Die Wallonische Region (, ), auch Wallonie und Wallonien (französisch , niederländisch , []), ist eine der drei Regionen des Königreichs Belgien. Die Muttersprache der Bevölkerung ist überwiegend Französisch, im äußersten Osten Deutsch.

Die Hauptstadt ist Namur, die nach Einwohnern größte Stadt ist nach Kommunalreformen in der Nachkriegszeit Charleroi. Das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum ist die zweitgrößte Stadt Lüttich (Liège), die auch Zentrum der größten Agglomeration ist. Weitere wichtige Städte sind Mons, Tournai, Arlon, Bastogne, Wavre, Verviers, Dinant und die ehemals preußischen Städte Eupen und Malmedy im heutigen Ostbelgien. Geographisch umfasst die Wallonie die südliche Hälfte Belgiens.

Geographie Landesnatur und Siedlungsstruktur Die Region hat eine Fläche, die etwa mit den deutschen Ländern Thüringen oder Schleswig-Holstein vergleichbar ist. In den Provinzen Lüttich und Luxemburg befinden sich ausgedehnte mittelgebirgige Regionen und mit dem Hohen Venn eine für seine Moore bekannte Hochebene. Im Süden liegen die Ardennen. Der Siedlungsschwerpunkt im Bereich der früheren industriellen Zentren des sogenannten wallonischen Rückgrats befindet sich in den Provinzen Hennegau, Namur und Lüttich. Er erstreckt sich zwischen den Städten Charleroi, Namur und Lüttich entlang der Sambre und der Maas. Die Maas bildet das dominierende Gewässer. Sie durchquert von Frankreich kommend in südwestlich-nordöstlicher Richtung die Region. Weitere Flüsse sind die Ourthe und die Weser. Im Westen befindet sich die eher flache Provinz Hennegau, während das nördliche Zentrum die von der Nähe zu Brüssel geprägte Provinz Wallonisch-Brabant bildet. Im äußersten Westen befindet sich mit Comines-Warneton eine von Flandern und Frankreich umschlossene Exklave.

Nachbarstaaten und -regionen Die Wallonie grenzt im Südwesten an Frankreich, im Südosten an Luxemburg, im Osten an Deutschland, im äußersten Nordosten auf zwei kurzen Abschnitten an die Niederlande und im Norden an Flandern. Zwischen der Wallonie und den Niederlanden befindet sich die flämische Exklave Voeren (Fourons). Mit der Region Brüssel-Hauptstadt besteht zwar keine gemeinsame Grenze, sie befindet sich aber nur wenige Kilometer von der Nordgrenze der Provinz Wallonisch-Brabant entfernt.

Etymologie Der Name Wallonie bzw. Wallonien leitet sich – ebenso wie die Namen Wales (Vereinigtes Königreich), Welschschweiz, Welschtirol (Italien) und Walachei (Rumänien) – von germanisch *Walhoz ‚Kelten‘, einer Vorform von Welsche ab, d. h. von einer germanischen Bezeichnung für Römer und (romanisierte) Kelten.Wallon, -onne auf cnrtl.fr (abgerufen am 21. Juli 2025).

Geschichte

Formell wurde die Region erst 1980 durch die Zweite belgische Staatsreform geschaffen. Ihre Ursprünge sind aber weitaus älter.Die historische Zusammenfassung ist einlesbar in französischer oder Sprache auf der Website des CRISP (Centre de recherche et d’information socio-politiques).

19. Jahrhundert Als Belgien 1830 gegründet wurde, beschlossen die Brüsseler Eliten, die die Belgische Revolution ausgelöst hatten, dass Belgien ein französischsprachiger Einheitsstaat werden sollte und die Flamen daher französisch assimiliert werden sollten. Bereits früh nach der belgischen Unabhängigkeit widersetzten sich die niederländischsprachigen Flamen diesem Vorhaben und gründeten in der nördlichen Hälfte des Landes die sogenannte „Flämische Bewegung“, die einen verstärkten Gebrauch des Niederländischen in Flandern durchsetzen wollte. Im südlichen Teil gab es vorerst keine entsprechenden Forderungen für den Schutz der wallonischen Sprache, die von manchen als französischer Dialekt betrachtet und von anderen als eigenständige romanische Sprache eingestuft wurde.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Belgien mit seiner wallonischen Montanregion zum nach England am stärksten industrialisierten Land Europas. Ende des Jahrhunderts gab es erste Anzeichen auch für eine „Wallonische Bewegung“ als Reaktion auf das „Gleichheitsgesetz“ vom 18. April 1898, das beide Sprachen offiziell zu Amtssprachen erklärte (siehe auch: Sprachgesetzgebung in Belgien).Lesoir.be: Saga Belgica (6/30): Le mouvement wallon est né (… à Bruxelles, dites donc) (30. Mai 2008) (französisch).F. Joris: Les étapes du combat wallon (3 parties), Institut Jules Destrée, 1995 (französisch). Erst nach einem ersten wallonischen Kongress im Jahre 1890 vereinten sich die verschiedenen wallonischen Versammlungen und riefen unter dem Vorsitz von Jules Destrée den zweiten wallonischen Kongress im Jahre 1912 aus. Im selben Jahr wies Destrée in einem Brief an den belgischen König Albert I. auf den entstandenen flämisch-wallonischen Konflikt hin:Lesoir.be: Saga Belgica (8/30): Destrée et l’horrifiante vérité (2. Juni 2008) (französisch).

