Gefäßflöte, auch Kugelflöte, ist eine nach der Form ihres Resonators klassifizierte Gruppe von Flöten, die nicht aus einer schlanken Röhre, sondern aus einem unterschiedlich geformten, meist rundlichen Hohlkörper bestehen. Gefäßflöten können fingerlochlos sein oder mehrere Fingerlöcher besitzen und entsprechend einen Ton oder mehrere Töne produzieren. Als randgeblasene Flöte oder Kernspaltflöte ist die Gefäßflöte seit dem Neolithikum nachweisbar und weltweit in vielen Regionen verbreitet. Sie wird als Musikinstrument zur Unterhaltung, für rituelle Zwecke oder als Signalinstrument verwendet.
Zu den Gefäßflöten gehören das mittelalterliche Gemshorn, die um 1860 in Italien entwickelte Okarina, die in den Vereinigten Staaten eingeführte Schnabelflöte Tonette, die eiförmige chinesische Xun, das altamerikanische Pfeifgefäß und viele Pfeifen. mini|hochkant=1.8|Mittelalterliche russische Schnabelgefäßpfeife (swistulka) aus Ton in Vogelform. Fürstentum Rjasan, 13.–14. Jahrhundert. Sichtbar ist eines von zwei Grifflöchern. Die Anblasöffnung ist an der Schwanzspitze rechts.
Herkunft und Bauform mini|Altamerikanische Keramikvogelpfeife der Chiriquí. Abbildung im Museumskatalog Helen W. Henderson: The Art Treasures of Washington, 1912. mini|hochkant|links|Prinzip der Tonerzeugung bei einer randgeblasenen Gefäßflöte: Die über die gegenüberliegende Kante der Öffnung streichende Blasluft lässt die Luft im Innern abwechselnd verdichten und ausdehnen und erzeugt so eine periodisch schwingende Luftbewegung. Gefäßflöten bestehen im einfachsten Fall aus festen Fruchtschalen von ausgehöhlten Kokosnüssen oder kleinen Kürbissen (Kalebassen) mit einer Öffnung, die an den Mund gehalten wird. Beim Blasen über deren Kante in einem bestimmten Winkel entsteht ein Ton. Als Vorläufer des Flötentons kann die durch Singen oder Sprechen in ein einseitig offenes Gefäß, etwa ein Schneckenhorn, verzerrte menschliche Stimme gelten, die als Aktionselement des Ritualexperten bei magischen Praktiken gebraucht wird.Curt Sachs, 1940, S. 48. Flöten kommt generell in frühen und traditionellen Kulturen eine magisch-religiöse Bedeutung zu. Sie wurden und werden zur Sturmverhütung, für Regenzauber, Fruchtbarkeitskulte, als Lockruf für Wildtiere und, da sie der Stimme klanglich am nächsten erscheinen, von Hirten in der Natur als Ausdrucksmittel eingesetztKlaus P. Wachsmann: Die primitivem Musikinstrumente. In: Anthony Baines (Hrsg.): Musikinstrumente. Die Geschichte ihrer Entwicklung und ihrer Formen. Prestel, München 1982, S. 13–49, hier S. 42. (vgl. die Hirtenflöte kaval).
Aus vergänglichem Pflanzenmaterial, Holz, Knochen und Schneckengehäusen bestehende Gefäßflöten wurden früh durch Hohlkörper aus Stein, gebranntem Ton und Porzellan nachgeahmt oder in Formen von großer Variationsbreite gestaltet. Deshalb gehören Flöten zu den ältesten Musikinstrumenten, die in Europa zeitgleich oder früher als Schraper, Schwirrhölzer und Gefäßrasseln wahrscheinlich schon im Mittelpaläolithikum verwendet wurden und nachweisbar sind.Hermann Moeck: Ursprung und Tradition der Kernspaltflöten der europäischen Folklore und die Herkunft der musikgeschichtlichen Kernspaltflötentypen. (Dissertation) Georg-August-Universität zu Göttingen, 1951. Nachdruck: Moeck, Celle 1996, S. 42. Die aus gebranntem Ton gefertigte Gefäßflöte wurde praktisch in jeder Form hergestellt, vor allem ungefähr kugel- oder eiförmig in der Gestalt eines Tieres, bevorzugt eines Vogels. So haben sich Gefäßflöten auf allen Kontinenten verbreitet, wenn auch ihre einstige, von ihrer zoomorphen Gestalt und ihrem Klang herrührende magische Bedeutung zugunsten einer heute überwiegenden Verwendung als Kinderspielzeug zurückgegangen ist.Curt Sachs, 1940, S. 167.
