mini|hochkant=1.5|Oderbruch in der Oderniederung, bläulich-grün = unter , Oder im gesamten Ausschnitt deutsch-polnische Grenze Ho-Fri-Wa = Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße

Das Oderbruch (abgeleitet von „Bruch“ im Sinne von „Feuchtgebiet“) ist ein Naturraum (Haupteinheit Nr. 802) und eine Kulturlandschaft im Osten des deutschen Bundeslandes Brandenburg direkt an der polnischen Grenze. Teile erstrecken sich auf polnisches Staatsgebiet. Die ebene Landschaft ist eine ursprüngliche eiszeitliche Hohlform, in die sich der Fluss Oder eingegraben und an dieser Stelle ein Stromspaltungsgebiet ausgebildet hat. Seit der Trockenlegung und Urbarmachung gilt das Oderbruch als herausragendes Beispiel der preußischen Binnenkolonisation des 18. Jahrhunderts. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war es Schauplatz der Schlacht um die Seelower Höhen.

Begrifflichkeiten

Name Der Begriff setzt sich aus dem Namen des Flusses „Oder“ und dem Wort „Bruch“ für eine zeitweilig überschwemmte Auenlandschaft zusammen. Diese Auenlandschaft, hier als „Bruch“ bezeichnet, war der unzugängliche, verästelte Lauf des historischen Flusses. Dies drückte sich auch im lateinischen Namen aus. Seit dem 16. Jahrhundert wurde die Bezeichnung „Viadrus Fluvius“ benutzt, was so viel wie „Fluss, der sich durchschlängelt“ bedeutet. Das Oderbruch vor der Trockenlegung 1753 darf man sich wie den Spreewald vorstellen.

Unterscheidung in Bereiche Entsprechend der Höhenlage (mNN) wird das Oderbruch in die beiden Hauptbereiche Oberoderbruch und Niederoderbruch unterschieden, wobei die Flussbezeichnung meist entfällt, so dass die Benennungen Oberbruch und Niederbruch lauten. Der höhere Teil, das Oberoderbruch, liegt flussaufwärts im Süden.

Die Grenze zwischen beiden Bereichen verläuft ungefähr auf der Linie Altfriedland – Kienitz, wobei an den Rändern nach Theodor Fontane auch Bliesdorf und Neuendorf dazugezählt werden. Das entspricht auch der Grenze zwischen den Altkreisen „Oberbarnim“ und „Lebus“. An der Ostseite kann sogar Zellin als Endpunkt (Deich Lebus – Zellin 1717) angenommen werden. Das Oberoderbruch wird auch als „Hohes Bruch“ bezeichnet.

Als weitere Unterscheidung gibt es den Bereich „Mittelbruch“. Dies ist der Bereich zwischen „Neuer-Oder-Canal“ im Osten (Güstebiese – Hohensaaten), die „Neuenhagener Insel“ im Norden, die „Wriezener Alte Oder“ im Westen und die „Alte Güstebieser Oder“ im Süden bis zur Coupierungsstelle bei Güstebiese. Das Mittelbruch deckt sich ungefähr mit dem Bereich des Altkreises Königsberg/Neumark, der sich westlich der Oder befindet. Es handelt sich also um eine Bezeichnung aus der Zeit nach 1753.

Außerdem gibt es noch den Begriff „Tiefes Bruch“, womit der Bereich zwischen Bad Freienwalde (gegenüber dem Neuenhagener Sporn) und Oderberg gemeint ist.

Weitere Begriffe Der westlich des Deiches abgetrennte Bereich kann auch als Flusspolder bezeichnet werden.

Geographie mini|hochkant=1.5|Oder-Havel-Kanal, Oderbruch und Neuenhagener Insel, Blick vom Schiffshebewerk Niederfinow

Flächenausdehnung Die Gebietsbezeichnung „Oderbruch“ gilt für den von der Oder durchflossenen Abschnitt, der von Lebus (Flusskilometer 593,0) im Süden bis Hohensaaten (km 665,9) im Norden reicht.

Im Osten wird das Oderbruch durch die Höhenstufe des neumärkischen Hügellands, das Land Sternberg und den Abschluss der Wartheniederung begrenzt. Die östliche Abgrenzung ist nicht der Fluss, sondern die Hänge östlich, genauso wie auch Küstrin zum Oderbruch gerechnet wird. Im Westen wird es durch die Hochflächen des Barnim und die Lebuser Platte begrenzt. Der Süden wird durch den Eintritt der Oder ins Bruch bei der Stadt Lebus definiert. Als Abschluss (Austritt) im Norden gilt die Passage bei Hohensaaten. Hinzugerechnet werden die Gemeinden, die am Rand (Hanglage) liegen und deren Gebiet sich auch in die Ebene erstreckt, wie z. B. Bad Freienwalde, Wriezen und Seelow.

