mini|hochkant=1.6|Lage des Baltikums in Europa – mit den drei baltischen Staaten: Estland, Lettland und Litauen (alphabetisch, von Nord nach Süd) |alternativtext=Grafikkarte von Europa mit den blau markierten Staaten Estland, Lettland und Litauen.

Das Baltikum () ist ein Gebiet in Europa, zu dem heute die Staaten Estland, Lettland und Litauen gerechnet werden. Diese baltischen Staaten haben insgesamt eine Bevölkerung von etwa sechs Millionen Menschen auf einer Fläche von etwa 175.000 km². An das Baltikum grenzen östlich Russland, Belarus, südlich Polen und die russische Exklave des Kaliningrader Gebiets sowie westlich und nördlich die Ostsee bzw. der Finnische Meerbusen.

Die geographische Zuordnung des Baltikums innerhalb Europas ist umstritten und wird neben geographischen Faktoren auch von historisch-kulturellen und politischen Aspekten beeinflusst. So wird das Baltikum sowohl Nordeuropa als auch Mitteleuropa,Ständiger Ausschuss für Geographische Namen (StAGN): P. Jordan: Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien. Europa Regional 13 (2005), Heft 4, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig Osteuropa und Nordosteuropa zugeordnet.Der neue Fischer Weltalmanach 2017. S. 278. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016.

Der geographische Landschaftsbegriff Baltikum fand im 19. Jahrhundert Eingang in die deutschsprachige Fachliteratur.C. Grewingk: Zur Archäologie des Balticum und Russlands. In: Archiv für Anthropologie, Völkerforschung und kolonialen Kulturwandel. Bände 7–8. Verlag Friedrich Vieweg und Sohn, Braunschweig 1874, S. 59 ff.

Begriff Der Begriff Baltikum erscheint in der Endphase des Ersten Weltkriegs als Sammelbezeichnung für das deutsche Okkupationsgebiet auf den Territorien der Ostseegouvernements des Russischen Reiches und etwa des Gouvernements Kowno. Er ist von der Selbstbezeichnung „Balten“ der Deutsch-Balten abgeleitet, aus denen in den Ostseegouvernements des Russischen Reiches die Führungsschicht bestand. Heute bezeichnen sich die Bewohner der drei Staaten häufig gemeinsam als Balten.Für alle drei Informationen: Garleff (siehe Literatur), S. 14.

mini|Neue Karte Livlands (Livoniae) mit Teil der Ostsee (Pars Maris Baltici)Karte von Johannes Janssonius, 1642|alternativtext=Farbige Zeichnung von einer alten Landkarte mit geographischen Markierungen und Beschriftungen. Auf dem Meer sind Schiffe gemalt und die Grenzen sind mit verschiedenen Farben betont. Am linken unteren Rand befindet sich eine wappenähnliche Verzierung mit dem lateinischen Titel. Darunter ist die Legende für den Maßstab aufgelistet, der sich als Bilderrahmen um die gesamte Karte legt. Benannt ist das Baltikum nach der mittellateinischen Bezeichnung für die Ostsee als mare balticum, das „Baltische Meer“.Wolf D. Gruner, Wichard Woyke (Hrsg.): Europa-Lexikon. Länder, Politik, Institutionen. Beck, München 2004, ISBN 3-406-49425-0, S. 81. Diese Bezeichnung war seit dem 11. Jahrhundert in Gebrauch und tauchte zuerst bei Adam von Bremen auf. Die Verwendung von mare balticum ist zurückzuführen auf den Namen einer großen Insel mit reichen Bernsteinvorkommen im nördlichen Europa, die der antike römische Gelehrte Plinius der Ältere als Baltia oder Balcia, eigentlich vermutlich Abalcia, erwähnt und die im Mittelalter mit der preußischen Küste identifiziert wurde. An anderer Stelle notiert Plinius, Balcia sei identisch mit der von Pytheas von Massilia entdeckten Insel Basilia und nur ein anderer Name für die Nordseeinsel Abalus, bei der es sich um Helgoland handeln könnte. Eine andere These lokalisiert Baltia als die dänischen Ostseeinseln Fünen oder Seeland (eine oder beide).

Die etymologische Herkunft des Wortes Baltia ist hingegen unklar. Einerseits wird ein Zusammenhang mit dem dänischen Bælt („Gürtel“) als ursprünglicher Begriff für die Meerengen Skagerrak und Kattegat angenommen, andererseits auf die Balten, das heißt die „Weißen“, als Beschreibung der nichtslawischen Anrainer der Ostsee verwiesen. In seinem Buch Die Deutschen und die Nachbarstämme vertritt Johann Kaspar Zeuß die Ansicht, dass der Name der Insel Baltia bei Plinius „weiß“ bedeute und aus der Sprache der Ästier (einem alten Namen für die Balten) stamme. Das Wort „weiß“ lautet in allen baltischen Sprachen ähnlich, kurisch balt, prußisch baltan, lettisch balts, litauisch baltas. Unter den Sprechern dieser Sprachen waren die Kuren und die Prußen ursprüngliche Anrainer der Ostsee. In deren Sprachen bedeutet mar / mare / marri das Wort für Haff.

