mini|300px|Baltijsk von heute, Luftaufnahme Baltijsk (), (), ist eine Stadt an der Ostsee. Sie liegt in der russischen Oblast Kaliningrad, einer Russland westlich vorgelagerten Exklave, und ist der Vorhafen von Kaliningrad, dem früheren Königsberg (Preußen). Die Stadt hat Einwohner (Stand: ) und ist Verwaltungssitz des Stadtkreises Baltijsk.

Die Stadt gehörte bis 1945 zur deutschen Provinz Ostpreußen, lag bis 1939 im Landkreis Fischhausen und nach dessen anschließendem Aufgehen im Landkreis Samland in diesem.

Geographische Lage Die Stadt liegt an der Nordseite des Pillauer Tiefs, das die Frische Nehrung vom Samland trennt, auf einer Höhe von drei Metern über dem Meeresspiegel. Es ist zugleich südlichster Ort der Bernsteinküste. Über Land ist Kaliningrad etwa 60 Kilometer entfernt. Die Stadt ist heute die westlichste russisch besiedelte Stadt.

Geschichte Die überlieferte Chronik von PillauFaber: Das Merkwürdigste aus der Chronik der Stadt und Festung Pillau. Beiträge zur Kunde Preußens, Band 6, Königsberg 1824, Nr. 1, S. 42–70; ; Nr. 2, S. 130–150; . reicht bis ins Jahr 1370 zurück, als die Schlacht bei Rudau stattfand. Vor der Auseinandersetzung soll der Deutsche Orden sein Heer vor Pillau versammelt haben.

Urkundlich wird 1430 erstmals eine Siedlung namens Pilen (Alt Pillau) erwähnt. Der historische Name Pillau geht auf prußisch „pile, pille, pils“ (Festung, Burg) zurück.Georg Gerullis: Die altpreußischen Ortsnamen, Berlin/Leipzig 1922, S. 122. Der Ort gewann entscheidend an Bedeutung, als schwere Stürme 1479 und 1510 die Frische Nehrung durchbrachen und eine schiffbare Rinne schufen, genannt „Das Gatt“.Gatt ist das mittelniederdeutsche Wort für Loch. Dadurch konnte sich Pillau später zu einer strategisch wichtigen Hafenstadt entwickeln.

Festung Pillau mini|links|Festung Pillau mini|Karte der Festung Pillau um 1715

Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges landete am 6. Juli 1626 der schwedische König Gustav Adolf mit einer Flotte von 37 Schiffen in Pillau, das anschließend von Schweden zehn Jahre lang besetzt blieb und zur Festung Pillau ausgebaut wurde. Während der Schwedenzeit vergrößerte sich der Ort, er erhielt eine erste Kirche aus Holz. In den 1650er Jahren verstärkte Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg die Festung und legte in Pillau einen brandenburgischen Kriegshafen an. Dadurch stieg die Bevölkerung erneut, im Einzugsgebiet der Festung siedelten sich Lotsen, Händler und ehemalige Offiziere an. 1660 wurde die Holzkirche durch einen Steinbau ersetzt, der eine Orgel erhielt.

König Friedrich Wilhelm I. verlieh Pillau am 18. Januar 1725 das Stadtrecht.Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Erster Theil, welcher die Topographie von Ost-Preussen enthält. Kanter, Königsberg 1785, S. 9. Im Siebenjährigen Krieg standen Stadt und Festung in den Jahren von 1758 bis 1762 unter russischer Besatzung. Von 1791 bis 1805 wurde unter der Leitung von Paul von Gonzenbach die Festung wiederhergestellt. Der Umbau kostete 645 000 Taler.

Im Vierten Koalitionskrieg belagerten französische Truppen 1807 Pillau vergeblich, so dass die Festung durch den Tilsiter Frieden für Preußen erhalten blieb. Infolge des französisch-preußischen Bündnisses gegen Russland musste die Festung im Sommer 1812 ein französisches Besatzungskontingent von 1200 Mann unter Oberst Castella de Berlens aufnehmen. Als Ostpreußen sich Anfang 1813 gegen Napoleon erhob und russische Truppen vor Pillau erschienen, gelang es dem Kommandanten des preußischen Kontingentes, die Franzosen am 8. Februar 1813 zum kampflosen Abzug zu bewegen, um die Einnahme der Festung durch die Russen zu verhindern. Im Jahr 1905 bestand die Garnison aus einem Infanteriebataillon Nr. 43 und aus einem Bataillon Fußartillerie Nr. 2.

