Sexueller Fetischismus ist die übersteigerte Zuneigung zu einzelnen Körperteilen, Körpereigenheiten, Kleidungsstücken, Utensilien, Materialien oder Situationen, bei der ein Gegenstand, der sogenannte Fetisch, als Stimulus der sexuellen Erregung und Befriedigung dient.Katarina Bobkova, A. K. Ludwig, A. Münch: Sexualmedizinische Diagnostik. Grin Verlag, 2007, ISBN 978-3-638-66280-2, S. 6.

Der erotische Fetischismus erwächst aus der Aufmerksamkeit, die einem bestimmten, vom Individuum lustvoll aufgeladenen Gegenstand zugestanden wird. Diese Beachtung wird lt. Knoll und Jaeckel durch eine Art Augenjagd wirksam, bei der der Interessent bestrebt ist, Beute zu machen. Dies geschieht durch den erotischen Anblick, eine „besondere Ausdrucksform des Voyeurismus“. Augenjäger schaffen sich, um ihrer erotischen Fixierung Wirksamkeit zu verschaffen, eine Art Jagdgebiet. Dies kann ein Schaufenster mit erotisch konnotierten Utensilien sein, es kann sich um das Betrachten bildlicher Darstellungen in Druck- oder Digitalform handeln.

Auch zählt dazu der Besuch bestimmter Events, bei denen Personen auftreten, die den erotisch begehrten Gegenstand am Körper tragen, oder es kann die rein zufällige Begegnung auf der Straße sein, bei der die erotischen Schaureize vorgefunden werden, die der Disposition des Fetischisten für ein begehrtes Utensil entsprechen. So fallen im Alltag Stiefel-Liebhaber durch ihre Blickweise auf, die „erst den Fuß, dann die Person“ ins Visier nehmen. Auf diese Weise wird die Erregung generiert, derer der Fetischist bedarf. Jeder Fetisch ist im Grunde ein Ersatz – für die lebendige Partnerin oder den Partner, für die ganze Person.

Freud betont den Aspekt des Fetischs, der zwar zum Sexualpartner in Beziehung steht, gleichzeitig aber „völlig ungeeignet ist, dem normalen Sexualziel zu dienen“. Der Reiz des begehrten Utensils kann aus der Verhüllung des genitalen Bereichs erwachsen oder den engen Kontakt zum Körper repräsentieren, aber genauso gut kann er auch weitab vom genitalen Bereich liegen. Der Ersatzcharakter des Fetischs führt dazu, dass vom Ausübenden immer neue Exemplare gesucht werden; er legt sich einen fetischistischen Harem an, in dem ein bestimmtes Fetisch-Exemplar jeweils seine besondere Gunst genießt, um sie nach einiger Zeit zu verlieren und irgendwann auch neu zu gewinnen; Stekel spricht von einem Haremskult, der jedem Fetischisten zu eigen sei.

Manche Fetischisten benötigen, um erregt zu werden, die Gewissheit, dass ihre präferierten Gegenstände tatsächlich getragen worden sind. Dies können z. B. Hemden, Strümpfe, Wäsche sein, die dann vielleicht von einer Wäscheleine gestohlen werden (Fetisch-Raub als lustvoll erlebter Akt der Aneignung). Der Erwerb oder in die Inbesitznahme des Fetischs wird von Betroffenen als „Akt der Weihe“, gleichsam als „feierlich vollzogene Zeremonie“ beschrieben.

Fetische-Gegenstände können lt. Knoll und Jaeckel gleichsam in den Rang von Geschlechtspartnern aufrücken, die jederzeit verfügbar gehalten werden, um zur Triebabfuhr zu dienen. Stekel hebt hervor: „Es gibt keinen Fetischismus ohne Onanie.“ Manche Fetischisten sind förmlich gefangen im Bannkreis ihrer Monosexualität, sie leiden unter der partnerschaftsfernen Abgeschiedenheit ihrer sexuellen Daseinsäußerung. Aus Furcht, sich gesellschaftlich lächerlich zu machen, muss der Fetisch oft geheim gehalten werden. Anderen gelingt es, ihre Neigungen offen zu zeigen und fetischistische Reize in den Dienst von Paarbeziehungen zu stellen und als Brücke zur vollen Liebe heranzuziehen. Als Beispiel lässt sich der Lebenslauf des Malers und Stiefelfetischisten Rudolf Schlichter anführen.

