Das Kloster Weingarten (lat. Abbatia Vinea vel Abbatia Winigartensis) ist eine ehemalige Abtei der Benediktiner (Patronat: Hl. Martin von Tours und Hl. Oswald von Northumbria) auf dem Martinsberg in der bis 1865 „Altdorf“ genannten, heute nach dem Kloster benannten Stadt Weingarten im Südosten Baden-Württembergs. Das ehemalige Hauskloster der Welfen bestand von 1056 bis zur Aufhebung durch die Säkularisation im Jahr 1803. Zwischen 1868 und 1919 dienten weite Teile des Klosterareals als Schlosskaserne für das württembergische Militär.Peter Eitel, Oberschwäbische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Thorbecke-Verlag Ostfildern, 2015, S. 38–39, 301.

Im Jahr 1922 wurde die Abtei wiederbesiedelt und gehörte der Beuroner Kongregation an. Im Herbst 2010 verließen die letzten Mönche das Kloster. Da die kirchenrechtliche Aufhebung einer juristischen Person in der Regel erst 100 Jahre nach dem Tod des letzten Mitglieds eintritt, wird die Abtei formal unter der Administration des Abtpräses der Beuroner Kongregation weitergeführt.

Geschichte miniatur|hochkant=1.2|links|Kloster Weingarten um 1500, aus der „Bauernkriegs-Chronik“ des Klosters Weißenau von Jacob Murer, 1525 miniatur|hochkant=1.2|links|Barocker Idealplan des Klosters Weingarten aus dem 18. Jahrhundert, vermutlich 1723 miniatur|links|Treppenaufgang zur Basilika um 1930 (Aquarell von Vinzenz Marschall 1930; Coll. Johannes Baier) miniatur|hochkant=1.2|links|Die Basilika St. Martin in Weingarten, 2024 miniatur|links|Mittelalterliche Bodenfliesen aus dem Kloster Weingarten; Landesmuseum Württemberg, Stuttgart miniatur|links|Welfen-Gruft Das erste Kloster Im Jahr 1056 gründete Welf IV. auf dem Martinsberg ein Benediktinerkloster, das mit Mönchen aus Altomünster besiedelt wurde. Die Nonnen aus dem um 935 gegründeten und 1053 abgebrannten Kloster Altdorf besiedelten im Gegenzug 1055 das Kloster Altomünster.Bern Rill: Der Bodensee; Casimir Katz Verlag Gernsbach 2014, S. 99f.

Die heutige Abteikirche St. Martin ersetzte um 1720 einen romanischen Vorgängerbau, der 1056 von Welf IV. als Grablege der Welfen gestiftet worden war. Kirche und Kloster stehen an der Stelle einer auf das 10. Jahrhundert zurückgehenden Pfalz auf dem Martinsberg und wurden mit dem Grundbesitz dieser ursprünglichen Stammburg der schwäbischen Welfen ausgestattet. Diese war ihrerseits an der Stelle eines alamannischen Herrensitzes entstanden, der sich neben einem germanischen Heiligtum befand. Die aus dem Kerngebiet des Fränkischen Reichs im Maas/Mosel-Raum eingewanderten Welfen weihten die Kirche dem fränkischen Nationalheiligen Martin von Tours.

1090 wurde der Abtei von Judith, der Gattin Welfs IV., die Heilig-Blut-Reliquie geschenkt.Stefan Hilser, Andrea Fritz: Klosterkomplex mit Geschichte: Heute Pilgerstätte und Bildungseinrichtung. In: Südkurier vom 10. April 2010Margret Welsch, Heiligblutverehrung in Weingarten, Schwäbische Zeitung, 15. Juni 2022, Diese Reliquie besteht aus Erde des Berges Golgota, die mit Jesu Blut getränkt sein soll. In der Folgezeit machten viele Menschen Stiftungen an das Kloster, um damit die Reliquie zu ehren, darunter Land und ganze Dörfer samt ihren Einwohnern. Eine der ersten urkundlichen Erwähnungen ist die Schenkungsurkunde von Judith und Welf IV., die die Übertragung des Fleckens Berg an das Kloster Weingarten beinhaltet.Gemeinde Berg, ecclesiam de Berga, Eigenverlag Gemeinde Berg, Krs. Ravensburg, 1994.

Nach 1088 erlangte das Kloster durch die Verbindung mit der Hirsauer Reform eine erste Blütephase und 1094 das Recht auf die freie Abtswahl. Der Name „Weingarten“ ist um 1123 urkundlich belegt. Zwischen 1124 und 1182 erfolgte der Neubau des Klosters und einer 86 Meter langen romanischen Abteikirche. Zugleich erlangte die Weingartener Klosterschule Bedeutung, ebenso das Kunsthandwerk, die Bibliothek, das Skriptorium, besonders aber die Buchmalerei. Ihr berühmtestes Werk ist das Sakramentar des Abtes Berthold aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts, das sich heute in der Pierpont Morgan Library in New York befindet.

