Der Gazastreifen oder Gasastreifen (, kurz Gaza) ist ein dicht besiedeltes Küstengebiet von Palästina am östlichen Mittelmeer zwischen Israel und Ägypten mit Gaza-Stadt als Zentrum. Den Namen „Gazastreifen“ und seine geografische Form erhielt er durch ein Waffenstillstandsabkommen nach dem Palästinakrieg (1948/49). Palästinensische Flüchtlinge aus dieser Zeit, beziehungsweise deren Nachkommen, stellen mehr als die Hälfte der Einwohner Gazas. Der Großteil der Bevölkerung sind muslimische Araber. Sie gelten in den Staaten, die Palästina nicht als Staat anerkennen, als staatenlos.
Der Gazastreifen wird offiziell durch den Staat Palästina bzw. die Palästinensische Autonomiebehörde gemäß den Oslo-Abkommen verwaltet. De facto wird das Gebiet seit Juli 2007 von der militant-islamistischen Hamas verwaltet und seither autoritär regiert. Es gab seit ihrer Herrschaftsübernahme keine Wahlen mehr und die Meinungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Die Hamas wird von Israel und den meisten westlich orientierten Staaten als terroristische Vereinigung eingestuft.
Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 verlor die Hamas im Krieg zwischen Israel und der Hamas im November 2023 die Kontrolle über mehrere Bereiche im Gazastreifen.
Internationaler Status Israel kontrolliert die Außengrenzen des Gazastreifens im Norden, Osten und den Seeweg im Westen. Ägypten kontrolliert die Grenze im Süden. Darüber hinaus kontrolliert Israel den Luftraum nach Gaza. Aufgrund dieser Kontrolle ist der Gazastreifen seit 2007 durch eine israelisch-ägyptische Blockade beeinträchtigt. Aus diesem Grund wird der Gazastreifen von Deutschland und den Vereinten Nationen als besetztes Gebiet betrachtet.
Seine Bewohner gelten in den Staaten, die Palästina nicht als Staat anerkennen, als staatenlos.Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages, Zur Staatenlosigkeit von Palästinensern und zur Anerkennung Palästinas und der von seinen Behörden ausgegebenen Reisedokumente, Aktenzeichen: WD 2 - 3000 - 057/18, 2018, Seite 4ff. Abgerufen am 27. Dezember 2024
Geographie mini|Sandstrand von Gaza Der Gazastreifen besteht, wie die Mittelmeerküste von Israel, hauptsächlich aus Sand und Dünen. Lediglich 14 % der Fläche sind für die Landwirtschaft nutzbar. Seine Länge beträgt 40 km, die Breite zwischen 6 und 14 km und die Fläche 360 km². Die mit 105 m über dem Meer höchste Erhebung ist der Abu Auda. Im jährlichen Durchschnitt regnet es zwischen 150 und 450 mm. Vor der Küste des Gazastreifens im Mittelmeer gibt es bedeutende Erdgasvorkommen,Gaza: Israel’s $4 billion gas grab. In: The Ecologist. 18. Juli 2014. zu denen das 2000 entdeckte Feld Gaza Marine zählt. Im Süden grenzt der Streifen an den ägyptischen Sinai, im Norden und im Osten an Israel. Das Mittelmeer im Westen wird von Israel kontrolliert. Die Landgrenze ist durch eine Sperranlage in Form eines Zaunes befestigt.
Im Gazastreifen liegen folgende Städte: Gaza-Stadt, Chan Yunis, Deir al-Balah, Rafah, Bait Lahiya und Dschabaliya. Bis zur Räumung der israelischen Siedlungen (siehe unten) im August 2005 lebten im Gazastreifen etwa 8500 Israelis in 21 jüdischen Siedlungen innerhalb der jüdischen Enklaven.
Geschichte Von der Antike bis zum Ersten Weltkrieg mini|Postkarte mit Einwohnern von Gaza, ca. 1920 mini|hochkant|Im Suq von Gaza
Gaza war in der frühen Antike ein bedeutendes Handelszentrum an der Schnittstelle von Afrika, Asien und Europa. Entsprechend reichhaltig sind die Archäologischen Funde. Die Gegend wurde im 15. Jahrhundert v. Chr. von den Alten Ägyptern erobert. Im Zuge des sogenannten Seevölkersturms im 12. Jahrhundert v. Chr. übernahmen die Philister das Gebiet und bauten es zum Kern ihres Siedlungsgebietes Philistäa aus. Die Philister gründeten Stadtstaaten, Aschdod, Aschqelon, Eqron, Gat und Gaza, die als Pentapolis ein wehrhaftes Bündnis und gemeinsames Herrschaftsgebiet bildeten.
