KönigreichGalizien und Lodomerienalt=|100px|Wappen100px|rand|Flagge Basisdaten Hauptstadt: Lemberg Größter Ballungsraum: KrakauAmtssprachen: Polnisch (ab 1867)Deutsch Fläche: 78.497 km²Einwohner: 4,6 Millionen (1851)8,0 Millionen (1910) Karte275px|rahmenlos|Lage Galiziens in Österreich-Ungarn und Europa (1914)Lage Galiziens als Teil Österreich-Ungarns 1914 275px|mini|Lage Galiziens in Europa auf einer Karte mit den Politischen Grenzen heutiger Staaten

Galizien (, , , ) ist eine historische Landschaft im Süden Polens und im Westen der Ukraine. Ihre Hauptstadt war Lemberg (, ).

Im Jahre 1772 gelangten Teile Kleinpolens, Podoliens, Rutheniens und des Karpatenvorlandes, die zuvor zu Polen-Litauen gehört hatten, im Rahmen der Ersten Teilung Polens an das österreichische Haus Habsburg. Als Königreich Galizien und Lodomerien wurde die Landschaft 1804 dem Kaisertum Österreich angegliedert und gehörte von 1867 bis 1918 als Kronland zum cisleithanischen Teil Österreich-Ungarns.

Namen und Wappen Namen Die Namen Galizien und Lodomerien sind Umlautungen der Städte Halytsch (latinisiert Galicia) am Dnjestr sowie Wolodymyr (latinisiert Lodomeria) in Wolhynien. In ihrer neuen Form waren die Namen Teil der ungarischen Königstitulatur, weil das Fürstentum Halytsch-Wolhynien im 14. Jahrhundert unter König Ludwig I. von Ungarn und Polen (anfänglich durch den Statthalter Wladislaus II. von Oppeln) und Königin Maria von Ungarn kurzzeitig zum Königreich Ungarn gehört hatte. Von dort wurde der Name als Bezeichnung für die Landschaft übernommen, die bei der ersten Teilung Polens zur Habsburgermonarchie gekommen war.

Die Lautähnlichkeit mit der spanischen Region Galicien (spanisch Galicia) ist zufällig.

Wappen Das Wappen des Königreichs Galizien und Lodomerien zeigt im blauen Wappenschild durch roten Balken geteilt oben eine schwarze Dohle und unten drei goldene Königskronen. Von 1772 bis 1804 zeigte das galizische Wappen nur zwei oder drei goldene Kronen vor blauem Hintergrund.Franz Gall: Österreichische Wappenkunde. Handbuch der Wappenwissenschaft. Böhlau Verlag, Wien 1992, ISBN 3-205-05352-4, S. 199 Auf älteren Wappen zierte die geschlossene Bügelkrone des Königreiches den Schild.Friedrich Justin Bertuch: Allgemeine geographische Ephemeriden. Band 26, Verlag des Landes-Industrie Comptoirs, Weimar 1808, S. 105

Über die Wahl des Wappentiers sind Mutmaßungen veröffentlicht worden. Die Dohle soll eine Idee österreichischer Beamter bei der Einführung des neuen Wappens 1804 gewesen sein, weil es in Galizien viele Dohlen gab.Krzysztof Lipiński: Auf der Suche nach Kakanien. Literarische Streifzüge durch eine versunkene Welt. Röhrig, Sankt Ingbert 2000, ISBN 3-86110-235-8, S. 25. Weil „Dohle“ in ostslawischen Sprachen „галка“ (sprich „galka“ oder „halka“) heißt, kann das Wappen auf diese Weise „redend“ gemacht worden sein. Zunächst soll das Wappen den „ungestalteten“Hipolit Stupnicki: Das Königreich Galizien und Lodomerien. Lemberg 1853, S. 6, Anm., Digitalisat oder „verkümmerten“Leopold von Sacher-Masoch: Auf der Höhe. Leipzig 1882, Band 2, S. 111 Adler des Wappens von Halytsch gezeigt haben. Der Ortsname gab Galizien seinen Namen und stammt seinerseits von „галка“ ab. Allerdings war das Wappentier von Halytsch nach einer Karte von 1831, die Polen im Jahr 1764 darstellt, schon eine Dohle und damit bereits „redend“.Maria Regina Korzeniowska: Atlas historyczny, genealogiczny, chronologiczny i geograficzny Polski. Warschau 1831. Repositorium, Digitalisat

Geografie 310px|rechts|Karte des Königreichs Galizien und Lodomerien (1846–1918) mini|hochkant=1.2|Das österreichische Galizien 1772–1918 im heutigen Europa Das Territorium Galiziens (in den Grenzen des Kronlandes von 1914) umfasste 78.502 km² und bedeckt heute: in Polen Woiwodschaft Schlesien (nur Powiate Żywiec, Bielsko-Biała und Jaworzno) Woiwodschaft Kleinpolen (außer Powiate Miechów und Olkusz) Woiwodschaft Karpatenvorland in der Ukraine Oblast Lwiw (Lemberg) Oblast Iwano-Frankiwsk (Stanislau) Oblast Ternopil (Tarnopol) In Galizien befindet sich ein Teil der ukrainischen Karpaten und an der Grenze zu Transkarpatien die Howerla, der mit 2060 m höchste Berg der Ukraine.

