Tirana [] (bestimmte Namensform, unbestimmte: Tiranë []; im lokalen gegischen Dialekt Tirona [] bzw. Tiron []) ist die Hauptstadt Albaniens und der Gemeinde Tirana (Bashkia e Tiranës). Bei der Volkszählung 2023 wurden in der Kernstadt 389.323 Einwohner erfasst; zählt man noch die angrenzenden Orte hinzu, ergibt sich eine Bevölkerung von 550.000 bis 650.000 Einwohner. Die Gemeinde Tirana hat knapp 600.000 Einwohner.
Tirana ist der kulturelle, politische und wirtschaftliche Mittelpunkt eines zentralistisch organisierten Staates und Sitz mehrerer Einrichtungen, Organisationen und Parteien. So befinden sich dort das Parlament und die Regierung des Landes. Tirana ist Hauptstadt des gleichnamigen Qarks und war bis zu dessen Auflösung auch Hauptstadt eines Kreises, von dem ein Großteil heute zum Gebiet der Gemeinde zählt.
Mit Durrës und einigen Vorstädten bildet Tirana eine Metropolregion, die mehr als ein Drittel der Einwohner des Landes vereint und in der auch der größte Flughafen und der größte Hafen Albaniens liegen.
Geographie Geographische Lage Tirana liegt am Westfuß seines Hausbergs Dajti () am Übergang von der Ebene in hügelige Landschaft auf einer Höhe von in Mittelalbanien. Bis zur Küste der Adria bei der Hafenstadt Durrës – der zweitgrößten Stadt des Landes – sind es nur etwa 30 Kilometer Luftlinie. Im Süden und Westen wird Tirana von Hügeln umgeben, die mit dem Dajti einen grünen Gürtel um die Stadt bilden. Nach Nordwesten öffnet sich eine etwa 40 Kilometer lange Ebene bis zur Meeresküste.
Am nördlichen Stadtrand verläuft der gleichnamige Fluss Tirana, einer der Oberläufe des Flusses Ishëm. Einige Kilometer südlich fließt der Erzen an Tirana vorbei. Das Stadtzentrum wird vom Flüsschen Lana durchquert, das am Dajti entspringt. Das Skanderbeggebirge im Osten dient mit dem Bovilla-Reservoir und der Zuleitung zum Wasserkraftwerk Lanabregas der Trinkwasserversorgung der Hauptstadtregion.
Die Umgebung der Hauptstadt ist von vielen kleinen, teils künstlichen Seen geprägt. Der wohl bekannteste ist der Tirana-See, auch Künstlicher See (Liqeni artificial) genannt. Er befindet sich im Großen Park (Parku i madh) am Südrand der Innenstadt und wurde 1956 angelegt. Damals berechnete man für jeden einzelnen der rund 150.000 Einwohner acht Quadratmeter Parkgelände. Der See hat eine Fläche von 55 Hektar. Er wird am Südrand von neuen Siedlungen und einem Autobahnabschnitt begrenzt.
Weitere Seen beziehungsweise Reservoirs sind der Farka-See östlich des Großen Parks, der Paskuqan-See zwischen Tirana und dem Vorort Kamza und der Kashar-See nordwestlich der Stadt beim gleichnamigen Ort an der Autobahn Tirana–Durrës.
Außerhalb der Innenstadt gehören auch weite Hügelgebiete und Gebirgsregionen – ein Großteil des alten Kreises Tirana – zur Gemeinde.
Stadtgliederung mini|Die ehemaligen elf Stadtbezirke: 1: Ali Demi;2: Qytet Studenti, Sauk; 3: Xhamllëku;4: Babrruja, Allias, Kinostudio; 5: Selita, Tirana e Re;6: Kombinat, Yzberisht; 7: Ish-Fusha e Aviacionit (altes Flugfeld), 21 Dhjator;8: Selvia, Medreseja; 9: Brraka, Don Bosko;10: Zentrum; 11: Lapraka, Institut, Don Bosko Die alte Gemeinde Tirana war in elf Stadtbezirke (offiziell , früher auch Minibashki genannt) eingeteilt, die jeweils einen eigenen Bürgermeister stellten und dem Oberbürgermeister untergeordnet waren.
Seit der Gemeindereform von 2015 sind die vorher eigenständigen Gemeinden Baldushk, Bërzhita, Dajt, Farka, Kashar, Krraba, Ndroq, Petrela, Peza, Shëngjergj, Vaqarr, Zall-Bastar und Zall-Herr in der Bashkia Tirana vereint. Nunmehr bestimmt der Bürgermeister die Verwalter in den einzelnen Bezirken.
Klima Tirana befindet sich in der mediterranen Klimazone. Die Stadt hat nach Köppen ein feucht-subtropisches Klima (effektive Klimaklassifikation: Cfa).