Vom 8. Jahrhundert v. Chr. an wechselte in kurzen Abständen die Herrschaft über Gaza. Nacheinander gewannen Ägypten und Assyrien Einfluss, und im 7. Jahrhundert wurde Gaza vom Neubabylonischen Reich annektiert. Das altpersische Achämenidenreich beherrschte die gesamte Levante vom späten 6. Jahrhundert v. Chr. an, ehe Alexander der Große Gaza 332 v. Chr. nach dreimonatiger Belagerung eroberte. Überlebende Männer, Frauen und Kinder wurden in die Sklaverei verkauft. Alexanders Nachfolger, die Ptolemäer (von Ägypten aus) und die Seleukiden (von Syrien aus), beherrschten das Gebiet bis zur Eroberung durch die Römer im 1. Jahrhundert v. Chr., die die Stadt Gaza wieder aufbauten und ihr zu neuer Blüte verhalfen. Unter anderem verlief auch die schon in der vorrömischen Zeit wichtige und nun ausgebaute Handelsstraße Via Maris durch Palästina. Im Zuge der Teilung des Römischen Reiches 395 n. Chr. fiel Gaza mit der ganzen Levante an Byzanz.
Juden lebten in Gaza spätestens seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Die jüdische Gemeinde erlebte eine erste Blütezeit im Mittelalter bis zur Ankunft der Kreuzfahrer im zwölften Jahrhundert. Einen grundlegenden kulturellen und politischen Wandel in der Region bewirkte die islamische Eroberung im Jahr 636 (Schlacht am Jarmuk). Seither entwickelte sich Gaza zu einer arabischen Stadt.
Nachdem im 11. Jahrhundert vorübergehend Kreuzfahrer das Gebiet erobert hatten, kam es im 12. Jahrhundert unter ägyptisch-mamelukkische Herrschaft. Nach der Niederlage gegen die Osmanen im Jahr 1517 geriet es wie das gesamte Mamelukkenreich unter türkische Herrschaft. Mit Nathan von Gaza entwickelte sich in Gaza eines der wichtigsten Zentren des messianischen Judentums und der jüdischen Mystik. Das Gebiet des Gazastreifens wurde Teil des Eyâlets Syrien, ab 1872 des Sandschaks Jerusalem.
Im Ersten Weltkrieg (Sinaifront 1915/1916) beantworteten die Briten die Suezoffensive der von den Mittelmächten unterstützen Osmanen mit einer Gegenoffensive der Egyptian Expeditionary Force, die die Grenze des Sandschaks Jerusalem überschritten. Um den Briten den Einmarsch zu erschweren, errichteten die Mittelmächte bei Gaza eine Verteidigungslinie, wobei sie den größten Teil der Stadtbevölkerung nach Hebron und Jerusalem evakuierten. Ein Teil der Evakuierten wurde mit der osmanischen Militärbahn Bayt Ḥanunat–at-Tina und über weitere Strecken sogar bis nach Homs und Aleppo verbracht. Gaza selbst wurde dem Erdboden gleichgemacht (erste, zweite und dritte Schlacht um Gaza) und das gesamte Gebiet kam im Rahmen der Regelungen des Palästinamandats unter britische Verwaltung.
Von 1918 bis zur Teilung Palästinas (1948) Zwischen 1918 und 1920 zogen die im Weltkrieg siegreichen Briten und Franzosen neue Grenzen in den eroberten osmanischen Gebieten. In der sogenannten Occupied Enemy Territory Administration South fassten die Briten einen Teil der osmanischen Verwaltungseinheiten zur Region Palästina zusammen. Der Völkerbund erteilte Großbritannien 1922 das Völkerbundsmandat für Palästina, womit erstmals seit der Antike wieder „Palästina“ als amtliche Bezeichnung verwendet wurde. In den Bestimmungen des Mandats beauftragte der Völkerbund die zivile britische Mandatsverwaltung, in Palästina die Schaffung einer unabhängigen Heimstatt für das jüdische Volk vorzubereiten. 1923 teilten die Briten vom Mandatsgebiet dessen östlich des Jordans gelegenen Teil ab und schufen darin das Emirat Transjordanien.