Von Nord nach Süd beträgt die Länge des zentralen Bereiches (Oderberg – Lebus) fast 60 km. Die Breite schwankt zwischen 12 km im Norden und 20 km im Süden, wobei Beginn und Ende bei Reitwein und bei Oderberg schmale Engstellen mit lediglich 4 km bzw. 1,5 km Breite sind. Die „Neuenhagener Insel“ wird auch dazu gerechnet. Die Fläche beträgt ca. 780 km².

Höhenlage Im Süden bei Reitwein beträgt die Höhenlage , bei Letschin , bei Wriezen und bei Hohensaaten nur noch . Von Hohensaaten sind es noch 140 Flusskilometer bis zur Ostsee. Der geringe Höhenunterschied (Wasserspiegel) bis zur Ostsee führt zu einer außerordentlichen Beruhigung des Gewässers, die besonders bei hohen Wasserständen einen schnellen Abfluss behindert und gefährlichen Rückstau bedingen kann.

Im Vergleich zum geringen Längsgefälle gibt es aber ein ausgesprochenes Quergefälle des Talbodens. Der Ostteil, also dort, wo der Fluss heutzutage fließt, liegt ca. 3–4 m höher als der Westteil z. B. bei Wriezen. Das ist in jedem Falle niedriger als der mittlere Wasserstand der Oder, die ganz am östlichen Rand fließt.

Flussnetz Bis ins 18. Jahrhundert schlängelte sich die Oder in mehreren Armen durch diese Niederung, die mehrmals im Jahr zu großen Teilen von Hochwasser überflutet wurde, wobei sich auch Verlauf und Bedeutung von Oderarmen änderten. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts floss der Hauptstrom der Oder bis Güstebiese (heute: Gozdowice) am Ostrand der Niederung, von dort westwärts auf Wriezen zu, von dort an Freienwalde entlang und westlich um den Moränenrücken des Neuenhagener Sporns herum in Richtung Oderberg und dann ostwärts nach Hohensaaten, wo ihr heutiges Bett anschließt. Der dargestellte Lauf ab Güstebiese wird heute Alte Oder genannt. Der wichtigste linke Nebenarm, heute ebenfalls „Alte Oder“, zweigte schon am Reitweiner Sporn nördlich von Lebus in Richtung Seelow ab und floss am Westrand der Niederung nordwestwärts nach Wriezen. Der untere Teil dieses Oderarms heißt heute Friedländer Strom und mündete bei Wriezen in den damaligen Hauptstrom. Ein alter rechter Seitenarm floss am Nordostrand der Niederung. Teilweise ist er im heutigen Hauptstrom aufgegangen. Das unterste (westlichste) Stück ist als Stille Oder erhalten. Die Kilometrierung des Hauptoderdeiches im Bereich des Oderbruchs beginnt bei Lebus (Deichkilometer Null) und reicht bis Hohensaaten (km 76,8). Die Länge der Schlafdeiche beträgt hier 90, 2 km.

Geologie

Eiszeitliche Entwicklung mini|Falschfarbenbild des Oderbruches aus DGM1-Daten Die Hohlform des Oderbruchs ist im Wesentlichen in der Weichseleiszeit entstanden und hat sich besonders in der Pommerschen Eisrandlage und deren Rückbildung ausgeformt. Dies geschah ca. 18.000–15.000 Jahre v. Chr.

Zu dieser Zeit war das Oderbruch ein Abschnitt des Thorn-Eberswalder Urstromtales, das in die entstehende Nordsee entwässerte („Westabdachung“, Dalchow/Kiesel, 2005). Die auffällige Hohlform entstand aber bereits in der Elster-Kaltzeit durch einen lokal begrenzten Effekt mit einer starken Ausschürfung.

Die „Odersenke“ war dann längere Zeit mit Toteis gefüllt, sodass der Wasserabfluss noch in Richtung Nordsee (Elbe) erfolgen konnte. Als es wärmer wurde und das Toteis vollständig abschmolz (13.500 Jahre vor heute), senkte sich die Sohle des Urstromes im Bereich der Oderbruchausschürfung um 30–40 m. Das führte dazu, dass bei Niederfinow eine Geländestufe entstand und die Schmelz- und Oberflächenwasser nicht mehr vollständig zur Nordsee abfließen konnten.

Mit dem vollständigen Zurückweichen der nordischen Gletscher und des ansteigenden Meeresspiegels entstand die Ostsee. Diese nun freigelegte „Nordabdachung“ führte zu einem einseitigen „Köpfen des Urstromtales“ bei Niederfinow durch Nordschwenken der Oder. Bei Oderberg entstand eine „Pforte“. Zuerst mündete die Oder bei Rostock und schließlich bei Stettin ins Meer.

