Die Weißbeerige Mistel (Viscum album L.), meist Mistel genannt, mit ihren drei Unterarten, nämlich der Laubholz-, Tannen- und Föhren-Mistel (subsp. album, subsp. abietis, subsp. austriacum) ist eine Pflanzenart in der Familie der Sandelholzgewächse (Santalaceae). Oft wird sie zusammen mit einigen anderen Gattungen wie den auf Nadelbäumen wachsenden Arceuthobium-Arten und den auf Amerika beschränkten zahlreichen Arten der Gattung Phoradendron in eine eigene Familie Viscaceae gestellt, die dann ungefähr 400 Arten umfasst. Hans Christian Weber: Parasitismus von Blütenpflanzen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993, ISBN 3-534-10529-X. Sie ist eine der wenigen parasitisch lebenden Gefäßpflanzenarten Europas, die direkt an Sprossachsen der Wirtspflanzen zu finden sind.

Beschreibung mini|links|Illustration mini|Männliche Blüte mini|links|Blätter, Blüten und Beere der Tannen-Mistel (Viscum album subsp. abietis) mini|links|Aufgeschnittene Frucht der Föhren-Mistel (Viscum album subsp. austriacum) mini|Samen der Föhren-Mistel (Viscum album subsp. austriacum) mini|links|Embryonen der Weißbeerigen Mistel mini|Angetrockneter Samenkern der Weißbeerigen Mistel mit zwei gekeimten Embryonen mini|links|Der Mistel-Spitzmausrüssler (Ixapion variegatum) mini|Aufsatz der Mistel an einem Ast einer Kiefer mini|Schnitt durch einen Mistelbefall an Kiefer, deutlich sind die Abwehrbemühungen des Baumes durch Wucherung und Harzbildung zu erkennen mini|Haustorium, Illustration

Erscheinungsbild und Blatt Die Weißbeerige Mistel wächst als sattgrüner – im Falle der selteneren männlichen Exemplare: gelblich-grüner – immergrüner Halbstrauch parasitierend auf anderen Gehölzen. Dieser Halbschmarotzer sitzt auf den Ästen von Bäumen und entzieht Wasser und darin gelöste Mineralsalze aus deren Holzteil. Im Laufe der Jahre wachsen Misteln häufig zu kugeligen Büschen heran, die bis zu 1 Meter Durchmesser erreichen können. Die oft gleichmäßig gabelig verzweigten Sprossachsen der Mistel sind an den Knoten (Nodi) durch Furchen gegliedert und brechen dort leicht ab. Es sind drei bis fünf undeutliche Blattadern vorhanden. Diese verlaufen parallel und sind nicht vernetzt.

An den Enden der Sprossachsen sitzen gegenständig die ungestielten Laubblätter, die mehrjährig sein können. Die etwas dickliche, fast lederige, einfache Blattspreite ist bei einer Länge von 2,5 bis 7 Zentimeter und einer Breite von 0,5 bis 3,5 Zentimeter elliptisch bis verkehrt-lanzettlich oder verkehrt-eiförmig mit stumpfem oberem Ende. Beim Parasitieren auf Robinien können die Blätter bis zu 15 Zentimeter lang und 1,3 mm dick werden. Beide Blattseiten erscheinen gleichartig ausgebildet (äquifazial) und haben deutlich eingesenkte Spaltöffnungen. Wegen ihrer „immergrünen“, jedenfalls wintergrünen Blätter bilden Weißbeerige Misteln im Laufe der Jahre ein Holz, in dem – ähnlich wie bei Buchsbaum, Stechpalme und Efeu – Jahresringe nur undeutlich erkennbar sind. Anders als bei den drei genannten immergrünen Gehölzen bleiben die Blätter der Weißbeerigen Misteln nicht länger als zwei Jahre und deshalb nur in der Außenzone an der Pflanze.

Blüte Die Blütezeit der Weißbeerigen Mistel reicht bei günstiger Witterung in Mitteleuropa von Mitte Januar bis Anfang April. Die Weißbeerige Mistel ist zweihäusig getrenntgeschlechtig (diözisch), manchmal mit Vorherrschen der weiblichen ExemplareArmin Jagel, Annette Höggemeier: Viscum album subsp. album – Laubholz-Mistel (Santalaceae), Zauber- und Weihnachtspflanze. Jahrb. Bochumer Bot. Ver. 5: 280–286. 2014. PDF. Drei bis fünf Blüten stehen in den obersten Blattachseln knäuelig beisammen. Die zwei Tragblätter sind etwa 2 Millimeter lang, konkav und bewimpert mit stumpfem oberem Ende.

