Der Sile ist ein Fluss in der italienischen Region Venetien, der in die nördliche Adria mündet.
Allgemeine Einleitung Das Quellgebiet des Sile liegt rund 20 km westlich von Treviso zwischen den Gemeinden Casacorba di Vedelago in der Provinz Treviso, sowie Levada und Torreselle di Piombino Dese in der Provinz Padua. Der Fluss durchfließt die Provinz Treviso zuerst von West nach Ost, nach der Provinzhauptstadt schlängelt er sich in Süd-Ost-Richtung zur Lagune von Venedig, in die er früher einmal mündete. Nach Umbettungsmaßnahmen im 17. Jahrhundert mündet er heutzutage in der Gemeinde Cavallino - Treporti (Ortsteil Cavallino) auf dem Litorale del Cavallino in die Adria. Mit seiner Länge von rund 95 km ist der Sile der längste Fluss Italiens, der aus so genannten risorgive (ein besonderer Quelltyp) entspringt (siehe auch Abschnitt Geologie). Darüber hinaus gehört er zu den bedeutendsten Flüssen dieser Art Europas. Dante Alighieri erwähnt den Sile in der Göttlichen Komödie: „dove Sile e Cagnan s’accompagna“.Göttliche Komödie, Paradiso, Canto IX, V. 49.
Name Der Name Sile ist vom Lateinischen Silis qui silet, d. h. „silet“, „schweigen, ruhig sein“ abgeleitet, weil der grundwassergespeiste Fluss immer eine konstante Wassermenge führt und ruhig fließt. Auch nach heftigen Niederschlägen weist er weder eine starke Strömung auf, noch tritt er über die Ufer, da er kaum Zufluss von Oberflächenwasser hat. Eine andere etymologische Deutung leitet den Namen vom vorlateinischen Wort „sila“ ab, das so viel wie „Kanal“ bedeutet.Diese These wird von Giuliano Palmieri vertreten. Treviso dalla Preistoria all’Età Romana. In: Treviso Nostra, 1980, S. 160.
Hydrographische Daten Einige hydrographische Daten des Sile:Die Daten sind entnommen aus: Giuliano De Menech: Sile. Geografia, Origine, Ghiaia. In: Camill Pavano: Sile. Alla scoperta del fiume. Treviso 1989. Rapporto sullo Stato dell’ Ambiente – Provincia di Treviso 2006. Kap. 17 «Il Sile». Quelle: Fontanasso dea Coa Longa in Casacorba di Vedelago (Provinz Treviso) gilt als offizielle Quelle des Flusses, obwohl an dessen Entstehung mehrere Quellen im Quellgebiet beteiligt sind. Die Hauptquelle weist eine konstante Quellschüttung von rund 35 m³/s auf. Die Quelltemperatur beträgt ganzjährig 10–12 °C. Gefälle: Das Quellgebiet liegt auf einer Höhe von 28 m über dem Meeresspiegel, die Mündung liegt 1 m über dem Meeresspiegel. Der Höhenunterschied zwischen Quelle und Mündung beträgt demnach 27 m, was einem Gefälle von 0,3 ‰ entspricht. Mündung: auf dem Litorale del Cavallino (eine Halbinsel, die den nördlichen Teil der Lagune von Venedig vom offenen Meer trennt) in der Gemeinde Cavallino - Treporti (Provinz Venedig) beim Leuchtturm von Porto di Piave Vecchia in die Adria. Länge: insgesamt ca. 95 km, davon entfallen über 70 km auf den ursprünglichen Flusslauf bis Portegrandi, ca. 9 km auf den Taglio, einen Kanal, der den Sile in das ehemalige Piave-Flussbett leitet, und ca. 17 km auf dieses Flussbett selbst. Breite: max. 40 m, min. 10 m, durchschnittlich 15 m Tiefe: am Oberlauf nahe den Quellen 1–2 m bei Quinto di Treviso über 20 m (nach Ausbaggerungen) in Treviso durchschnittlich 2 m, maximal 5 m bei Trepalade 1 m Wasserführung: in Höhe von Quinto di Treviso 6 m³/s (jährliches Mittel) in Höhe von Casier 55 m³/s (jährliches Mittel) Nach ungewöhnlich heftigen Niederschlägen wurde ein Maximum von 128 m³/s gemessen. Fließgeschwindigkeit: 0,5 m/s sowohl am Ober- als auch am Unterlauf, mit einem Maximum von 1 m/s in Treviso. Wassertemperatur: 14–15 °C in Sommermonaten bei einer Lufttemperatur von ständig über 25 °C, 8–9 °C in Wintermonaten bei einer Lufttemperatur um 0 °C. Die tiefste Wassertemperatur wurde im Januar 1985 mit 6 °C gemessen, wobei die Lufttemperatur zu diesem Zeitpunkt −16 °C betrug. pH-Wert: Mittelwert 7,6 Sauerstoffgehalt des Wassers: Mittelwert 8,6 mg O2/l Elektrische Leitfähigkeit: Mittelwert 445 mikrosiemens/cm Einzugsgebiet: 628 km² Wasserqualität: laut einer Studie aus den Jahren 1997/98 gilt der Abschnitt von den Quellen bis Portegrandi als nicht verschmutzt, der Taglio hat mittlere Qualität und im alten Piave-Flussbett ist das Wasser gering verschmutzt.