Sekundäre Bedingungen wie zum Beispiel der eiszeitliche Sander bei Güstebiese lenkten den Fluss (Große Krümme) immer wieder in ein neues Bett. Die zahlreichen Arme bildeten so ein großes Stromspaltungsgebiet, in dem eine Sumpflandschaft entstand. Heute ist das Oderbruch mit dem Fluss ein Abschnitt der unteren Oder.

Geschichte Prähistorisch Durch archäologische Grabungen ist bekannt, dass das Oderbruch bereits seit der Steinzeit besiedelt war. Das gilt nicht nur für die bevorzugten Hanglagen, die Uferbereiche der Flüsse, sondern auch für relativ flache Erhebungen in der Ebene, z. B. Eichwerder und Altreetz. Aus der jüngeren Bronze- und frühen Eisenzeit (Göritzer Gruppe) sind befestigte Siedlungen z. B. in Rathsdorf bei Wriezen und in Altfriedland dokumentiert.

Frühmittelalter Nach Wegzug der ostgermanischen Bevölkerung (Semnonen, Lemovier, Burgunden) im Zeitalter der Völkerwanderung wurden die siedlungsfreien Räume langsam durch von Osten einwandernde westslawische Stämme besetzt (ab 600 n. Chr.). Diese bildeten kleinere Siedlungen ohne übergeordnete Struktur.

Bereits vor der Jahrtausendwende zeichnet sich der Charakter des Bruchs als Grenzbereich ab. Nördlich siedelten die Pommern, östlich die Polanen, ganz im Süden außerdem drängte schlesischer Einfluss in das Gebiet. Der Bereich westlich der Oder wurde von elbslawischen Stämmen dominiert. Das Oberbruch mit Lebus unweit der Warthemündung ist westlicher Vorposten des bereits um 960 christianisierten Herzogtums Polen des Mieszko I.

Das Niederbruch gehört zu dieser Zeit in die Ostmark, später Nordmark, wo die noch nicht christianisierte, slawische (wendische) Bevölkerung relativ unbedrängt lebte. Diese slawischen Siedlungen wie z. B. Güstebiese waren Fischerdörfer, in denen nebenbei etwas Feldgraswirtschaft betrieben wurde („Güstebies est slavoica villa non habens agros“, Landbuch Neumark, 1337).

Hochmittelalter 1050–1250 Im 11. und 12. Jh. wird das Oderbruch endgültig konkurrierenden Machtsphären zugeordnet. Der Norden gehört noch in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts zum slawischen Herzogtum Köpenick unter Jacza von Köpenick († 1176). Dieser Bereich war das östliche Ende der slawischen Handelsroute via vetus, die von Köpenick an der Spree bis an die alte Oder bei Wriezen führte, also die Wasserscheide Ostsee – Nordsee überwand (via vetus coponik in oppidum wreene).

Der südliche Teil des Bruchs stabilisierte sich unter polnischem Einfluss und gehörte zum Bistum Lebus (Erzbistum Gnesen), das um 1124 vom polnischen Herzog Bolesław III. gegründet wurde. Hier bildete sich eine Konfliktlinie zwischen dem Erzbistum Gnesen und dem Erzbistum Magdeburg im Westen heraus. Die voranschreitende Christianisierung bereitete die Ostsiedlung und Assimilierung der Slawen vor.

Mit der Gründung der Mark Brandenburg (ab 1157) begann die Ausdehnung der Deutschen unter den Askaniern (Markgrafen von Brandenburg) nach Osten. Dieser Expansionskurs fand seinen Höhepunkt in der deutschen Ostsiedlung. Besonders nach dem Zerfall des polnischen Piastenreiches ab 1227 begann die Expansion in den mittleren Oderraum und noch darüber hinaus. Es entstand die Neumark (terra transoderana) als Teil des Kurfürstentums Brandenburg, deren westlichste „Ecke“ das Niederbruch ist. Grenzlinie im Niederbruch (Bereich Wriezen-Freienwalde) ist die heute nicht mehr vorhandene Mädewitzer Oder (Altmädewitzer Hauptgraben), die sich bei Altranft mit den ganz westlich verlaufenden Armen wieder vereinigte.

Bereits im 13. Jahrhundert, noch vor der Ostsiedlung, entstanden neue „deutsche“ Siedlungen wie z. B. Wriezen, die als Ergänzung bzw. Nachfolge von slawischen Orten (Altwriezen) entstanden. Die nicht mehr unmittelbare Nachbarschaft im Falle Wriezen hängt mit einer veränderten Hochwassergefährdung im ausgehenden Mittelalter zusammen. Die einfachen Sandinseln waren nicht mehr sicher und man zog sich an den Rand des Tales zurück. Gleichzeitig sind in unmittelbarer Nähe slawische Ortsteile, die sog. Kietze, als Dienstsiedlungen neben diesen Städten angelegt worden (z. B. Altkietz Wriezen).

Spätmittelalter 1250–1500