Die Geschichte der Ukraine umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des heutigen Staates Ukraine von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. mini|hochkant=1.5|Ukraine 1648 (Süden oben)
Ur- und Frühgeschichte mini|Verbreitungsgebiet der Cucuteni-Tripolje-Kultur
Das Gebiet der heutigen Ukraine wurde schon während des Paläolithikums besiedelt. Während der Jungsteinzeit bestand in der Südukraine von etwa 6500 bis 5000 v. Chr. die Bug-Dnister-Kultur. Ihr folgte die Dnepr-Don-Kultur bis 4000 v. Chr. Darauf folgte die Sredny-Stog-Kultur von 4500 bis 3500 v. Chr. Derijiwka, einer der bekanntesten mit dieser Kultur in Verbindung gebrachten Ausgrabungsorte, liegt in der zentralukrainischen Oblast Kirowohrad. Am Übergang von der Jungsteinzeit zur Kupfersteinzeit gehörte die heutige Ukraine zu den Ursprungsregionen der vermutlich halbnomadischen Kurgankultur, die auf die Zeit von 4400 v. Chr. bis 4300 v. Chr. geschätzt wird – dies ist jedoch wissenschaftlich nicht gänzlich unumstritten (vgl. Kritik an der Kurgantheorie und spätere Forschung).Marija Gimbutas: Das Ende Alteuropas. Der Einfall von Steppennomaden aus Südrussland und die Indogermanisierung Mitteleuropas. (= Archeolingua. series minor 6). Archaeological Institute of Hungarian Academy of Sciences / Linguistic Institute of the University of Innsbruck, 1994, ISBN 3-85124-171-1. mini|Chalkolithisches Grab von Katral in der Region Odessa Die Kurgankultur wurde in der späten Kupfersteinzeit/frühen Bronzezeit von der Jamnaja-Kultur abgelöst bzw. ist in ihr aufgegangen. In der Nähe von Dnipro gibt es den „Storoschowa mohyla“-Kurgan in dem A. I. Terenozhkin Reste eines Karrens (vgl. Wagen) ausgegraben hat.Hans J. J. G. Holm: The Earliest Wheel Finds, their Archeology and Indo-European Terminology in Time and Space, and Early Migrations around the Caucasus. Series Minor 43. Budapest 2019: ARCHAEOLINGUA ALAPÍTVÁNY, ISBN 978-615-5766-30-5. Mit 306 Quellennachweisen, 6 Graustufen- und farbige Abbildungen, sowie verkleinerten Abbildungen von 130 repräsentativen Radfunden (dabei aktuelle aus Deutschland und China). Aus dieser Zeit stammen vermutlich auch die Stein-Babas (; ) – deren größte Sammlung innerhalb der Ukraine sich in Dnipro (siehe Stein-Babas von Dnipropetrowsk),Kurzer Artikel über die „Stein-Babas“ von Dnipropetrowsk, abgerufen am 20. Juni 2013. befindet – durch ihre über 3000-jährige GeschichteJ. P. Mallory, D. Q. Adams: Kemi Oba Culture. In: Encyclopedia of Indo-European Culture. Fitzroy Dearborn, 1997, S. 327–328. sind sie sicherlich nicht nur das Produkt eines Volkes; die frühesten werden jedoch mit der Jamnaja-Kultur, die eisenzeitlichen Exemplare mit den Skythen und die mittelalterlichen mit verschiedenen Turkvölkern in Verbindung gebracht.
Der Jamnaja-Kultur folgte in der Bronzezeit etwa von 2800/2500 bis 2000 v. Chr. die Katakombengrab-Kultur die ihren Namen von den von ihnen angelegten Katakomben hat, deren unterirdischer Teil am ehesten mit den ägyptischen Mastabas vergleichbar sind. In der Spätbronzezeit folgte die Srubna-Kultur im 20. bis 12. vorchristlichen Jahrhundert (2000–1200 v. Chr.).
Im 5. Jahrhundert v. Chr. siedelten sich an der ukrainischen Schwarzmeerküste und insbesondere der Krim pontische Griechen an und gründeten Kolonien. Sie sind es auch, die vom Volk der Taurer – woher auch der Name Taurien für die Krim abgeleitet wurde – berichten, die sie als ein Volk von Hirten beschreiben.
An der Straße von Kertsch – in antiken griechischen Quellen „Kimmerischer Bosporus“ genannt – lebte um 1300 v. Chr. das Volk der Kimmerer, bis es von den Skythen in Richtung Kaukasus verdrängt wurden. Das Steppengebiet im Süden der Ukraine war Teil des sogenannten Wilden Feldes, das in der Antike (8./7. Jahrhundert v. Chr.) von den iranischsprachigen Reitervölkern der Skythen und später von den ihnen nahestehenden Sarmaten, die im 4./3. Jahrhundert v. Chr. die Skythen unterwarfen und assimilierten, bewohnt wurde.
