Brügge (, ) ist die Hauptstadt der Provinz Westflandern in Belgien. Die Gemeinde grenzt mit dem Ortsteil Zeebrugge an die belgische Küste. Außerdem ist Brügge Bischofssitz des Bistums Brügge. Mit Einwohnern () ist sie die größte Stadt der Provinz. Der Bezirk Brügge umfasst weitere Gemeinden und liegt mit Einwohnern auf Platz zwei in der Provinz, hinter dem Bezirk Kortrijk.
Im Spätmittelalter war die Region um Brügge eines der Zentren der Textilindustrie und des Fernhandels in Europa und damit eine der Geburtsstätten des Frühkapitalismus. In der Stadt residierten zeitweise die Herzöge von Burgund, unter deren Herrschaft Brügge zu einer der wirtschaftlich und kulturell reichsten Städte im damaligen Europa wurde.
Die Altstadt ist umgeben von Kanälen und von Wallanlagen, auf denen Windmühlen stehen. Da Brügge nie durch Kriege oder großflächige Brände zerstört wurde, sind mittelalterliches Stadtbild und historische Gebäude sehr gut erhalten. Die Stadt ist zu Fuß oder per Bootstour erkundbar. Die Kanäle, die die Stadt durchziehen, nennen die Einheimischen Reien nach dem im Mittelalter vollständig kanalisierten Flüsschen Reie, das durch Brügge und dann direkt in die Nordsee floss.
Der mittelalterliche Stadtkern wurde 2000 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. 2002 war Brügge Europäische Kulturhauptstadt.
Der Seehafen Zeebrugge liegt etwa 14 km nördlich von Brügge.
Name Ein Ursprung aus einem westgermanischen Wort für „Brücke“ ist wahrscheinlich.etymologiebank.nl: Namensherkunft Brugge (niederländisch) Mehrere ähnliche Wörter werden in den alten Dokumenten in verschiedenen germanischen Sprachen erwähnt, z. B. altenglisch bryċġ > bridge, altsächsisch bruggia, althochdeutsch brucca, altnordisch bryggja, die wohl alle auf das germanische *bruʒjō zurückgehen.bridge. In: T. F. Hoad: English Etymology. Oxford University Press, 1993.
Siehe dazu auch andere Bezeichnungen für alte Hafenkais.
Stadtteile mini|Stadtteile Brügges Innenstadt Brügge, Sint-Pieters und Sint-Jozef (I) Koolkerke (II) Sint-Andries (III) Sint-Michiels (IV) Assebroek (V) Sint-Kruis (VI) Dudzele (VII) Lissewege, Zeebrugge (Seebrügge) und Zwankendamme (VIII)
Geschichte Vorgeschichte und Gründung Bereits im zweiten und dritten Jahrhundert befand sich auf dem Gebiet von Brügge eine gallo-römische Siedlung. Ihre Bewohner waren nicht nur Landwirte, sondern auch Händler, die Kontakte mit dem römischen Britannien und mit dem Rest von Gallien unterhielten.
In der Mitte des neunten Jahrhunderts baute Balduin I. eine Festung am noch heute Burg genannten Platz zum Schutz der Küste vor Angriffen der Wikinger. Brügge erhielt 1128 das Stadtrecht.
Europäische Handelsmetropole (13. bis 15. Jahrhundert) mini|Brügges Nordseeanschluss (Karte von 1635) mini|hochkant=0.7|links|Löschen einer SchiffsladungMonatsbild – Oktober im Kalendarium eines flämischen Stundenbuches von Simon Bening, Brügge, 1. Hälfte 16. Jh., Wikimedia Commons: Wikimedia Commons/Labors of the months/Simon Bening
Über einen Seearm der Nordsee, den 1134 infolge einer Sturmflut entstandenen Zwin, und das kanalisierte Flüsschen Reie war die Stadt im Mittelalter direkt mit dem Meer verbunden und konnte so am Fernhandel partizipieren. Um 1200 fand in Brügge die erste Handelsmesse statt. Gehandelt wurden Wolle aus England für die Tuchproduktion, Gewürze und Brokat aus Italien, Pelze und Hölzer aus Russland, Lammfelle aus Spanien, Wein aus Frankreich und Gobelins aus FlandernKerstin Schweighöfer: Antwerpen Brügge Gent. Reiseführer. Merian, München 2015, S. 109. – die Region um Brügge wurde zu einem Zentrum der Textilherstellung und Textilveredlung. Im verzweigten Handelsnetz von Flandern war Antwerpen der zweitwichtigste Fernhandelsplatz nach Brügge, während Gent und Ypern regionale Marktorte waren. Für den sechs Wochen dauernden Pfingstmarkt verließen alle Ausländer Brügge, um in Antwerpen Handel zu treiben.Norman Devies: Verschwundene Reiche, Die Geschichte des vergessenen Europa. Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-25975-5, S. 155 (hier abgedruckt ein Auszug aus W. Blockmans, W. Prevenier: The Promised Lands: The Countries under Burgundian Rule, 1369–1530. Philadelphia 1999, S. 164 f.).
