Hengest (oder Hengist) ist eine legendäre Gestalt des 5. Jahrhunderts n. Chr., die in zwei voneinander unabhängigen Quellensträngen auftaucht: einmal als Führer der angelsächsischen Invasion (Südost-)Britanniens und Gründer des Königreichs Kent, das andere Mal in der „Finnsage“ als Gefolgsmann des Dänenkönigs Hnæf. Obwohl Hengest also in zwei völlig verschiedenen Kontexten erscheint, könnte es doch zwischen den beiden eine Verbindung geben, also der Hengest der „Finnsage“ mit dem germanischen Invasor Hengest identisch sein.

In der modernen Forschung wird er jedoch ebenso wie sein angeblicher Bruder Horsa eher nicht als historische Person, sondern als Konstrukt der späteren Überlieferung betrachtet.

Hengest als angelsächsischer Eroberer Frühmittelalterlichen Quellen zufolge (Beda Venerabilis, Angelsächsische Chronik, Nennius) begann Hengest zusammen mit seinem Bruder Horsa die angelsächsische Eroberung (zunächst Südost-)Englands.

Gildas

Als erster Autor erwähnt der Mitte des 6. Jahrhunderts, etwa 100 Jahre nach den Ereignissen schreibende Gildas die Eroberung Südostbritanniens durch die Germanen. Laut diesem Schriftsteller lud ein im späteren Südengland herrschender „stolzer Tyrann“ gemeinsam mit den Vorstehern der romanisierten Städte auf der Insel „sächsische“ Söldner (foederati) ein, damit sie es nach dem Abzug der meisten römischen Soldaten gegen Plünderer aus dem heutigen Schottland schützten. Die Sachsen folgten laut Gildas dem Aufruf, landeten mit drei Kriegsschiffen in Britannien, schlossen einen Vertrag mit den Briten, siedelten sich im Südosten der Insel an und erhielten Nachzug aus ihrer Heimat. Sie beschwerten sich aber nach einer Weile über eine zu geringe Nahrungsmittelversorgung, meuterten und wandten sich gegen den Tyrannen, wobei sie weite Landstriche verwüsteten.Gildas, De excidio Britanniae 23. Die Namen der germanischen Anführer werden in dieser kurzen Notiz des Gildas nicht angegeben, ebenso wenig eine absolute Chronologie. Aufgrund gallischer Chroniken nimmt man an, dass der Aufstand der sächsischen Söldner um 440 begann.

Beda Venerabilis

Als früheste historische Quelle erwähnt der um 731 schreibende Kirchenhistoriker Beda Venerabilis den angeblichen Namen des Tyrannen – Vortigern – und die Gestalt des Hengest und dessen Bruder Horsa namentlich, folgt sonst aber im Wesentlichen Gildas. Auch nach seiner DarstellungBeda, Historia Ecclesiastica 1, 14f. rief Vortigern die Sachsen gegen die Einfälle nordischer Stämme (Pikten u. a.) zu Hilfe. Die Landung von Hengest und Horsa in England datiert Beda allerdings erst in das Jahr 449. Wie Gildas erzählt Beda nun, dass die Germanen ein Stück Land im Südosten der Insel zugewiesen erhielten und zunächst erfolgreich gegen Eindringlinge aus dem Norden kämpften, aber ständig weitere ihrer Stammesgenossen aus den germanischen Völkern der Jüten, Angeln und Sachsen nachholten, sich dann schließlich gegen die verbündeten Briten erhoben und Vortigerns Reich verheerten. Neu sind bei Beda die folgenden Notizen, dass nämlich Horsa in einer der Schlachten gegen die Briten fiel und man ihm später im Osten von Kent (wahrscheinlich bei Aylesford) ein Grabmonument erbaute. Die Genealogie, die Beda für Hengest und Horsa angibt, macht sie zu Söhnen eines sonst unbekannten Wihtgils und zu Nachfahren des Woden (Wotan?). Nach einer späteren Notiz BedasBeda, Historia Ecclesiastica 2, 5. hieß der Sohn des Hengest Oeric mit dem Beinamen Oisc; nach ihm nannten sich die Könige von Kent Oiscingas. Mit Oeric-Oisc dürfte der in der Angelsächsischen Chronik erwähnte Æsc zu identifizieren sein.