Im Norden und Westen der heutigen Ukraine, jedoch auch in Belarus befand sich die Sarubinzy-Kultur, die vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. bestand und deren Vertreter vermutlich Handel mit den Städten am Schwarzen Meer getrieben haben. Der Fund vieler Pflüge deutet darüber hinaus auf die hohe Bedeutung des Ackerbaus hin.
Völkerwanderungszeit Vom 2. bis Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. hat sich auf dem Gebiet der heutigen Ukraine auch die mit den Ostgoten assoziierte Tschernjachow-Kultur gebildet, da die Goten zu dieser Zeit aus dem Weichselraum an die Küsten des Schwarzen Meeres drängten. Daneben gab es nördlich der Tschernjachow-Kultur noch die Kiewer Kultur, die ebenfalls auf das 2. und bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. datiert wird. Die Krimgoten sind noch bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts nachweisbar, bis sie vom aufkommenden Chasarenreich unterworfen und assimiliert wurden – wobei sie vermutlich die hier ansässigen Aorsen, den damals größten Stamm der Sarmaten, über einen Zeitraum von 20 Jahren allmählich besiegten. Um das Jahr 374 sollen die ersten Hunnen unter ihrem Führer Balamir die Wolga überquert haben und dabei das Reich der Alanen zerstört haben, um mit ihnen anschließend ein Bündnis zu schließen. Durch den Druck aus Osten wurden wohl auch die skythischen Stämme der Jazygen und der Roxolanen in Richtung Westen (am wahrscheinlichsten auf den Balkan) verdrängt. Im Jahre 375 erfolgte dann die Zerstörung des Reichs des Greutungen (Ostgoten) Ermanarich (vgl. vor allem Ammianus Marcellinus, 31, 2f.), spätestens hier beginnt der Hunnensturm.Vgl. zur folgenden Geschichte die einschlägigen Handbücher zur Spätantike sowie Maenchen-Helfen: Welt der Hunnen. Wiesbaden 1997, ISBN 3-928127-43-8; allgemein und recht aktuell etwa Peter J. Heather: The Fall of the Roman Empire. London 2005, ISBN 0-330-49136-9, S. 145 ff.
Im vierten Jahrhundert könnten auch die Protobulgaren im Zuge der Völkerwanderung mitgerissen worden sein. Diese siedelten sich im sogenannten „Onoguria“ an und weiteten ihr Reich über die heutige Süd- und Ostukraine aus. In der ausgehenden Spätantike siedelten sich wohl auch die aus Norden kommenden Slawen erstmals in dem Gebiet an, wobei einige auch (zusammen mit den Bulgaren) in Richtung Balkan gezogen sein könnten. Nach dem Weiterziehen der Hunnen und der von ihnen in Richtung Westen vertriebenen Völker entstand in der gesamten (Süd-)Ukraine ein Machtvakuum.Einführend siehe Florin Curta: The Making of the Slavs. History and Archaeology of the Lower Danube Region, C. 500–700. Cambridge 2001; Florin Curta: Southeastern Europe in the Middle Ages, 500–1250. Cambridge 2006; Christian Lübke: Das östliche Europa. Die Deutschen und das europäische Mittelalter. München 2004. Im 6. Jahrhundert teilten sich diese frühen Bulgaren vermutlich in Kutriguren, welche weiter in Richtung Westen drängten, und die Utiguren, die am Don verblieben waren und wahrscheinlich das Großbulgarische Reich gründeten, zu dem große Teile der Süd- und Ostukraine gehörten. Was mit den Onoguren, einem weiteren Stamm, der mit den Protobulgaren in Verbindung gebracht wird, passierte, ist unklar. So wurde das Gebiet der ganzen Südukraine jedoch zum Durchzugsgebiet der Bulgaren aus ihrer Heimat, die vermutlich an der Wolga lag. Im 7. Jahrhundert zogen die Bulgaren insbesondere unter ihrem Anführer Kubrat allmählich immer weiter in das heutige Bulgarien, wobei ein Teil vermutlich den Staat der Wolgabulgaren bildete. Zu dieser Zeit gehört auch der Fund des bedeutenden Schatzes von Mala Pereschtschepyna bei Poltawa. (englisch), abgerufen am 22. Juni 2013., abgerufen am 22. Juni 2013.
Frühmittelalter Das frühe Mittelalter umfasst die Zeit der Entstehung und Aufstieg der Rus, einschließlich Feldzüge gegen die Kumanen und Chasaren und Petschenegen, wobei die Herrschaft von Wladimir dem Großen und seinem Sohn Jaroslaw dem Weisen als Zenit der Entwicklung der Rus gilt.