Der Begriff „Baltikum“ bezeichnet im eigentlichen Sinne die geographische Region, die von den Staaten Estland, Lettland und Litauen eingenommen wird. Der Begriff der „baltischen Staaten“ bezeichnet dagegen die politischen Entitäten von Estland, Lettland und Litauen als Gruppe. In der Umgangssprache werden die beiden Begriffe allerdings zumeist synonym verwendet. Keinesfalls deckungsgleich mit der geografischen oder politischen Definition des Baltikums sind die Sprachen. Während das Litauische und das Lettische zum baltischen Zweig der Indogermanischen Sprachen gehören, zählen das Estnische und weitere teils vom Aussterben bedrohte Sprachen des Nordbaltikums zu den Finno-Ugrischen Sprachen.

Bevölkerung Minderheiten Die größte Minderheit stellen in Estland und Lettland mit über 25 % die Russen dar, gefolgt von kleinen Anteilen von Belarussen und Ukrainern. In Litauen dagegen ist mit über 6 % die polnische Minderheit etwas größer als die russische.

Sprachen In Litauen und Lettland werden mit Litauisch und Lettisch zwei indogermanische Sprachen gesprochen, die wegen ihrer nahen Verwandtschaft als baltische Sprachen zusammengefasst werden. Dagegen gehört das Estnische in Estland mit dem nah verwandten Finnischen zur ostseefinnischen Untergruppe der finno-ugrischen Sprachen.

Russen sind seit dem 9. Jahrhundert als Minderheit im östlichen Teil des Baltikums ansässig. Als Ergebnis der Zugehörigkeit des Baltikums zum Russischen Reich vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg und zur Sowjetunion vom Zweiten Weltkrieg bis 1990 sind rund 25 Prozent der Bevölkerung in Estland, 28 Prozent in Lettland und 6 Prozent in Litauen russischsprachig. Zudem gibt es im Südosten Litauens eine polnischsprachige Minderheit.

Religion Im überwiegend römisch-katholischen Litauen ist der Berg der Kreuze bei Šiauliai von großer spiritueller Bedeutung. Die Bevölkerung Lettlands hingegen ist eher evangelisch-lutherisch, während sich Estlands Einwohner wiederum größtenteils zu keiner oder zur evangelischen bzw. orthodoxen Konfession bekennen.

Geographie Paläogeographie Im Proterozoikum war das Baltikum Bestandteil des (auch als Ureuropa bezeichneten) Urkontinents Baltica. Er entstand durch Ozeanbodenspreizung als selbständiger Kontinent und setzte sich aus drei Regionen zusammen: Fennoscandia, Volgo-Uralia und Fennosarmatia, das mit seinem westlichen Teil grob dem heutigen Baltikum entspricht.

Baltica driftete vom Südpol zum Äquator und kollidierte durch Subduktion im Unteren Silur mit Avalonia sowie im Mittleren Silur mit Laurentia, wodurch der Kontinent Laurussia entstand.O. Adrian Pfiffner: Geologie der Alpen. (= UTB-Band. 8416). Haupt Verlag, Bern 2015, ISBN 978-3-8252-8610-1, S. 17.Giovanni Pinna, Dieter Meischner (Hrsg.): Europäische Fossillagerstätten. Springer Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-642-62975-X, S. 17 ff.Wolfgang Oschmann: Evolution der Erde. (= UTB-Band. 4401). Haupt Verlag, Bern 2016, ISBN 978-3-8252-4401-9, S. 139 ff.

Gegenwart Das Baltikum gehört zur kühl-gemäßigten Klimazone. Es herrscht eine waldreiche, von Dünen und Moränen geprägte Öd-Landschaft vor, beispielsweise in der Kurischen Nehrung. Die höchste Erhebung ist mit 318 Metern der Suur Munamägi in Estland. Der größte See ist der Peipussee. Längster Strom ist mit 1020 Kilometern die Düna und zweitlängster die Memel. Es gibt insgesamt 14 Nationalparks im Baltikum.

Wichtige Zentren des Baltikums sind nach den Hauptstädten Tallinn, Riga und Vilnius auch die Orte Kaunas, Klaipėda, Liepāja und Tartu. Außerhalb der städtischen Agglomerationen sind die Länder nur dünn besiedelt.