Angelsächsische Chronik

Die teilweise von Beda abhängige, in Jahreseinträgen fortschreitende Angelsächsische Chronik, die im 9. Jahrhundert verfasst wurde, ist die nächste wichtige Quelle für Hengest und bringt deutlich mehr Details. Zunächst wird ebenso wie bei Beda erzählt, dass Wyrtgeorn (= Vortigern) im Jahr 447 Hengest und Horsa gegen die Pikten zu Hilfe rief. In Ypwinesfleot (wohl das heutige Ebbsfleet auf der Insel Thanet in Kent) gingen die Brüder an Land, leisteten zunächst wie vereinbart den Briten gegen deren feindliche Stämme militärischen Beistand, kämpften dann aber nach Eintreffen zahlreicher weiterer Landsleute in vier mit Jahreszahl und Ort angegebenen Schlachten gegen Vortigern, so 455 bei Agælesþrep (wahrscheinlich das heutige Aylesford); in dieser Schlacht fiel Horsa. Nun wurden Hengest und dessen Sohn Æsc (= Oeric) Herrscher der Sachsen, kämpften zunächst 457 bei Crecganford (heute Crayford im London Borough of Bexley) siegreich gegen die Briten – die nach dem Verlust von 4000 Mann aus Kent nach London zurückweichen mussten –, dann 465 ebenso siegreich bei Wippedes fleot (Lage unbekannt). In dieser letzteren Schlacht wurden zwölf britische Häuptlinge, aber nur ein sächsischer Anführer, der Thane Wipped, getötet. Nachdem Hengest und sein Sohn 473 noch einen Kampf an einem ungenannten Ort gegen die Briten gewonnen hatten, verzeichnet die Angelsächsische Chronik für das Jahr 488, dass Æsc nun König von Kent wurde, so dass Hengest in diesem Jahr gestorben sein müsste.

Historia Brittonum

Die angeblich von Nennius verfasste Historia Brittonum (9. Jahrhundert), die stellenweise Gildas benutzt, stimmt beim Thema Hengest in den wesentlichen Kernpunkten mit Beda und der Angelsächsischen Chronik überein, bringt aber auch viele neue, zweifellos legendäre Einzelheiten. Statt im Jahr 449 setzt die Historia Brittonum die Landung der – hier als aus ihrer Heimat Verbannte bezeichneten – Brüder Hengest und Horsa in England im Jahr 447 an und erweitert deren Stammbaum zu noch früheren Vorfahren, so dass sie Nachkommen eines von den Germanen verehrten Gottes werden. Als Ort, den die Neuankömmlinge von Guorthigern (= Vortigern) als Siedlungsgebiet zugewiesen bekamen, wird die Insel Thanet angegeben.Nennius, Historia Brittonum 31. Wie bei den früheren Darstellungen holte Hengest laut Nennius nun zur Bekämpfung der nordenglischen Völker Verstärkungen aus seiner Heimat, allerdings so viele, dass die Briten ihnen nicht mehr die versprochenen Kleider und Nahrungsmittel liefern konnten.

Als neues Element kommt hinzu, dass Hengest nicht nur seinen Sohn (hier Ohta genannt), sondern auch seine schöne (erst beim englischen Historiker Geoffrey von Monmouth mit dem Namen Rowena versehene) Tochter nach England kommen ließ, die Vortigern verführen und den Sachsen gefügig machen sollte. Tatsächlich verliebte sich Vortigern in Hengests Tochter und erhielt sie gegen Abtretung von Kent an die Sachsen zur Gattin.Nennius, Historia Brittonum 36ff. Später musste Vortigern aus seinem Reich flüchten, und sein erst bei Nennius auftauchender Sohn Guorthemir (= Vortimer bei Geoffrey von Monmouth) übernahm die Führung bei den ersten Kämpfen der Briten gegen die germanischen Invasoren. Im Gegensatz zu seinem negativ gezeichneten Vater wird Vortimer als idealistischer und frommer Leiter des britischen Abwehrkampfes beschrieben, der mehrmals erfolgreich gegen Hengest kämpfte, dessen Bruder Horsa in einer dieser Schlachten fiel. Schließlich verließen die Sachsen England, kehrten aber nach dem bald darauf erfolgten Tod des Vortimer im Vertrauen auf ihr gutes Verhältnis zu Vortigern wieder zurück.Nennius, Historia Brittonum 43f. – Als Name des Kampfplatzes, wo Horsa umkam, führt Nennius Episford (altenglisch Rithergabail) an, während ihn die Angelsächsische Chronik Agælesþrep nennt.