Siehe auch: Encyclopedia of Ukraine

Größere Städte 1776 Im Jahre 1776 besaßen 311 Orte (Städte und Märkte) im Kronland das Stadtrecht, die größten davon waren:

Biala (polnisch Biała), Stadtrecht 1723 Brody (ukr. Броди), erste Erwähnung 1084, Magdeburger Recht 1584 Butschatsch (ukr. Бучач, polnisch Buczacz), Magdeburger Recht 1393 Drohobytsch (ukr. Дрогобич, polnisch Drohobycz), gegründet 1422 Jaroslau (polnisch Jarosław, ukr. Ярослав/Jaroslaw), gegründet 1351 Lemberg (ukr. Львів/Lwiw, polnisch Lwów), um 1256 Przemysl (polnisch Przemyśl, ukr. Перемишль/Peremyschl), 981 als Stadt der Kiever Rus erwähnt, Herkunft der Piasten, 1383. Sambir (ukr. Самбір, poln. Sambor), gegründet 1390 Ternopil (ukr. Тернопіль, poln. Tarnopol), gegründet 1540 Tarnow (polnisch Tarnów), gegründet 1380 Sbarasch (ukr. Збараж, polnisch Zbaraż), Stadtrecht 1569 Josefstadt (polnisch Podgórze), gegründet 1784

Diese Ortschaften hatten tatsächlich den Charakter von Städten, im Gegensatz zu den übrigen Ortschaften, deren Bevölkerung mehrheitlich vom Ackerbau lebte. Unter Josef II. (1741–1790) strebte die Verwaltung die Deurbanisierung des Kronlandes an, um diese Orte unter die adelige Jurisdiktion zu bringen.

Dritte Teilung Polens Nach der Dritten Teilung Polens 1795 stieg die Zahl der Ortschaften mit Stadtrecht auf über 400, von denen Krakau (Kraków, ukr. Краків/Krakiw, Stadtrecht 1257) die größte war.

Krakau, im Zuge der Dritten Teilung wurde Krakau in der Habsburgermonarchie dem Kronland Galizien zugeordnet, dem habsburgischen Anteil aus der Ersten Teilung Polens 1772. Im Frieden von Schönbrunn musste Österreich es 1809 zusammen mit Westgalizien an das von Napoleon Bonaparte 1807 errichtete Herzogtum Warschau abtreten.

Die Urbanisierung wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschleunigt. Im frühen 20. Jahrhundert hatten fünfzehn Städte über vierzehntausend Einwohner, u. a.:K. Meus, Wadowice…, S. 39. Kolomea (ukr. Коломия/Kolomyja, poln. Kołomyja), gegründet 1370 Neu Sandez (.pl: Nowy Sącz), gegründet 1292 Rzeszów (ukr. Ряшів/Rjaschiw), gegründet 1354 Stanislau (früher Stanislawiw, ukr. Івано-Франківськ/Iwano-Frankiwsk, .pl: Stanisławów), gegründet 1663 Stryj (ukr. Стрий) gegründet 1431

Bevölkerungsstatistiken Österreich-Ungarn Die Bevölkerung nach der Umgangssprache laut Volkszählungen: Sprache 1851 1880 1890 1900 1910Polnisch 1.864.101 (40,92 %) 3.058.400 (51,32 %) 3.509.183 (53,11 %) 3.988.702 (54,52 %) 4.672.500 (58,22 %)Ukrainisch 2.281.839 (50,09 %) 2.549.707 (42,79 %) 2.835.674 (42,91 %) 3.074.449 (42,02 %) 3.208.092 (39,97 %)Deutsch 93.387 (2,05 %) 324.336 (5,44 %) 227.600 (3,44 %) 211.752 (2,89 %) 90.114 (1,12 %)Gesamt 4.555.477 (100,00 %) 5.958.907 (100,00 %) 6.607.816 (100,00 %) 7.315.939 (100,00 %) 8.025.675 (100,00 %)

Bei der Volkszählung 1851 wurden noch 312.962 (6,87 %) Juden extra ausgewiesen, diese wurden, soweit sie jiddischsprachig waren, bei den folgenden Volkszählungen als Deutschsprachige gezählt.

