mini|270px mini|130px|Wappen von Memel im Plenarsaal des altstädtischen Rathauses in Danzig
Klaipėda (), deutsch Memel, ist eine Hafenstadt in Litauen. Die Großstadt (166.861 Einwohner, 2021)Statistik. registrucentras.lt besitzt den Status einer Stadtgemeinde, hat also einen gewählten Bürgermeister und Stadtrat. Die vielfältige Vergangenheit – von der Zeit des Deutschordensstaats über Preußen, das Deutsche Reich, das Memelland, Litauen und die Sowjetunion – war und ist noch heute prägendes Merkmal dieses wichtigsten litauischen Ostseehafens, ebenso wie die zentrale Lage im Baltikum.
Geographie
Lage Klaipėda liegt rund 120 km Luftlinie nordöstlich von Kaliningrad (Königsberg) und etwa 290 km nordwestlich der Landeshauptstadt Vilnius auf dem Festland an der Mündung der Dange (litauisch Danė) in das Kurische Haff gegenüber dem nördlichen Ende der Kurischen Nehrung, genannt Kopgalis (deutsch: Süderspitze). Die Stadt ist eingebettet in die kurische Landschaft Pilsaten.
Klima
Geschichte
Etymologie Der deutsche Name Memel leitet sich von nehrungskurisch memelis, mimelis (langsam; schweigend, still) ab, im nahe verwandten Lettischen mēms (sprachlos, stumm) und bezeichnet sowohl das Haff als auch den Unterlauf des Flusses Memel. Der Name Klaipėda leitet sich von kurisch „klais“/„klait“ (flach; frei, offen) und „ped“ (Fußsohle, Grund) ab. Er wurde 1413 erstmals schriftlich in einem Brief des Großfürsten Vytautas erwähnt (Caloypede).
Ursprung und Stadtgründung Archäologische Funde zeigen, dass das Gebiet nach der letzten Eiszeit durch Angehörige der Hamburger Kultur, einer Variante der Magdalénien-Kultur, und durch Angehörige der südeuropäischen Swidry-Kultur besiedelt war. Die Zeit von 4000 bis 2500 v. Chr. wird nach dem estnisch-russischen Grenzfluss Narwa Memel-und-Narwa-Kultur genannt. Seit etwa 2500 v. Chr. war die Region Siedlungsgebiet westbaltischer Stämme. Memel wurde um 1250 gegründet und war die älteste Stadt im späteren Ostpreußen.
Anfang des 13. Jahrhunderts gab es an der Mündung der Dange eine hölzerne Burg der Kuren. 1252 wurde sie vom Livländischen Orden unter Eberhard von Seyne erobert, der an gleicher Stelle die Memelburg errichtete. 1253 wurde neben der Burg unter entscheidender Mitwirkung Dortmunder Kaufleute die Stadt Memel gegründet. Der Dortmunder Einfluss war dabei so groß, dass zuerst überlegt wurde, die Stadt Neu-Dortmund zu nennen. Die Stadtgründer baten die Stadt Dortmund, ihnen eine Aufzeichnung ihres Stadtrechts und ihrer Gewohnheiten zuzusenden. Diese Niederschrift wurde 1252 mit dem Titel Über die Freiheit unserer Stadt erstellt. 1258 erhielt Memel dann doch lübisches Stadtrecht. Es wurde nun urkundlich als Memele castrum (Memelburg, auch Mimmelburg) erwähnt. 1328 gingen Burg und Stadt an den Deutschen Orden über, wodurch Memel Teil des preußischen Ordensstaates wurde.
Litauen, das seit 1261 erfolgreich Widerstand gegen die Expansionsbestrebungen der Ritterorden leistete, wurde 1323 unter dem Großfürsten Gediminas zu einem mächtigen Staat. Der litauische Großfürst Jogaila trat 1386 zum Christentum über und heiratete die polnische Thronerbin Hedwig von Anjou, womit die Polnisch-Litauische Union begründet wurde. Polen-Litauen brachte dem Orden 1410 in der Schlacht bei Tannenberg eine schwere Niederlage bei, der sich im Ersten Thorner Frieden 1411 zu hohen Reparationszahlungen verpflichten musste. Durch die Christianisierung von Litauen war der Zweck des Ritterordens entfallen. Neue Steuern zur Finanzierung der Reparationen führten zu innenpolitischen Konflikten des Ordens mit den Ständen, die sich, voran Städte wie Danzig, Königsberg, Elbing, im Preußischen Bund organisierten und dem König von Polen unterstellten. So kam es zu weiteren Kriegen zwischen dem Orden und Polen, in denen die Stadt Memel mehrmals geplündert oder abgebrannt wurde (1379, 1409, 1456, 1459, 1464, 1520).