Die Sommer sind warm und oft auch heiß; die Winter sind zwar kühl, doch sinkt die Tagestemperatur nur sehr selten unter den Gefrierpunkt. Der wärmste Monat ist der Juli mit 24,9 °C, der kälteste der Januar mit 7 °C im Durchschnitt. Durch die geographische Lage in einem Talkessel ist es in Tirana öfters einige Grad wärmer als in der umliegenden Landschaft. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt 15,9 °C.
Die mittlere jährliche Niederschlagsmenge beträgt 1265 Millimeter. Sie ist hoch bedingt durch die Wirkung des Skanderbeggebirges, das die Westwinde staut. Im Sommer fallen die Niederschläge vor allem als Starkregen, so dass trotz überdurchschnittlicher Niederschlagsmengen sehr viele Sonnentage verzeichnet werden. Im November gibt es den meisten Niederschlag mit durchschnittlich 172 Millimetern, im Juli mit im Durchschnitt 42 Millimetern den geringsten (gemäß anderen Quellen im Juli sogar nur 29 Millimeter).
Sehr oft tritt in der Großstadt eine Inversionswetterlage auf, was zu hoher Luftverschmutzung und Smog führt.
Geschichte Früheste Zeugnisse und Stadtgründung
Die Umgebung von Tirana ist schon seit der Altsteinzeit bewohnt. Die ältesten Funde auf Stadtgebiet stammen aus der Römerzeit: Mauern und ein Mosaik aus einer zu einer Kirche umgebauten römischen Villa des 2. oder 3. Jahrhunderts. Im 6. Jahrhundert ließ der römische Kaiser Justinian I. eine Festung errichten, deren Mauern noch heute im Stadtzentrum zu sehen sind.
Tirana wurde erstmals in der heutigen Namensform in den Jahren 1372 und 1418 in venezianischen Dokumenten erwähnt. 1431/32 führten die Osmanen zum ersten Mal in der Gegend eine Registrierung von Böden und Einwohnern durch. Demnach gab es in dieser Region 60 Ortschaften mit rund 1000 Häusern und 7300 Einwohnern. Marin Barleti unterschied im 16. Jahrhundert Tyranna maior (Groß-Tirana) und Tyranna Minor (Klein-Tirana). 1583 ergab eine osmanische Zählung für das Gebiet Tirana 110 Ortschaften, in denen 20.000 Menschen in 2900 Häusern lebten.
Der aus Mullet bei Petrela stammende lokale Großgrundbesitzer Sulejman Pascha Bargjini errichtete 1614 an der heutigen Stelle die Sylejman-Pascha-Moschee, eine Karawanserei (Han), eine Bäckerei sowie einen Hamam und gilt dadurch als Stadtgründer von Tirana. Vermutlich existierte an dieser Stelle schon zuvor ein kleiner Ort mit regelmäßigem Basar und Jahrmarkt, der an Bedeutung gewonnen hatte, weshalb es sich lohnte, eine solche Infrastruktur für die anreisenden Händler zu bauen. Nachdem Sulejmans Nachfahren um 1800 ausstarben, übernahm die Familie Toptani aus Kruja die Herrschaft über Tirana.
Bestimmung zur Hauptstadt 1920 und erste städtebauliche Maßnahmen
mini|Marktzentrum auf einer vor 1925 publizierten Postkarte
Tirana blieb lange klein und unbedeutend, bis der Ort 1920 auf dem Kongress von Lushnja zur Hauptstadt Albaniens bestimmt wurde. Darauf wurde schnell aus einem Ort mit wenigen tausend Einwohnern die größte und bedeutendste Stadt des Landes. König Zogu ließ sich hier einen Palast erbauen und mit italienischer Hilfe wurden Ministerien und eine Prachtstraße angelegt. Durch städtebauliche Maßnahmen entstanden erste moderne Strukturen, unter anderem der nach dem albanischen Fürsten Skanderbeg benannte Zentralplatz.
Zweiter Weltkrieg und Kommunistische Regierung 1944 bis 1990/91
mini|Der Skanderbeg-Platz im Jahr 1988 – zwei Jahre vor dem Sturz der kommunistischen Herrschaft
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 wurde Albanien von den italienischen Faschisten besetzt.
Im November 1941 baute Enver Hoxha in Tirana die Kommunistische Partei Albaniens auf, und Tirana wurde zum Zentrum der albanischen Kommunisten. Sie warben bei der Bevölkerung, gegen die italienischen Faschisten und die deutschen Nazis zu kämpfen. Die Stadt wurde nach einem schweren, mehrere Tage dauernden Kampf zwischen den Partisanen und der Wehrmacht, bei dem zahlreiche historische Gebäude – darunter auch die wichtigste Moschee – zerstört wurden, am 17. November 1944 befreit. Wenige Tage später, am 29. November 1944, rief Hoxha in Tirana die Unabhängigkeit Albaniens aus.
