mini|hochkant=1.3|Viele Kulturen sehen die Almosenvergabe an Arme als altruistisch an

Altruismus ( ‚der andere‘) bedeutet in der Alltagssprache „Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, durch Rücksicht auf andere gekennzeichnete Denk- und Handlungsweise“,Gerhard Wahrig: Großes deutsches Wörterbuch. kann bis heute jedoch nicht allgemeingültig definiert werden.David Miller: ’Are they my poor?’: The problem of Altruism in a World of Strangers. In: Jonathan Seglow (Hrsg.): The Ethics of Altruism.: Frank Cass Publishers, London 2004, ISBN 978-0-7146-5594-9, S. 106–127. Der Begriff ist nach seinem „Schöpfer“ Auguste Comte ein Gegenbegriff zu Egoismus und umfasse demnach eine absichtliche Verhaltensweise, die einem Individuum zugunsten eines anderen Individuums mehr Kosten als Nutzen einbringe.

Andere Autoren, wie beispielsweise Humberto Maturana, Charlie L. Hardy und Mark van Vugt oder David Miller und David Kelley gehen davon aus, dass altruistisches Handeln zwar nicht mit einem unmittelbaren Nutzen oder Gegenwert verknüpft sein muss, aber schließlich – auf lange Sicht – der Vorteil des Handelnden größer sei als die aufgewendeten Kosten.Charlie L. Hardy, Mark van Vugt: (PDF; 75 kB) University of Kent, Canterbury 2006.David Kelley: Altruism and capitalism. In: IOS Journal. 1. Januar 1994. Wissenschaftler wie Jonathan Seglow legen in ihrer Definitionsvariante dar, dass Altruismus nicht erzwungen werden könne, ohne seinen altruistischen Charakter zu verlieren.Jonathan Seglow (Hrsg.): The Ethics of Altruism. ROUTLEDGE CHAPMAN & HALL. London, ISBN 978-0-7146-5594-9. Daraus wird geschlossen, dass altruistisches Verhalten eine freiwillige Handlung und somit eine freie Entscheidung des Handelnden darstelle. Altruistisches Verhalten kann ein Leitbild bzw. Ideal im religiösen Kontext wie Nächstenliebe darstellen.

Altruistisches Verhalten Altruistische Verhaltensweisen wurden – mit Hilfe der jeweils gewählten Begriffsdefinition bzw. erdachten Interpretation – bei Menschen und verschiedenen Tierarten „nachgewiesen“;Marian Stamp Dawkins: Die Entdeckung des tierischen Bewusstseins, Berlin 1994; Frans de Waal: Der gute Affe. Der Ursprung von Recht und Unrecht bei Menschen und anderen Tieren, Hanser, München 1997, ISBN 3-446-18962-9, sowie Empathy and Pro-Social Behavior in Rats, In: Science Magazine, Bd. 334 (Dezember 2011) eine 2009 publizierte Studie schreibt Altruismus auch Pflanzen zu,Guillermo P. Murphy, Susan A. Dudley: Kin recognition: Competition and cooperation in Impatiens (Balsaminaceae). In: American Journal of Botany. Band 96, 2009, S. 1990–1996, , doi:10.3732/ajb.0900006 scinexx.de vom 16. November 2009: Auch Pflanzen sind altruistisch. Springkraut erkennt Verwandte und verändert daraufhin seine normalerweise ausgeprägte Konkurrenzreaktion. und 2010 wurde in der Zeitschrift Nature altruistisches Verhalten bei Bakterien beschrieben.Henry H. Lee, Michael N. Molla, Charles R. Cantor, James J. Collins Bacterial charity work leads to population-wide resistance. In: Nature. Bd. 467, S. 82–85 (2. September 2010; doi:10.1038/nature09354). Altruismus ist nach einer weiteren Definitionsvariante nicht zwingend willentlich, moralisch, idealistisch oder normativ begründet, sondern kann auch Bestandteil des angeborenen Verhaltens eines Individuums sein.Ingo Brigandt: Altruismus Egoismus. In: Philipp Sarasin, Marianne Sommer (Hrsg.): Evolution: Ein interdisziplinäres Handbuch. Metzler Verlag, 2010. ISBN 978-3-476-02274-5. S. 12–14. Eine andere, eingeschränktere Interpretation von Altruismus ist – bei Anwendung einer Definition ausschließlich für den Menschen – die „willentliche“ Verfolgung der Interessen oder des Wohls anderer oder des Gemeinwohls. Altruistisches Handeln wird auch mit selbstlosem Handeln gleichgesetzt. Dabei bleibt der Aspekt des Ziels der Handlungen, die aus Selbstlosigkeit erfolgen, unberücksichtigt. Die Auffassung als reine Selbstlosigkeit betont stattdessen die Zurückstellung eigener Anliegen bis hin zur Selbstaufopferung. Die erlebte Aufhebung und Interessenbalance zwischen Egoismus und Altruismus wird auch als Liebe bezeichnet. Neben Selbstlosigkeit ist Uneigennützigkeit ein weiteres Synonym für Altruismus. Die Sozialpsychologie spricht von prosozialem Verhalten (siehe unten). Ein Beispiel für eine altruistisch ausgerichtete Organisation sind die Ärzte ohne Grenzen.