Geschichte

Ur- und Frühgeschichte Erste Spuren der Wiederbesiedlung nach Rückgang der Vereisung liegen bei circa 11 000 v. Chr. Die Bezüge zur westlich gelegenen Hamburger Kultur, Ahrensburger Kultur, Bromme-Lyngby-Kultur oder der südlich anschließenden Swidru-Kultur (), dem nordkarpathischen Ausläufer der Federmesser-Gruppen, sind noch nicht hinreichend erforscht. Ab etwa 3100 v. Chr. könnten bereits nordwest-indogermanisch-sprechende Gruppen eingedrungen sein und die Ursprünge der späteren baltischen Sprachen gelegt haben. Um 500 v. Chr. gab es Beutezüge der Skythen und Einfluss der Latène-Kultur.

Zwischen 200 v. Chr. und 500 n. Chr. siedelten Ostgermanische Stämme in das Weichsel-Gebiet im Süden. Es gab Bernsteinhandel mit Rom und Griechenland. Zur Zeit der Völkerwanderung zwischen 500 und 800 n. Chr. drangen verstärkt Slawen ins Baltikum. Aus Schweden kamen Wikinger auch ins Samland und ins Memelland. Nach anfänglichen Feindseligkeiten entwickelte sich ein schwungvoller Handel. Im Ort Ruß im Memeldelta fanden die Wikinger einen sicheren Hafen, von dem aus sie über die Flusswege weiter nach Osten vordrangen. Von der Bezeichnung dieses Ortes könnten die Bezeichnungen der dort eindringenden Wikinger und später der Russen ihren Namen erhalten haben.

Hochmittelalter mini|Livländische Konföderation|alternativtext=Farbige Grafikkarte des Baltikums aus dem Mittelalter mit seinen angrenzenden Ländern. Alle Bistümer und Bischofssitze sind farblich oder mit einem Kreuz markiert. Auch wichtige Schlachten in und um das Baltikum sind mit zwei sich kreuzenden Schwertern und der Jahreszahl markiert. mini|Alte Karte LivlandsJoannes Portantius, 1573|alternativtext=Farbige Zeichnung von einer alten Landkarte mit geographischen Markierungen und Beschriftungen. Die Grenzen sind mit verschiedenen Farben markiert und im Südosten des Landes sind grüne Bäume gemalt. Der Titel steht auf einem kleinen Bilderrahmen im linken Bereich und die Legende zum Maßstab, der um die gesamte Karte geht, befindet sich unter dem Titel.

Im Hochmittelalter begann die Christianisierung und Unterwerfung Livlands durch die deutschen Ordensritter, die seit Anfang des 13. Jahrhunderts zunächst von Riga aus (Schwertbrüderorden) ins Baltikum vordrangen und bis um 1300 weite Gebiete unter ihre Herrschaft bringen konnten. Einzig Litauen und Samogitien blieben unabhängig.

Spätmittelalter Innerhalb der Ordensherrschaft konnten sich die Handelsstädte weitreichende Freiheiten sichern und gelangten insbesondere im 15. Jahrhundert zu großem Reichtum, als sie als Mitglieder der Hanse den Ostseehandel dominierten. Die baltischen Hafenstädte wurden daher kulturell stark von Deutschland, Dänemark und Schweden beeinflusst und haben dieses Erbe bis heute in vielen Aspekten erhalten. Die Herrschaft des Ordens über die Gebiete des heutigen Estlands und Lettlands (Alt-Livland) endete Mitte des 16. Jahrhunderts in der Zeit der Reformation.

Im Livländischen Krieg misslang Russland die Eroberung Livlands. Das umkämpfte Territorium geriet unter die Herrschaft seiner von Livland zu Hilfe gerufenen Gegner. Livland und Kurland kamen unter polnische Lehnshoheit, Estland wurde schwedisch und die Insel Saaremaa/Øsel dänisch.

Litauen blieb unabhängig, da es mit Polen 1385 eine erste Allianz- und Vertrags-Union, die Union von Krewo vereinbarte, der weitere folgten und 1569 zur Gründung der Adelsrepublik vom Königreich Polen und Großfürstentum Litauen führten.

18. und 19. Jahrhundert Im 18. Jahrhundert geriet das Baltikum durch den Großen Nordischen Krieg und die Polnischen Teilungen unter die Herrschaft des russischen Zarenreichs. Diese Herrschaft dauerte bis zum Ersten Weltkrieg, zwei polnisch-litauische Aufstände (Novemberaufstand 1830/31 und Januaraufstand 1863/64) wurden blutig niedergeschlagen.

20. Jahrhundert Unabhängigkeit