mini|Reykjavík vom Turm der Hallgrímskirkja

Reykjavík ist die Hauptstadt Islands und die am nördlichsten gelegene Hauptstadt der Welt (Breitengrad 64° 08' N, 269 Kilometer südlich des nördlichen Polarkreises). Die Stadt bildet mit einigen ländlichen Gebieten und etlichen Inseln die Gemeinde Reykjavíkurborg (isländisch „Stadt Reykjavík“). Reykjavíkurborg ist die mit Abstand größte Gemeinde in dem weitere sieben Gemeinden umfassenden Gemeindeverband Höfuðborgarsvæðið (wörtlich: „das Hauptstadtgebiet“ oder der „Hauptstadtbereich“). In diesem dichtbesiedelten Gemeindeverband lebten Anfang 2024 insgesamt 136.894 Menschen.Halldór Eyjólfsson: Höfuðborg á krossgötum. Vöxtur höfuðborgarsvæðisins frá 1998 til 2010. bei skemman.is (isländisch)

Der Name Reykjavík ist das isländische Wort für „Rauchbucht“; er rührt vermutlich von den Dämpfen der heißen Quellen in der Umgebung und wird einem Missverständnis des ersten Siedlers Ingólfr Arnarson zugeschrieben. Die Stadt ist die älteste permanente Siedlung des Landes. Die ersten Siedler landeten hier im Jahre 870 n. Chr., die Bewohnerzahl wuchs aber nur sehr langsam. Die Siedlung wurde 1786 zur Stadt erhoben.

Reykjavík ist mit Einwohnern (Stand: ) die größte Stadt Islands; hier wohnen etwa 37,3 % der Bevölkerung. In der Metropolregion Reykjavík leben über 200.000 Menschen. Die Stadt liegt am Atlantik, an der Faxaflói-Bucht unterhalb des etwa 900 Meter hohen Hausberges Esja.

In der Stadt befinden sich die meisten Fakultäten der Universität des Landes und andere Hochschulen, Theater, Museen und Kultureinrichtungen sowie ein Hochseehafen.

Geografie Lage mini|Reykjavík: Im Vordergrund die Straße Vítastígur, im Hintergrund die Esja

Reykjavík liegt im Südwesten der Insel am Fuß der Halbinsel Reykjanesskagi, die dünn besiedelten Vororte reichen jedoch bis weit nach Süden und Osten. Die Zone der plattentektonischen Verschiebung, die Island von Südwesten nach Nordosten quert, führt auch über diese Halbinsel. Daher gibt es häufiger Erdbeben, die meist eine geringe Stärke haben.

Die Küste der Stadt ist geprägt von (Halb-)Inseln, Höhlen und Meerengen. Während der letzten Eiszeit (bis vor etwa 10.000 Jahren) waren Teile des heutigen Stadtgebietes von Gletschern bedeckt, andere Teile lagen unterhalb der Wasserlinie. In den Warmperioden und am Ende der Eiszeit waren einige heutige Hügel (wie Öskjuhlíð) Inseln. Die Hügel Öskjuhlíð und Skólavörðuholt sind ehemalige Schildvulkane, die in den wärmeren Perioden der Eiszeit aktiv waren. Mit 914 Metern Höhe ist die Esja der höchste Berg der Umgebung.

Der größte Fluss, der Reykjavík durchquert, heißt Elliðaár, ist nicht schiffbar und für seinen Lachsreichtum bekannt. Südlich und südwestlich der Hauptstadt befindet sich das Naturschutzgebiet Heiðmörk. Mitten in der Stadt liegt ein kleiner See namens Tjörnin. Dieser See ist einer der größten Brutplätze für Wasservögel im Südwesten von Island.

Nur geringfügig vom nördlichen Polarkreis entfernt, erhält Reykjavík an den kürzesten Tagen des Jahres nur vier Stunden Sonnenlicht. Im Sommer sind die Nächte so hell wie der Tag.

Klima Reykjavík liegt am Rand der (sub)polaren Klimazone. Bedingt durch die Lage direkt an der Küste und nahe dem Golfstrom besitzt das Klima der Stadt allerdings eine signifikante maritime Prägung. Dadurch ergibt sich eine relativ geringe Temperaturdifferenz zwischen den einzelnen Jahreszeiten mit vergleichsweise milden Wintern und kühlen Sommern. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts schwanken die Jahresmitteltemperaturen zwischen 3 °C und 6,5 °C.

Im Winter steigen die Temperaturen am Tage im Schnitt knapp über den Gefrierpunkt, in der Nacht sinken sie knapp darunter. Temperaturen unter −10 °C werden, trotz der Lage knapp unter dem nördlichen Polarkreis, nur selten gemessen. Die tiefste jemals gemessene Temperatur beträgt −24,5 °C (am 21. Januar 1918).