Arten und Formen des Altruismus

Brutpflegeverhalten Wenn Individuen selbstlos Nachteile in Kauf nehmen, um anderen zu helfen, gilt dies in Bezug auf menschliches Verhalten als altruistisch. Beim Verhalten von Tieren verwenden Biologen diesen Begriff nur dann, wenn dieses Verhalten nicht den eigenen Nachkommen zugutekommt. Die Evolutionsbiologie definiert die (reproduktive) Fitness eines Verhaltens danach, wie es sich auf die zu erwartende Zahl der individuellen Nachkommen auswirkt. Kooperatives Verhalten, das die Anzahl der eigenen Nachkommen erhöht, gilt danach nicht notwendigerweise als Altruismus.Einige Forscher beziehen allerdings Verhalten mit ein, das kurzfristig nachteilig ist, auch wenn es längerfristig die Nachkommenzahl erhöht: Robert L. Trivers (1971): The evolution of reciprocal altruism. Quarterly Review of Biology 46: 35–57. Die bei vielen Tierarten sowie auch beim Menschen beobachtete Brutpflege, also die Hilfe für den eigenen Nachwuchs, gilt daher nur beim Menschen als ein möglicher Fall von Altruismus. „Echter“ Altruismus wäre es, biologisch betrachtet, nur dann, wenn das helfende Individuum echte Fitness-Nachteile erleidet, d. h. wenn sein Verhalten die eigene direkte Nachkommenzahl vermindert.Redouan Bshary & R. Bergmüller (2008): Distinguishing four fundamental approaches to the evolution of helping. Journal of Evolutionary Biology 21 (2): 405–420. doi:10.1111/j.1420-9101.2007.01482.x

Moralischer und normativer Altruismus Ein moralischer Altruist handelt prinzipiengeleitet altruistisch. Ein Beispiel für solch ein Prinzip ist der Kategorische Imperativ Kants. Verinnerlichte Moral kommt in der Gewissensstimme zum Ausdruck, der zu folgen zu altruistischem Handeln führen kann. Der moralische Altruist ist nicht mit dem „Moralapostel“ zu verwechseln: der predigt mehr, als dass er selbst ein Vorbild eines richtig oder gut Handelnden abgeben würde.

Gerechtigkeit ist einer der höchsten Werte unserer Gesellschaft. Wir handeln oft altruistisch um der Gerechtigkeit willen. Dazu gehört auch der Einsatz für Menschen, die ungerecht behandelt werden oder unter ungerechten Lebensverhältnissen zu leiden haben. Gerechtigkeit ist eine meist verinnerlichte soziale Norm.

Auch wenn wir nicht aufgrund von verinnerlichten Werten altruistisch motiviert sind, handeln wir oft altruistisch, weil dies von uns erwartet wird. Wenn z. B. ein Mensch auf der Straße zusammenbricht, wird erwartet, dass andere zu Hilfe eilen. Welche Motive sie dabei haben, ist zweitrangig. Ein Motiv für den Helfenden kann sein, den Erwartungen der Mitmenschen zu entsprechen, d. h. sich entsprechend einer sozialen oder sogar juristischen Norm (siehe unterlassene Hilfeleistung) zu verhalten.

Ein Handeln, das über die Befolgung von Pflichten oder Erwartungen hinausgeht und so gewissermaßen den Titel Altruismus im Sinne von Außerordentlichkeit erst eigentlich verdient, bezeichnet man auch als supererogatorisches Handeln.

Ebenfalls zu unterscheiden ist nur scheinbar gutes, tatsächlich aber berechnendes Handeln.

