Antwerpen (veraltet oder Antorff, ) ist eine Hafenstadt in der belgischen Region Flandern und die Hauptstadt der Provinz Antwerpen. Als Verwaltungseinheit „Gemeinde“ ist Antwerpen mit über 500.000 Einwohnern die größte Gemeinde des Landes Belgien. Die Agglomeration Antwerpen ist mit 1,2 Millionen Einwohnern nach der Region Brüssel-Hauptstadt die zweitgrößte in Belgien.
Von großer internationaler Bedeutung ist Antwerpen durch seinen Seehafen, den zweitgrößten Europas, sowie als weltweit wichtigstes Zentrum für die Verarbeitung und den Handel von Diamanten.
Antwerpen war im 15. und 16. Jahrhundert eine der größten Städte der Welt, zeitweise die wichtigste Handelsmetropole Europas und als bedeutendes kulturelles Zentrum Wirkungsstätte von Künstlern wie Peter Paul Rubens. Die Stadt war 1920 Austragungsort der Olympischen Sommerspiele und 1993 Kulturhauptstadt Europas. Das Druckereimuseum Plantin-Moretus, das Maison Guiette (1926, Le Corbusier) und der Turm der Liebfrauenkathedrale gehören zum UNESCO-Welterbe.
Geographie mini|Ansicht auf Antwerpen vom linken Ufer der Schelde (2014) mini|Stadtansicht von der Wandelterras Zuid mini|Der Groenplaats mit dem Standbild Peter Paul Rubens’. Im Hintergrund die Liebfrauenkathedrale (2018) mini|Distrikte (noch ohne Borsbeek, das 2025 hinzukam)
Lage Antwerpen liegt an der Schelde, 88 km vor ihrer Mündung in die Nordsee. Der Fluss weitet sich im Stadtgebiet zu einer breiten, von Seeschiffen befahrbaren Trichtermündung auf, die über den Meeresarm Westerschelde zur Nordsee führt. Um die Schifffahrt nicht zu behindern, gibt es in Antwerpen keine Brücken über die Schelde, sondern zahlreiche Tunnel. Die letzte Brücke befindet sich etwa 20 km stromaufwärts in Temse.
Das Stadtgebiet reicht im Norden bis an die Grenze zu den Niederlanden, dort befindet sich auch der Grenzpunkt zwischen der belgischen Provinz Antwerpen und den niederländischen Provinzen Zeeland und Noord-Brabant.
Die Hauptstadt Brüssel liegt etwa 40 km südlich, die niederländische Hafenstadt Rotterdam 75 km nördlich von Antwerpen. Die Stadt liegt damit auf einer wichtigen europäischen Verkehrsachse, die von Amsterdam über Antwerpen und Brüssel nach Paris führt. Die Großstadtregionen Antwerpen und Brüssel gehen baulich direkt ineinander über, zumal die auf halbem Wege gelegene Domstadt Mechelen mit über 80.000 Einwohnern ein Bindeglied bildet. Die beiden Großstädte sind durch zwei Autobahnen und eine der meistbefahrenen Eisenbahnstrecken Europas miteinander verbunden.
Das etwa 180 km östlich gelegene Ruhrgebiet mit dem Duisburger Hafen ist von großer Bedeutung für den Antwerpener Hafen und deshalb über eine eigene Güterfernbahn („Eiserner Rhein“) mit diesem verbunden, da der eigentliche Fluss Rhein vom Ruhrgebiet zum an seiner Mündung gelegenen konkurrierenden Seehafen Rotterdam führt. Diese Bahnverbindung wurde von 1992 bis 2007 nicht befahren, seit 2007 wieder auf einem Teilstück.
Ballungsraum
Zusammen mit dem etwa 40 km südlich gelegenen Brüssel und der drittgrößten belgischen Stadtregion um Gent (50 km südwestlich) und weiteren Städten wie Löwen, Mechelen, Mortsel, Lier, Lokeren, Sint-Niklaas, Dendermonde und Aalst bildet die Region Antwerpen die Metropolregion Vlaamse Ruit („Flämische Raute“, auch „Flämischer Diamant“), die mit rund fünf Millionen Einwohnern zu den großen Agglomerationen Europas gehört.
