Liepāja (, livisch Līepõ, ) ist eine an der Ostsee gelegene Hafenstadt im Westen Lettlands. Mit Einwohnern (Stand: ) ist sie die drittgrößte Stadt des Landes.

Geschichte Mittelalter Die Stadt entstand aus einem kleinen kurischen Dorf an der Mündung der Lyva. Erstmals erwähnt wurde der Ort als „Lyva“ im Jahre 1253.Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 4. Als kleiner unbefestigter Hafenort im Staatsgebilde des Livländischen Ordens wurde Liwa (diese Schreibweise hatte sich im 14. Jahrhundert durchgesetzt) mehrmals von den Litauern niedergebrannt, unter anderem 1418.Hans Feldmann, Heinz von zur Mühlen (Hrsg.): Baltisches historisches Ortslexikon, Bd. 2: Lettland (Südlivland und Kurland). Böhlau Verlag, Köln 1990, S. 344. Im Hafen von Liwa wurden im 15. Jahrhundert Holz, Fleisch, Fisch und Butter umgeschlagen. Doch blieb Liwa hinter den konkurrierenden Häfen Memel und Windau zurück.Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 6.

Frühe Neuzeit Infolge der Reformation entstanden in Libau zwei lutherische Gemeinden. Die eine Gemeinde (St. Anna) bildete die Evangelischen lettischer Sprache, die andere (Trinitatis) die Evangelischen deutscher Sprache.Hans Feldmann, Heinz von zur Mühlen (Hrsg.): Baltisches historisches Ortslexikon, Bd. 2: Lettland (Südlivland und Kurland). Böhlau Verlag, Köln 1990, S. 346. 1560 wurde Libow als Teil der Komturei Grobiņa für fast 50 Jahre (bis 1609) an Preußen verpfändet.Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 8–9. In dieser Zeit stieg die Bevölkerungszahl unter anderem durch Zuwanderung aus Deutschland. Die Verleihung des Stadtrechts erfolgte 1625 durch Herzog Friedrich von Kettler von Kurland und Semgallen.Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 9. König Sigismund III. Wasa von Polen-Litauen bestätigte als Suzerän des Herzogs die städtischen Rechte im Jahr darauf.

Mitte des 17. Jahrhunderts wurde mit dem Bau der Hafenanlage begonnen. In den Nordischen Kriegen litt Libau weniger unter Zerstörung als unter Kontributionszahlungen an die durchziehenden Heere und mehreren Pestepidemien.Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 22. 1698 zerstörte ein Großbrand den Großteil der Holzgebäude der Stadt. Der Großen Pest von 1708 bis 1714 fiel ein Drittel der Bürger zum Opfer.Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 23.

Von 1697 bis 1703 wurde der Handelskanal zum Libauer See in Betrieb genommen. Der Hafen befindet sich bis heute an der verbreiterten Mündung des Kanals und war ab 1730 auch für große Schiffe befahrbar.

mini|Plan der Stadt Libau, 1875 19. Jahrhundert Libau fiel 1795 mit dem Herzogtum Kurland an das Russische Kaiserreich und gehörte fortan zum Gouvernement Kurland. Für Russland hatte die Stadt wegen ihres eisfreien Hafens große militärische und wirtschaftliche Bedeutung. In ihr lebten damals 4548 Einwohner. Nach mehr als hundert Friedensjahren waren es 1914 bereits 94.000. Im 19. Jahrhundert bekam Libau einen Eisenbahnanschluss (1869/1876) und wurde ein bedeutendes Industriezentrum. Ab 1899 fuhr hier die erste elektrische Straßenbahn im Baltikum. In diesem Jahr wurde auch mit dem Ausbau des Kriegshafens (siehe Karosta) als strategische Flottenbasis begonnen. Von 1906 bis 1914 bestand direkter Schiffsverkehr nach New York. Den Hafen Libaus nutzten unter anderem mehrere hunderttausend Auswanderer. Es bestand im 19. Jahrhundert ein deutschsprachiges Stadttheater.