Die unscheinbaren, eingeschlechtigen Blüten sind sitzend. Die drei oder vier freien, dicken Blütenhüllblätter sind bei einer Länge von etwa 1 Millimeter bei den weiblichen Blüten dreieckig und hinfällig. Die vier Staubblätter in den Blüten der (deutlich selteneren) männlichen (staminaten) Pflanzen besitzen keine Staubfäden. Die rückseitig mit den hier etwa doppelt so langen Blütenhüllblättern verwachsenen Staubbeutel öffnen sich mit vielen Poren; sie weisen einen deutlichen, fruchtigen Duft auf. Der unterständige Fruchtknoten ist bei einer Länge von etwa 2 Millimetern verkehrt-eiförmig. Die sitzende Narbe ist bei einer Länge von etwa 1 Millimeter konisch.

Frucht und Samen Von der Blüte im Februar bis zur Reife der Beeren in der Adventszeit vergehen circa neun Monate. Die weißlichen, etwas durchscheinenden, einsamigen Beeren sind bei einem Durchmesser von etwa 1 Zentimeter kugelig. Die 5 bis 6 Millimeter langen Samenkerne sind von einem weißen, zähen, durch Viszin schleimig klebrigen Fruchtfleisch (Pulpa) umgeben. Typisch für die Beeren der Laubholz-Mistel sind zwei sehr lang ausziehbare Fäden zwischen dem Samenkern und der Beerenhaut. Diese Strukturen sind in den Früchten der Nadelholz-Misteln nicht ausgebildet.Britt Grundmann, Ulrich Pietzarka, Andreas Roloff (2010): Viscum album. In: Enzyklopädie der Holzgewächse: Handbuch und Atlas der Dendrologie. Schon im einzelnen Samen bilden sich bei der Laubholz-Mistel und der südwesteuropäischen Rotbeerigen Mistel bis zu drei oder sehr selten vier grüne Embryonen aus.

Chromosomenzahl Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 20.

Ökologie Ihre für Blütenpflanzen ungewöhnliche Lebensweise als Parasiten macht Misteln für Naturforscher interessant. Ein Mistelforscher schrieb deshalb vor rund 100 Jahren in seinem grundlegenden Werk: „Wenige ahnen, daß die Mistel eine der allerinteressantesten Pflanzen ist, mit der sich die Wissenschaft schon im Altertum beschäftigte und seitdem sich mit ihr unablässig abgegeben hat.“Karl Freiherr von Karl Tubeuf, Gustav Neckel, Heinrich Marzell: Monographie der Mistel. R. Oldenbourg, München/Berlin 1923, S. 1.

Die Weißbeerige Mistel ist ein strauchartiger Halbschmarotzer auf den Ästen und gelegentlich Stämmen verschiedener Gehölze. Aus deren Holzteil, dem sogenannten Xylem, entzieht sie Wasser und darin gelöste Nährsalze. Wegen der dazu erforderlichen starken Transpiration fühlen sich die Blätter der Mistel kühl an, was als Verdunstungskälte gedeutet wird. Die Pflanzen können zu kugeligen Büschen von maximal 1 Meter Durchmesser heranwachsen und bis etwa 70 Jahre alt werden. Das Wachstum ist sehr langsam; der Zuwachs beträgt ein Sprossglied pro Jahr. So sollen Zweige von 50 Zentimetern Länge etwa 30 Jahre alt sein. Bei ihrer ersten Blüte sind Misteln sechs bis sieben Jahre alt. Unter dem Mistelzweig. Broschüre zur gleichnamigen Ausstellung im Botanischen Garten Erlangen, Dezember 2011. Die Rinde der Sprosse bildet keine Korkschicht aus, bleibt also grün und kann deshalb jahrelang Photosynthese betreiben.

Die Pollenkörner sind untereinander durch zarte, elastisch-klebrige Viszinfäden verbunden, können also nicht vom Wind verfrachtet werden. Die Pollenübertragung (Bestäubung) erfolgt nicht etwa, wie oft vermutet und behauptet wird, „durch den Wind“ oder durch Bienen, sondern im Wesentlichen durch Fliegen, wie bereits Joseph Gottlieb Kölreuter ermittelt hatte, dem allerdings lange Zeit nicht geglaubt wurde.