Stadtgliederung Die Gemeinde Antwerpen besteht aus zehn Stadtbezirken (Districten). Ursprünglich waren die Stadtbezirke eigenständige Gemeinden. Sie wurden in drei Schritten, 1958, 1983 und 2025 nach Antwerpen eingemeindet. Im Jahr 2001 wurde die Stadtverwaltung dezentralisiert und die Bezirke erhielten eigene Verwaltungsfunktionen und Bezirksräte. Stadtbezirk Antwerpen (im Wesentlichen die Stadt vor dem Jahr 1958) Berchem (1. Januar 1942 bis 1945; erneut 1. Januar 1983) Berendrecht-Zandvliet-Lillo (15. April 1958) Borgerhout (1. Januar 1983) Deurne (1. Januar 1983) Ekeren (1. Januar 1983) Hoboken (1. Januar 1983) Merksem (1. Januar 1983) Wilrijk (1. Januar 1983) Borsbeek (1. Januar 2025)
Herkunft des Stadtnamens mini|Die Stadtburg Het Steen am Ufer der Schelde gilt als das älteste erhaltene Gebäude Antwerpens und ist mythischer Schauplatz von Wagners Oper Lohengrin.
Der Name Andauerpa verweist auf die aufgeworfenen Ufer an der Bucht (Scheldebucht). Der Name stammt wahrscheinlich von „an de warp“ (an der Warft). Die ersten Siedler haben auf Warften gelebt, später hat man mangels Platzes auf höhergelegenen Flächen „an der Warft“ gesiedelt.
Dass der Name Antwerpen sinngemäß „Hand werfen“ bedeutet und auf die Brabo-Legende zurückgehe, ist eine im 15. Jahrhundert erfundene Geschichte. Die zwei Hände im Stadtwappen erinnern an die Legende vom Riesen Druon Antigoon, der einst die Gegend terrorisiert haben soll, bis er von Salvius Brabo besiegt wurde. Dieser soll ihm die Hände abgehackt und in die Schelde geworfen haben. Eine lokale Spezialität, kleine Keks- oder Schokoladenhände namens Antwerpse Handjes, erinnert ebenfalls an diese Legende.
Das durch den heiligen Amandus (Amand von Maastricht) benannte Caloes sei ein früherer Name von Antwerpen gewesen. Später wurde der südlich von Caloes gelegene Stadtteil, in dem sich die durch Norbert von Xanten im Jahre 1124 gestiftete Sankt-Michiels-Abtei befand, unter dem Namen Kiel bekannt. Der alte Name Antorf wurde beispielsweise noch von Albrecht Dürer verwendet, der sich 1521 in Antwerpen aufhielt.
Geschichte Frühgeschichte und Mittelalter mini|Die Kathedrale zu Antwerpen. Gemälde von Domenico Quaglio, 1820.
Auf dem Boden der Stadt Antwerpen lässt sich bereits ein gallo-römischer vicus nachweisen. Das belegen Funde von Ton- und Glasscherben aus dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr., die 1952–1961 bei Grabungen nahe der Schelde ans Licht kamen.
Im 7. Jahrhundert begann die Christianisierung. Urkundlich erwähnt wurde die Stadt erstmals 726. Im Jahr 836 wurde die Stadt von den Normannen verwüstet. Nach der Teilung des Frankenreichs, die 843 begann, und weiteren, meist kriegerischen Teilungen des Mittelreichs kam Antwerpen zum Ostfrankenreich, dem frühmittelalterlichen Vorläufer des Heiligen Römischen Reichs. Die Ottonen gründeten die zum Herzogtum Niederlothringen gehörende Markgrafschaft Antwerpen. Anfang des 12. Jahrhunderts kam es zu den Grafen von Löwen (den späteren Herzögen von Brabant). Der Ort erhielt 1291 die Stadtrechte.
Eine erste Blütezeit erlebte die Stadt im 14. Jahrhundert. Sie war dank des Hafens und des Tuchhandels ein führender Handelsplatz und ein Finanzzentrum Europas. Antwerpen fiel 1430 an Burgund, 1477 an Habsburg.
Brabanter Straße
Antwerpen war der Endpunkt einer bedeutenden mittelalterlichen Fernhandelsstraße, der Brabanter Straße. Sie war eine Messestraße, die von Leipzig über Erfurt, Marburg, Siegen, Köln, Aachen und Lüttich nach Antwerpen verlief. Über sie wurde ein Großteil des damaligen Ost-West-Handels mit Pelzen, Eisenwaren und Tuchen abgewickelt.