Auch Kaufleute aus den rheinischen Städten und aus den Hansestädten Lübeck und Hamburg kamen nach Brügge. Die Hanse errichtete an der Nordsee neben dem Stahlhof in London und der Bryggen in Bergen auch ein Hansekontor in Brügge und war so mit den Märkten außerhalb ihres eigentlichen Wirtschaftsraumes verbunden. Brügge entwickelte sich zu einem wichtigen Stapelmarkt. 1253 gewährte die Gräfin von Flandern Margarete II. den Hansekaufleuten diverse Handelsprivilegien. Mehr als 500 überlieferte Briefe und zehn Handelsbücher des damals in Brügge lebenden Lübecker Hansekaufmanns Hildebrand Veckinchusen geben Aufschluss über Geschäftspraxis und Lebenswelt der Kaufleute im Spätmittelalter.Franz Irsigler: Kaufmannsmentalität im Mittelalter. In: Cord Meckseper, Elisabeth Schraut (Hrsg.): Mentalität und Alltag im Spätmittelalter. 2. Auflage. Göttingen 1991, ISBN 3-525-33511-3, S. 68–69. Vom Versammlungshaus des Brügger Hansekontors am Osterlingenplein, dem Haus der Osterlinge, ist nur noch der als Hotel genutzte rechte Teil vorhanden. Als Osterlinge – „die aus dem Osten kamen“ – wurden die deutschen Kaufleute bezeichnet.
In der Sporenschlacht (11. Juli 1302) nahe Kortrijk verteidigte eine zum Großteil aus Bürgermilizen bestehenden Armee erfolgreich die Unabhängigkeit der Flamen gegen den Machtanspruch Frankreichs, nachdem am 18. Mai 1302 die Brügger Frühmette vorausgegangen war. Die Schlacht war ebenso wie die Revancheschlacht bei Mons-en-Pévèle (18. August 1304) ein Vorkonflikt des Hundertjährigen Krieges (1337–1457) zwischen England und Frankreich, dessen wirtschaftlicher Hintergrund aus flämischer Sicht der Kampf um Flandern als Zentrum der europäischen Tuchindustrie war.
mini|Brügges Vorhafenstadt Sluis
In der ersten Phase des Hundertjährigen Krieges setzte der englische König Eduard III. die flandrischen Städte – darunter Brügge als wichtigsten Fernhandelsplatz – durch einen Exportstopp englischer Schafwolle unter Druck und erzwang so deren Kooperationsbereitschaft.Martin Claus: Das Ringen zwischen England und Frankreich. Der Hundertjährige Krieg. In: Klaus Herbers, Florian Schuller (Hrsg.): Europa im 15. Jahrhundert. Herbst des Mittelalters – Frühling der Neuzeit? Regensburg 2012 (wirtschaftlicher Kriegsgrund aus Sicht Flanderns → s. Verlauf → Phase 1: 1337–1360, S. 189). Den Boykott hatte Ludwig I. von Flandern durch die Unterstützung des Anspruchs Philipps VI. auf den französischen Thron heraufbeschworen. Mit der Seeschlacht von Sluis (24. Juni 1340) kam es zur ersten großen direkten Konfrontation zwischen den Kriegsparteien. Durch den Sieg der englischen Flotte wurde die französische Dominanz im Ärmelkanal endgültig gebrochen und die Nordostgrenze Frankreichs stark gefährdet. Wegen seiner strategisch wichtigen Lage wurde Brügges Vorhafenstadt Sluis 1382 zur Festungsstadt ausgebaut und dort ab 1385 im Auftrag des Burgunderherzogs Philipp II. eine Burg errichtet.
Für englische Kaufleute sind in Brügge erstmals 1359 Handelsprivilegien nachweisbar. Der 1407 in England mit Sitz in London gegründeten Handelskompanie Company of Merchant Adventurers – einer der bedeutendsten englischen Tuchhandelskompanien des ausgehenden Mittelalters – wurde von der englischen Krone das Monopol auf den Export unbehandelter Tuche in die Niederlande zugestanden. In Brügge errichtete die Company of Merchant Adventurers ihre erste Niederlassung. Da ihr 1446 von Herzog Philipp III. bessere Rahmenbedingungen in Antwerpen eingeräumt wurden, verlegte sie ihre niederländische Hauptniederlassung in die an der Schelde gelegene Stadt.
