine Mutter und einen Vater hat. Die Varianz ist jedoch weitaus höher bei Männern. Männer tendieren diesbezüglich dazu, durch die Zahl der Kopulationen beschränkt zu sein, Frauen durch ihre Fruchtbarkeit. (PDF; 350 kB)
Mulai Ismail soll über 850 Kinder gezeugt haben. Die Frau mit den meisten Kindern war zeitgenössischen Quellen zufolge die russische Bäuerin Walentina Wassiljewa (18. Jahrhundert). Aus 27 Schwangerschaften resultierten 69 Kinder.
Die Fruchtbarkeit von Frauen nimmt ab dem Alter von etwa 30 Jahren ab und endet mit der Menopause. Männer sind länger fruchtbar. Die älteste bekannte Mutter, María del Carmen Bousada, war zum Zeitpunkt der Geburt 67, der älteste bekannte Vater 93 Jahre alt.
Intersexualität Die Natur bietet eine breite Spanne von Ausprägung der Geschlechter. So gibt es beispielsweise Frauen mit erhöhtem Testosteronspiegel und Menschen mit Androgenresistenz, die bei einem XY-Karyotyp ein weibliches Erscheinungsbild haben. Diese und weitere Zwischenformen zwischen Mann und Frau werden unter dem Begriff Intergeschlechtlichkeit (auch Intersexualität) zusammengefasst. Dieser Umstand erschwert es, eine allgemein für den Leistungssport gültige Definition für „Frau“ zu finden.Remo Geisser: 800-m-Lauf der Frauen Der Endlauf der Kontroverse. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. August 2016.Henrik Furrer: Diese intersexuellen Sprinterinnen deklassieren ihre Gegnerinnen – liegts am Testosteron? In: Aargauer Zeitung. 31. August 2016.
Biologisch beeinflusste Verhaltens- und Persönlichkeitsunterschiede
Die Geschlechtsunterschiede beim Menschen gehen weit über anatomische Merkmale hinaus und finden sich in vielen Aspekten der Kognition, des Verhaltens und Störungen dessen wieder. Auch leben Frauen meist länger als Männer.S. Waldorn, S. Johnson: Why do women live longer than men? In: Journal of Human Stress. Nr. 2, 1926, S. 1–13 und 19–30.
Verhaltensunterschiede werden auch bei unterschiedlichen Präferenzen bei der Partnerwahl und sexuellen Mentalitäten diskutiert. (siehe dazu Partnerwahl beim Menschen#Evolutionäre Psychologie)
Hormone und Verhalten Der traditionellen Sicht zufolge sind Hormone die einzigen biologischen Ursachen für Verhaltens- und Kognitionsunterschiede zwischen Mann und Frau.