Obwohl die Sachsen nun unangefochten in Kent leben konnten, da Vortigern die Tochter des Hengest sehr liebte, ließ letzterer bei einem Gastmahl anlässlich der (angeblichen) Bekräftigung des Friedens 300 britische Adlige und Militärführer verräterisch ermorden und erpresste von dem als einzigen verschonten Vortigern, dass dieser für seine Freilassung einige Provinzen (Essex, Sussex, Middlesex) abtrat.Nennius, Historia Brittonum 45f. Nach dem Tod des Hengest folgte ihm laut NenniusHistoria Brittonum 56. sein Sohn Ohta; stattdessen lässt die Angelsächsische Chronik, wie gesagt, Æsc (= Oeric bei Beda) auf Hengest folgen.

Spätere Autoren

Spätere Autoren hängen vor allem von den eben genannten Primärquellen ab. Am Anfang der Tradition, welche die dürren Berichte der frühen Chronisten mit vielen fantasievollen Zusätzen ausschmückte, steht Geoffrey von Monmouth, der in seiner Historia Regum Britanniae (1139) im Wesentlichen dem Bericht des Nennius über die Invasion Britanniens folgt, ihn aber romanhaft erweitert, auch neue Aspekte einbaut und Hengest ebenso negativ wie Nennius porträtiert, während beide Autoren die einheimischen Briten in positivem Licht darstellen. Da Geoffreys Werk im späten Mittelalter am weitesten verbreitet war und als historisch zuverlässig galt, wurde Hengest dementsprechend in den meisten Darstellungen als hinterlistiger Heide charakterisiert. Ganz anders war die Auffassung der Friesen (seit Ende des 16. Jahrhunderts), die ihn als idealen Kriegsherrn und „freien Friesen“ sahen. Erst im Stück Hengist, King of Kent, or the Mayor of Quinborough von Thomas Middleton (1620) wurde Hengest wieder zum Nationalhelden der Briten stilisiert.Thomas Honegger: Hengest und Finn, Horsa. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 14 (1999), S. 389.

Hengest als Gegenspieler Finns

Die einzigen zwei Quellen, die Hengest als Kontrahenten des Friesenkönigs Finn nennen, sind zwei altenglische Gedichte, das sog. Finnsburg-Fragment, das nur in einem 1705 erschienenen Buch des englischen Gelehrten George Hickes erhalten ist, der ein heute verlorenes Folio-Manuskript abschrieb, und die Finn-Episode im Beowulf (Vers 1068–1159). Die dahinterstehende Nordseesage kann aufgrund der bruchstückhaften Informationen nur lückenhaft – teilweise durch vergleichende Sagenforschung – rekonstruiert werden. Daher ist die hier angegebene Skizze der Handlung stark vereinfacht und in vielen Punkten strittig:

Der Friesenkönig Finn war mit Hildeburh, der Schwester des Dänenkönigs Hnæf, verheiratet; das Paar hatte einen jungen Sohn, dessen Namen nicht angegeben wird, der aber nach Genealogie-Listen altenglischer Herrscherhäuser anscheinend Friþuwulf (oder Fredulf) gelautet haben dürfte. Auf Einladung Finns segelte dessen Schwager mit 60 Getreuen, darunter Hengest, nach Friesland und bezog des Nachts in einer Finnsburuh genannten Halle Quartier.

Hier setzt das 48-zeilige Finnsburg-Fragment ein, wonach Hnæf und seine Leute im fahlen Mondlicht die anrückenden Friesen sahen und sich so tapfer verteidigten, dass sie in fünf Tagen ohne Verluste die Angriffe abwehren konnten, während es bei den Friesen viele Tote gab.

Im nun folgenden rekonstruierten Zwischenstück musste der dänische König Hnæf doch sein Leben lassen und an seine Stelle trat Hengest als Anführer der überlebenden Dänen. Auf friesischer Seite fiel der Sohn von Finn und Hildeburh.

Nach der Finn-Episode im Beowulf, die allerdings die Kenntnis der Handlung beim Publikum voraussetzt, konnte Finn die übriggebliebenen Dänen nicht besiegen, und beide Kriegsparteien beschworen schließlich einen Friedensvertrag, der die überlebenden Dänen zu Gefolgsleuten Finns machte. Bei der Feuerbestattung der Gefallenen weinte Hildeburh um ihren Bruder Hnæf und ihren Sohn. Nachdem die Dänen in Friesland überwintert hatten, konnten sie im Frühling wieder das Meer befahren, und der auf Rache sinnende Hengest erhielt wohl Verstärkungen aus seiner Heimat, mit denen er Finn überfiel und tötete. Dann reiste er mit zahlreichen ergatterten Schätzen und Hildeburh nach Dänemark zurück.

Hier bricht der Überlieferungsstrang über den dänischen Hengest ab.