Neuzeit mini|links|alternativtext=Anleihe der Stadt Antwerpen über 100 Carolusgulden mit jährlicher Verzinsung von 8,33 %, ausgegeben am 15. November 1558. Die Emission der Anleihe über einen Gesamtbetrag von 400.000 Carolusgulden wurde vom Kaiser Karl V. zur Finanzierung des Baus und der Instandhaltung der Befestigungsanlagen von Antwerpen (Spaanse omwalling) am 20. August 1555 genehmigt. Der Bau des 5 km langen Walls, der die Stadt vor Angriffen aus dem Norden schützen sollte, wurde vom Kaiser Karl V. 1542 in Auftrag gegeben.|Anleihe der Stadt Antwerpen über 100 Carolusgulden mit jährlicher Verzinsung von 8,33 %, ausgegeben am 15. November 1558. Die Emission der Anleihe über einen Gesamtbetrag von 400.000 Carolusgulden wurde vom Kaiser Karl V. zur Finanzierung des Baus und der Instandhaltung der Befestigungsanlagen von Antwerpen (Spaanse omwalling) am 20. August 1555 genehmigt. Der Bau des 5 km langen Walls, der die Stadt vor Angriffen aus dem Norden schützen sollte, wurde vom Kaiser Karl V. 1542 in Auftrag gegeben. mini|links|Belagerungsgeld (monnaie obsidionale), 10 Centimes (Cent) Rückseite der Bronzemünze.10 Centimes, Frankreich, 1799~1815 - Napoleon I (Bonaparte) Bronzemünze, Dm. 34 mm, m 25 g, colnect.com, abgerufen am 6. November 2020. mini|links|Vorderseite derselben Münze aus Antwerpen (Anvers) von 1814 mit N für Napoleon mini|links|Historische Karte (um 1890) mini|links|Obligation der Stadt Antwerpen vom 18. Mai 1917
Durch den Augustinerorden, der in Verbindung mit Martin Luther stand, fand die Reformation schon früh Anhänger in der Stadt und im nahegelegenen Landkreis Kiel. Aber bereits 1522 ließ die habsburgische Regentin Margarete von Österreich erste Evangelische verhaften, 1523 wurden die beiden Augustinermönche Johannes van Esschen und Hendrik Vos nach Verurteilung durch die Inquisition in Brüssel verbrannt. Das war der Beginn einer ersten Verfolgung von Protestanten in den südlichen Niederlanden. Er führte in der Folge zur Flucht von etwa 40.000 Personen nach Amsterdam und Emden. 1556 setzte sich nach heftigen Kämpfen die Reformation in Antwerpen – wie auch in den gesamten Spanischen Niederlanden – durch. Im 16. Jahrhundert war die Stadt reichste Handelsstadt Europas. Durch die darauffolgenden Konflikte zwischen den Habsburgern und den vom Reich losgelösten Niederlanden folgte der Niedergang.
Im November 1576 kam es zu Brand und Plünderung in der sog. Spanischen Furie. Am 18. Januar 1583 versuchte François-Hercule de Valois, duc d’Alençon, die Stadt einzunehmen, was der flämische Barockkünstler Gaspar Bouttats auf einem seiner Kupferstiche als „De Franse Furie te Antwerpen“ bezeichnete. 1585 eroberte der spanische Statthalter Alessandro Farnese Antwerpen. Alle protestantisch bleibenden Einwohner mussten die Stadt verlassen, die meisten flüchteten in die nördlichen Provinzen.Eberhard Gresch: Die Hugenotten. Geschichte, Glaube und Wirkung. 4., überarbeitete Auflage. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2009, ISBN 978-3-374-02260-1, S. 197 bis 200
Antwerpens nördliches Nachbargebiet, die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen, erkämpfte im Achtzigjährigen Krieg (1568–1648) ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone. Ein weiterer Grund für den Niedergang war eine Bestimmung des Westfälischen Friedens von 1648, dass die seit 1585 durch die nördlichen Niederlande geschlossene Schelde weiterhin nicht mehr als Schifffahrtsweg genutzt werden durfte, was für den Handel der Stadt schwerwiegende Beeinträchtigungen brachte.
Ab 1714 (Ende des Spanischen Erbfolgekrieges) gehörte Antwerpen bis 1795 zu den Österreichischen Niederlanden. Im Ersten Koalitionskrieg eroberten französische Truppen 1792 die Stadt, damit begann die Franzosenzeit. Im Zuge der Befreiungskriege schlossen preußische, schwedische und britische Truppen die französischen Besatzungstruppen in Antwerpen im Januar 1814 ein. Die Belagerung endete am 18. April 1814, als der französische Kommandant Lazare Nicolas Marguerite Carnot die Stadt und Festung Antwerpen den Alliierten übergab.Art: Carnot, Lazare Nicolas Marguerite, Graf. In: Wilhelm Herbst (Hrsg.): Encyklopädie der Neueren Geschichte, Band 1: Aachen – Duttlingen. Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1880, S. 541–543, hier S. 542. Auch ihre Schiffe im Hafen von Antwerpen mussten die Franzosen herausgeben.Frédéric Guillaume de Vaudoncourt: Histoire des campagnes de 1814–1815 en France – Campagne de 1814, Band 3, Teilband 1. Paris 1826, S. 142. Durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses wurde Antwerpen als Teil der katholischen südlichen Provinzen mit den mehrheitlich protestantischen Nordprovinzen zum Vereinigten Königreich der Niederlande zusammengefasst.