mini|280px|Benediktinerabtei Neresheim (2016) mini|Die Klosterkirche (westliches Ende des Langhauses), davor der ältere, 1617–1627 erbaute Glockenturm, rechts das Konventgebäude
Die Abtei Neresheim (; Patrozinium: St. Ulrich und Afra), auch Kloster Neresheim genannt, ist ein Benediktinerkloster in der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Württemberg, das zur Beuroner Benediktiner-Kongregation gehört. Die Klosteranlage liegt oberhalb der Stadt Neresheim im Ostalbkreis auf dem Ulrichsberg in dominierender Lage über dem Härtsfeld. Das Kirchengebäude, ein von ihm nicht mehr selbst vollendetes Spätwerk Balthasar Neumanns, mit Fresken von Martin Knoller, zählt zu den bedeutendsten deutschen Kirchenbauten des Spätbarock.
Geschichte 11. bis 18. Jahrhundert mini|Westansicht des gesamten Geländes mini|Das viertgeilte Wappen der Abtei befindet sich in diesem Abtswappen oben rechts bzw. heraldisch links
Siehe auch: Burg Neresheim
Noch im 17. Jahrhundert ging man davon aus, dass das Neresheimer Kloster bereits im Jahr 777 von Baiernherzog Tassilo III. gestiftet wurde. Laut Überlieferung sei das Kloster bei den Ungarneinfällen (899–955) zerstört und von den Grafen von Dillingen bis 1095 wieder aufgebaut worden. Diese Geschichte ist mit der heutigen Erkenntnis nicht haltbar.
Das Kloster wurde 1095 von Graf Hartmann I. von Dillingen und seiner Frau Adelheid von Winterthur-Kyburg, vermutlich eine Tochter des letzten Winterthurer Grafen Adalbert II. und damit Stammmutter der Grafen von Kyburg, als Augustiner-Chorherrenstift auf seiner Burg Neresheim gegründet und 1106 in eine Benediktinerabtei umgewandelt, die sich der Hirsauer Reform anschloss. Die ersten (Benediktiner-)Mönche kamen 1106 aus der Abtei Petershausen und 1119 eine zweite Gruppe aus der Abtei Zwiefalten, wobei der aus Zwiefalten kommende Abt Ortlieb (1140–1163) unter den Neresheimer Äbten des Mittelalters hervorragt. Neben der Männergemeinschaft existierte auch ein Frauenkonvent, der jedoch Mitte des 13. Jahrhunderts einging.
Die Dillinger hatten sich lediglich die Vogteirechte über die Abtei gesichert, was nach dem Aussterben der Grafen 1258 einen jahrhundertelangen Rechtsstreit um den Status des Klosters, das sich keinesfalls mit der drohenden Landsässigkeit abfinden wollte, auslöste. Als Nachfolger der Dillinger beanspruchten die Grafen von Oettingen diese Rechte. Außerdem machte das Hochstift Augsburg, dessen Bischof in verwandtschaftlicher Beziehung zur Stifterfamilie stand, Ansprüche geltend. 1263 beendet ein Urteil von Albertus Magnus – vorerst – den Streit: Die Vogtei kam formal an das Hochstift, blieb de facto aber in Form einer Pfandschaft bei Oettingen.
Im 13. Jahrhundert besaß die Abtei sieben Dörfer sowie Streubesitz und Einkünfte in 71 weiteren Orten vor allem des Härtsfelds, außerdem waren ihr 10 Pfarreien inkorporiert. Wiederholt wurde das Kloster durch Brände, aber auch durch Kriegshandlungen zerstört: So bereits im 12. Jahrhundert, als Neresheim mit anderen Hirsauer Reformklöstern auf päpstlicher Seite stand, im Schmalkaldischen Krieg, im Dreißigjährigen Krieg und in den Kriegen im Gefolge der französischen Revolution.
Ab 1497 orientierte sich die Abtei an der benediktinischen Melker Observanz, die besonders von Abt Johannes II. Vinsternau (1510–1529) gefördert wurde. Die Abtei ging vor allem im 16. Jahrhundert zahlreiche Gebetsverbrüderungen mit anderen Klöstern ein. Insgesamt pflegte Neresheim vom 12. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert 48 Gebetsverbrüderungen.Paulus Weißenberger: Die Jahrtage und Verbrüderungen des alten Klosters Neresheim. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für Nördlingen, Jg. 15 (1931), S. 59–79, hier S. 74–77.
Ende des 16. Jahrhunderts flammte der Konflikt um die Reichsunmittelbarkeit der Abtei wieder auf, als Oettingen-Wallerstein die Jurisdiktionsgewalt forderte. Eine kaiserliche Kommission vermittelte 1583 in München einen Vergleich.
