mini|Die „Kosmiker“ (v. l. n. r.) Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Ludwig Klages, Stefan George, Albert Verwey Friedrich Konrad Eduard Wilhelm Ludwig Klages (geboren am 10. Dezember 1872 in Hannover; gestorben am 29. Juli 1956 in Kilchberg, Schweiz) war ein deutscher Lebensphilosoph und Psychologe sowie der Begründer der ausdruckswissenschaftlichen Graphologie. Er war Vertreter einer besonderen Charakterkunde und der biozentrischen Metaphysik. Bis heute ist er bekannt durch sein zivilisationskritisches Grußwort an den Ersten Freideutschen Jugendtag, der 1913 auf dem Hohen Meißner stattfand.

Leben Ludwig Klages‘ Eltern waren der Tuchhändler und Kaufmann Friedrich Ferdinand Louis Klages und seine Ehefrau Marie Helene, geb. Kolster († 1882). Seine Schwester war die Graphologin Helene Klages (1878–1947).

Klages besuchte bis 1891 das Ratsgymnasium Hannover. Einer seiner Jugendfreunde war der spätere Kulturphilosoph Theodor Lessing, mit dem er sich für den stabreimenden Dichter Wilhelm Jordan begeisterte. Klages beendete die Freundschaft aber 1899. Inwieweit Klages’ Antisemitismus der Grund dafür war, ist nicht endgültig geklärt. Beide betonten später, dass die gemeinsamen Jugendjahre ihr künftiges weltanschauliches Denken geprägt haben.Elke Kotowski: Feindliche Dioskuren. Theodor Lessing und Ludwig Klages. Das Scheitern einer Jugendfreundschaft (1885–1899). Jüdische Verlagsanstalt, Berlin 2000, S. 7.

Zum Studium der Chemie ging er nach Leipzig, Hannover und ab 1893 München. Er schloss es mit der Promotion ab und beschloss, nie als Chemiker zu arbeiten. In München begegnete Klages dem Bildhauer und Graphologen Hans Hinrich Busse, der 1894 dort ein Graphologisches Institut eröffnet hatte. Klages wandte sich auch der Graphologie zu, die er zu einer Ausdruckswissenschaft entwickelte (was Heinz Friedrich als Vorwegnahme der Ethologie von Konrad Lorenz ansah).

In München traf Klages auch auf den Dichter Stefan George, den Schriftsteller Karl Wolfskehl und den Kosmologen und Mystagogen Alfred Schuler. Sie bildeten (zusammen mit Franziska zu Reventlow, deren Liebhaber er 1901/02 wurde) eine Runde und nannten sich Kosmiker. Für Reventlows uneheliches Kind übernahm er die Vormundschaft. Sie trennte sich von ihm, u. a. weil er verlangte, das Rauchen aufzugeben. In dieser Zeit wirkte Klages u. a. auf Walter Benjamin ein, der ihn in München besuchte und den er zur Verwendung des Begriffs „Aura“ anregte. Der Kosmiker Wolfskehl machte Klages auf Johann Jakob Bachofen und dessen Matriarchatstheorie aufmerksam, die ihn, der seine Mutter früh verloren hatte, tief beeindruckte. Klages besuchte damals außerdem die Vorlesungen des Psychologen Theodor Lipps, der einer der Mitbegründer der Phänomenologie war.

1907 lernte Klages die Künstlerin Maria Gundrum kennen. Sie war über viele Jahre das Bindeglied zwischen Klages und Alfred Schuler.

Als 1914 viele deutsche Intellektuelle in Kriegsbegeisterung verfielen, blieb Klages nüchtern. Er verlegte 1915 seinen Wohnsitz nach Kilchberg in der Schweiz. Dort verbrachte er arbeitsintensive Jahre und bestritt seinen Lebensunterhalt aus Buch- und Vortragshonoraren. Er war befreundet mit Menyhért Palágyi (1859–1924), der ihn stark beeinflusste und als seinen Nachlassverwalter bestimmte.

Als öffentliche Auszeichnung erhielt Klages 1932 die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg verliehen. Der leidenschaftliche Antisemit Klages nutzte das geistige Klima des Nationalsozialismus, um weitere rassistische und antisemitische Artikel zu publizieren. Von 1936 an traf er zunehmend auf die Kritik deutscher parteiamtlicher Stellen, insbesondere durch eine Absage Alfred Rosenbergs an Klages’ Philosophie (während sich Baldur von Schirach zeitweilig positiv äußerte). Zu seinem 70. Geburtstag 1942 standen abfällige Artikel in vielen deutschen Zeitungen. Dagegen gab es zum 80. Geburtstag 1952 eine Vielzahl positiver Würdigungen und Gratulationen, u. a. vom Bundespräsidenten Theodor Heuss (siehe Hammer 1992, Hönel 1947, Schröder 1992).