In der Zeit der kommunistischen Herrschaft entwickelte sich die Stadt rasant: Sozialistische Wohnsiedlungen und Fabriken – insbesondere Nahrungsmittel- und Maschinenfabriken – wurden errichtet. Daneben setzte die kommunistische Führung auch den kulturellen Ausbau der Hauptstadt fort und errichtete zahlreiche Bildungseinrichtungen und Kulturzentren wie das Opernhaus, mehrere Museen, das Filmstudio und einige Theater. Die Universität Tirana wurde im Jahr 1956 gegründet.
Um das Zentrum der Stadt neu gestalten zu können, wurden in den 60er- und 80er-Jahren zahlreiche historische Gebäude zerstört.
Zeit der Demokratisierung
Am 20. Februar 1991 stürzten Demonstranten die überlebensgroße Statue von Enver Hoxha auf dem Skanderbeg-Platz. Somit wurde das Ende der kommunistischen Herrschaft eingeleitet. Albanien begann sich allmählich politisch und gesellschaftlich zu öffnen und zu demokratisieren. Im März 1997 wurde Albanien nochmals von Unruhen erschüttert. Staaten wie die USA (Operation Silver Wake) oder Deutschland (Operation Libelle) begannen in der sich ausbreitenden Anarchie, ihre Staatsbürger und das Botschaftspersonal auszufliegen. Zur Befriedung der Situation übernahm im Rahmen der Operation Alba ab April 1997 für mehrere Monate eine multinationale Schutztruppe die Kontrolle der öffentlichen Sicherheit im Land. Im Sommer des Jahres wurden erfolgreich Neuwahlen durchgeführt.
Nach der Demokratisierung änderte sich das Stadtbild schnell. Überall wurden illegal Gebäude errichtet, vor allem Richtung Nordwesten. Viele Bewohner der Landregionen ließen sich am Stadtrand nieder. Im Stadtzentrum entstanden Läden, Cafés und Restaurants. Ab 1999 wurden die illegalen Bauten im Stadtzentrum abgerissen und die Grünanlagen wiederhergestellt.
Im 21. Jahrhundert erlebte Tirana einen wirtschaftlichen Aufschwung. Zahlreiche moderne Hochhäuser sind entstanden. Der Großteil der Straßen wurde neu asphaltiert und beschriftet. Viele Parks wurden eingerichtet und viele Bäume gepflanzt. Ein Stadt- und Ordnungsplan wurde fertiggestellt. Ein Kanalisationsprojekt wird von einer japanischen Firma verwirklicht und große Teile der Stadt wurden gesäubert. Internationale Firmen und Läden eröffneten Niederlassungen. Der öffentliche Verkehr wurde teilweise ausgebaut und neue Stadtbusse sind erworben worden. Ein Tram-Projekt wird geprüft. Außerdem wurde ein Adressensystem realisiert.
In der Nacht vom 21. September auf den 22. September 2019 wurde Tirana von einem Erdbeben erschüttert. Das Beben mit einer Stärke von 5,8 auf der Richterskala richtete Schäden an mindestens 300 Gebäuden an. Örtliche Medien gaben an, dass über 100 Personen verletzt wurden, einige trugen schwere Verletzungen davon. Das albanische Ministerium sprach vom schwersten Erdbeben seit Jahrzehnten, das Albanien erlebt hat.
Bevölkerung Einwohnerentwicklung mini|Ausdehnung von Tirana und Vororten 1990–2005 Die Einwohnerzahl Tiranas dürfte sich seit 1991 – dem Jahr des Sturzes der kommunistischen Regierung – mehr als verdoppelt haben. Im September 2009 waren 624.642 Einwohner beim Standesamt (Gjendja civile) gemeldet, davon waren 49,8 Prozent Männer und 50,2 Prozent Frauen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass in Tirana und in den Vororten Tausende von Personen nicht registriert sind, weshalb andere offizielle Quellen die Bevölkerungszahl in der Metropole mit 895.042 Personen (2008) angeben. Bei der Volkszählung im September 2011 wurden jedoch nur 418.495 Einwohner erfasst. Im Jahr 2023 ergab die Volkszählung eine Bevölkerung von 389.323 Einwohnern – die Kernstadt verzeichnete erstmals seit 100 Jahren ein Bevölkerungsrückgang, während die Vororte stark wuchsen.
Einwohnerentwicklung Tiranas 1979–2009Entwicklung der Einwohnerzahlen in Albanien Jahr der Zählung Einwohnerzahl Wachstumsrateseit letzter Zählung 1979 189.000 – 1989 238.057 +26 % 2001 343.078 +44 % 2011 418.495 +22 %2023389.323–7 % mini|Neue Wohnblock-Siedlungen am Stadtrand zeugen vom Bevölkerungswachstum der letzten 20 Jahre