mini|Übersichtskarte von Berlin-Steglitz
Steglitz ist ein Ortsteil im Bezirk Steglitz-Zehlendorf in Berlin, der auf das historische brandenburgische Dorf Steglitz zurückgeht; dieses gehörte bis zur Eingemeindung im Jahr 1920 dem Kreis Teltow an.
Geographische Lage mini|Blick über Steglitz mit der Schloßstraße vom Kreisel aus
Steglitz liegt in der geologischen Hochfläche Landschaft Teltow am Höhenzug der Rauhen Berge, der heute nur noch teilweise erhalten ist. Der höchste Punkt von Steglitz ist der Fichtenberg . Durch den Ortsteil fließen die Bäke und der Teltowkanal.
Steglitz liegt im Südwesten Berlins, am Übergang zwischen den dicht bebauten Innenstadtbezirken und den suburbanen Villen- und Eigenheimortsteilen. Steglitz ist traditionell bürgerlich geprägt, zahlreiche Wohngebiete entstanden in der industriellen Epoche in der Umgebung als Villenkolonie, und bis heute liegen die üblichen sozialgeografischen Indikatoren über dem Berliner Durchschnitt.
Der Ortsteil Steglitz grenzt von Süden beginnend innerhalb des Bezirks an die benachbarten Ortsteile Lankwitz, Lichterfelde und Dahlem, im Norden an den Ortsteil Wilmersdorf des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf und den Ortsteil Friedenau des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Die Ortslage Bismarckviertel bildet die Nordostgrenze zum benachbarten Ortsteil Schöneberg. Die Ortslage Südende grenzt im weiteren Verlauf im Uhrzeigersinn an die Ortsteile Schöneberg und Tempelhof des Bezirks Tempelhof-Schöneberg.
Geschichte
Herkunft des Namens mini|Wappen von Steglitz in der Siegelmarke der Gemeinde
Der Ortsname Steglitz ist slawischen Ursprungs und bedeutet „Ort, wo es Stieglitze gibt“.Reinhard E. Fischer: Die Ortsnamen der Länder Brandenburg und Berlin, Berlin 2005, S. 162. So auch Brandenburgisches Namenbuch, Teil 3: Die Ortsnamen des Teltow, Weimar 1972, S. 176. Der Vogelname Stieglitz ist ein slawisches Lehnwort im Deutschen. Der Ortsname wird in Verbindung mit dem altmärkischen Geschlecht derer von Stegelitz gebracht, denen die Dorfgründung zugeschrieben wird. Aus dem Familienwappen derer von Stegelitz stammen die beiden roten Stege im Wappen der Landgemeinde und des Bezirks.
Mittelalter Das Dorf Steglitz ist vermutlich im Rahmen des askanischen Landausbaus während der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Straßendorf gegründet worden (wahrscheinlich um 1230). Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf 1197 und 1248 wird ein Henricus de Stegelitz erwähnt.
In der Dorfmitte stand vermutlich zunächst eine erste hölzerne Dorfkirche. Sie wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts durch die Dorfkirche Steglitz, eine steinerne Saalkirche mit 72 Plätzen, ersetzt.
Der Ort selbst wird erstmals 1375 im Landbuch Karls IV. genannt, wahrscheinlich im Besitz derer von Torgow zu Zossen. Es fehlen die üblichen Angaben über Hufezahlen usw. Diese werden erstmals 1450 bekannt: 43 Hufe, davon sechs Pfarr- und ein Kirchenhufe; hinsichtlich der kirchlichen Rechte eine ungewöhnlich hohe Zahl. 1451 wird ein Krug erwähnt.
Im Jahr 1517 wird ein Hof mit zehn freien Hufen genannt, als Wohnsitz der Speel (auch von ‚Spil‘ oder von ‚Spiel‘), die Besitz auch in Dahlem haben.
Gutsbildung Der Gutsherr Christoph Erdmann von Spiel starb als letzter seines Geschlechts im Jahr 1713. Sein Grabstein steht heute an der äußeren Nordwand des Turms der Matthäuskirche. Durch die Gutsbildung im Bereich des Wrangelschlösschens wurde das Straßendorf deformiert. Sein ursprünglicher Kern (Alt-Steglitz) lag zwischen dem Rathaus Steglitz und dem Gutshaus Steglitz. Bis zum 18. Jahrhundert blieb Steglitz ein kleines Dorf von nur etwa hundert Bewohnern, die den kargen Böden nur bescheidene Erträge abzuringen vermochten und von den Gutsherren, die ihnen das Land lediglich zur Pacht überlassen hatten, praktisch völlig abhängig waren.