Das Kloster war Grablege und Hauskloster der Welfen. Zwölf Angehörige der älteren, schwäbischen Welfenlinie, die zwischen 990 und 1126 verstorben sind, liegen in der Welfengruft in der heutigen Basilika bestattet, darunter Welf II., Welf III., Welf IV., Welf V. und Heinrich der Schwarze. Zwischen 1169 und 1177 verfasste der Mönch von Weingarten hier seine Geschichte der Welfen.

1178 verkaufte Welf VI. sein Erbe nördlich der Alpen an Kaiser Friedrich I. Barbarossa; damit gelangte auch das Kloster 1179 oder 1190 in staufischen Besitz und deren Vogtei. Das Kloster wurde 1274 zur Reichsabtei erhoben und von König Rudolf von Habsburg bestätigt.

Abt Johannes Blarer (1418–1437) gelang im frühen 15. Jahrhundert eine innere Reform des Konventes und der Bau eines Bibliothekssaales. 1477 bis 1487 wurde die Klosterkirche nach einem Brand umgebaut. 1499 besetzte Österreich vorübergehend die Abtei. Abt Gerwig Blarer (1520–1567) konnte aber 1533 die Reichsunmittelbarkeit von Österreich erlangen. Der Abt des Klosters war seit 1555 einer der festgeschriebenen Vertreter bei einem Ordentlichen Reichsdeputationstag.

Unter Abt Georg Wegelin (1587–1627), dem „zweiten Gründer“, gelang die dauerhafte Restaurierung des Ordenslebens in Weingarten. Die Abtei war in seinem Abbatiat maßgeblich an der Gründung der Oberschwäbischen Benediktinerkongregation im Jahr 1603 beteiligt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg unterhielt Weingarten enge Beziehungen zur Salzburger Benediktineruniversität. Äbte des Klosters wirkten in Salzburg als Präsides, Professoren und Assistenten. Einer der bedeutendsten Gelehrten Weingartens war der Benediktiner Gabriel Bucelinus. Er erhielt 1671 die päpstliche Erlaubnis zur Gründung der Weingartener Bruderschaft des Hl. Blutes.

Das Kloster war durch seinen großen Landbesitz von zuletzt 306 km² mit etwa 11.000 Einwohnern, der sich vom Allgäu bis zum mittleren Bodensee und dem Alpenraum erstreckte und viele Wälder und Weingüter (insbesondere im Burggrafenamt) umfasste, eines der reichsten Klöster in Süddeutschland.Sybille Glatz: Heimatforscher auf den Spuren des Klosters Weingarten Schwäbische Zeitung vom 22. April 2017, S. 24.Ein Verzeichnis findet sich bei Daniel Oswald: Lehenhöfe Kloster Weingarten, o. D., unter www.forschung-oswald.de/wp/kloster-weingarten-lehenhoefe/ mini|hochkant|Johann Adam Schlipf als Schulleiter in Weingarten (1831) Unter Abt Sebastian Hyller (1697–1730) wurde die 1124–1182 erbaute romanische Klosterkirche ab 1715 größtenteils abgerissen; an ihrer Stelle errichtete Franz Beer in den Jahren 1715–1724 eine große, reich ausgestattete, barocke Abteikirche. Diese erhielt später von Papst Pius XII. im Jahr 1956 den päpstlichen Ehrentitel Basilika (genauer: Basilica minor). Sie sollte inmitten einer idealtypischen Klosteranlage stehen, die ab 1727 erbaut wurde. Der Idealplan des Klosters wurde jedoch nur teilweise in die Wirklichkeit umgesetzt.