Im Sommer erreichen die Temperaturen am Tage Werte um die 15 °C, während es sich in der Nacht in der Regel auf unter 10 °C abkühlt. Warme Tage mit Werten über 20 °C werden nur vereinzelt registriert. Die höchste jemals gemessene Temperatur beträgt 25,7 °C (am 30. Juli 2008).

Niederschlag (0,1 mm und mehr) fällt durchschnittlich an 148 Tagen im Jahr. Die potentielle Verdunstung erreicht 400 mm pro Jahr. Die Jahressumme der Sonnenscheindauer beträgt etwa 1250–1300 Stunden. Der Mai ist mit einem Mittelwert von etwas über 6 Stunden pro Tag der sonnenreichste Monat des Jahres, wohingegen in den Monaten Dezember und Januar nicht einmal ein Mittelwert von 1 Sonnenstunde pro Tag erreicht wird.

Orte mit ähnlichem Klima sind Tórshavn (Färöer) und Dutch Harbor (Alaska) auf der Nordhalbkugel sowie Ushuaia (Argentinien) und Stanley (Falklandinseln) auf der Südhalbkugel.

Stadtgliederung Reykjavík gliedert sich in zehn Stadtbezirke (hverfi): mini|hochkant=1.8 Nr. Stadtbezirk Flächekm² Bevölkerung2010 1 Vesturbær 2,9 15.703 2 Miðborg 3,6 8.618 3 Hlíðar 3,3 9.612 4 Laugardalur 6,4 15.239 5 Háaleiti og Bústaðir 4,3 13.755 6 Breiðholt 5,5 20.646 7 Árbær 6,1 10.192 8 Grafarvogur 14,0 18.130 9 Kjalarnes 61,7 834 10 Grafarholt og Úlfarsárdalur 22,5 5.416 – Græni Trefillinn1) 144,2 -   Reykjavík 274,5 118.145 1) Grüngürtel (Hinterland von Reykjavík)

In der amtlichen Statistik Islands werden für Reykjavík bzw. die Hauptstadtgemeinde Reykjavíkurborg als weitere Untergliederung der Hverfi 31 statistische Bezirke ausgewiesen.

Geschichte Erste Ansiedlung mini|hochkant|Statue des ersten Siedlers Ingólfr Arnarson auf dem Hügel Arnarhóll im Stadtzentrum von Reykjavík mini|Reykjavík im Jahre 1836

Dem Landnahmebuch nach wurde Reykjavík von Ingólfr Arnarson, einem der ersten Siedler Islands, gegründet. Wie bei den Wikingern üblich, hatte er sich da niedergelassen, wo die ins Meer geworfenen Stützen seines Hochsitzes angeschwemmt worden waren. Archäologische Ausgrabungen belegen, dass sich im 9. Jahrhundert – erste Spuren stammen aus dem Jahr 870 – Wikinger aus Norwegen und keltische Immigranten in dieser Gegend ansiedelten.

Bis ins 18. Jahrhundert bestand der Ort nur aus einigen Höfen und war von geringer Bedeutung.

18. Jahrhundert Der heute als „Vater der Stadt“ geltende Skúli Magnússon, der ab 1749 als Landvogt mit Sitz in Bessastaðir wirkte, zeichnet für den Aufschwung des Ortes verantwortlich. Er sorgte für die Ansiedlung erster Industriebetriebe (hauptsächlich Wollverarbeitung), sehr zum Verdruss der dänischen Monopolisten. Lockerungen der restriktiven Handels- und Industriepolitik der Dänen gab es erst nach der Laki-Katastrophe von 1783. Es siedelten sich zunächst vor allem fischverarbeitende Betriebe und Werften an.

1786 wurde dem inzwischen rund 200 Einwohner zählenden Ort das Stadtrecht verliehen. Aus der Bezeichnung Kaupstaður geht hervor, dass das Schwergewicht auf dem Handel lag. Folgerichtig war die Stadt einer der sechs Orte, die nach der teilweisen Aufhebung des dänischen Handelsmonopols im selben Jahr besondere Handelsrechte erhielten.

Die zunehmende Bedeutung der Stadt geht allerdings auch aus anderen Fakten hervor: Ende des 18. Jahrhunderts wurden der Bischofssitz und die bedeutende Lateinschule von Skálholt nach Reykjavík verlegt.

19. Jahrhundert Reisende Isländer brachten in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die in Festlandseuropa zu dieser Zeit sehr verbreiteten Ideen der nationalen Identität und Unabhängigkeit mit nach Island, die dort schnell Fuß fassten. Reykjavík wurde zum intellektuellen Zentrum des Landes, und so verband sich der Aufstieg Islands als unabhängige Nation mit dem Aufstieg der Stadt. 1845 übersiedelte das Parlament, das Althing, nach Reykjavík. Allerdings hatte es zu der Zeit noch keinerlei wirkliche politische Macht, sondern nur beratende Funktion gegenüber dem dänischen Thron. Trotzdem galt von nun an Reykjavík als Hauptstadt des Landes. Erst 1874 erhielt das Alþingi begrenzte legislative Rechte. Das Land hatte nun zwar eine eigene Verfassung, war aber nach wie vor von Dänemark abhängig.