Es gibt Gefäßflöten ohne Grifflöcher, mit einem oder mit mehreren Grifflöchern; die meisten, aber nicht alle, haben an der Anblasöffnung einen Schnabel, der den Luftstrom nach dem Prinzip der Kernspaltflöte zu einer Schneidenkante (Anblaskante) lenkt. Der von Curt Sachs (in Geist und Werden der Musikinstrumente, Berlin 1929, und später) vertretenen These, wonach bei Längsflöten solche ohne Grifflöcher (Eintonflöten) und mit Kernspalt zu einer früheren Entwicklungsstufe gehören als randgeblasene Flöten mit Grifflöchern steht im Widerspruch zu der Feststellung, dass Knochenflöten mit und ohne Grifflöchern gleichzeitig verwendet wurden und möglicherweise unterschiedliche Funktionen hatten.Hermann Moeck: Ursprung und Tradition der Kernspaltflöten der europäischen Folklore und die Herkunft der musikgeschichtlichen Kernspaltflötentypen. 1951, S. 45; vgl. Curt Sachs, 1940, S. 63 f. Gefäßflöten ohne Schnabel gehören zu den randgeblasenen Flöten.
Klang und Tonhöhe einer Gefäßflöte werden zunächst durch das im Innern vorhandene Luftvolumen bestimmt, das in Schwingungen gerät. Je größer das Volumen, desto tiefer der Klang. Entsprechend beeinflusst der Spieler einer Handflöte die Tonhöhe durch die Haltung seiner zu einem geschlossenen Hohlraum geformten Hände. Bei konstantem Volumen lassen sich mit Grifflöchern unterschiedliche Tonhöhen hervorbringen, sie haben aber bei Längsflöten und Gefäßflöten eine grundsätzlich andere Wirkungsweise. In der Röhre einer Längsflöte (oder Querflöte und allgemein bei Holzblasinstrumenten) bildet sich eine schwingende Luftsäule, deren Länge durch offen gelassene Grifflöcher verkürzt wird, wodurch sich die Tonhöhe schrittweise erhöht. Entsprechend sorgen kleine Intonationslöcher bei Barocktrompeten dafür, wenn sie geöffnet werden, die spielbare Naturtonreihe in eine höhere Tonlage zu versetzen. Bei den Gefäßflöten fungiert hingegen der Resonanzraum als Helmholtz-Resonator, der als Luftvolumen in einer beliebigen Form definiert ist. Im Unterschied zu Längsflöten ist nicht die Position der Grifflöcher wesentlich, sondern ihre Größe. Je mehr Grifflöcher geöffnet werden, desto mehr vergrößert sich die gesamte geöffnete Fläche des Resonators, die Luft im Innern kann schneller expandieren und ein höherer Ton wird hörbar.Jobst P. Fricke: Die Funktion des Grifflochs bei der Mundorgel. In: Christoph-Hellmut Mahling, Sigried Wiesmann (Hrsg.): Bericht über den Internationalen Musikwissenschaftlichen Kongreß Bayreuth 1981. Lieferung 2: Beilage zu Die Musikforschung 36, Bärenreiter, Kassel 1983, S. 580–584, hier S. 581. Durch gezielte Kombination von wenigen, partiell geöffneten und geschlossenen Grifflöchern lässt sich eine mehrfache Zahl von Tönen hervorbringen. Versuche ergaben, dass eine Gefäßflöte aus dem Kongo bis zu 19 Töne in chromatischer Folge produzieren konnte, auch wenn die afrikanischen Musiker diesen Tonvorrat nicht ausnutzten. Bei einer eiförmigen chinesischen xun bewirkt die Öffnung eines beliebigen Grifflochs eine Erhöhung um etwa einen Ganzton.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. 1975, S. 596. Auf typischen Gefäßflöten mit vier oder mehr Fingerlöchern sind ungefähr 20 chromatische Töne spielbar. Es gibt Gefäßflöten mit mehreren verbundenen Resonatoren, die mehrere Töne zugleich produzieren.
Der Klang von Gefäßflöten ist meist dunkel und weich oder beim kleinen Resonator von Pfeifen hoch und schrill. Unabhängig vom Blasdruck setzt sich der Klang einer Gefäßflöte aus dem Anblasgeräusch, dem Grundton und mehreren Teiltönen zusammen.Beate Maria Pomberger, Jörg Helmut Mühlhans, Christoph Reuter: Forschungen zur Akustik der Prähistorie. Versuch einer raum- und instrumentenakustischen Analyse prähistorischer Bauten und Instrumente. In: Archaeologia Austriaca. Band 97/98, 2013–2014, S. 97–114, hier S. 100f Kleine Pfeifen ohne Griffloch werden hauptsächlich als Signalinstrument oder Vogelruf eingesetzt. Obertöne fehlen weitgehend und das bei am Ende offenen Flöten mögliche Überblasen in die obere Oktave gelingt bei Gefäßflöten nicht. Der tiefste Ton ist durch das Volumen des Resonators vorgegeben und nur wenig vom Blasdruck und der Größe der Einblasöffnung abhängig. Bei geschlossenen Grifflöchern entspricht die Tonhöhe ungefähr einer gedackten Längsflöte mit gleichvolumiger Röhre.David Liggins: Ocarina. In: Grove Music Online. 2001. Unterschiedlicher Blasdruck kann bei manchen Gefäßflöten die Tonhöhe um mehrere Halbtöne verändern und je mehr Grifflöcher geöffnet sind, umso stärker muss geblasen werden.