Im Zuge der Säkularisation wurden Kloster und Reichsabtei 1802 aufgelöst und zunächst Besitz des Hauses Oranien-Nassau, mit der Rheinbundakte 1806 dann Teil des Königreichs Württemberg. Die Klostergebäude wurden unter anderem als Fabrik, als WaisenhausAmber Neblen und David Arnold: Wo Gewehre lagerten und Waisenkinder beteten, in: Schwäbische Zeitung (Ausgabe Ravensburg), 1. September 2016. und von 1886 bis 1921 als Kaserne ab 1868 Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württembergisches) Nr. 120, ab 1898 Infanterie-Regiment „König Wilhelm I.“ (6. Württembergisches) Nr. 124, 1919–1920 Reichswehr genutzt, unter dem Namen SchlossbaukasernePeter Eitel: Geschichte Oberschwabens im 19. und 20. Jahrhundert, Band 2, Thorbecke: Ostfildern 2015, S. 301.. miniatur|400px|Gebiet der Abtei Weingarten und einige Gebiete in der Nähe Neugründung 1922 1922 wurde Weingarten von Benediktinern aus der Erzabtei Beuron und der von Beuron gegründeten Abtei in Erdington (heute Stadtteil von Birmingham, England) wiederbesiedelt. Im Jahr 1936 lebten in Weingarten 160 Mönche, so viele wie nie zuvor.Peter Eitel: Oberschwäbische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Band 3, Thorbecke-Verlag Ostfildern, 2022, S. 123–124. 1940 wurden die Mönche von den Nationalsozialisten vertrieben; nach Kriegsende konnten die Benediktiner nach Weingarten zurückkehren; 25 der zur Wehrmacht eingezogenen Mönche waren gefallen. In den 1960er Jahren lebten wieder knapp 70 Mönche im Kloster.

Bereits 1922 begannen die Mönche mit der Anlage einer naturhistorischen und völkerkundlichen Sammlung, die teilweise in den Klostergebäuden und in der Klausur untergebracht war. Bis in die 1980er Jahre wurde die Sammlung stetig erweitert und umfasste schließlich über 20.000 Stücke aus den Bereichen Mineralogie, Paläontologie, Archäologie, Völkerkunde und Zoologie. Nach der Auflösung des Klosters wurde die Sammlung in die Obhut des Museums Auberlehaus in Trossingen gegeben, wo Teile der Sammlung ständig zugänglich sind, der überwiegende Teil ist magaziniert und steht interessierten Laien und Wissenschaftlern sowie für Sonderausstellungen zur Verfügung.

1982 übernahm Lukas Weichenrieder das Amt des Abtes. 23 Mönche schieden während dessen Amtsjahre aus dem Kloster aus. Einige hatten bereits seit zehn bis 20 Jahren dort gelebt.Rüdiger Soldt: ‘‘Mehr Demographie wagen‘‘, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. August 2012.

Neben dem feierlichen Gotteslob zählten zu den Aufgaben der Abtei die Seelsorge in der Klosterpfarrei St. Martin, die Wallfahrt zum kostbaren Blut, die geistliche Betreuung der Klostergäste sowie die Ökumene mit den Ostkirchen.

Weingarten war lange Zeit ein Kloster mit zwei kirchlichen Traditionen („Riten“): Ein Teil der Mönche feierte nach dem römischen, ein anderer Teil nach dem byzantinischen Ritus.

2004 trat Abt Lukas Weichenrieder vermutlich wegen interner Streitigkeiten nach 22 Jahren von seinem Amt zurück und verließ das Kloster vorübergehend. In der Folgezeit wurde das Kloster von dem Beuroner Erzabt Theodor Hogg als Abt-Administrator geleitet, der im November 2004 Pater Martin Rieger zum Prior des Klosters ernannte. Im November 2005 trat dieser überraschend aufgrund „persönlicher Gründe“ von seiner Stelle als Pfarrer der Weingartener Basilikagemeinde St. Martin und seinem Amt als Prior zurück. Auch bat Rieger um Entbindung von seinen Mönchsgelübden, um außerhalb des Benediktinerordens eine katholische Pfarrei zu übernehmen. Zum neuen Prior wurde Pater Pirmin Meyer ernannt. 2007 wurde Pater Basilius Sandner aus der Abtei Maria Laach zum so genannten Prior-Administrator gewählt, er hatte damit alle Rechte und Pflichten eines Abtes, jedoch nicht die Benediktion.

Ende September 2009 wurde bekannt, dass das Benediktinerkloster Weingarten geschlossen werden sollte. In dem Kloster lebten zu dieser Zeit nur noch vier Mönche, von denen Pater Anselm Günthör als ältester bereits 98 Jahre alt war. Versuche, neue Benediktiner zu gewinnen, scheiterten.Lorenz Marquardt: Ende einer 1000-jährigen Geschichte, Beitrag vom 25. April 2010 unter www.spiegel.de/reise/deutschland/kloster-weingarten-ende-einer-1000-jaehrigen-geschichte-a-691123.html Die Diözese Rottenburg-Stuttgart trat als Nachfolgerin der Abtei Weingarten in den Mietvertrag mit dem Land Baden-Württemberg ein. Am 16. Oktober 2010 verließen die Benediktiner das Kloster.

Nutzung der ehemaligen Klostergebäude