mini|hochkant=1.2|Blick auf Marzahn
Marzahn [] ist ein Ortsteil im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Der Begriff Marzahn bezeichnet zugleich den ehemaligen Berliner Stadtbezirk Marzahn und die größte Großsiedlung auf dem seinerzeitigen Gebiet der DDR.
Der Ortsteil Marzahn geht auf ein mittelalterliches Angerdorf zurück, das, seinen dörflichen Charakter bewahrend, noch heute erhalten ist. Der Dorfkern steht seit 1977 unter Denkmalschutz. In seiner Umgebung entwickelten sich um 1900 einige Kleinsiedlungsbereiche. Zwischen der zweiten Hälfte der 1970er Jahre und dem Ende der 1980er Jahre entstand rund um das alte Dorf die als üppig durchgrünte Stadtlandschaft konzipierte und realisierte Großwohnsiedlung Marzahn. Die Siedlung wurde überwiegend in Plattenbauweise errichtet.
Seit der Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920 gehört der Ortsteil Marzahn zu Berlin, bis 1979 innerhalb des Stadtbezirks Lichtenberg. Im Zusammenhang mit dem Bau des Neubaugebietes wurde Marzahn 1979 aus dem Stadtbezirk Lichtenberg ausgegliedert und zum Namensgeber des neuen Stadtbezirks Marzahn. Er umfasste bei seiner Gründung neben dem Ortsteil Marzahn auch die Ortsteile Biesdorf, Hellersdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf und entsprach so dem heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf. 1986 wurde aus den Ortsteilen Mahlsdorf, Kaulsdorf und Hellersdorf der Bezirk Hellersdorf gebildet. Bei der Verwaltungsreform 2001 fusionierten die beiden Bezirke wieder zum heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf.
Zum Norden des heutigen Ortsteils Marzahn gehören Gebiete, die 1920 bei der Bildung von Groß-Berlin noch nicht zum Ortsteil gerechnet wurden: Teilgebiete des damaligen Bezirks Weißensee und Gebiete des brandenburgischen Dorfes Ahrensfelde.
Etymologie Der Name Marzahn stammt vom slawischen marcana (polabisch ‚Sumpf‘), also „Siedlung bei einem Sumpfgebiet“.Reinhard E. Fischer: Die Ortsnamen der Länder Brandenburg und Berlin. Alter – Herkunft – Bedeutung. Berlin 2005, S. 114. Die Wuhle verursachte oft Überschwemmungen, wodurch Sümpfe entstanden.
Gliederung Marzahn ist in die drei Regionen Marzahn-Nord mit 22.341 Einwohnern (2007),Marzahn-Nord auf der offiziellen Webpräsenz der Stadt Berlin, abgerufen am 8. Mai 2015 Marzahn-Mitte mit 43.971 Einwohnern (2007)Marzahn-Mitte auf der offiziellen Webpräsenz der Stadt Berlin, abgerufen am 8. Mai 2015 und Marzahn-Süd unterteilt.
Geschichte Das Dorf mini|hochkant|Marzahner Dorfkirche
Das Dorf Marzahn wurde wie alle Dörfer im Berliner Umfeld des Barnim um 1230 gegründet. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erhielt Marzahn eine steinerne Dorfkirche. 1300 wurde es unter der Bezeichnung Morczane (oder Murtzan) durch den Markgrafen Albrecht III. erstmals urkundlich erwähnt. Mit der Urkunde wurde den Nonnen des Klosters Friedland Landbesitz in Marzahn bestätigt. Das Landbuch Karls IV. von 1375 weist für Marzahn 52 Hufen aus, davon vier Pfarrhufen, eine Kirchhufe und drei Hufen für das Kloster Friedland. Der Rest gehörte einem Ritter Johann von Wulkow und seit Anfang des 15. bis Ende des 16. Jahrhunderts einer Familie von Lindenberg.
Im Jahr 1539 wurde Marzahn im Rahmen der Reformation in der Mark Brandenburg zunächst Tochterkirche von Biesdorf, dann von etwa 1600 bis 1945 von Friedrichsfelde. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war Marzahn 1652 in einem schlechten Zustand: Es gab keine Bauern mehr und nur die fünf Kossäten überstanden den Krieg.