mini|Ausgeschiedene Samen der Weißbeerigen Mistel mini|Junge Keimlinge Die klebrige Pulpa, die die Samen umgibt, ermöglicht die Ausbreitung durch Vögel. Die Samen der meisten Mistelarten werden nämlich durch Vögel ausgebreitet (Verdauungsverbreitung, Endozoochorie). Für die Weißbeerige Mistel sind die üblichen Verbreitervögel die Misteldrossel, die Mönchsgrasmücke und der gelegentliche Wintergast Seidenschwanz. Nur sie fressen die klebschleimreichen Früchte der Misteln. Sie können den zähschleimumhüllten Innenteil mit den Samen jedoch nicht verdauen. Deshalb werden die Samen mit ihrer Klebschleimhülle von Misteldrosseln und Seidenschwänzen nach recht kurzer Darmpassage wieder ausgeschieden. Verfangen sich die Ausscheidungen dieser Vögel – ob sitzend oder darüber hinwegfliegend – auf den Ästen nicht „mistelfester“ Bäume, dann haben die grünen Embryonen in den Samenkernen die Chance, dort erfolgreich zu keimen und sich zu etablieren. Mönchsgrasmücken heften die Samenkerne mit ihrer Innenschleimhülle, bevor sie den Außenteil der Beere verschlucken, direkt mit dem Schnabel auf einen nächstliegenden Ast. Dies kann auch ein Spross der Mistel selbst sein. Auch dort können sie erfolgreich keimen, denn auch die Mistel selbst ist keineswegs mistelfest. So ist in beiden Fällen die Keimung stets besonders erfolgreich, sobald Regen und Sonne für günstige Bedingungen sorgen. Ob auch die Wacholderdrossel zu den Mistelverbreitervögeln gehört, wie teilweise behauptet wurde, muss noch endgültig geklärt werden. Amseln („Schwarzdrosseln“) gehören jedenfalls nicht zu den Mistelausbreitervögeln. Im Gegenteil: Eine Amsel in Gefangenschaft würde „lieber verhungern als die Beeren zu fressen“.Karl Freiherr von Karl Tubeuf, Gustav Neckel, Heinrich Marzell: Monographie der Mistel. R. Oldenbourg, München/Berlin 1923, S. 108.

Bei der Keimung streckt sich zunächst das Hypokotyl. Es krümmt sich dabei vom Licht weg abwärts (negative Phototaxis). Sobald dann seine Spitze die Unterlage (möglichst Rinde des Wirtes) erreicht, bildet sie dort eine Haftscheibe aus. Bis dahin braucht der Keimling ungefähr ein Jahr. Dass er in nicht inzwischen vertrocknet, schränkt die Verbreitung der Mistel auf luftfeuchte Gebiete ein. Aus deren Zentrum treibt der Keimling zunächst einen Penetrationskeil, danach einen Saugfortsatz (Haustorium) durch die Rinde des Wirtsastes hindurch. In den Saftbahnen der lebenden Rinde breitet sich die junge Mistel dann langsam in Form grüner Rindensaugstränge aus. Das zentrale Haustorium entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einer Primärwurzel, die mit dem Dickenwachstum des Tragastes immer weiter in das Wirtsgewebe einwächst. Aus der Primärwurzel wachsen im folgenden Jahr sogenannte Senkerwurzeln, die bis in das Leitungsgewebe des Wirtes vordringen und selber auch wieder in der Lage sind, neue Senker sowie Wurzelsprosse auszubilden. Erst nachdem die Senkerwurzeln die Leitungsbahnen des Wirtes erreicht haben, entwickelt sich die Mistel weiter. Nach vielen Jahren ist die Mistel dann so reich verzweigt, dass sie kugelige Büsche von bis zu einem Meter Durchmesser oder auch schlaff herabhängende Formen bilden kann. Der Parasitismus der Mistel kann für die Wirtspflanze bedeuten, dass der Ast, auf dem die Mistel lebt, oder auch der ganze Baum abstirbt. Auf Obstplantagen kommt es häufig zu Ernteverlusten, wenn die Wirtspflanze nicht mehr ausreichend Wasser und Nährstoffe zur Verfügung hat, um genügend Früchte auszubilden. In der Schweiz ist es deshalb bei Strafe verboten, in Apfel-Kulturen Misteln zu dulden.

Die grünen Embryonen sind bereits in den durchscheinenden Beeren photosynthetisch aktiv. Nach Einnistung in lebender Rinde kann daher ein frühes Entwicklungsstadium auch einige Jahre kaum sichtbar überdauern, solange die Haustorien-Zellen die Leitungsbahnen der Wirtspflanze nicht erreichen können. Die Ursache, warum die junge Mistel manchmal in diesem kryptischen Zustand verbleibt, ist bis heute nicht erforscht.

Eine weitere Besonderheit der Mistel ist, dass sie als photosynthetisch aktiver Halbschmarotzer ihrem Wirt eigentlich nur Wasser und Mineralsalze entziehen müsste, deshalb erstaunt es auch heute noch viele Forscher, dass sie dennoch die Leitungsbahnen für die organischen Substanzen (das Phloem) des Wirtes anzapft. Ob sie dabei dem Wirt auch Nährstoffe entzieht, wird im Moment noch kritisch diskutiert.