Steglitz profitierte von seiner Lage an der alten Reichsstraße 1, der heutigen Bundesstraße 1, die – einem mittelalterlichen Handelsweg folgend – ursprünglich über mehr als Tausend Kilometer von Aachen über Berlin und Königsberg bis an die damals deutsch-litauische Grenze reichte und als wichtigste Straßenverbindung Deutschlands galt. Das Teilstück zwischen Berlin und Potsdam wurde 1792 als erste Landstraße in Preußen gepflastert.
Vom Dorf zum städtischen Vorort mini|hochkant|Rathaus Steglitz mini|Gutshaus Steglitz, das sogenannte Wrangelschlösschen mini|Schlosspark Theater
Im Jahr 1801 oder 1802 erwarb der preußische Staatsminister Carl Friedrich von Beyme Gut und Dorf Stegelitz.
Im Bereich der heutigen Albrecht- und Breiten Straße entstand die Kolonie Neu-Steglitz. Der Berliner Seidenhändler und Fabrikant Johann Adolph Heese siedelte 1840 im Gebiet der heutigen Bergstraße eine Maulbeerplantage mit Seidenraupenzucht an. Steglitz wurde zum bedeutendsten Seidenbauzentrum Preußens.
Die Strecke der Stammbahn wurde 1838 durch Steglitz gebaut. Heute verkehrt hier die S-Bahn-Linie S1. 1839 erhielt Steglitz einen Bahnhof an der Strecke, der 1845 wieder geschlossen und 1864 neu eröffnet wurde. 1873 erhielt der Bahnhof Steglitz ein repräsentatives Bahnhofsgebäude, das 1965 für den Bau der Westtangente abgerissen wurde.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich der Name Steglitz gegen den alten Namen Stegelitz durch.
Am 2. Februar 1870 wurde die Kolonie Neu-Steglitz, die bis dahin zum Gutsbezirk Steglitz gehörte, in die Landgemeinde Steglitz eingegliedert.Amtsblatt der Regierung Potsdam 1870, S. 105
mini|Schwartzsche Villa
Die Erschließung der Vororte Berlins führte zu einem raschen Bevölkerungswachstum. Dadurch – ebenso wie durch die Gründung ausgedehnter Villenkolonien in den Nachbardörfern Lichterfelde-West und Dahlem – kam es rasch zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. 1872/1873 kam es zur Gründung der Villen- und Landhauskolonie Südende, die damals aber noch zu Mariendorf gehörte. 1875 wurde der Friedhof Steglitz eröffnet.
Als die mittelalterliche Dorfkirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wegen gestiegener Anzahl von Gemeindemitgliedern zu klein geworden war, wurde die wesentlich größere Matthäuskirche gebaut und 1880 eingeweiht. Die alte Dorfkirche wurde 1881 wegen Baufälligkeit abgebrochen.
In die neu angelegte Rothenburgstraße wurde 1877 die Berliner Preußisch-Königliche Blindenanstalt verlagert. Noch heute befinden sich dort viele Einrichtungen für Blinde und Sehbehinderte wie die Johann-August-Zeune-Schule.
Im Osten Steglitz standen die sandigen Rauhen Berge. Ende der 1880er Jahre wurde eine große Sandgrube angelegt, weil viel Sand als Baumaterial benötigt wurde. Am steilen Rand der Steglitzer Sandgrube machte 1892 Otto Lilienthal seine ersten Flugversuche. Noch 1922 wurde in der Dünenlandschaft eine Kulisse für den in Ägypten spielenden Film Das Weib des Pharao aufgebaut. Aktuell sind nur noch Reste der Rauhen Berge vorhanden, erkennbar vor allem im Bereich Oehlertring.
Das seit 1886 bestehende Gymnasium Steglitz war die Keimzelle der Wandervogelbewegung, die 1901 im Ratskeller des Steglitzer Rathauses gegründet wurde und seinerseits den Ursprung der Jugendbewegung darstellt. Dessen Chronist Hans Blüher beschrieb Steglitz 1913:
Die 1900 gegründete Steglitzer Werkstatt gilt als eine der wichtigsten Keimzellen der deutschen Buchkunstbewegung. In der Fichtestraße 59 (heute: Lepsiusstraße 23) entstand eine der ersten klassischen Werbeagenturen des Landes mit angeschlossener Druckerei. Bereits 1906 gab der letzte der drei Gründer den Standort Steglitz wieder auf.
Die Straßenbahn der Gemeinde Steglitz wurde 1905 zwischen Bahnhof und Grunewald eröffnet. Von 1912 bis 1914 verkehrte in Steglitz der Gleislobus Steglitz, einer der ersten Oberleitungsbusse der Welt.
Nachdem die Steglitzer Bevölkerung auf über 80.000 Einwohner angewachsen und Steglitz damit zur größten Landgemeinde Preußens geworden war, fand 1920 die Eingemeindung in das neugeschaffene Groß-Berlin statt. Bürgermeister war vom 1. Januar 1902 bis zum 1. April 1921 der Jurist und Kommunalpolitiker Karl Buhrow (1863–1939).