Bei der überwiegenden Zahl von Gefäßflöten, die über ein schnabelähnliches Mundstück angeblasen werden, befindet sich dieses an einer beliebigen Stelle des Resonators und häufig ist es in die figürliche Gestalt integriert, etwa als Schwanz eines Vogels. Eine besondere altamerikanische Form einer Gefäßflöte ist der mit Flüssigkeit gefüllte Pfeiftopf (spanisch silbador).
Verbreitung Europa Prähistorische Gefäßflöten mini|hochkant|Frühneolithische Gefäßflöte aus der Starčevo-Kultur, die beim Dorf Runik (in der Gemeinde Skënderaj) im Kosovo gefunden wurde. Die „Runik-Ocarina“ gilt als das älteste Musikinstrument des Kosovo.Milot Berisha: Archaeological Guide of Kosovo. Ministry of Culture, Youth and Sport, Pristina 2012, S. 18. Unterkieferknochen von Höhlenbären, wie sie aus dem Aurignacien von der Höhle Potočka zjalka in den slowenischen Karawanken bekannt sind, wurden häufig in der Literatur zu paläolithischen Gefäßflöten erklärt. Ob sie überhaupt bearbeitet wurden, ist jedoch zweifelhaft.Christine Brade: The Prehistoric Flute – Did It Exist? In: The Galpin Society Journal. Band 35, März 1982, S. 138–150, hier S. 139f. Die ältesten bekannten Blasinstrumente stammen aus dem Jungpaläolithikum. Es sind bis zu etwa 40.000 Jahre alte Knochenflöten, die in Höhlen auf der Schwäbischen Alb gefunden wurden (Hohler Fels, Geißenklösterle, Brillenhöhle, Vogelherdhöhle). Für die Zeit des Gravettien (um 32.000–24.000 BP) ist an zwei Fundorten die Verwendung von gebranntem Ton belegt. Auch wenn aus dieser Zeit noch keine Gefäßflöten überliefert sind, so wäre demnach deren Herstellung möglich gewesen. Phalangenpfeifen aus Knochen mit einem Loch, die vermutlich als Signalinstrumente bei der Jagd verwendet wurden, sind für das gesamte Jungpaläolithikum nachgewiesen.Michael Praxmarer: Blasinstrumente aus dem europäischen Jungpaläolithikum. Fundmaterial, Interpretation und musikwissenschaftliche Aspekte. In: Archaeologia Austriaca. Band 103, 2019, S. 75–97, hier S. 75, 77. Sie sind die ältesten Blasinstrumente, die nach dem Prinzip der Gefäßflöte funktionieren.
Die ältesten als Musikinstrumente belegten Funde von Gefäßflöten aus gebranntem Ton in Europa stammen aus der frühneolithischen Starčevo-Kultur (um 6200–4500 v. Chr.), die in Osteuropa verbreitet war. Hierzu gehört die zwischen 1989 und 2005 untersuchte Grabungsstätte Brunn in Niederösterreich, in der drei zur Linearbandkeramik gehörende Gefäßflöten identifiziert wurden. Eine Gefäßflöte stammt aus der 5650 v. Chr. datierten Schicht, die Schicht der beiden anderen wird auf 5200 v. Chr. datiert. Die erste Gefäßflöte mit vier Grifflöchern ist zu zwei Dritteln erhalten und ahmt die konische Form eines Rinderhorns nach. Vermutlich wurde sie an der Spitze über ein Röhrchen aus Holz oder Knochen mit eingeschnittener Kerbe angeblasen. Die anderen, nur als Bruchstücke erhaltenen Gefäßflöten besaßen je drei Grifflöcher.Beate Maria Pomberger: Die Gefäßflöten von Brunn am Gebirge/Flur Wolfholz. Rekonstruktion und Spielart. Vortrag beim Symposium der Österreichischen Gesellschaft für Ur und Frühgeschichte im Naturhistorischen Museum Wien, 27.–30. Oktober 2010, S. 1–9. Auf spätestens 6000 v. Chr. wird die im Kosovo gefundene „Runik-Ocarina“ datiert.