20. Jahrhundert links|mini|Beschießung von Libau am 2. August 1914 durch den Kleinen Kreuzer Augsburg mini|Aufruf zur Umsiedlung der Deutschbalten 1939 Der Erste Weltkrieg begann für die Libauer am 2. August 1914 mit der Beschießung des Hafens durch ein deutsches Kriegsschiff. Am 8. Mai 1915 besetzten deutsche Truppen Libau infolge der Schlacht um Schaulen.Michael Garleff: Die Deutschbalten als nationale Minderheit in den unabhängigen Staaten Estland und Lettland. In: Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Baltische Länder. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-214-0, S. 451–550, hier S. 452. Seit Kriegsbeginn hatte sich die Einwohnerzahl der Stadt durch Zwangsevakuierungen ins innere Russland und wirtschaftlichen Niedergang auf 43.600 im Jahr 1915 verringert. Nach dem Kriegsende besetzten die Roten Lettischen Schützen und die Rote Armee fast das ganze lettische Territorium und gründeten die Lettische Sozialistische Räterepublik mit Pēteris Stučka an der Spitze. Die lettische provisorische Regierung, die vom Volksrat in Riga proklamiert worden war, floh Anfang 1919 nach Libau, wo Schiffe der britischen Flotte ankerten. Außerdem befanden sich noch die Vertreter der Entente sowie der Soldatenrat und das Generalkommando der deutschen Truppen in der Stadt. Am 16. April 1919 fand hier ein Putschversuch einer kleinen Einheit der Baltischen Landeswehr statt, in dessen Folge ein Regierungskabinett mit dem protestantischen Pastor Andrievs Niedra als Ministerpräsidenten gebildet wurde. Der Ministerpräsident der provisorischen Regierung Kārlis Ulmanis lebte daraufhin bis zum 27. Juni 1919 auf dem Schiff „Saratow“, das unter englischem Schutz im Hafen ankerte.

Der Verkehr im Hafen sank nach 1920 auf ein Zwölftel des früheren Umfangs. Von wirtschaftlicher Bedeutung waren die Anbindung an die Eisenbahnstrecke nach Jelgava (1929) und die Gründung des Freihafens (1931). Es entstanden auch kulturelle Einrichtungen wie die Oper (1922) und die Philharmonie (1927).

In Folge des Hitler-Stalin Paktes wurde am 30. Oktober 1939 der Vertrag zur Umsiedlung lettischer Bürger deutscher Volkszugehörigkeit ins Deutsche Reich veröffentlicht. Die Aussiedlung von 51.000 Deutschbalten ins Deutsche Reich erfolgte kurzfristig. Im Frühjahr 1941 gab es noch eine sogenannte „Nachumsiedlung“ von ca. 10.500 Deutschbalten. Damit endete 1941 die 750-jährige deutschbaltische Geschichte einer gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch dominierenden Bevölkerungsschicht. Die Libauer Bevölkerungsstruktur wurde dadurch wesentlich verändert, 1935 hatten noch rund 4500 Deutschbalten in der Stadt gelebt.

mini|Bekanntmachung durch SS-Führer Fritz Dietrich vom 12. Dezember 1941 Anfang 1940 wurden in Liepāja 15.000 Soldaten der Roten Armee stationiert. Im Sommer folgte die erste Besetzung des Landes. Allein am 14. und 15. Juni 1941 wurden um die 2000 Stadtbewohner nach Sibirien deportiert. Nach der Eroberung Liepājas durch deutsche Truppen am 29. Juni 1941 war die Stadt bis zum 9. Mai 1945 deutsch besetzt. Schon am ersten Tag der deutschen Besetzung begann die Schoa in Liepāja. An diesem 29. Juni wurde unter anderem der 1911 in Wien geborene Dirigent und Komponist Walter Hahn, der nach Lettland geflohen war, auf der Straße erschossen.Marģers Vestermanis: Tā rīkojās vērmahts. Vācu militāristu loma nacistisko okupantu noziegumos Latvijā 1941–1945. Riga 1973, S. 47–48. Die meisten der über 7000 jüdischen Einwohner wurden bei den Massakern in Liepāja durch Wehrmacht, SS und der Lettische Hilfspolizei bei sogenannten Geiselerschießungen umgebracht, über 3000 davon vom 15. bis 17. Dezember 1941 in Šķēde.Marģers Vestermanis: Ortskommandantur Libau. Zwei Monate deutscher Besatzung im Sommer 1941. In: Hannes Heer, Klaus Naumann (Hrsg.): Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-86150-198-8, S. 241–259.

1944 und 1945 war der Hafen neben Windau die wichtigste Verbindung der eingeschlossenen Heeresgruppe Kurland. Viele zehntausend Einwohner flohen per Schiff vor der Roten Armee. Nach 1945 bestand das Kriegsgefangenenlager 349 für deutsche Kriegsgefangene.Kurt W. Böhme: Die deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand. Eine Bilanz (= Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges, herausgegeben von Erich Maschke, Bd. 7). Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1966, S. 79.