Im Jahr 1927 kamen in der Steglitzer Schülertragödie nach einem Selbstmordpakt zwei Schüler ums Leben.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Villenkolonie Südende, damals noch ein eigener Ortsteil, fast vollständig zerstört. Zum Kriegsende 1945 waren lediglich 25 Prozent aller Gebäude in Steglitz bewohnbar oder kurzfristig reparierbar, was Steglitz zum am meisten zerstörten Berliner Stadtteil machte. Wesentlich weniger Schaden nahm der Bereich des Geschäftszentrums an der Schloßstraße und den umliegenden Wohnblöcken.
Bezirk Steglitz (1920–2001) mini|hochkant=0.5|Wappen des Bezirks Steglitz (bis 1. Januar 2001)
Mit der Schaffung von Groß-Berlin 1920 wurde Steglitz auch der Name des 12. Verwaltungsbezirks von Berlin. Dieser wurde aus Steglitz, Groß-Lichterfelde, Lankwitz und der bisher zu Mariendorf gehörenden Villenkolonie Südende gebildet.
Die ehemalige Landgemeinde Steglitz wurde als Ortsteil Steglitz nun ein Teil des Bezirkes Steglitz. Weitere Ortsteile waren Lichterfelde und Lankwitz. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Südende ein weiterer Ortsteil, danach wurde es in den Ortsteil Steglitz eingegliedert.Statistisches Jahrbuch Berlin 1939, S. 18: Bezirke und Ortsteile von BerlinBerlin in Zahlen 1946/47, S. 28: Bezirke und Ortsteile von Berlin
Die Fusion des Bezirks Steglitz mit dem Bezirk Zehlendorf erfolgte 2001 zum Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Der Ortsteil Steglitz blieb unverändert bestehen.
Das Wappen der Landgemeinde und des Bezirks Steglitz wurde 1887 von Maximilian Gritzner geschaffen. Während die beiden roten Stege aus dem Familienwappen des altmärkischen Geschlechts von Stegelitz stammen, bildet der schwarze Adlerkopf eine Reminiszenz an Kaiser Wilhelm I., durch den die Wappenverleihung erfolgte, verweist auf die Nähe zur deutschen Reichshauptstadt und erinnert daran, dass Steglitz lange eine preußisch-königliche Domäne war.
Ortslagen
Bismarckviertel mini|Pfarrhaus mit Lukaskirche am Friedrichsruher Platz
Das Bismarckviertel im Nordosten des Ortsteils, im Dreieck zwischen der Stammbahn, Thorwaldsenstraße und Bergstraße, wurde ab der Wende zum 20. Jahrhundert erschlossen und aufgebaut. Sämtliche Straßennamen haben Bezug zu Reichskanzler Otto von Bismarck. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs kam es durch alliierte Luftangriffe links und rechts der Stammbahn zu starken Zerstörungen, beim Versuch die Versorgungslinie nach Berlin zu unterbrechen. Die letzte Bombenlücke wurde erst 2013 geschlossen. Westlich der Bismarckstraße kam es hingegen zu deutlich weniger Zerstörungen, sodass hier ein Großteil der historischen Bausubstanz erhalten blieb.
Das Viertel ist heute eine mittlere Wohnlage zwischen der City West, dem Stadtteilzentrum Steglitz um die Schloßstraße und dem bürgerlichen Südwesten Berlins.
Südende mini|Einziges erhaltenes Beispiel der einstigen Villenbebauung in Südende
Südende ist eine ehemalige Villenkolonie im Südosten des Ortsteils, angelegt nach 1872 auf vormaligem Mariendorfer Bauernland. Vor der Zerstörung lebten hier zahlreiche Kunst- und Kulturschaffende, wie der Komponist Arnold Schönberg, die Maler George Grosz und Wassily Kandinsky oder die Revolutionärin Rosa Luxemburg.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Villenkolonie in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 komplett zerstört, nachdem die Royal Air Force bei der Bombardierung Berlins unter starkem Flakbeschuss die Orientierung verloren und die Bomben, die eigentlich das damalige Regierungsviertel um die Neue Reichskanzlei in Mitte treffen sollten, über Südende abgeworfen hatte. Nur eine einzige Villa in der Grabertstraße 4 überstand das Inferno, hier befindet sich heute die Musikschule Steglitz-Zehlendorf.
Nach dem Krieg lag die Gegend über viele Jahre brach und erst in den 1960er Jahren begann ein Wiederaufbau. Den damaligen Bedürfnissen entsprechend, handelte es sich bei den Neubauten vor allem um einfache Wohnungen für Familien, sodass sich der Charakter der einstigen Villenkolonie vollkommen gewandelt hat.
Religion
Kirchenkampf im Nationalsozialismus