Erster Weltkrieg Der größte geschichtliche Einschnitt der jüngeren wallonischen Geschichte erfolgte durch den Ersten Weltkrieg. Die Wallonie war zusammen mit dem Großherzogtum Luxemburg als erstes von den Kriegsereignissen im Bereich der Westfront betroffen, da sie direkt an Deutschland grenzt. Nach einem Ultimatum vom 2. August 1914, in dem das Deutsche Reich Durchmarschrechte durch Belgien in Richtung Frankreich forderte und dieses Ansinnen von Belgien zurückgewiesen wurde, überschritten deutsche Truppen am 4. August 1914 bei Gemmenich in der Nähe von Aachen die Grenze. In der Folge gelang den deutschen Truppen trotz unerwartet heftiger belgischer Gegenwehr die Einnahme der stark befestigten Stadt Lüttich. Im weiteren Verlauf der Kämpfe verübten deutsche Truppen in Belgien auf der Suche nach vermeintlichen Freischärlern, die in diesem Zusammenhang als Francs-tireurs bezeichnet wurden, wiederholt Kriegsverbrechen wie das Massaker von Dinant am 23. August 1914. In der englischsprachigen Presse entstand hierfür der Begriff Rape of Belgium (‚Vergewaltigung Belgiens‘). Mehrere Städte in ganz Belgien, auch in der Wallonie, erlitten schwere Zerstörungen. In den Kriegsjahren bezog die deutsche Oberste Heeresleitung ein Hauptquartier im wallonischen Kurort Spa. Deutschland verlor mit dem Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Versailles seine Regionen Eupen und Malmedy. Diese wurden Belgien und somit der Wallonie zugeschlagen.

Zwischen den Weltkriegen Insbesondere während des Ersten Weltkrieges führten die flämisch-wallonischen Sprach- und Kulturunterschiede zu großen Problemen. So wird bis heute häufig argumentiert, dass flämische Soldaten die französische Sprache der vorgesetzten wallonischen Offiziere nicht verstanden hätten. Nach dem großen Krieg wurden die Rufe nach einer Föderalisierung Belgiens von flämischer Seite lauter. Aber auch in der Wallonischen Region gab es mancherseits, besonders nach Einsetzen der Kohlekrise, ein Bestreben nach mehr Eigenverantwortung.

Zweiter Weltkrieg Der Zweite Weltkrieg und die darauffolgende „Königsfrage“ vertiefte den emotionellen Graben zwischen Wallonen und Flamen. Während des Zweiten Weltkrieges kollaborierte die Bewegung der Rexisten unter Léon Degrelle bis 1944 mit der deutschen Besatzungsmacht. Auch im Zweiten Weltkrieg war Wallonien Schauplatz schwerer Kämpfe, beispielsweise in der Ardennenoffensive. Nach 1945 folgten weitere Wallonische Kongresse, die sich mit der Föderalisierung befassten.

Beginn der Föderalisierung Um Belgien stärker zu befrieden, wurde schließlich in den Jahren 1962–1963 eine sogenannte Sprachgrenze zwischen Flandern (dem niederländischsprachigen Norden) und Wallonien (dem französischsprachigen Süden) festgelegt. Für Brüssel wurde eine zweisprachige Lösung gefunden. Im Osten erhielt die deutsche Minderheit, deren Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg dem belgischen Staat angeschlossen worden war, erste Anerkennung.Lesoir.be: Saga Belgica (18/30): Le pays se coupe en quatre pour rester uni (13. Juni 2008) (französisch). Während in der Region Brüssel-Hauptstadt die Partei „Front démocratique des francophones“ (FDF) für die politischen Belange der französischsprachigen Brüsseler Bürger eintrat, entstand in der Wallonie die Partei „Rassemblement Wallon“ (RW). Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie François Perin, Jean Gol oder später Paul-Henry Gendebien gehörten der Partei bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1985 an. 1968 fanden im flämischen Löwen Studentenproteste statt, in denen unter dem Schlagwort walen buiten die Forderung nach einer Aufspaltung der dortigen Universität erhoben wurden. In der Folge wurde im wallonischen Louvain-la-Neuve eine neue, frankophone Universität gegründet, während im flämischen Löwen eine davon getrennte niederländischsprachige Universität fortbestand.