Nachdem 1590 der Besitz des Dorfes geteilt worden war, erwarb im Jahr 1609 Albrecht von Pfuel das Dorf, das dann später (1657 und 1681) in zwei Schritten in den Besitz des Großen Kurfürsten überging und dem kurfürstlichen Amt Köpenick unterstellt wurde. Bis 1872 verblieb Marzahn im Besitz des brandenburgischen Kurfürsten beziehungsweise preußischen Königs.
mini|hochkant=0.8|Ehemalige Dorfschule, heute Museum Marzahn-Hellersdorf Nachdem 1764 das Marzahner Amtsvorwerk unter 19 Siedlerfamilien aus der Kurpfalz aufgeteilt wurde, bildeten die Pfälzer für mehrere Jahrzehnte eine eigene Dorf-, Kirchen- und Schulgemeinde. Sie besiedelten nach und nach vor allem drei größere Flächen um den alten Dorfanger bzw. entlang der Handelsstraßen. Sie brachten aus ihrer ehemaligen Heimat zahlreiche Nutzpflanzen mit. Das in den Kolonien angelegte neue Wegesystem wurde zuerst durchnummeriert, aber in den 1930er Jahren erhielten die Wege oder Straßen Namen nach den ersten Kolonisten, nach Orten aus ihrer früheren Heimat und vor allem nach Obst- und Gemüsepflanzen. Einige dieser Straßen sind bei der massiven Bebauung von Marzahn ab den späten 1970er Jahren verändert worden, die meisten sind jedoch noch erhalten.
Erstmals fand 1874 in Marzahn, das zum neu gebildeten Amtsbezirk Hohenschönhausen im Kreis Niederbarnim gehörte, eine Gemeindevertreterwahl statt. 1875 begann in Marzahn das Anlegen von Rieselfeldern, erst 1898/1899 erhielt der Ort einen einfachen Bahnhof. Er lag an der Wriezener Bahn und erhielt erst 1914 ein Überholgleis.
Ab 1904 wurde Marzahn an das Gas- und Wassernetz angeschlossen, der Anschluss an das Stromnetz musste jedoch noch bis 1920 warten. 1912 wurde die neue Marzahner Schule fertiggestellt, die seit 1999 das Museum Marzahn-Hellersdorf beherbergt.
Marzahns Eingemeindung nach Berlin Marzahn wurde am 1. Oktober 1920 mit zu Groß-Berlin eingemeindet und dem Bezirk Lichtenberg zugeordnet.
Zigeunerlager Marzahn mini|hochkant=0.8|Wachmannschaft des „Zigeunerlagers Berlin-Marzahn“
Im Jahr 1936 wurde im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Olympischen Spiele ein Arbeitslager für Zigeuner errichtet,Ute Brucker-Boroujerdi, Wolfgang Wippermann: Das ‚Zigeunerlager‘ in Berlin-Marzahn. In: Pogrom – Zeitschrift für bedrohte Völker. 1987, S. 77–80.Ute Brucker-Boroujerdi, Wolfgang Wippermann: Nationalsozialistische Zwangslager in Berlin III. Das „Zigeunerlager“ Marzahn. In: Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Berlin-Forschungen II. Colloquium-Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-7678-0708-4, S. 189–201 (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, 61; Publikationen der Sektion für die Geschichte Berlins, 4). Hitlers erstes Lager für „Fremdrassige“.Reimar Gilsenbach: Marzahn – Hitlers erstes Lager für Fremdrassige. Ein vergessenes Kapitel der Naziverbrechen. In: Pogrom – Zeitschrift für bedrohte Völker. 1986, S. 15–17. Das Lager wurde nördlich des Städtischen Friedhofs Marzahn am Wiesenburger Weg aufgebaut. Am 16. Juli 1936 wurden hier nach einer landesweiten Verhaftungsaktion 600 Personen interniert. In der Folgezeit entwickelte es sich zum größten Zigeunerlager Deutschlands.
Die Häftlinge waren unter völlig unzureichenden Bedingungen in ausrangierten Wohnwagen des Arbeitsdienstes untergebracht. Die hygienischen Zustände im kurzfristig aufgebauten Lager waren katastrophal. Die Insassen wurden von preußischer Schutzpolizei bewacht und in Zusammenarbeit mit dem Reichsgesundheitsamt anthropometrisch erfasst. Ab 1939 wurden sie zur Zwangsarbeit in den Außenlagern des KZ Sachsenhausen oder für Straßenarbeiten in Berlin eingesetzt. Die meisten der schätzungsweise bis zu 2000 Internierten wurden 1943 ins „Zigeunerlager Auschwitz“ oder nach Bergen-Belsen deportiert und dort umgebracht, sodass nur wenige überlebten.
Weitere Zwangsarbeiter im Einsatz und Hilfsmaßnahmen durch Marzahner Bürger Von 1940 bis 1942 errichtete das Unternehmen Hasse & Wrede im Marzahner Ortsteil Bürknersfelde einen Werksneubau. Dazu kamen auf diesem Gelände zwei Lager für Zwangsarbeiter.Geschichte des Dorfes Marzahn. Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf. Im Widerstand war hier auch eine kleine, erfolgreiche kommunistische Zelle tätig.
Die örtlichen Bauern beschäftigten ebenfalls zahlreiche ausländische Zwangsarbeiter, um die im Kriegseinsatz befindlichen deutschen Arbeitskräfte zu ersetzen.
Zwischen 1943 und April 1945 versteckten der Spediteur Erich Scheffler und seine Frau Charlotte in ihrem Wohnhaus mehrere jüdische Bürger und retteten ihnen so das Leben.