Pillau im Norddeutschen Bund (1867–1871) mini|Postamt Pillau (um 1900) mini|Leuchtturm Baltijsk, Künstler Vyacheslav Ovchinnikovd Durch den Zusammenschluss im Norddeutschen Bund 1867 wurde aus der Pillauer Postexpedition mit der Reichsgründung 1871 und nachfolgender Neustrukturierung des Postbetriebs der Reichspost ab 5. Januar 1875 ein Postamt II. Klasse mit einem Postmeister. In seiner Funktion war er der Oberpostdirektion in Königsberg, mit seiner Zuständigkeit für Ostpreußen, unterstellt.

Amtsbezirk Festung Pillau (1885–1903) Am 2. Juli 1885 wurde aus dem Gutsbezirk Pillau, Festung, der bisher zum Amtsbezirk Alt Pillau gehörte, der neue Amtsbezirk „Festung Pillau“ gebildet.Rolf Jehke: Amtsbezirk Festung Pillau Er bestand lediglich aus diesem einen Gutsbezirk und gehörte zum Landkreis Fischhausen im Regierungsbezirk Königsberg der preußischen Provinz Ostpreußen. Seit am 30. März 1903 der Gutsbezirk Pillau, Festung, in die Stadtgemeinde Pillau eingegliedert wurde, gab es den Amtsbezirk „Festung Pillau“ nicht mehr.

Industrialisierung mini|Pillau, südwestlich von Fischhausen, am Frischen Haff, westlich von Königsberg, auf einer Landkarte von 1910 mini|Hafen Pillau (1927)

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die Industrialisierung neuen Aufschwung für die Stadt. Die in Pillau niedergelassenen Reeder verfügten 1848 über acht Handelsschiffe. Eine Eisenbahnstrecke verband die Stadt ab 1865 mit Königsberg, der Hafen wurde zwischen 1876 und 1889 erheblich erweitert.Ludwig Hagen: Der Hafen zu Pillau. In: Zeitschrift für Bauwesen, Band 33, Berlin 1883, Sp. 249–272 (Google Books).Die Erweiterungsbauten im Hafen von Pillau in den Jahren 1876 bis 1889. In: Zeitschrift für Bauwesen, Band 44, Berlin 1894, Sp. 76–96 (Google Books). Bis 1945 bestand ein Bahnbetriebswerk der Deutschen Reichsbahn in Pillau.Eisenbahnreise durch ein verbotenes Land. In: EK, 10/85, EK-Verlag, Freiburg 1985 Durch den Bau einer großen Kaserne wurde der Marinestandort weiter aufgewertet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde bei Pillau der Königsberger Seekanal durch das Haff fertiggestellt, der auch im Winter offengehalten werden konnte. Dadurch blieben fortan die Häfen Königsberg, Elbing und Braunsberg das ganze Jahr in Betrieb. Nach der Eingemeindung Alt-Pillaus und der Festung Pillau in die Stadt im Jahr 1902 wuchs die Bevölkerungszahl auf über 7000 an. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Pillau drei evangelische Kirchen, eine Realschule, eine Navigationsschule und das Amtsgericht Pillau. 1937 kamen weitere Gemeinden hinzu, so dass Pillau zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 12.000 Einwohner hatte.

Zweiter Weltkrieg mini|Flüchtlinge im Hafen (Januar 1945)

Im Zweiten Weltkrieg sollte der Marinestandort Pillau große Bedeutung erlangen. Schon 1933 war Pillau im Zuge der Aufrüstung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Heimathafen einer Minensuchflottille geworden. Neue Hafenbecken wurden als Liegeplätze für Kreuzer gebaut. 1939 kam ein Seefliegerhorst hinzu und ein Jahr später wurde die 1. Unterseebootslehrdivision dort stationiert. Zum Ende des Krieges wurden über Pillau die ersten Flüchtlingstransporte abgewickelt. Am 5. Februar 1945 richtete ein erster sowjetischer Fliegerangriff große Schäden an. Insgesamt verließen von Ende Januar 1945 bis 18. April mehr als 450.000 Flüchtlinge mit Schiffen den Hafen von Pillau. Sehr viele Flüchtlinge starben im Zeitraum Januar bis März 1945 in Pillau. Mit einsetzenden Häuserkämpfen in der Stadt am 24. April wurden die Hafenanlagen gesprengt. Tote des Zweiten Weltkriegs sind in der Deutschen Kriegsgräberstätte Baltijsk beigesetzt.

Denkmal des Großen Kurfürsten mini|hochkant|Denkmal des Großen Kurfürsten Vor dem Leuchtturm Pillau wurde 1913 das Denkmal für Kurfürst Friedrich Wilhelm eingeweiht.