Die Bevölkerung nach der Religion Religion 1846 1880 1890 1900 1910Römisch-katholisch 2.205.237 (46,58 %) 2.714.977 (45,56 %) 2.997.430 (45,36 %) 3.350.512 (45,79 %) 3.732.569 (46,51 %)Griechisch-katholisch 2.183.112 (46,11 %) 2.510.408 (42,13 %) 2.790.449 (38,14 %) 3.104.103 (42,43 %) 3.379.613 (42,11 %)Evangelisch A. B. 24.552 (0,51 %) 36.672 (0,62 %) 38.289 (0,58 %) 40.004 (0,55 %) 33.209 (0,41 %)Israelitisch 317.225 (6,70 %) 686.596 (11,52 %) 772.213 (11,69 %) 811.371 (11,09 %) 871.895 (10,86 %)Gesamt 4.734.427 (100,00 %) 5.958.907 (100,00 %) 6.607.816 (100,00 %) 7.315.939 (100,00 %) 8.025.675 (100,00 %)

Zweite Polnische Republik (ab 1919) Die Bevölkerung nach der Nationalität laut Volkszählungen (im Zensus 1921 wurde die „Nationalität“ erfragt, im Zensus 1931 die „Sprache“): Nationalität/Sprache 1921 1931Polen 4.333.219 (57,9 %) 5.021.600 (59,0 %)Ukrainer & Ruthenen 2.680.530 (35,8 %) 2.874.400 (33,8 %)JudenNur die Selbstangabe als jüdische Nationalität, es gab viel mehr Menschen der mosaischen Religion, die sich aber als Angehörige der polnischen u. a. Nationalitäten bezeichneten. 428.026 (5,7 %) 549.100 (6,5 %)Deutsche 39.810 (0,5 %) 40.300 (0,5 %)Gesamt 7.487.924 (100,0 %) 8.508.800 (100,0 %)

Zu den Besonderheiten Ostgaliziens gehörten sogenannte Lateiner (polnisch Łacinnicy, ukrainisch Латинники), d. h. ukrainischsprachige römisch-katholische Gläubige, des Weiteren griechisch-katholische Polen, die nicht einfach den Statistiken oben angepasst wurden.

Geschichte Frühgeschichte

Nachdem zur Zeit der Völkerwanderung die dort ansässigen Germanen (Lugier und Gepiden) das Gebiet des späteren Galiziens verlassen hatten, wurde es seit Mitte des 6. Jahrhunderts von Slawen besiedelt, die westlich des Sans den lechischen Westslawen, östlich davon den Ostslawen zuzurechnen waren.

Die westlichen Stämme (räumlich dem späteren Kleinpolen zugehörig) verbanden sich mit Polen unter Boleslaw I. Chrobry, nachdem sie sich vorübergehend im 9. Jahrhundert dem großmährischen Staat und im 10. Jh. dem böhmischen Staat angeschlossen hatten. Die östlichen Stämme unterstellten sich dagegen dem Großfürsten von Kiew und gerieten nur vorübergehend ebenfalls unter die Herrschaft Boleslaws.

Fürstentümer Wolhynien, Halytsch und Halytsch-Wolodymyr mini|Fürstentümer Halitsch und Wolhynien 1144–1199 Nach verschiedenen Wirren konsolidierten sich im 12. Jh. zwei größere Fürstentümer: Halytsch und Wolodymyr, auf die auch der Name des späteren habsburgischen Kronlandes Galizien und Lodomerien zurückgeht. Beide Fürstentümer zeichneten sich durch blühenden Handel und Wohlstand aus.

Das Land war wiederholt Schauplatz von Kämpfen zwischen der Rus, Ungarn und Polen. 1182 vertrieb Kasimir, Herzog der Polen, Fürst Roman Mstislawitsch. Dennoch konnte Roman später das Gebiet unter seine Kontrolle bringen und 1199 Halytsch mit dem Fürstentum Wolodymyr zum Fürstentum Halitsch-Wolhynien vereinigen. Er fiel aber 1205 im Kampf gegen Polen. Im selben Jahr nahm der ungarische König Andreas II. den Titel Galiciae et Lodomeriae Rex an.Gotthold Rhode: Geschichte Polens. Ein Überblick. Verlag Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1966, S. 48. 1225 beherrschte Romans Sohn Daniel Romanowitsch von Galizien das Herzogtum Halytsch, verlor es aber 1236 vorübergehend wieder an Ungarn.

Durch den Mongolensturm 1241 wurde Galizien schwer in Mitleidenschaft gezogen, und Daniel war gezwungen, das Supremat der Goldenen Horde anzuerkennen. Nach dem Mongolensturm sank auch das Großfürstentum Kiew zur Bedeutungslosigkeit herab. Die Fürsten Galiziens suchten eine schützende Verbindung zum Westen und strebten die Union mit der katholischen Kirche an. Daniel ließ sich 1253 vom Papst zum „König der Rus“ krönen, nachdem er zum katholischen Glauben übergetreten war. Auch sein Sohn Lew und sein Enkel Juri führten diesen Titel. Unter den späteren Landesherren verfiel jedoch das Land, obgleich es seine Herrschaft bis über Kiew hinaus ausgedehnt hatte, immer mehr.

Polen-Litauen (polnische Herrschaft und Großfürstentum Litauen) mini|Woiwodschaft Ruthenien im Königreich Polen (rot) und die nördliche Grenze des Kronlands Galizien in Österreich nach 1848 (blaue Linie), siehe auch Woiwodschaften der polnisch-litauischen Adelsrepublik

Nach dem Tode des letzten rurikidischen Fürsten wurde 1332 dessen Neffe, ein Spross des masowischen Zweiges der Piasten, Herrscher von Halytsch-Wolhynien: Bolesław Georg II.