20. Jahrhundert und Gegenwart mini|Der Platz Lækjartorg vor dem Brand 2007 mini|Reagan und Gorbatschow in Reykjavík 1986 mini|Höfði

Schritt für Schritt konnte sich Island bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als eigenständige Nation etablieren: Im Jahre 1904 wurde ein Großteil der Exekutive unter einem Minister für Island nach Reykjavík transferiert. Am 1. Dezember 1918 wurde Island zum Königreich erklärt, das aber immer noch der dänischen Krone unterstand. Reykjavík galt nun offiziell als Hauptstadt des Landes. Auch die Einwohnerzahl hatte inzwischen entsprechend zugenommen (vgl.: Demographische Entwicklung).

1912 wurde der Bau eines neuen Hafens beschlossen. Dieser wurde 2002 als herausragendste isländische Ingenieurleistung des Jahrzehnts 1911–1920 ausgezeichnet. Im Zuge des Baus des Hafens wurde 1913 die Schmalspur-Hafenbahn Reykjavík eingerichtet.

In den 1920er und 1930er Jahren prosperierte die Stadt zunächst aufgrund der profitablen Produktion von Stockfisch und des Fischexports allgemein. Später litt allerdings auch sie unter der wirtschaftlichen Depression (vergleiche etwa einige Romane Halldór Laxness’). Der Aufschwung kam mit dem Zweiten Weltkrieg und der Besetzung zunächst durch die Briten, dann durch die US-Amerikaner (vergleiche etwa einige Romane von Einar Kárason). Dennoch erklärte sich Island offiziell als neutral.

Die Amerikaner halfen, den großen Zivilflughafen in Keflavík zu bauen, und erhielten im Gegenzug das Recht, in der Nähe dauerhaft Truppen zu stationieren. Außerdem schufen sie viele Arbeitsplätze. Dies löste die bis heute anhaltende Landflucht und einen massiven Zuzug in die Hauptstadtregion aus.

Am 17. Juni 1944 wurde in Þingvellir die Republik Island ausgerufen. Reykjavík wurde die Hauptstadt des jetzt unabhängigen Landes. Der Sitz des isländischen Premierministers befindet sich hier, der des Präsidenten, der ähnlich wie in Deutschland hauptsächlich eine repräsentative Funktion hat, in Bessastaðir auf der Halbinsel Álftanes in der Gemeinde Garðabær. Dieses Amt wurde von 1980 bis 1996 erstmals von einer Frau, Vigdís Finnbogadóttir, ausgeübt.

Ab den 1950er Jahren verbesserten sich die Lebensbedingungen rasant. Der Zuzug hielt unvermindert an, während sich immer mehr Industriebetriebe in Reykjavík niederließen und andererseits auf dem Lande aufgrund verbesserter Agrartechnik der Bedarf an Arbeitskräften sank.

1972 fand in Reykjavík die als Match des Jahrhunderts bezeichnete Schachweltmeisterschaft zwischen dem US-amerikanischen Herausforderer Bobby Fischer und dem sowjetischen Titelhalter Boris Spasski statt. Noch einmal stand Reykjavík im Interesse der Weltpolitik, als sich vom 10. bis 12. Oktober 1986 Ronald Reagan und Michail Gorbatschow im Gästehaus Höfði zu einem Gipfeltreffen einfanden.

Außerdem spielt die Stadt seit den 1990er Jahren auf dem Techniksektor eine bedeutende Rolle.

Reykjavík galt bis zum Beginn der Wirtschaftskrise im Herbst 2008 als eine aufstrebende und auch im künstlerischen Bereich weiterhin aufblühende Stadt mit einer sehr lebendigen Kunst- und Musikszene. Machten sich zu Beginn und in der Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem Schriftsteller und bildende Künstler wie Einar Jónsson und Ásmundur Sveinsson international einen Namen, so sind es heutzutage die Popmusikerin Björk oder die Mitglieder der Band Sigur Rós, die weltweit bekannt wurden.

Neben der erwähnten Wirtschaftskrise gab es in Island eine Banken- und Finanzkrise. Alle drei großen Geschäftsbanken brachen zusammen, als sie Schwierigkeiten bei der Refinanzierung ihrer kurzfristigen Schulden bekamen. Ihr Geschäftsmodell war offenbar zu riskant bzw. nicht tragfähig. Im Verhältnis zur Größe seiner Wirtschaft ist Islands Banken-Zusammenbruch der größte in der Wirtschaftsgeschichte. Die Isländische Krone (die Währung Islands) verlor erheblich an Wert (=> Importe teurer; Exporte werden angekurbelt), Devisentransaktionen wurden praktisch für Wochen unterbrochen. Damit fand auch ein zeitweiliger Bauboom ein jähes Ende.