Sympathie-Altruismus Nicht alle Formen der Sympathie setzen Empathie voraus; z. B. weckt Schönheit oft Sympathien; Empathie ist hier nicht erforderlich, da Schönheit offen liegt oder offen zu liegen scheint. Wohlwollen und Mitleid sind jedoch nicht denkbar ohne ein empathisches Vermögen. Ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen moralischem oder normativem Altruismus und Wohlwollen ist, dass Wohlwollen freiwillig ist und nicht in einem Sollen gründet. Handeln nach Prinzipien und Normen führt implizit die Botschaft mit sich, andere sollten auch so handeln. Wohlwollen ist jedoch allenfalls eine Einladung zur Nachfolge. Während im moralischen Altruismus die Tendenz liegt, anderen ihre Eigennützigkeit vorzuhalten, erkennt der Wohlwollende diese Eigennützigkeit an und bedient sie großzügig. Einen Altruisten aus Wohlwollen, dessen Wirkungskreis über den engeren Rahmen von Verwandtschaft, Nachbarschaft, Freundes- und Bekanntenkreis hinausgeht, bezeichnet man auch als Philanthropen (Menschenfreund).

Vom Handeln aus Wohlwollen ist das Handeln aus Mitleid zu unterscheiden. Auch „Schopenhauer behauptet, dass, wer einmal den Zusammenhang aller Wesen durchschaut habe, des Egoismus unfähig sei, weil er erkannt habe, daß jedes Leid, das er anderen zufüge, ihn selbst treffe; er könne keinen Unterschied mehr zwischen sich und den anderen machen, deren Förderung ja die eigene sei.“ (Georg Simmel)Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft. 1892. Bd. 1, 2. Kap.: Egoismus und Altruismus. S. 131.

mini|hochkant|Tierschutz (ein Kiwi)

In einem weniger anspruchsvollen und umfassenden Sinn wird dieses Phänomen in der Sozialpsychologie als Self-Other-Merging bezeichnet. Auch wenn viele Definitionen des Altruismus davon ausgehen, dass Altruismus mit einem Opfer verbunden ist, kann man beim Handeln aus Mitleid nur eingeschränkt von Opfer sprechen, weil durch die Identifikation mit dem Menschen oder auch Tier in Not die Getrenntheit zwischen Ego und Alter aufgehoben ist. Diese Erkenntnis formulierte Johann Wolfgang von Goethe in seinem Gedicht: „Willst Du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück; denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.“

Abgesehen von Wohlwollen und Mitleid erfolgt altruistisches Handeln oft ganz einfach aus Zuneigung oder generalisierter Dankbarkeit dem Leben gegenüber.

Rationaler Altruismus Will man nicht von vornherein Altruismus als rational nicht fassbare Liebe ansehen, fragt sich, wie es um die Rationalität des Altruismus bestellt ist. Diesbezügliche Untersuchungen beziehen Rationalität meist auf die Konsequenzen, die das altruistische Verhalten oder Handeln für den Handelnden selbst, oder für das Gemeinwohl hat. Rationalität kann sich auch auf das Verhältnis der Beteiligten beziehen, auf einen Ausgleich zwischen Eigeninteressen und denen anderer.

Es gibt auch andere Konzepte von rationalem Altruismus, die diesen auf eine objektive Basis stellen (z. B. Prinzipien, Normen und Werte). Das dann meist als moralisch oder ethisch aufgefasste Handeln wird in diesem Fall nicht auf eine individuelle Interessenverfolgung bezogen, sondern hat seine Rationalität in dem Wert, dem das Handeln nach solchen Richtlinien objektiv zukommt. Die Rationalität liegt dann im Wert des Handelns selbst, etwa als tugendhaft, ohne Berücksichtigung der Konsequenzen.

Klugheits-Altruismus Eine Lebensweisheit ist, dass Egoisten gut beraten sind, Altruisten zu sein oder als solche zu erscheinen, weil sie dadurch den größten Profit machen. Aber wie steht es objektiv damit?

Einen anspruchsvollen Versuch, moralische Intuitionen des richtigen und guten Handelns als rational begründet im Eigeninteresse (prudentielle [von lat. prudentia – Klugheit] intrinsische Wünschbarkeit) des Handelnden auszuweisen unter Berücksichtigung der subtilsten psychischen Phänomene legte der Philosoph Christoph Lumer vor.Christoph Lumer: Rationaler Altruismus. Eine prudentielle Theorie der Rationalität und des Altruismus. Universitätsverlag Rasch, Osnabrück 2000

Reziproker Tausch Die Rationalität des reziproken Tausches ist offensichtlich. Obwohl das Handeln sich meist an der Reziprozitätsnorm (Gerechtigkeit, Fairness) orientiert und nicht eine genaue Verrechnung von Leistung und Gegenleistung vorgenommen wird, geht es darum, die Ausnutzung von Altruisten durch Egoisten zu verhindern, damit die Tauschprozesse fortgesetzt werden können. Reziprozität ist ein Mittel, Ausnutzung zu unterbinden.

Generalisierter Tausch