mini|Émile Durkheim
David Émile Durkheim [] (* 15. April 1858 in Épinal; † 15. November 1917 in Paris) war ein französischer Soziologe und Ethnologe. Er war 1887 als Lehrbeauftragter für Soziologie und Pädagogik in Bordeaux der Erste mit einer akademischen Stelle an einer französischen Universität.Hans-Peter Müller, Michael Schmid: Arbeitsteilung, Solidarität und Moral. Eine werkgeschichtliche und systematische Einführung in die ‚Arbeitsteilung‘ von Émile Durkheim. In: Émile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. 1. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-28605-6, S. 482. Er gilt heute als ein Klassiker der Soziologie,Niklas Luhmann: Arbeitsteilung und Moral. Durkheims Theorie. In: Émile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. 1. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-28605-6, S. 19f. der mit seiner Methodologie die Eigenständigkeit der Soziologie als Fachdisziplin zu begründen gesucht hat. Seine empirische Studie zum Thema Selbsttötung wurde zu einem Paradigma empirischer Soziologie.Klaus Dörner: Einleitung. In: Émile Durkheim: Der Selbstmord. Luchterhand, Neuwied / Berlin 1973, ISBN 3-472-72532-X. S. XIV.
Leben Émile Durkheim war der Sohn des Rabbiners der jüdischen Gemeinde Épinal (Lothringen) Moïse Durckheim (1805–1896) und Enkel des Abraham Israel Durkheim, geboren 1766 im heutigen Bad Dürkheim. Durkheim studierte in Paris an der École normale supérieure, nachdem er zweimal bei der Aufnahmeprüfung durchgefallen war. Er traf dort einige später ebenfalls sehr renommierte Männer, darunter Lucien Lévy-Bruhl und Jean Jaurès.
Er bestand 1882 die Agrégation (Staatsprüfung für das höhere Lehramt) im Fach Philosophie und arbeitete dann zunächst als Philosophielehrer an Lycées in verschiedenen französischen Städten. Nach einem Studienaufenthalt in Deutschland in den Jahren 1885 bis 1886 publizierte er zwei Artikel über seine Stipendienzeit in Berlin und Leipzig, wo ihn besonders Wilhelm Wundt beeindruckt hatte. Diese Schriften machten ihn bekannt und führten zu einem Lehrauftrag für Sozialwissenschaft in Bordeaux, den der Leiter der Hochschulabteilung im Erziehungsministerium ihm 1887 zuwies. 1896 wurde er dort Professor für Pädagogik und Soziologie – die erste Dozentur für Soziologie an einer Universität in Frankreich.
In seiner Zeit in Bordeaux verfasste Durkheim drei seiner wichtigsten Schriften: Über soziale Arbeitsteilung (seine Dissertationsschrift, 1893), Die Regeln der soziologischen Methode (1895) und Der Selbstmord (1897). 1896 gründete er die Zeitschrift L’Année Sociologique,Hans G. Kippenberg: Émile Durkheim. In: Axel Michaels (Hrsg.): Klassiker der Religionswissenschaft. Von Friedrich Schleiermacher bis Mircea Eliade. Beck, München 1997. von der er zwölf Jahrgänge herausgab und zu der die sogenannten Durkheimianer, eine etwa vierzig Personen umfassende Gruppe von Gleichgesinnten und Durkheims Schülern, wesentlich beitrugen.
Durkheim, ansonsten eher unpolitisch, griff 1898 mit seinem Artikel L’Individualisme et les intellectuels in die Dreyfus-Affäre ein. Er setzte sich darin mit den Argumenten von Gegnern einer Revision von Dreyfus’ Verurteilung auseinander und widersprach der Behauptung, die Intellektuellen würden mit ihrer Kritik an Militär und Staat das Land in Anarchie stürzen.
1902 nahm Durkheim eine Lehrtätigkeit an der Pariser Universität (Sorbonne) auf, wo er 1906 einen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft erhielt, der 1913 in Erziehungswissenschaft und Soziologie umbenannt wurde. Am 8. November 1907, in einer Zeit wachsender politischer Spannungen mit Deutschland, setzte er sich in einem offenen Brief gegen den Vorwurf zur Wehr, er habe stillschweigend deutsches Gedankengut in seine Soziologie und damit in die Sorbonne eingeschleust. So distanzierte er sich von Wilhelm Wundt und bekannte sich emphatisch zu William Robertson Smith. Während dessen Einfluss auf Durkheim bis dahin nur immanent erkennbar ist, folgte er später vorbehaltlos dessen Opfertheorie in seinem Werk Die elementaren Formen des religiösen Lebens (1912).