Chasarenreich und Magyarenwanderung Während der Zeit des europäischen Frühmittelalters wurde die Ostukraine etwa um das Jahr 750 Teil des Chasarenreiches. Außerdem gehörte es zum Handelsnetz der Radhaniten; diese jüdischen Kaufleute stellten etwa vom 8. bis zum 11. Jahrhundert die Handelsbeziehungen zwischen den verfeindeten Ländern des Abendlandes und der Islamischen Welt sicher und betrieben dabei sogar Handel mit Indien und China – dies stellt wahrscheinlich die beste Begründung für die Wichtigkeit des Judentums im Chasarenreich dar. Die Magyaren, die um das Jahr 600 n. Chr. noch im Wolgagebiet lebten, siedelten sich um das Jahr 900 n. Chr. im Gebiet zwischen Dnister und Dnepr an – vermutlich das von den Magyaren sogenannte Etelköz (wörtlich: Land zwischen den Flüssen) an der Westgrenze des Chasarenreiches, dem sie tributpflichtig waren. In dieser Zeit schlossen sich ihnen auch die Kabaren an – drei Stämme, die gegen das Chasarenreich rebellierten – und zogen aufgrund des Drucks der Petschenegen aus den Weiten der Eurasischen Steppengebiete und der mit ihnen verbündeten Bulgaren unter Zar Simeon I. in Richtung Westen in die Karpaten. Nach dem Niedergang des Chasarenreiches kamen die Reitervölker der Petschenegen, Kumanen sowie die Goldene Horde.
Gründung und Aufstieg der Rus mini|hochkant=1.2|Kiewer Rus im 11. Jahrhundert
Im 9. Jahrhundert errichteten ostslawische Stämme unter dem Einfluss skandinavischer Waräger an den Handelswegen von Skandinavien und Nowgorod nach Süden in Richtung Konstantinopel ein lose verfasstes Großreich mit der Hauptstadt Kiew, die „Kiewer Rus“. Dessen Herrscher Wladimir der Große (reg. 980–1015) entschied sich im Jahre 988 für die Annahme des Christentums nach östlichem Ritus. Der Süden der heutigen Ukraine wurde bis ins 13. Jahrhundert von nomadischen Steppenvölkern, insbesondere den Petschenegen und später den Kyptschaken (Kumanen, „Polowzern“; ), beherrscht.
Bezeichnungen „Russen“ und „Ruthenen“ Der Begriff Ruthenen wurde in erster Linie von der katholischen Kirche eingeführt, um die Bevölkerung der Rus’ nach orthodoxem und katholischem Christentum zu unterscheiden. Seit der Trennung der römischen und der byzantinischen Kirche im Jahr 1054 („Schisma von 1054“) gab es lange Zeit einen Konflikt (die gegenseitige Exkommunikation wurde erst 1965 für beendet erklärt), der auch zu einem Wettbewerb um Einfluss auf die Rus’ und die nachfolgenden Staaten führte.
Julian Pelesz, Lemberger Metropolitan-Consistorial-Rathe, Pfarrer zur heil. Barbara und Rektor des griechisch-katholisches Central-Seminars in Wien schrieb im Jahr 1878: Mit dem Namen „Ruthenen“ wurden zuerst die in Südgallien ansässigen Slaven genannt […] welche Alle sich wahrscheinlich zur römischen Kirche bekannten. Die Russen in ihrem Heimatlande dagegen führten den Namen Rus. Als aber im 12. Jahrhunderte ein Theil der Russen zum photianischen Schisma abfiel, der andere aber der katholischen, mit Rom vereinigten Kirche treu blieb, hat der römische Stuhl die mit Rom in Glaubenseinigkeit lebenden Russen mit dem Namen Ruthenen benannt, zum Unterschiede von den nördlichen Russen, welche dem Schisma anhingen. Später, als Südrussland [Ukraine] unter die polnische Herrschaft kam, übertrug man den Namen Ruthenus, Ruthenia, auf die unter polnischer Herrschaft lebenden Russen, welche zum größten Teil mit Rom vereinigt waren. Heutzutage führen diesen Namen die österreichischen Ruthenen und der römische Stuhl benennt damit die mit Rom unirten Russen, zum Unterschiede von den schismatischen Russen. Der Name „Russinen“ ist neuesten Datums, und hat keine historische Grundlage. Der Name „Moskovite“ ist offenbar auch in späterer Zeit, nach der Gründung Moskaus entstanden.Geschichte der Union der ruthenischen Kirche mit Rom Erster Band: Von den ältesten Zeiten bis zur Wiederherstellung der Union der ruthenischen Kirche mit Rom (1595). Dr. Julian Pelesz
Hochmittelalter Nach kultureller und wirtschaftlicher Blüte begann im 12. Jahrhundert der Niedergang der Rus mit zunehmenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Fürstentümern.