Geologie des Sile
Geologische Voraussetzungen Im Quartär haben die damaligen Gletscher des Piave und der Brenta aus den Alpentälern große Mengen an Geschiebefracht in die Ebene Venetiens nördlich von Treviso transportiert und als so genannten Schwemmfächer abgelegt. Am Ende der letzten Eiszeit vor ca. 17.000 Jahren bildete sich durch den Rückzug (das Abschmelzen) der Gletscher eine dicke Sedimentschicht, wobei gröberes Material wie Geröll und Kies an den Talausgängen liegenblieb, während feineres Material (Sand, Ton, Lehm) bis in die Ebenen transportiert wurde. Die Grenze zwischen diesen Alluvialbodentypen markiert den Übergang von wasserdurchlässiger zu wasserundurchlässiger Schicht.
Die Quellen des Sile Die Quellen des Sile sind so genannte „risorgive“ (im regionalen Dialekt „fontanassi“ genannt), eine Sonderform der Schichtquelle an der Grenze zwischen Hoch- und Tiefebene Padaniens und Venetiens. Entlang dieser Linie entspringen viele Quellen, so dass sich ein regelrechtes Band, die linea bzw. fascia delle risorgive gebildet hat, das mit einer Breite zwischen zwei und zehn Kilometer von Piemont bis ins Friaul reicht.
Das Wasser der Sile-Quellen stammt zum größten Teil ursprünglich aus den Niederschlägen des bis zu 1775 m hohen Monte-Grappa-Massivs mit Monte Tomba und Monfenera, eines südlich von Feltre gelegenen Teils der Voralpen Venetiens, die sich über die Provinzen Vicenza, Belluno und Treviso erstrecken. Das Wasser versickert dort in grobporigen kiesigen und Karsterscheinungen aufweisenden Gesteinsschichten und fließt in einer grundwasserführenden Schicht auf die Ebene zu. Zusätzlich reichert auch das Uferfiltrat des Piave das Grundwasser im Einzugsgebiet des Sile an. Auf dem Weg talwärts stößt diese grundwasserführende Schicht auf feinkörnigere, wasserundurchlässige alluviale Böden (v. a. aus Ton, sowie Lehm und Sand). An dieser in der Ebene verlaufenden Schichtgrenze wird das Wasser zum Aufsteigen gezwungen und bildet die charakteristischen risorgive. Dies sind rundliche Grundwasseraustrittsstellen im ebenen Gelände. Auf ihrem Grund kann man kleine Sandkegel sehen, die zu 'kochen' scheinen, weil die Sandkörner vom aus der Erde emporquellenden Wasser aufgewühlt werden. Die zusammenfließenden Quellbäche bilden dann den Sile.
Charakteristika des Sile Aufgrund der langen unterirdischen Passage hat das Quellwasser nahezu eine von der Lufttemperatur unabhängige Temperatur von zehn bis zwölf Grad Celsius, die im Jahresverlauf fast konstant ist. Da – besonders am Oberlauf – das Flussbett einen Kiesgrund hat, ist das Wasser des Sile sehr klar. Dazu trägt auch bei, dass mit Ausnahme der Piavesella (deren Wasser über die Botteniga in den Sile fließt) alle Zuflüsse ebenfalls aus Grundwasserquellen entspringen, so dass kaum trübes, schwebstoffreiches Oberflächenwasser eingebracht wird. Darüber hinaus wird kaum Geschiebe transportiert und die Erosionskraft ist relativ gering. In Verbindung mit der geringen Strömung ermöglicht dies einen Bewuchs des Grundes mit Wasserpflanzen.
Ab der Ortschaft Silea ist der Sile abschnittsweise von Uferwällen (die oft den Treidelwegen entsprechen) begrenzt, ab Quarto d’Altino ist er durchgängig eingedeicht. Dies ist erforderlich, weil die umliegenden landwirtschaftlichen Nutzflächen unter dem Meeresspiegel liegen und durch Schöpfwerke entwässert werden müssen. Im Gegensatz zu den Deichen sind die Uferwälle teilweise natürlichen Ursprungs. Es handelt sich genaugenommen um zwei bis vier Meter tiefe Auswaschungen des Flussbettes, die jedoch nicht der Sile selbst verursacht hat, sondern die vor rund 12.000 Jahren von einem aus den Alpen kommenden Fluss mit großer Erosionskraft (evtl. ein Arm des Piave) eingeschnitten wurden. Dieser Strom hat auch den Kies aus dem Gebirge mitgebracht und in der Ebene abgelagert. Diese Kiesablagerungen könnten auch der Grund für die fälschliche Angabe Plinius des Älteren, dass der Sile in den Bergen Trevisos entspringen würde, sein.Plinius der Ältere: „[Silis] ex montibus tarvisanis“, Naturalis historia 3,126. Als dieser Fluss erneut seinen Lauf talwärts veränderte (was im Quartär mehrmals geschah), hat der Sile das verlassene Flussbett wieder genutzt und dabei die für aus risorgive entspringenden Flüsse typischen lehmig-tonigen Ablagerungen (die im Falle des Sile aus dem Holozän stammen) abgelegt.