Schwer getroffen wurde Durkheim vom Tod seines vielversprechenden Sohnes André, der 1915/16 auf dem Balkan fiel. Als er selbst am 15. November 1917 im Alter von 59 Jahren starb, hinterließ er seine Frau Louise (geborene Dreyfus) und seine Tochter Marie.
Werke Bereits in seiner ersten, in Latein verfassten und 1892 abgeschlossenen Dissertation setzte Durkheim sich mit Montesquieu und Jean-Jacques Rousseau auseinander.Émile Durkheim: Montesquieu et Rousseau, précurseurs de la sociologie. Paris 1953; deutsch (auszugsweise) in: Lore Heisterberg (Hrsg.): Émile Durkheim, Frühe Schriften zur Begründung der Sozialwissenschaft. Luchterhand, Darmstadt/Neuwied, S. 85–128.
Über soziale Arbeitsteilung (1893) In De la division du travail social (1893) entwarf Durkheim ein grundlegendes Modell von Gesellschaft entlang der folgenden Frage:
Nach Durkheim unterscheiden sich Gesellschaftsstrukturen durch unterschiedliche Formen der Solidarität, wobei er in zweierlei Arten unterteilt: mechanische Solidarität: Diese Form kennzeichnet vor allem ältere, weniger gegliederte Gesellschaften und wird von diesen durch Tradition, Sitten und – damit verbunden – Sanktionen aufrechterhalten. Kennzeichen sind daher gemeinsame Anschauungen und Gefühle. So geartete Kollektive bezeichnet Durkheim als „segmentäre“ Gesellschaften. Das Rechtssystem in solchen Gesellschaften ist ein repressives; die Bestrafung erfolgt also aufgrund eines Verstoßes gegen das Kollektiv(-bewusstsein).
organische Solidarität: Während in vormodernen Gesellschaften die Strukturen leicht durch mechanische Solidarität aufrechterhalten werden konnten, bedarf es in neuerer Zeit einer differenzierteren Form des Zusammenhalts. Diese neue Form ist nach Durkheim die sogenannte organische Solidarität. Sie ersetzt den (in Zeiten des Wettbewerbs und steigender Bevölkerungsdichte schwierig bis unmöglich gewordenen) mechanischen Zusammenhalt durch neue, kontraktuelle Strukturen (→ Arbeitsteilung), in denen der Einzelne in verschiedener Weise in die komplexe vielschichtige Arbeitswelt eingebunden ist. Dies bedeutet jedoch ausdrücklich nicht das komplette Verschwinden gemeinsamer Anschauungen; diese treten lediglich zunehmend in den Hintergrund.
Das Prinzip der „organischen Solidarität“ versteht Durkheim als Gegenposition zum Utilitarismus, namentlich zu dessen Vertreter Herbert Spencer. So geartete moderne Kollektive bezeichnet Durkheim als „nicht-segmentäre“ Gesellschaften. Die Industriegesellschaft hat nach Durkheim eine differenzierte, hochentwickelte und komplexe Arbeitsteilung von solchen Ausmaßen, dass der Einzelne sie nicht mehr überblicken kann. Tatsächlich ist der Einzelne in dieser arbeitsteiligen Gesellschaft überaus abhängig, jedoch entwickelt er eine Ideologie, die genau das Gegenteil sagt – nämlich den Individualismus. Durkheim war der Erste, der dieses Paradoxon der Industriegesellschaft benannte. Andere, wenig oder nicht-industrialisierte Gesellschaften kennzeichnet eine viel einfachere und überschaubarere Arbeitsteilung.
Die Regeln der soziologischen Methode (1895) Durkheim geht in diesem Werk davon aus, dass „soziale Fakten als Dinge (zu) behandeln“ sind, d. h. der soziale Tatbestand stellt für ihn die Grundlage aller soziologischen Analyse dar und ist keine bloße „Nebenerscheinung“ von menschlichem Zusammenleben, sondern als Struktur mit eigenem Stellenwert zu betrachten.
Eine soziale Struktur erklärt sich also für Durkheim nicht aus der Summe der Vorstellungen der beteiligten Akteure und existiert unabhängig von denen, die sie erschaffen haben (Emergenzphänomen). Sie wirkt als „Gesellschaft“ von oben auf die Menschen ein und kann von der Soziologie als solche aufgedeckt sowie durch funktionale (= Wirkung) und historische (= Entstehung) Analyse erklärt werden. Nach Durkheim sind beide Aspekte unbedingt zu beachten. Die moderne Schichtung der Gesellschaft ist zum Beispiel nicht lediglich dadurch zu erklären, dass Berufspositionen mit verschiedenen Entlohnungen versehen werden, um sie attraktiver zu machen, weil dabei nur die Wirkung betrachtet würde.