Unterdessen kehrte in das kriegszerstörte Gaza, das nun zum britischen Mandatsgebiet Palästina gehörte, weniger als die Hälfte seiner einstigen Bevölkerung zurück.Dotan Halevy: Toward a Palestinian History of Ruins: Interwar Gaza. In: Journal of Palestine Studies. Band 48, Nr. 1, 2018. S. 53–72, hier 55. In Palästina formierten sich zwei Nationalbewegungen, eine arabische und eine jüdische; jüdische Bewohner organisierten sich ab 1920 im Jischuv (siehe Repräsentantenversammlung (Palästina)). Die britische Mandatsmacht erkannte 1928 die Repräsentantenversammlung als Repräsentativorgan der jüdischen Bevölkerung Palästinas an und forderte die arabischen Führer auf, die vorwiegend muslimische und christliche arabische Bevölkerung ebenfalls eine politische Vertretung wählen zu lassen. Daraufhin gründeten arabische Notabeln das Arabische Hohe Komitee, dessen Leitung bis zu seiner Flucht im Herbst 1937 der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, übernahm.
Die Mandatsverwaltung (Government of Palestine) modernisierte das Land nach britischem Vorbild in Verwaltung, Justiz, Schulwesen und Wirtschaft. Die zunehmende jüdische Einwanderung ebenso wie soziale Umbrüche in der arabischen Gesellschaft führten zu Spannungen zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung und ersten Ausschreitungen gegen Juden in Jaffa (1921), Hebron und Safed (1929). 1929 wurden die meisten jüdischen Familien aus Gaza vertrieben,Michael R. T. Dumper, Bruce E. Stanley: Cities of the Middle East and North Africa: A Historical Encyclopedia. ABC-CLIO, Santa Barbara (CA) 2007, ISBN 978-1-57607-919-5, S. 155. 1936 begann der Arabische Aufstand gegen die Mandatsmacht, und auch während und nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es den Briten nicht, britische, arabische und jüdische Ansprüche zu versöhnen.
Der eigenen Verluste an Mitteln und Menschenleben überdrüssig, übergab Großbritannien das Palästinamandat an die 1945 gegründeten Vereinten Nationen (UN), den Rechtsnachfolger des Völkerbunds. Angesichts der Gewalt zwischen Anhängern der beiden nationalen Bewegungen in Palästina schien eine Lösung des Konflikts in einem binationalen Staat inzwischen unmöglich. Die letzten in Gaza verbliebenen Juden wurden aus der Stadt vertrieben. Am 29. November 1947 beschlossen die in den UN vertretenen Nationen den UN-Teilungsplan für Palästina, demzufolge Gaza einem zu gründenden arabischen Staat zugeschlagen werden sollte.
Am 15. Mai 1948 überschritt zu Beginn des Palästinakriegs die ägyptische Armee die Grenze bei Rafah und marschierte in Gaza ein. Die Ägypter kämpften entlang der Via Maris in langwierigen Gefechten um kleine jüdische Siedlungen, die sämtlich am Ende unterlagen.Bill Slott, “The memorial to the fallen Egyptian soldiers” (14. September 2016), in: The Times of Israel; abgerufen am 12. April 2024. Vom 15. Mai bis 8. Juli griffen ägyptische Streitkräfte ins Gefecht um Kfar Darom ein und eroberten Nirim (15. Mai) und Jad Mordechai (19. bis 25. Mai).Efrat Naqasch (), “” Linkliste mit Link der Tour ‹› (28. April 2015), auf: אפרת נקש טיול בארץ; abgerufen am 12. Februar 2024.
Unter ägyptischer Kontrolle 1948–1967 Im Oktober 1948 gelangen Israels Streitkräften Vorstöße in der Negev-Wüste (Operation Joav, 15.–22. Oktober 1948), worauf der zuständige ägyptische Brigadegeneral Muhammad Nagib seinen Truppen befahl, sich aus Ad Halom, ihrem weitesten Vorstoß ins israelische Kernland, in das Gebiet um Gaza zurückzuziehen.Schlomoh Tanny (), “”, in: Haʾaretz, 29. Oktober 1948, S. 1; abgerufen am 7. Februar 2024. Die sich dann herauskristallisierende einstweilige Frontlinie legten Ägypten und Israel im Waffenstillstandsabkommen vom 24. Februar 1949 als Grüne Linie fest. Damit war der Gazastreifen territorial abgesteckt.