Morris hebt hervor, dass der erotisch konnotierte Gegenstand für den individuellen Fetischisten von enormer Bedeutung ist, während es sein kann, dass dieser gleichzeitig von der großen Mehrheit der Gesellschaft als unerotisch und belanglos betrachtet wird. Knoll und Jaeckel betonen in diesem Zusammenhang, dass nicht der Fetisch an sich zähle, sondern der Glaube an ihn. Dies zeige sich daran, wie sexualfern manche Fetische seien. Die Faszination der Fetische könne manchmal so groß sein, dass ihnen durch die Genusssuchenden eine geradezu religiöse Verehrung zuteil werde. Auffällig sei lt. Morris, dass jeder Fetischist seine eigene Spezialität habe, was die Fetischisten auch untereinander isolieren könne. Als Beispiel nennt er Pelzhandschuhe, die für einen Stiefelfetischisten ebenso wenig Bedeutung hätten wie für einen Nichtfetischisten.

Subkultur und Modetrend

Fetischbezüge sind in der Mode erkennbar und im Alltagsleben sichtbar. Die Designerin Yvonne Reichmuth hat die Fetisch-Mode durch Verwendung des Materials Leder seit 2015 zum Konzept ihrer Marke gemacht. Beim Model-Label Courrèges stehen Lack-Overknees und Berghain-Mäntel im Blickpunkt; bei Hermès zählt das scharf geschnittene Etuikleid aus Leder zur Kollektion. Fetisch-Mode wird als Alltagsgarderobe auf der Straße sichtbar. Die fetischistische Daseinsäußerung erfährt damit eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz.

Das Recht auf Sichtbarkeit wird auch von der Szene eingefordert. Im Zuge von organisierten Rollenspielen, Fetisch-Partys oder öffentlichen Aktionen politisch-gesellschaftlicher Art, wie beim Christoper Street Day, werden regelmäßig fetischistische Bezüge präsentiert und damit enttabuisiert. Nicht an allen Orten ist dies allerdings erwünscht: So bemühte sich der Heide-Park-Soltau 2022 darum, an einem besonderen CSD-Tag einerseits der queeren Szene ein Forum zu bieten, gleichzeitig aber ein „buntes“ und „familienfreundliches Programm“ aufrechtzuerhalten. Dazu waren queere Gäste angehalten, sich zusätzlich zur Hausordnung gewissen „Spielregeln“ zu unterwerfen. So schrieb der Parkbetreiber vor, „Familien-taugliche Kleidung“ anzuziehen und auf die „Darstellung von Fetisch, Bondage, Lack/Leder, Masken etc.“ zu verzichten ebenso wie auf eine „Darstellung von Phallus-Symbolen“.

Neben den klassischen Medien zur Kontaktaufnahme und Information über verschiedene Bereiche des Fetischismus, beispielsweise die Zeitschrift Bizarre, hat sich im Internet eine eigene, oft vom jeweiligen Fetisch abhängige Szene entwickelt. Dadurch finden Fetischisten Unterstützung und Gleichgesinnte in Foren, Communitys und Subkulturen. Der Fetischbegriff wird in der jeweiligen Gruppe definiert und es werden zum Teil eigene Begrifflichkeiten für spezielle Fetische entwickelt. Auch sind Übergänge zu weiteren Ausprägungen gelebter Sexualität erkennbar, wie z. B. zur BDSM-Szene, zu Bereichen der Homosexualität, zum erotischen Sadomasochismus, fetischistischen Transvestitismus etc. Auch die Szene der in der Realität ausgelebten sadomasochistischen Subkultur basiert auf fetischistischen Elementen.

Da der Fetisch zunehmend als legitime und gleichberechtigte sexuelle Spielart akzeptiert ist, die weder geheilt noch behandelt werden muss, wird seine Kategorisierung als Devianz in diesen Zusammenhängen als anmaßend und diskriminierend empfunden. Wilhelm Stekel vertritt die Auffassung, „dass ganz allgemein die individuelle Form der Geschlechtsliebe durch eine Art von Fetischismus bestimmt wird“.