Seit 1945 Am 25. April 1945 eroberte die Rote Armee Pillau als letzte ostpreußische Stadt. Anschließend wurde die Stadt zusammen mit der gesamten nördlichen Hälfte Ostpreußens von der Sowjetunion besatzungsrechtlich in eigene Verwaltung genommen. Durch das Potsdamer Abkommen im August 1945 wurde diese Maßnahme nicht verändert. Pillau wurde am 27. November 1946 in Baltijsk umbenanntDurch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 27 ноября 1946 г. «О переименовании г. Пиллау Приморского района Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 27. November 1946: Über die Umbenennung der Stadt Pillau im Rajon Primorsk in der Oblast Kaliningrad) (Bedeutung etwa Baltische Stadt bzw. Ostseestadt) und wurde der Hauptstützpunkt der Baltischen Flotte. Die Einwohnerzahl der Stadt wurde 1944 bis 1947 durch Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung nahezu auf Null reduziert. Sie stieg anschließend durch den Zuzug von Neubürgern aus Zentralrussland, der Gegend des heutigen Föderationskreises Wolga und Belarus langsam wieder an. Baltijsk war bis zum Zerfall der Sowjetunion ein innerhalb des gesperrten Kaliningrader Gebietes besonders abgeschottetes militärisches Sperrgebiet.

Dies lockerte sich nach der Öffnung der Oblast allmählich. In dieser Zeit wurden in Baltijsk eine russisch-orthodoxe Kirche eröffnet und jeweils ein markantes Denkmal des Zaren Peter I., genannt „der Große“, und der Zarin Elisabeth errichtet. Auch heute ist das Stadtgebiet von Baltijsk nicht uneingeschränkt zugänglich.

Seit 1994 war Baltijsk Verwaltungssitz des Stadtkreises Baltijsk. Von 2008 bis 2018 war die Stadt Sitz einer städtischen Gemeinde, zu der auch die Orte Beregowoje und Lunino gehörten, im Rajon Baltijsk und ist seither wieder Sitz des Stadtkreises Baltijsk.

Demographie + Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1768 1123 Leopold Krug: Die Preussische Monarchie; topographisch, statistisch und wirthschaftlich dargestellt. Nach amtlichen Quellen. Teil I: Provinz Preussen. Berlin 1833, S. 109; . 1782 ≈1300 in 114 HaushaltungenJohann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil I: Topographie von Ost-Preußen. Marienwerder 1785, S. 9; . 1810 2315 in 46 öffentlichen Gebäuden und 178 Privatwohnhäusern; 65 Katholiken 1813 2393 1816 2521 ohne Vorstadt und Schlossfreiheit (62 Einwohner) und ohne die Festung (146 Personen); nach anderen Angaben 2492 Einwohner in 57 öffentlichen Gebäuden und 183 Privatwohnhäusern 1819 3562 1822 2767 Stadt, mit 61 öffentlichen Gebäuden und 185 Privatwohnhäusern 1828 3674 mit der Festung;Neue Allgemeine Geographische und Statistische Ephemeriden. Band 30. Geographisches Institut, Weimar 1830, S. 24; Google Books in 24 öffentlichen Gebäuden und 229 Privatwohnhäusern; die Stadt hat eine evangelische Kirche mit drei Predigern, zwei Bürgerschulen, eine Buchdruckerei, eine Apotheke, einen Wundarzt und vier Hebammen 1831 3929 ohne die Garnison (drei Kompanien), in 25 öffentlichen Gebäuden und 228 Privatwohnhäusern; 89 Katholiken und zehn Juden, sonst nur evangelische Bewohner 1852 3491 Stadt, mit einer MittelschuleTopographisch-statistisches Handbuch des Preußischen Staats (Kraatz, Hrsg.). Berlin 1856, S. 467; . 1867 3185 am 3. Dezember 1871 2923 am 1. Dezember, Stadt, davon 2871 Evangelische, 51 Katholiken und eine jüdische PersonDie Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Preussen und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. December 1871 bearbeitet und zusammengestellt. Königliches Statistisches Bureau, Berlin 1874, S. 14–15, Ziffer 2 (Google Books). 1875 3196 1880 3225 1890 3303 davon 53 Katholiken und zwölf Juden 1905 7374 Stadt, mit drei evangelischen Kirchen, einer Realschule, einer Navigationsschule, einem Amtsgericht, einem Hauptzollamt und einer Garnison (ein Infanteriebataillon Nr. 43 und ein Bataillon Fußartillerie Nr. 2); von den Einwohnern sind 233 Katholiken 1910 7079 Stadt, am 1. Dezember, auf einer Fläche von 900 ha, Festung und Seebad, mit drei evangelischen Kirchen, einer katholischen Kirche, einer Realschule, einer Höheren Töchterschule, einer Navigationsschule und einer PräparandenanstaltPillau. In: Meyers Gazetteer (mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, und historischer Landkarte der Umgebung von Pillau). 1933 7577 1939 10.980