Im Frieden vom Melnosee 1422, in dem der Orden Samaiten und andere Gebiete an Polen-Litauen abtreten musste, wurde erstmals ein alternativer Name für die Stadt Memel dokumentiert: „et castrum Memel in Samogitico Cleupeda appellatum“ (und die Memelburg, auf Samogitisch Cleupeda genannt). Die festgelegte Grenze, innerhalb deren die Stadt Memel und das Gebiet bis zum 50 Kilometer südlich in das Haff einmündenden Fluss Memel dem Deutschen Orden bestätigt wurden, blieb bestehen, als der Ordensstaat in Preußen 1525 ins Herzogtum Preußen überging. Diese Grenze zwischen Preußen und Litauen war eine der am längsten unveränderten Grenzen in Europa, sie bestand bis 1923 – kulturell bis 1945.
1475 erhielt Memel das Kulmer Recht, auch Kölmisches Recht genannt.
Herzogtum Preußen Albrecht von Hohenzollern wandelte den Ordensstaat 1525 in das Herzogtum Preußen um und führte die Reformation ein, so dass dieses Preußen der erste evangelisch-lutherische Staat der Welt wurde. In den letzten Jahrzehnten des Ordensstaates und den ersten Jahrzehnten des Herzogtums wurden in den Nordosten des Landes, der in der Zeit der Eroberung stark entvölkert worden war, außerhalb der Städte in großer Zahl Siedler aus Litauen geholt. Seit dem Regierungsantritt Herzogs Georg Wilhelms 1619 wurden Preußen und Brandenburg in Personalunion von den Kurfürsten und Königen aus dem Haus Hohenzollern regiert.
Brandenburg-Preußen und Deutsches Reich (bis zum Ersten Weltkrieg) mini|Rathaus Klaipėda – von 1807 bis 1808 residierten hier Friedrich Wilhelm III. und seine Frau Luise Memel erstarkte wirtschaftlich, bis es durch den Vertrag von Altmark von 1629 bis 1635 unter schwedische Verwaltung geriet. Im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg nahmen 1678 die Schweden Memel erneut ein und brannten es nieder. Von diesem Schlag erholte sich die Stadt nur langsam. Im Siebenjährigen Krieg war Memel von 1758 bis 1762 von russischen Truppen besetzt. Danach folgte eine Zeit der wirtschaftlichen Erholung, bedingt durch einen Ausbau der Holzwirtschaft für den Schiffbau.
Als während des Preußisch-Französischen Krieges König Friedrich Wilhelm III. in den äußersten Osten Preußens flüchten musste, machte er Memel von Januar 1807 bis Januar 1808 zu seiner Residenz. Das Oktoberedikt, das zum Kern der preußischen Reformen wurde, erging von Memel aus.Zu Memel in diesem Jahr siehe Thomas Stamm-Kuhlmann: König in Preussens grosser Zeit. Friedrich Wilhelm III. der Melancholiker auf dem Thron. Siedler, Berlin 1992, ISBN 3-88680-327-9, S. 285–295.
Seit 1811 bestand das Land- und Stadtgericht Memel. 1849 wurden in Preußen die Patrimonialgerichte abgeschafft und das Kreisgericht Memel gebildet. 1879 entstand das Amtsgericht Memel im Sprengel des Landgerichts Tilsit. 1895 wurde das Landgericht Memel aus dem Tilsiter Landgericht abgetrennt.
Mit dem Luisengymnasium Memel verfügte die Stadt seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über ein Gymnasium; es war aus der im 16. Jahrhundert gegründeten Großen Stadtschule hervorgegangen, deren Schüler auch Simon Dach gewesen war.Ludwig Adolf Wiese: Das höhere Schulwesen in Preußen. Historisch-statistische Darstellung. Berlin 1864, S. 56 (Google Books).
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts verfügten die in Memel niedergelassenen Reeder über 97 Handelsschiffe. Ein weiterer wirtschaftlicher Aufschwung, auch infolge der Blockade Russlands im Krimkrieg, wurde 1854 von einem Großfeuer, das weite Teile der Stadt vernichtete, nur kurzzeitig unterbrochen.
mini|Memel am Kurischen Haff auf einer Landkarte von 1910 (siehe Anschlusskarte rechts unten) Die Provinz Preußen, und damit auch Memel, gehörte weder zum Heiligen Römischen Reich noch bis auf die Jahre 1848 bis 1851 zum Deutschen Bund, obwohl es Teil Brandenburg-Preußens war. Erst 1867 mit der Gründung des Norddeutschen Bundes wurde es Teil eines größeren deutschen Staates und damit 1871 Teil des Deutschen Kaiserreichs. 1882 wurde am Haff ein Hafen für größere Schiffe gebaut und in Betrieb genommen. 1899 wurde das Lepraheim Memel eingeweiht. Im 20. Jahrhundert war es das einzige in Europa.