Der Verlauf des Sile Der gesamte Lauf des Sile liegt in der Ebene. Da der Fluss aufgrund der sehr geringen Strömung kaum Erosionskraft besitzt, um sich ein Flussbett auszuwaschen, gibt es die Hypothese, dass es sich um ein Flussbett eines ehemaligen Arms des Piave handeln könnte, der sich durch die Talenge von Nervesa in Richtung Lagune schlängelte. Dies würde auch die Herkunft der Kiesablagerungen flussabwärts von Treviso erklären.
Der Sile durchfließt die Territorien der Gemeinden Vedelago (TV), Piombino Dese (PD), Morgano (TV), Istrana (TV), Quinto di Treviso, Treviso, Silea (TV), Casier (TV), Casale sul Sile (TV), Roncade (TV), Quarto d’Altino (VE), Musile di Piave (VE), Jesolo (VE) und Cavallino-Treporti (VE). Sein Lauf wird eingeteilt in: Oberlauf von den Quellen bis Quinto di Treviso Mittellauf von Quinto bis Casier Unterlauf von Casier bis zur Lagune Am Oberlauf des Sile liegen u. a. die Gemeinden Vedelago, Piombino Dese, Morgano, Istrana und Quinto di Treviso. Dann fließt der Sile durch die Stadt Treviso. Im Stadtgebiet münden die verschiedenen Arme der Botteniga (alter Name: Cagnan) linksseitig in den Sile. Flussabwärts berührt der Fluss die Gemeinden Silea, Casier, Casale sul Sile und Quarto d’Altino, bis er die Ortschaft Portegrandi erreicht. Heute münden hier durch Schleusen reguliert noch der Silone-Kanal, der dem ehemaligen Flusslauf entspricht, und der in Höhe von Trepalade abzweigende Siloncello nordöstlich der Insel Torcello in die Lagune von Venedig. Der Sile selbst wird durch den 1683 fertiggestellten neun Kilometer langen Durchstich (Taglio del Sile) in das ehemalige Flussbett des Piave (Alveo del Piave Vecchia) umgeleitet, durch das er von Caposile, Gemeinde Musile di Piave, vorbei an Jesolo, bis zur Mündung in Cavallino beim Leuchtturm des Porto di Piave Vecchia (Faro des Piave Vecchia) fließt. Der Sile ist auf einem 68 km langen Abschnitt von Treviso bis in die Lagune schiffbar.
Die Umleitung des Sile Der Bau des „Taglio“ genannten Kanals war Teil eines groß angelegten Projektes der Republik Venedig zur Wasserregulierung der Lagune. Zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert wurden verschiedene Flüsse umgeleitet, sowie Kanäle gegraben, um zum einen zu verhindern, dass zu viel Wasser in die Lagune strömte und Hochwasser verursachte, zum anderen um den Eintrag von Schlamm (als Schwemmfracht der Flüsse) in die Lagune zu begrenzen, um so deren Verlandung zu verhindern. (Dies hätte die Handelsschifffahrt beeinträchtigt und wegen des sumpfigen Geländes das Malaria-Risiko erhöht.)
Neben der historischen Umleitung des Sile ist ein Abschnitt des Flusses auch in neuerer Zeit (1950) verlegt worden. In Fiera di Treviso verzweigt er sich dadurch, dass eine Mäanderschleife durch einen etwa 1 km langen Durchstich abgekoppelt wurde, um an diesem künstlichen Abschnitt ein Wasserkraftwerk zu betreiben. Der natürliche rechte Arm ist deshalb ein Totarm, der Sil Morto. Bei der Gemeinde Silea vereinigen sich beide Arme wieder. Die von ihnen gebildete Insel heißt Isola di Villapendola bzw. auch Vallependola und ist ein Naturschutzgebiet mit extensiver landwirtschaftlicher Nutzung.
Die Urbarmachung und ihre Folgen Der größte Teil der Trockenlegungsmaßnahmen bezog sich auf das Quellgebiet und den Oberlauf des Sile bis etwa zur Gemeinde Morgano. Außerdem wurden am Unterlauf und dem Gebiet der ehemaligen Lagunenmündung Flächen für die Landwirtschaft nutzbar gemacht.