Seit 1685 gehörte Kloster Neresheim zur Augsburger Benediktinerkongregation vom Hl. Geist. Im 17. und 18. Jahrhundert existierten rege Beziehungen des Neresheimer Konvents zur Universität Dillingen. Bis 1806 bestand zudem beim Kloster ein Hausstudium für Philosophie und Theologie sowie ein Gymnasium.
mini|Territorium der Reichsabtei Neresheim, hier „Reichsgotteshaus Neresheim“ genannt (rosa). Die Stadt Neresheim gehörte nicht zum Gebiet der Reichsabtei.
1739 gerieten die Abtei und das Haus Oettingen-Wallerstein wegen des Verkaufs von Holz erneut in Streit, was eine regelrechte Prozesslawine auslöste: Die Grafen von Oettingen-Wallerstein erhoben Klage vor dem Reichskammergericht in Wetzlar, die Abtei vor dem Reichshofrat – möglicherweise erhoffte sich der Konvent dort bessere Chancen. Da die Oettinger schneller vorstellig wurden, wurde das Verfahren, das von beiden Seiten mit großem Aufwand betrieben wurde und von Propaganda begleitet war, vom Reichskammergericht geführt.
Nach mehr als 20 Jahren Prozessdauer einigte man sich auf einen Vergleich, der nach Nachbesserungen auch vom Reichshofrat gebilligt wurde: 1764 erlangte die Abtei die Reichsstandschaft und wurde zur Reichsabtei Neresheim (auch „Reichsstift“ genannt). Sie erkaufte dies aber mit der Abtretung von zahlreichen Besitzungen (darunter die Stadt Neresheim) an die Grafen von Oettingen-Wallerstein.
Die Reichsabtei Neresheim war auf der Schwäbischen Prälatenbank des Reichsfürstenrats mit einer Kuriatstimme vertreten (siehe auch Schwäbischer Reichskreis). Der Abt war nun ein Reichsprälat (Reichsabt). Wegen der Gebietsverluste konnte er aber nur über ein winziges Territorium die weltliche Herrschaft ausüben. In diesem rund 80 km² großen Gebiet lebten etwa 2500 Menschen. Michael Dobler († 1815) war von 1787 bis 1803 der letzte Reichsabt von Neresheim.
Säkularisation mini|Ansicht von etwa 1875
Das Kloster wurde durch die Säkularisation im Jahr 1803 aufgehoben und fiel an die Fürsten von Thurn und Taxis, 1806 ging es mit der Rheinbundakte an Bayern, 1810 mit dem Grenzvertrag zwischen Bayern und Württemberg endgültig an Württemberg.
Die Klosteranlage wurde nun offiziell „Schloß Neresheim“ genannt, so die damalige Schreibweise. „Schloß Neresheim“ war auch der Name einer kleinen politischen Gemeinde, zu der neben dem ehemaligen Kloster auch Gebäude und Flächen in der Umgebung zählten. 1892 folgte die Vereinigung mit Neresheim durch Eingemeindung.
Wertvolle Einrichtungs- und Ausstattungsgegenstände der Abtei gelangten durch die Säkularisation in den Besitz der Thurn und Taxis. Sie sind heute in der Fürstlichen Schatzkammer Thurn und Taxis in Regensburg zu besichtigen, beispielsweise das silberne Tafelservice der Neresheimer Äbte aus dem 18. Jahrhundert.Tafelaufsatz auf bayerisches-nationalmuseum.de. Beschreibung eines Exponats in der Fürstlichen Schatzkammer Thurn und Taxis.
Wiedereinrichtung der Abtei Die Fürsten von Thurn und Taxis ermöglichten 1919 die Wiederbesiedlung durch Benediktiner aus der Erzabtei Beuron und der Abtei Emaus in Prag. Am 14. Juni 1920 wurde die Abtei Neresheim kirchenrechtlich wiedererrichtet.Chronik des Konvents abtei-neresheim.de Erster Abt nach der Wiederbegründung wurde Bernhard Durst (1921–1965). Sein Nachfolger war Johannes Kraus (1965–1977). Auf ihn folgte Abt Norbert Stoffels (1977–2012).
Bedeutende Äbte und Mönche Unter den Klostervorstehern ragen einige heraus: Pilgrim von Berrieden (1126–1138). Er führte einen umfangreichen Briefwechsel mit Hildegard von Bingen. Johann Vinsternau (1510–1529) initiierte die Melker Reform in Neresheim. Unter Abt Simpert Nagel (Niggl) (1682–1706; † 1711) vollzog sich die Barockisierung der Klosteranlage. Niggl war Präses der Augsburger Kongregation. Unter Abt Aurelius Braisch (1739–1755; † 1757) begann der Bau der barocken Abteikirche. Benedikt Maria Angehrn (1755–1787) setzte sich für die Anerkennung der Reichsunmittelbarkeit ein, bis seine Abtei nach jahrhundertelangen Auseinandersetzungen im Jahr 1764 Reichsabtei wurde. Er war der erste unstrittige Reichsprälat. In seiner Amtszeit wurde der Bau der barocken Klosterkirche großenteils abgeschlossen.