Wegen der nur geringen Buchhonorare während der Kriegs- und Nachkriegsjahre übernahm Klages ab 1948 erneut graphologische Gutachten, von 1949 an hielt er gelegentlich Vorträge in Deutschland. Später unterstützte ihn sein Freundeskreis finanziell.

Klages’ Nachlass wird heute im Deutschen Literaturarchiv im Schiller-Nationalmuseum (Marbach am Neckar) verwaltet, wo auch sein Arbeitszimmer rekonstruiert wurde.

Klages hat durch seine weit verbreiteten Bücher über Ausdruckspsychologie, Charakterkunde und Graphologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die Psychologie hinaus breiten Einfluss ausgeübt. Diese Arbeiten wurden von seinen philosophischen Überzeugungen geleitet, deren Grundgedanke im Buchtitel „Der Geist als Widersacher der Seele“ (1929) ausgedrückt ist. Seine Lebensphilosophie wandte sich gegen einseitigen Rationalismus, gegen Technisierung und Reduktionismus. Wegen seiner radikalen Kritik an Zivilisation und Fortschrittsglauben sowie der Zerstörung des natürlichen Lebens gilt er als einer der Urväter der modernen Ökologiebewegung.

Graphologie (Schriftdeutung) und Ausdruckskunde Klages gilt als bedeutendster Pionier der Graphologie, denn er entwickelte eine ausdruckswissenschaftliche Grundlage für die psychologische Deutung der Handschrift (Ausdruckspsychologie). Die traditionelle Graphologie war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem durch die französische Schule von Jean Hippolyte Michon, Jules Crépieux-Jamin u. a. geprägt: bestimmten Schriftmerkmalen wurden relativ feste psychologische (charakterliche) Bedeutungen zugewiesen. Der Graphologe übersetzte diese Zeichen (signe fix) in psychologische Begriffe. Klages hat diesen Ansatz wesentlich erweitert, indem er genauer zwischen der Schrift als Ausdruck und der Schrift als Darstellung unterschied. Das Ausdrucksprinzip lautet: „jede ausdrückende Körperbewegung verwirklicht das Antriebserlebnis des in ihr ausgedrückten Gefühls“ … „der Ausdruck verwirklicht nach Stärke, Dauer und Richtungenfolge die Gestalt einer seelischen Regung.“ (Grundl. Wiss. vom Ausdruck, 1950, S. 148, 157) Das nur für menschliche Äußerungen geltende Darstellungsprinzip lautet: „[…] die willkürbare Bewegung kann vom Darstellungsdrange nur insoweit gemodelt werden, als sie einhergeht mit unbewusster Erwartung ihres anschaulichen Erfolges. […] jede willkürbare Bewegung des Menschen wird mitbestimmt von seinem persönlichen Leitbild.“ (Grundl. Wiss. vom Ausdruck, 1950, S. 272–273)

Von diesen beiden Prinzipien ging Klages aus, um die psychologische Bedeutung einzelner Schriftmerkmale abzuleiten. Einige Merkmale entstehen vor allem als spontaner Ausdruck. In anderen Merkmalen erscheint eher eine Darstellungsabsicht oder ein Leitbild. Es gibt auffällige Schriftmerkmale, z. B. charakteristische Formen seltener Schleifen, Verkürzungen und betont „originelle“ Unterschriften, die als Selbstdarstellungen anzusehen sind. Dennoch sind auch diese Zeichen im Zusammenhang der weitgehend unwillkürlichen Ausdrucksbewegung des Schreibens zu interpretieren. Viele Merkmale, beispielsweise der Schwung in der Unterschrift eines temperamentvollen Menschen, enthalten also beide Ursprünge. Die psychologische Bedeutung eines Schriftmerkmals wird durch Analogieschlüsse abgeleitet:

„Damit ein Winkel entstehe, muss die Bewegung der Federspitze bis zum Nullpunkt der Geschwindigkeit verlangsamt werden, um dann sofort in die neue Richtung hinüberzubiegen. Die dazu von Punkt zu Punkt erforderliche Bremsung setzt im Schrifturheber eine ständige Spannungsbereitschaft voraus, und so ist denn die positive Bedeutung des Winkels: Widerstandskraft.“ (Handschrift und Charakter, 1971, S. 115). Den Schreibdruck interpretiert Klages als Ausdruck der Willenskraft: „Zweck jeder Nachdrücklichkeit der Bewegung ist offenbar die Überwindung irgendwelcher Widerstände.“ Ein Winkel kann nun druckstark oder druckschwach geschrieben werden, und aus jeder Kombination ergibt sich eine modifizierte Bedeutung: eine besonders nachdrückliche Widerstandskraft bzw. eine Widerstandstendenz ohne ausgeprägte Energie. Auf diese Weise sind die zahlreichen Einzelmerkmale in der graphologischen Kombinatorik zu gewichten. An die Stelle der schematischen Deutungstabellen der früheren Graphologie tritt eine ausdruckspsychologisch fundierte Interpretation. Bevor ein genaues Merkmalsprotokoll aufgenommen wird, gewinnt Klages einen allgemeinen Eindruck vom „Formniveau“ der Schrift, d. h. deren Rhythmus, Ebenmaß, Regelmäßigkeit, Geübtheit, Eigenständigkeit und charakteristischer Ausbildung. Diese Beurteilung des Formniveaus kann zwar im Verlauf der Deutung bestätigt oder modifiziert werden, liefert aber immer den allgemeinen Rahmen. Für die Interpretation sind vor allem die auffälligen, d. h. die von der Schulvorlage abweichenden, Merkmalsausprägungen zu erfassen. Die einzelnen Schriftmerkmale sind mehrdeutig und müssen nach einem umfangreichen System von Prinzipien und Regeln interpretiert werden (u. a. Heiß 1943).

Die Graphologie bildet ein Teilgebiet der Ausdruckspsychologie neben der Deutung von Mimik, Gestik, Stimme und neben der Psychologie der bildnerischen und musikalischen Darstellung. Die Handschrift nimmt hier eine Ausnahmestellung ein, weil sie einen „geronnenen“ Ausdruck repräsentiert. Sie ist ein selbst-protokolliertes Verhalten bei der Absicht einen Textinhalt zu formen und mit einem Bewegungsfluss einen vorgegebenen Raum zu gestalten. Klages beschreibt eingehend die menschlichen Ausdrucksbewegungen und die vegetativen Ausdruckserscheinungen, d. h. die unwillkürlichen physiologischen Begleitvorgänge einer Emotion, z. B. das Erröten. Wenn er die Ausdrucksbilder von Freude oder Zorn schildert, sind bereits emotionspsychologische Prinzipien und Anfänge einer ethologischen (verhaltenswissenschaftlichen) Sicht zu erkennen. – Der breite Einfluss von Klages Graphologie erklärt sich vor allem aus dem erwarteten praktischen Nutzen für die Charakterkunde, d. h. zur besseren Menschenkenntnis und für psychologische Gutachten zu verschiedenen Zwecken. Klages entwickelte die Ausdruckswissenschaft als theoretische Grundlegung seiner Graphologie, die ihrerseits zur wichtigsten Hilfswissenschaft der Charakterkunde wird. Er schuf damit ein zusammenhängendes System, in dem das diagnostische Verfahren und die Theorie des Charakters (Persönlichkeit) eng aufeinander bezogen sind. Klages wurde als Erneuerer der Charakterkunde bzw. als Begründer der deutschen Charakterologie bezeichnet (Heiß 1936, Fisseni 1998).

Charakterkunde Klages definiert: „Die Persönlichkeit ist nicht nur vitale Einheit, sondern außerdem ein Ich; kürzer, sie ist das individuelle Selbst und Charakterkunde die mit ihm sich befassende Wissenschaft.“ (Grundl. Charakterkunde, 1936, S. 16). Er beschreibt die Eigenschaften und den Aufbau des Charakters sehr differenziert in phänomenologisch-psychologischer Weise, d. h. aufgrund des eigenen Erlebens, durch Introspektion und Reflexion, aber auch auf Ausdrucksbeobachtungen sowie literarische u. a. kulturelle Phänomene gestützt. Klages betont immer wieder den psychologischen Sinn der Wörter und den Reichtum des sprachlich gefassten psychologischen Wissens. Es sind gleichsam Niederschläge des Bewusstseins, auf die sich die Charakterkunde stützen kann (vgl. sein Buch: Die Sprache als Quell der Seelenkunde). Spätere Psychologen wie Raymond B. Cattell haben diesen Ansatz als sog. lexikalische Richtung der Persönlichkeitsforschung übernommen, um durch systematische Erhebung der Mannigfaltigkeit von Eigenschaftswörtern und durch geeignete, auch statistische Reduktionsverfahren zu den grundlegenden Eigenschaftsdimensionen zu gelangen (siehe Angleitner et al. 1990, Amelang et al. 2006).