mini|Alter Börsenplatz, in der Mitte Haus der Kaufmannsfamilie Van der Beurze
Am früheren Oude Beursplein (dt. Alter Börsenplatz) befanden sich die Handelsniederlassungen der italienischen Seestädte Genua,heute genutzt als Pommes-frites-Museum (nl: Frietmuseum) Florenzheute genutzt als Restaurant de Florentijnen und Venedigheute genutzt als Buchhandlung de Slegte sowie das 1246 erbaute Haus der Kaufmannsfamilie Van der Beurze, der ersten Börse der Welt.Kerstin Schweighöfer: Antwerpen Brügge Gent. Reiseführer. Merian, München 2015, S. 151. In- und ausländische Kaufleute trafen dort regelmäßig zusammen und tätigten Handels- und Wechselgeschäfte.Duden – Deutsches Universalwörterbuch Vom Familiennamen der Kaufleute wurde das niederländische Wort beurs als Bezeichnung für derartige Handelsplätze abgeleitet und entsprechend in andere europäischen Sprachen übernommen.
1369 wurde Brügge Teil des Herzogtums Burgund und Residenzstadt der Burgundischen Herzöge. Kaufleute aus ganz Europa kamen in die Stadt, um dort Handel zu treiben. Um den Jan van Eyckplatz entstand ein Stadtviertel mit Handelsniederlassungen. Viele der Handelsschiffe legten hier an, während die spanischen Kaufleute ihren Hafen am Spaanse Loskaai hatten.
Hof und Herrschaft der Herzöge von Burgund (14. bis 15. Jahrhundert) mini|Am burgundischen Hof – Jean Wauquelin präsentiert sein Werk Philipp dem Guten (um 1446)Dedikationsminiatur der Chronik von Hennegau, Gotische Buchmalerei, Rogier van der Weyden, um 1446; Aufbewahrungsort: Königliche Bibliothek zu Brüssel, Ms. 9242, fol. Ir; abgebildet in: Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und in den Niederlanden. 12. Auflage. Stuttgart 2006, ISBN 3-520-20412-6, S. 52, erläutert auf S. 547; Literatur: Ingo F. Walther, Norbert Wolf: Codices illustres. Die schönsten illuminierten Handschriften der Welt. Meisterwerke der Buchmalerei. 400 bis 1600. Taschen, Köln u. a. 2005, ISBN 3-8228-4747-X, S. 467.
mini|Prinzenhof Brügge, 1641
Unter der Herrschaft der Herzöge von Burgund entwickelte sich Brügge wirtschaftlich und kulturell zu einer der reichsten Städte Europas. Das dem Meister der André-Madonna zugeschriebene Gemälde Jungfrau und Kind unter EngelnMeister der André-Madonna: Jungfrau und Kind unter Engeln. Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid, Nº INV. 255 (1930.62) und das im Motiv gleiche Gemälde Jungfrau und Kind mit vier Engeln von Gerard David zeigen als Hintergrund eine Stadtansicht aus dieser Zeit.
Im dicht besiedelten und urbanisierten Flandern mit seiner durch Textilherstellung und Handel bestimmten Wirtschaft wurde die Politik von den Städten dominiert, in anderen Territorien Burgunds vom Adel. Am Hof und im Süden Burgunds wurde französisch gesprochen, im Norden nach wie vor niederländisch. Die Burgunder Herzöge und ihr Hof reisten in ihrem Herrschaftsgebiet umher und waren an keinen festen Ort gebunden. Während ihrer Aufenthalte in Brügge residierten sie und ihr Hofstaat im Prinzenhof.Kerstin Schweighöfer: Antwerpen Brügge Gent. Reiseführer. Merian, München 2015, S. 110. Zählte der Hof 1426 noch 230 Personen, so stieg deren Anzahl bis 1474 auf etwa 600 Personen an, die zahlreichen Leibbogener nicht eingerechnet. Der Hofstaat, der für seine Dienste Pensionen und Gagen erhielt, repräsentierte den jeweiligen Herzog; Feste, Ritterturniere, Einzüge in Städte und Totenkult demonstrierten dessen Rang, Macht, Reichtum und Verdienste.
Kampf um das Burgundische Erbe (14. bis 15. Jahrhundert) mini|links|hochkant|Maria von Burgund (Porträt v. Michael Pacher, ca. 1490) mini|hochkant|Familie von Maria und Maximilian (genealogische Darstellung v. Bernhard Strigel) mini|hochkant|Burgund mit den niederländischen Provinzen unter Karl dem Kühnen
Nach dem Tod Karls des Kühnen in der Schlacht von Nancy (1477) zerfiel das Herzogtum Burgund in kurzer Zeit im Kampf um das Burgundische Erbe zwischen Maximilian von Habsburg und Frankreich.Hermann Kamp: Kultur und Politik am Hof der Herzöge von Burgund. In: Klaus Herbers, Florian Schuller (Hrsg.): Europa im 15. Jahrhundert. Herbst des Mittelalters – Frühling der Neuzeit? Regensburg 2012, ISBN 978-3-7917-2412-6, S. 75 f.