Luftangriffe Am 30. März 1943 erfolgte ein schwerer Luftangriff. Es wurden mehrere Häuser zerstört, in Marzahn wurden fünf Menschen getötet.
mini|hochkant|Die Gedenkstätte wurde von Otto Schack gestaltet. tritag.de; abgerufen am 15. Mai 2015.
Besetzung durch die Rote Armee Im Kampf um Berlin überschritt die 5. Stoßarmee am 21. April 1945 als erste sowjetische Einheit in Marzahn die Stadtgrenze. Ihrem Befehlshaber, Generaloberst Nikolai Erastowitsch Bersarin, fiel damit nach russischer Militärtradition das Amt des Stadtkommandanten zu. An diesen Tag erinnert ein Giebelbild an der Landsberger Allee am heutigen Haus der Befreiung.
Der Bauer Erwin Gensler wurde von den sowjetischen Kriegsbevollmächtigten als Bürgermeister eingesetzt.
Marzahn nach 1945 Seit 1945 gehörte Marzahn zum sowjetischen Sektor des in vier Sektoren aufgeteilten Berlins und somit nach der Verfestigung des Ost-West-Konflikts bis 1990 zu Ost-Berlin als Hauptstadt der DDR.
Am 30. Oktober 1945 erließ die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) den Befehl (SMAD-Befehl Nr. 124), die Maschinenbaufirma Hasse & Wrede zu sequestrieren. Bis 1946 wurde der Betrieb vollständig demontiert. Im November 1947 wurde das Unternehmen der Deutschen Treuhandverwaltung unterstellt und produzierte nach Aufräumarbeiten Drehmaschinen. Im Februar 1950 wurde aus Hasse & Wrede der VEB Berliner Drehautomaten (später entstand durch Zusammenlegung mit dem VEB Berliner Werkzeugmaschinenfabrik der VEB Berliner Werkzeugmaschinenfabrik Marzahn [BWF]).
Im Jahr 1953 wurde in Marzahn die erste LPG Berlins mit dem Namen Neue Ordnung gegründet, die sich 1958 mit der Biesdorfer LPG zusammenschloss und 1965 mit der LPG Eiche / Ahrensfelde zur LPG Edwin Hoernle fusionierte.
Marzahn als Projektgebiet einer Großsiedlung und als Bezirk mini|hochkant|Grünanlage zwischen den Wohnblöcken 1981 (Blick von einem Hochhaus am Springpfuhl Richtung Süden)
Auf dem VIII. Parteitag der SED wurde 1971 beschlossen, die „Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990“ zu lösen. In diesem Zusammenhang legten die Planer das Neubaugebiet Berlin-Marzahn fest und die Verlegung der Fernverkehrsstraße, die den alten Dorfanger nördlich umgeht.
Von 1976 bis 1979 wurden im Rahmen der Erschließungsarbeiten für die Großsiedlung Marzahn im Gebiet des ehemaligen Rohrpfuhls südöstlich des Dorfkerns Marzahn archäologische Grabungen durchgeführt. Die Archäologen stießen dabei auf mehrere slawische und germanische Siedlungsreste.
Im Jahr 1977 begannen die Neutrassierung der Straßen und der Wohnungsbau für die geplante Großsiedlung Marzahn. Die neuen Wohnhäuser entstanden in mehreren Abschnitten von Süden nach Norden. Die Baumaßnahmen dauerten bis Ende der 1980er Jahre. Dominant wurden dabei elfgeschossige Plattenbauten, die jeweils innerhalb von etwa 110 Tagen aus den angelieferten Großplatten montiert wurden. Die ersten 1977 entstandenen Wohngebäude befinden sich im Bereich des Wohngebietes I im Umfeld des Springpfuhls, 4089 Wohnungen waren Ende 1978 nach Entwürfen von Peter Schweizer und Heinz Graffunder fertiggestellt. Weitere Wohngebiete wie das Wohngebiet Cecilienstraße sowie Marzahn II und Marzahn III folgten noch Anfang der 1980er Jahre.
Am 5. Januar 1979 wurde Marzahn zusammen mit den Ortsteilen Biesdorf, Hellersdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf Teil des neugebildeten Stadtbezirkes Berlin-Marzahn. Zum Bezirk bzw. zum Ortsteil Marzahn kamen dabei auch größere Gebiete der Ortsteile Falkenberg und Friedrichsfelde. Ein Konflikt mit den westlichen Besatzungsmächten wegen dieser Neugliederung entstand dabei nicht: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am 6. April 1979 nach einer Anfrage bei der US-Botschaft in Bonn, dass die drei Westmächte der Ansicht seien, die Bildung eines neunten Stadtbezirks in Ost-Berlin würde die Verantwortung der vier Mächte für ganz Berlin nicht beeinträchtigen und eine rein verwaltungstechnische Maßnahme darstellen. Anders wäre dies, wenn der neue Stadtbezirk über die bisherigen Grenzen von Berlin hinausreichen würde.
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