Die Kulturgemeinschaften (flämische, wallonische und deutsche), Vorgängerinnen der heutigen Sprachgemeinschaften und Regionen, wurden 1970 bei der Ersten belgischen Staatsreform in die Verfassung aufgenommen.Lesoir.be: Saga Belgica (21/30): Requiem (ouverture) (17. Juni 2008) (französisch). Während jedoch die Kulturgemeinschaften sofort arbeitsfähig waren, bekamen die Regionen nur eine provisorische Anerkennung. Man beschloss, vorerst eine vorbereitende Regionalisierung durchzuführen, mit Regionalräten, die aus Senatoren bestanden und nur eine beratende Funktion besaßen. Ende der 1970er Jahre wurde das sogenannte „Egmont-Stuyvenberg-Abkommen“ unterzeichnet, das die Schaffung von Regionen vorsah. Doch das Problem um die Brüsseler Region löste eine politische Krise aus, die mit dem Rücktritt des Premierministers Leo Tindemans im Jahre 1978 ihren Höhepunkt erreichte.Lesoir.be: Saga Belgica (22/30): Un désaccord grandiose (18. Juni 2008) (französisch).

Gründung als Region Schließlich gab man von frankophoner Seite nach und einigte sich darauf, das Brüsseler Problem vorerst unangetastet zu lassen. Bei der zweiten Staatsreform 1980 wurde die Verfassung abgeändert und die Regionen bekamen eigene Institutionen und Zuständigkeiten. Die Wallonische Region erhielt ihr erstes Parlament (damals noch „Rat“) und unter Jean-Maurice Dehousse ihre erste Regierung (damals noch „Exekutive“).Lesoir.be: Saga Belgica (24/30): Requiem (moderato) (20. Juni 2008) (französisch).Für eine besonders detaillierte Beschreibung der ersten Jahre der Wallonischen Region, siehe: P. Destatte: Histoire politique de la Wallonie 1970–1994. Du rêve autonomiste à la souveraineté internationale (4 parties), Institut Jules Destrée, 1995 (französisch). Bedingt durch ihre Demographie ist seit der Schaffung der Wallonischen Region die Sozialistische Partei (PS), die sich auf eine starke Arbeiter- und Gewerkschafterbasis berufen kann, in der Regierung der Wallonischen Region vertreten. Die Zuständigkeiten der Regionen beschränkten sich, grob gesehen, auf alles, was den Boden betrifft (Raumordnung, Städtebau, Umwelt, Wohnungswesen, aber auch Wirtschaft etc.). Eine Fusion der regionalen Institutionen mit denen der Französischen Gemeinschaft, so wie dies in Flandern der Fall war, wurde abgelehnt. Bei der Schaffung der Deutschsprachigen Gemeinschaft im Jahr 1983 sah man die Möglichkeit vor, dass die Gemeinschaft Zuständigkeiten von der Wallonischen Region übernehmen könnte.

1980er und 1990er Jahre Die 1980er Jahre waren vor allem durch den Kampf der Wallonen in der Gemeinde Voeren (frz. Fourons) geprägt, die sich unter dem Sozialisten José Happart für einen Anschluss der Gemeinde an die Wallonische Region einsetzten. Eine erneute Regierungskrise und der Rücktritt des Premierministers Wilfried Martens waren die Folge (siehe auch: Sprachgesetzgebung in Belgien). Darauf folgte die dritte Staatsreform von 1988, bei der das Problem Voeren und das Problem Brüssel durch die Schaffung der Region Brüssel-Hauptstadt vorerst behoben wurden. Bei dieser Staatsreform erhielten die Regionen weitere Zuständigkeiten vom Föderalstaat (öffentliches Verkehrswesen, öffentliche Arbeiten und Regionalisierung gewisser Wirtschaftszweige).Lesoir.be: Saga Belgica (26/30): Requiem (allegretto) (23. Juni 2008) (französisch)