Im Ersten Weltkrieg besetzte die Kaiserlich Russische Armee 1915 kurzzeitig (vom 18. bis zum 25. März) die Stadt. Dabei wurden Zivilisten ermordet und verschleppt. Der Generalstab der Kaiserlich Russischen Armee rechtfertigte dies mit dem Hinweis, dass sich deutsche Zivilisten an den Kämpfen um die Stadt beteiligt hätten.Francis J. Reynolds: The story of the Great War. Band 5. Collier, New York 1916, S. 1535–1536. Die Kriegsverbrechen in Memel wurden in Deutschland genutzt, um russenfeindliche Stereotypen zu bestärken.Peter Jahn, Andrea Kamp, Andrea Moll, Philipp Springer, Elisabeth Tietmeyer: Unsere Russen – Unsere Deutschen. Bilder vom Anderen, 1800 bis 2000. Ch. Links-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-86153-460-0, S. 112–113. Kriegszerstörungen wurden rasch mit Hilfe der Patenstadt Mannheim behoben.Klaipeda. Mannheim.de; abgerufen am 5. Dezember 2021. Zum Teil entstand Wohnbebauung der klassischen Moderne.
Französische Verwaltung Auf Betreiben Frankreichs legte der Friedensvertrag von Versailles in Artikel 99 fest, dass Deutschland in den Gebieten rechts der Memel (Memelgebiet) „auf alle Ansprüche und Rechte“ verzichtet. Die Entscheidung wurde damit begründet, dass etwa die Hälfte der Einwohner des Memelgebietes litauischer Muttersprache sei, obwohl die Stadt seit ihrer Gründung nie zu Litauen oder Polen gehört hatte.Auswärtiges Amt: Materialien, betreffend die Friedensverhandlungen, Teil III, abgeschlossen am 29. Mai 1919. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Charlottenburg 1919, S. 49. Im sogenannten Akt von Tilsit hatte 1918 eine kleine Minderheit von litauischen Intellektuellen die Angliederung an Litauen gefordert. Das Gebiet wurde am 15. Februar 1920 ohne Volksabstimmung von Deutschland abgetrennt und vorläufig einem französischen Gouverneur unterstellt.
Litauen (zwischen den Weltkriegen) Zeitgleich mit Beginn des deutsch-französischen Konfliktes um die Ruhrbesetzung nahmen im Januar 1923 als einheimische Aufständische getarnte Angehörige von Schützenvereinen und regulären Truppen Litauens das Memelland in Besitz, ohne dass die französische Garnison Widerstand leistete.Olav F. Knudsen: The Foreign Policies of the Baltic States: Interwar Years and Restoration. In: Cooperation and Conflict. Jg. 28 (1993), S. 47–72, hier S. 51. Die Litauer benannten Memel in „Klaipėda“ um und annektierten im Jahr darauf das nun „Klaipėda-Bezirk“ genannte Memelland.
1925 garantierten die Siegermächte (Vereinigtes Königreich, Frankreich, Italien, Japan) die Memelkonvention, einen Sonderstatus des Memellandes, der die Autonomie der deutschen Bevölkerung unter litauischer Verwaltung sicherstellen sollte.
Die Situation zwischen den deutsch- und litauischsprachigen Memelländern einerseits und den Litauern andererseits blieb gespannt und führte 1926 zur Verhängung des Kriegsrechtes, welches die autonome Verwaltung einschränkte.
Wahlergebnisse in den Folgejahren spiegelten den überwiegenden Wunsch nach einem Anschluss an das Deutsche Reich bzw. der Unabhängigkeit des Memellandes von Litauen wider (jeweils über 75 Prozent der abgegebenen Stimmen). Bei den 1938 gehaltenen Wahlen, welche von Litauen initiiert wurden, stimmten die Memelländer zu 87 Prozent für eine deutsche Einheitsliste.
Von Juni 1931 bis Dezember 1944 war Wilhelm Brindlinger der letzte Oberbürgermeister Memels.
Deutsches Reich (Zweiter Weltkrieg) Am 20. März 1939, fünf Tage nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Prag und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren, erfolgte ein deutsches Ultimatum an Litauen. Am 22. März 1939 schloss die litauische Regierung unter starkem Druck mit Deutschland einen Übergabevertrag (Deutsch-litauischer Staatsvertrag). Die Stadt Klaipėda wurde vom Deutschen Reich annektiert.