Aus dem Neresheimer Mönchskonvent erlangten Bedeutung: Benedikt Holland (1775–1852) als Pädagoge. Karl Nack (1751–1828) als Pädagoge und Prediger. Er verfasste auch ein Abteigeschichte (1792), Katechismen und Andachtsbücher. 1821 wurde er Domkapitular in Augsburg. Beda Pracher (1750–1819) als Pädagoge. Benedikt Maria Werkmeister (1745–1823) als aufklärerischer Kirchenreformer.
Gegenwart mini|Der Innenhof, Westseite
Das Kloster gehört der Beuroner Kongregation an. Fünf Mönche, von den vier die ewige Profess abgelegt haben, bilden heute (Stand August 2026) den Konvent der Abtei Neresheim.
Pater Albert Knebel steht dem Konvent vor. Er wurde im März 2012 für drei Jahre zum Prior-Administrator gewähltKloster Neresheim: Prior Albert Knebel zum Administrator gewählt orden-online.de. und 2015 für weitere drei Jahre als Prior-Administrator bestätigt. 2018 und 2024 wurde er für jeweils sechs Jahre als Konventualprior wiedergewählt.Chronik des Konvents abtei-neresheim.de, Abschnitt Gegenwart, abgerufen am 6. Februar 2025. Albert Knebel leitet den im Jahr 2004 von ihm gegründeten Knabenchor der Abtei Neresheim (siehe unten).
Pater Albert Knebel entdeckte im Jahr 2013, dass der verstorbene Abt Norbert Stoffels zwei geheime Konten mit einem Vermögen von insgesamt rund 4,3 Millionen Euro angelegt hatte.Was macht das Kloster mit den geerbten Geheim-Millionen? Augsburger Allgemeine, 22. November 2016. Die Herkunft der Gelder konnte nur teilweise aufgeklärt werden. Im Jahr 2019 entschied der Bundesgerichtshof letztinstanzlich, dass das Vermögen dem Kloster zufällt.Vorwürfe nach Finanzskandal um Kloster Neresheim verjährt domradio.de, 25. März 2022. Mit dem Geld kann ein Teil der laufend anfallenden Kosten für Sanierungsarbeiten an den Klostergebäuden abgedeckt werden.Dubiose Millionen bleiben beim Kloster schwaebische-post.de, 1. April 2021. Der Verein zur Erhaltung der Abteikirche Neresheim e. V. hat sich dem Erhalt der Klostergebäude verpflichtet und fördert ihre Renovierung.Förderverein abtei-neresheim.de
Seit Ende Oktober 2009 beherbergt das Konventgebäude ein Klostermuseum, das die Geschichte der Abtei darstellt. Im Rahmen einer Führung können der Michaelisaal und der von Dominikus Zimmermann prachtvoll ausgestaltete Festsaal besichtigt werden – der einzige Festsaal, den der Baumeister der Wieskirche gestaltete.Klostermuseum abtei-neresheim.de
Das Tagungs- und Gästehaus mit seinem Restaurant wurde nach Auslaufen des Pachtvertrages Ende November 2021 geschlossen. Seit April 2022 beherbergt das bisherige Tagungshaus eine Gemeinschaftsunterkunft des Ostalbkreises für Flüchtlinge aus der Ukraine.Gästehaus abtei-neresheim.de In der Nähe der Abteikirche wurde ein Klostercafé eingerichtet, das in der warmen Jahreszeit Besucher und Gäste versorgt.Klostercafé abtei-neresheim.de
Kirche Architektur mini|Grundriss der Klosterkirche mini|Westansicht der Abteikirche mini|Ausschnitt aus Knollers Deckenfresko
Das Kirchengebäude ist 83 Meter lang und 35 Meter breit, es weist einen lateinischen Kreuzgrundriss und sieben Kuppelräume auf. Längs- und Zentralbau sind harmonisch miteinander verbunden. Die Hauptkuppel wird von vier freistehenden Säulenpaaren getragen, sie ist 32 Meter hoch, 24 Meter lang und 20 Meter breit.Abteikirche Neresheim abtei-neresheim.de
Im Süddeutschland-Band seines Handbuchs der Deutschen Kunstdenkmäler (1908) nannte Georg Dehio den Kirchenbau „erschütternd großartig“. Er urteilte: „Die Barockarchitektur, nicht nur Deutschlands, sondern Europas, hat weniges, was sich mit ihm messen kann.“Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Band 3: Süddeutschland. Berlin 1908, S. 316 f.
Baugeschichte