Umgangssprachlicher Gebrauch

Der umgangssprachliche Gebrauch schließt neben dem Wortspiel mit der sexuellen und religiösen Konnotation des Fetischismus auch sexuelle Neigungen über die wissenschaftliche Definition hinaus ein. Im Gegensatz zur Fetischszene wird der Begriff in der Umgangssprache allerdings meist abwertend verwendet. Häufig wird bereits eine Neigung als Fetischismus bezeichnet, bei der die Betroffenen keinem Leidensdruck unterliegen. Diese Definition des Fetischismus setzt nicht voraus, dass die Neigung eine notwendige Sexualpräferenz ist, und kann auch eine oder mehrere Vorlieben umschreiben. Hier kann der Ausdruck auch Neigungen bezeichnen, die sowohl nach wissenschaftlichem Verständnis als auch nach dem Selbstbild von Praktizierenden Bestandteil einer normalen Sexualität sind und die die Praktizierenden nicht beeinträchtigen. Ein enger Zusammenhang mit der früheren Bezeichnung für sexuelle Devianz, der Perversion, ist gängig, wobei die Vorstellung, welches abweichende sexuelle Verhalten zu tolerieren ist und welches zu einer gesunden Sexualität gehört, sowohl von kulturellen Faktoren abhängt als auch kulturübergreifend Veränderungen unterworfen war und ist.

Funktion Ob der sexuelle Fetischismus eine mit anderen Vorlieben gleichberechtigte sexuelle Präferenz ist oder ob es sich um eine grundsätzliche behandlungsbedürftige Störung des Sexualverhaltens, eine Paraphilie, handelt, wird kontrovers diskutiert.

Ralf Binswanger stufte 2017 den sexuellen Fetischismus grundsätzlich als Teil „erwachsener Sexualorganisation“ ein, der gleichberechtigt neben Homosexualität, Heterosexualität und z. B. Sadomasochismus besteht und eine Pathologisierung und Stigmatisierung ausschließt. Es bestehe kein Grund, ihn unter dem Perversionsbegriff zu subsumieren.

Andere Fachleute sehen im sexuellen Fetischismus eine sexuelle Devianz, die der sexualmedizinischen Diagnostik oder der Psychotherapie bedarf, z. B. dann, wenn der Fetisch als vollständiger Ersatz für die partnerschaftliche Sexualität dient, die sexuelle Befriedigung ohne Verwendung des Fetisches erschwert ist oder unmöglich erscheint und bei dem Betroffenen dadurch ein entsprechender Leidensdruck entsteht. Unter dieser Voraussetzung ist sexueller Fetischismus als Teil des Formenkreises der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen anzusehen. Diese ist als Störung der Sexualpräferenz in der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD) unter der Schlüsselnummer F65.0 gelistet.

Zu den Ursachen fetischistischen Verhaltens gibt es verschiedene Theorien, wobei keine vollumfänglich anerkannt ist.Tilmann Habermas: Geliebte Objekte: Symbole und Instrumente der Identitätsbildung. Walter de Gruyter, 1996, ISBN 3-11-015172-3, S. 306 ff.

Etymologie

„Fetisch“ ist über das französische fétiche aus dem portugiesischen feitiço entlehnt, das „Zauber“ oder „Zaubermittel“ bedeutet. Der Ursprung des Begriffs liegt im lateinischen factīcius, was so viel bedeutet wie „nachgemacht“ oder „unecht“.Friedrich Kluge, Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 24. Aufl. Walter de Gruyter, 2002, ISBN 3-11-017473-1, S. 288. Der Begriff wird unabhängig von der erotischen Konnotation meist im Sinne eines „verehrungswürdigen Gegenstandes“ oder dem der Idolatrie verwendet. Es verstehen sich auch die in der Umgangssprache verwendeten Wortschöpfungen wie „Ordnungsfetisch“(-ismus), „Paragrafenfetisch“ oder „Sauberkeitsfetisch“. Diese spielen sowohl mit der ursprünglichen Bedeutung des Fetischismus als auch mit der sexuellen Note.

Der Begriff Fetischismus wird in verschiedenen Kontexten in unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht: Dabei gibt es zum Teil erhebliche Unterschiede zwischen dem umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes und dem wissenschaftlichen Term. Mitunter werden allgemein sexuelle Neigungen als sexueller Fetisch bezeichnet, worin manche Praktizierende eine Diskriminierung sehen.

Eine klare begriffliche Unterscheidung wird auf der einen Seite angestrebt, um ein im Verständnis der Medizin, der Rechtsprechung und der entsprechenden Subkultur erweitertes normales Sexualverhalten von behandlungsbedürftigen Problemfällen abzugrenzen, ist jedoch auf der anderen praktisch nicht konsensual zu treffen.

Entwicklung des Begriffs