Zwischen 1945 und 1990 wurden von der sowjetischen Führung Industrie- und Fischereibetriebe eingerichtet. Der Hafen diente als Stützpunkt der Sowjetischen Marine. Während des Kalten Krieges wurde die norddeutsche Stadt Flensburg zum projektierten atomaren Ziel des sowjetischen U-Boot-Stützpunktes von Liepāja.Andreas Oeding, Broder Schwensen, Michael Sturm: Flexikon. 725 Aha-Erlebnisse aus Flensburg! Flensburg 2009, Artikel: Bunker

Bis 1974 hatte die Stadt wieder 100.000 Einwohner. Von diesen waren im Zuge der Russifizierung und Industrialisierung mehr als die Hälfte vor allem aus der RSFSR und aus anderen Sowjetrepubliken angesiedelt worden. mini|Willkommen in Liepāja 2027 am Ortseingang von Libau

21. Jahrhundert

Liepāja wurde am 11. Mai 2022 als Kulturhauptstadt Europas für 2027 ausgewählt, zusammen mit der portugiesischen Stadt ÉvoraÉvora wird Europäische Kulturhauptstadt 2027, Évora wird Europäische Kulturhauptstadt 2027, abgerufen am 2. April 2023. Nach 2014 mit der Hauptstadt Riga ist Liepāja die zweite lettische Kulturhauptstadt Europas.

Sehenswürdigkeiten Sehenswert sind die Innenstadt mit dem alten Speicherviertel, der breite und feinsandige Dünenstrand an der Ostsee sowie die evangelische Dreifaltigkeitskathedrale (Einweihung 1758) in der Nähe des Rosenplatzes. Die Orgel der Dreifaltigkeitskirche war nach dem Umbau im Jahre 1885 durch Barnim Grüneberg bis 1912 die größte der Welt mit 131 Registern, vier Manualen und mehr als 7000 Pfeifen und gehört auch heute noch zu den größten in Europa. die evangelische St.-Anna-Kirche (Einweihung 1587) mit einem monumentalen holzgeschnitzten Altaraufsatz von 1697, einem Meisterwerk der Barockzeit die evangelische Martin-Luther-Kirche, erbaut von 1914 bis 1934redzet.eu die katholische St.-Josef-Kathedrale in der Nähe des Alten Marktplatzes, Erstbau von 1762, heutige neuromanische Basilika von 1894 bis 1897 erbautAustra Avotiņa, Andris Priede, Ojārs Spārītis, Dace Vosa: Latvijas Katoļu baznīcas. Jumava, Riga 2018, ISBN 978-9934-20-281-0, S. 30. die orthodoxe Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit, erbaut 1867 die orthodoxe St.-Alexey-Kirche, erbaut von 1905 bis 1907

das Stadtviertel Karosta (Kriegshafen) mit: der orthodoxen Kathedrale St. Nikolai, errichtet 1901–1903 dem historischen Militärgefängnis, das über hundert Jahre von den wechselnden Landesherren genutzt wurde. Das Gebäude beinhaltet heute ein Museum und eine Herberge. Alle Räume sind im Originalzustand erhalten oder werden nach und nach wieder instand gesetzt. der Festung (neun Teile, zwei davon am Kriegshafen) der Manege zahlreichen seit dem Abzug des sowjetischen Militärs leerstehenden alten Gebäuden der Konzertsaal Großer Bernstein (Lielais dzintars), Eröffnung im Jahr 2015 das Museum Liepāja zur Stadtgeschichte von der Steinzeit bis zum 19. Jahrhundert die Markthalle Pētertirgus wurde 1910 im Jugendstil errichtet

Bistum Liepāja Liepāja ist Sitz des römisch-katholischen Bistums Liepāja sowie eines gleichnamigen evangelisch-lutherischen Bistums. Beide erstrecken sich über das Gebiet von Kurland (lett.: Kurzeme).

Verkehr mini|Bahnhof Liepāja Durch die Stadt verläuft zwischen Ostsee und Libauer See der Handelskanal, der teilweise auch als Hafen dient. Es besteht eine Fährverbindung nach Travemünde. Seit 2021 verkehrt die „Stena Vinga“ täglich. Ins Landesinnere und ins nahe Litauen bestehen Fernbusverbindungen. Seit dem 31. Juli 2023 besteht auf der Eisenbahnstrecke nach Riga täglicher Personenverkehr. Der europäische Radwanderweg EV10 verläuft durch Liepāja, in wenigen Abschnitten auf einem straßenbegleitenden Radweg.Ostseeküsten-Route – Rigaischer Meerbusen und die Küste Kurlands Die Straßenbahn Liepāja besteht aus einer Linie, die im Mai 2013 in den Bezirk Ezerkrasts 2 verlängert wurde.