Durkheim gibt drei Kriterien für soziale Strukturen („Gesellschaft“) an: Allgemeinheit:Die Regeln der geltenden Struktur gelten für alle Individuen, die in ihr interagieren. Äußerlichkeit:Die Struktur wird als unabhängig von der eigenen Person empfunden und kann nicht als Summe der individuellen Vorstellungen der in ihr handelnden Akteure begriffen werden. Zwang:Es ist dem Einzelnen nicht möglich, der sozialen Struktur entgegenzuwirken, da er dieser quasi unterworfen ist. Nichtbeachtung der gesellschaftlichen Regeln zieht mehr oder minder schwere Sanktionen nach sich. Die Determination des Handelns kann auch ohne Wissen der handelnden Personen geschehen, d. h. z. B. dass sich die Akteure der gesellschaftlichen Regeln nicht unbedingt bewusst sein müssen und diese mitunter intuitiv befolgen.
Das kollektive Gewissen oder auch kollektive Bewusstsein (conscience collective) der Gesellschaft, in der man geboren wurde, wird durch Erziehung in den Einzelnen hineingetragen und schlägt sich in dessen Moralvorstellungen, Sitten und Glauben nieder.
Nach Durkheim ist der kollektive Zwang nicht direkt beobachtbar, aber in der negativen Sanktionierung von abweichenden, d. h. regelwidrigen Verhaltensweisen feststellbar und messbar. Wenn diese Abweichung in der Gesellschaft zur Regel wird, das kollektive Gewissen also nicht mehr in der Lage ist, für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen, spricht man von „Anomie“. Dies bedeutet, dass die Gesellschaft vom „Normalzustand“ in einen „pathologischen“ Zustand übergegangen ist.
Im sechsten Kapitel („Regeln der Beweisführung“) bestimmt Durkheim die Methode der kulturvergleichenden Sozialforschung als „die einzige, welche der Soziologie entspricht.“ (1991, S. 205), vgl. Vergleich (Philosophie). Im ersten Abschnitt (I) setzt sich Durkheim kritisch mit Comte und John Stuart Mill auseinander. Im zweiten Abschnitt (II) untersucht Durkheim vier verschiedene Verfahren der vergleichenden Methode: Methode der Residuen Methode der Konkordanz Methode der Differenz Methode der parallelen (konkomitanten) Variationen Die ersten drei Verfahren eignen sich Durkheim zufolge nicht für die Untersuchung sozialer Phänomene, da solche Phänomene zu komplex sind. Dagegen hält Durkheim das Verfahren der parallelen Variationen für ein „ausgezeichnete[s] Instrument der soziologischen Forschung“ (1991, S. 211). Im dritten und letzten Abschnitt (III) behandelt Durkheim den Vergleich mehrerer Gesellschaften.
Der Selbstmord (1897) In Le suicide untersucht Durkheim verschiedene Hypothesen zu den unterschiedlichen Suizidraten von Katholiken und Protestanten. Er benutzt hierzu empirische Daten aus verschiedenen Quellen, vor allem aus Moralstatistiken von Adolph Wagner oder Henry Morselli (1852–1929) und untersucht Korrelationen mit unterschiedlichen Parametern, der konfessionellen Zugehörigkeit, dem Berufs- und Vermögensstand der Betroffenen bis hin zum Wetter, zur Jahreszeit und zur Wirtschaftssituation des Landes. Er erklärt die niedrigere Selbsttötungsrate bei Katholiken durch die stärkere soziale Kontrolle und die stärkere soziale Integration. In den Quellen waren die Ergebnisse mit größerer Zurückhaltung dargestellt worden. Außerdem war der Unterschied zwischen den Konfessionen nur in den deutschsprachigen Gebieten Mitteleuropas beobachtbar und kann seinerseits Ausdruck anderer Faktoren gewesen sein. Durkheims Ergebnisse waren: Die Selbsttötungsrate bei Männern ist höher als bei Frauen. Verheiratete Frauen, die über einen längeren Zeitraum kinderlos blieben, hatten jedoch höhere Werte. Alleinstehende haben eine höhere Rate als Verheiratete. Kinderlose Ehepaare zeigen eine höhere Rate als Familien. Protestanten haben eine höhere Rate als Katholiken und Juden.