Stöckheim ist ein Stadtteil im Süden Braunschweigs an der Oker, der auf eine über 1000-jährige Geschichte zurückblickt und sich in den letzten hundert Jahren vom Bauerndorf zu einem urbanisierten Stadtteil entwickelt hat. Vor der Eingemeindung in das Braunschweiger Stadtgebiet 1974 gehörte Stöckheim zum niedersächsischen Landkreis Braunschweig und führte bis 1962 in Abgrenzung zum heutigen Wolfenbütteler Stadtteil Groß Stöckheim den Namen Klein Stöckheim. Stöckheim gehört zum Stadtbezirk 211, bis 2021 Stöckheim-Leiferde, seitdem Braunschweig-Süd.
Geographie Geologie und Höhenangaben Stöckheim liegt am steilen Ostufer der Oker, die zwischen Leiferde und Rüningen großräumig nach Osten verschwenkt und den Ort auf einem Niveau von durchschnittlich passiert. Das Ufer erreicht bei der unmittelbar am Fluss errichteten mittelalterlichen Kirche etwa 75 m.Die Straße zur Kirche heißt Kirchenbrink, s. hierzu den Eintrag Brink (Siedlung) und Brinksitzer. Die Höhenangaben sind den amtlichen Karten der Niedersächsischen Landesvermessung entnommen, Topographische Karte 1:50:000, Stand 2002.
Der Boden der Stöckheimer Flur wird von der lößbedeckten Niederterrasse des Flusses bestimmt, die sich zwischen den südlich gelegenen Kreideformationen des Lechlumer Holzes und den nördlichen eiszeitlichen Ablagerungen bei Melverode nach Osten ausdehnt und Richtung Mascherode sanft bis auf über 80 m ansteigt. Richtung Salzdahlum erreicht das Gelände beim Heinebecksberg eine Höhe von 122 m. Naturräumlich ist diese Landschaft das Salzdahlumer Hügelland, das mit der Aue im Börßum-Braunschweiger Okertal zum Ostbraunschweigischen Hügelland zählt.Stadt Braunschweig: Umweltatlas Braunschweig Januar 1998. Karte SK70-05 mit Quellenangabe Technische Universität Braunschweig, Institut für Geologie und Paläontologie 1989.
Lage und Landnutzung Das in den karstigen Kreidekalkformationen versickerte Wasser tritt im Mascheroder Spring und weiteren Gräben zutage und strebt überwiegend Richtung Stöckheim. Heute sind noch der Siekgraben sowie ein in den Karten nicht benannter Bach, der die Teiche des Schriftsassenhofs durchfließt, oberirdisch sichtbar. Der nördliche gelegene Springbach bildet die Grenze mit Melverode, das mit Stöckheim über die historische Fernverkehrsstraße von Braunschweig über Wolfenbüttel nach Leipzig verbunden ist. Die Zentren Braunschweigs und Wolfenbüttels sind etwa 6 km vom Stöckheimer Markt entfernt.
Die Nachbarorte auf dem linken Okerufer sind Leiferde und Rüningen, zu denen jeweils eine Okerbrücke führt. Die Stöckheimer Flur erstreckt sich vorwiegend nach Osten Richtung Mascherode, wo sich in Fortsetzung des Lechlumer Holz auch der Stöckheimer Forst befindet. In diesem liegt das Naturdenkmal ND-BS30, ein Winterschachtelhalm-Eichen-Hainbuchen-Wald. Der fruchtbare Lößboden wird heutzutage für den Weizen- und Rübenanbau genutzt, die feuchten Wiesen in der Okeraue für die Viehzucht. Ein Großteil der landwirtschaftlichen Fläche ist bereits ab den 1930er Jahren mit Siedlungshäusern und seit den 1960er Jahren auch mit Wohnblöcken bebaut worden, wobei sich die Siedlungen entlang der Nord-Süd-Achse entwickeln. Seit dem Bau der Bundesautobahn 395 (heutige Bundesautobahn 36) Richtung Bad Harzburg in den 1960er Jahren bildet diese die östliche und südöstliche Siedlungsgrenze. Im Süden hat Stöckheim eine gemeinsame Grenze mit Wolfenbüttel.
Naturdenkmale Im Stöckheimer Forst befindet sich das Naturdenkmal „Winterschachtelhalm-Eichen-Hainbuchen-Wald“ (ND-BS30), das von einem Waldweg aus gut einzusehen ist. Auf dem Grundstück Alter Weg 3 steht eine mächtige Stieleiche seit 2020 unter Schutz (ND-BS71).
Geschichte Vor- und frühgeschichtliche Siedlungsspuren In der Stöckheimer Flur sind zahlreiche Siedlungsspuren aufgefunden worden, die bis in die Jungsteinzeit vor etwa 5000 Jahren und noch weiter zurück reichen. Ein Fundgebiet ist das okernahe und etwas höher gelegene Gebiet am Quälenberg nördlich des alten Ortskerns auf der Höhe von Rüningen, nach dem eine Straße benannt ist. Weitere Gebiete liegen südlich der Straße nach Leiferde, und zwar am Hang des Schieferbergs und in den Wannen Kleine Wüste Mark unmittelbar vor der Okerbrücke und Wüste Mark am Hang bei der Autobahn. Die Wüste Mark war offensichtlich bis ins 14. Jahrhundert besiedelt. Dort fand man auch Gerätschaften aus der Zeit um Christi Geburt und aus der merowingischen Periode. Eine durchgehende Besiedlung seit der Bronzezeit konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Im Ortskern Stöckheims sind bei der evangelischen Kirche Funde aus der römischen Kaiserzeit und auf dem Privatgrundstück Bornstedts Tonscherben aus dem 5. bis 6. Jahrhundert überliefert.Franz Niquet: Vor- und Frühgeschichte der Gemarkung Stöckheim. In: Wilhelm Bornstedt: Chronik von Stöckheim Siedlungsgeographie, Sozial- und Kulturgeschichte eines Braunschweigischen Dorfes. Braunschweig 1967.
Neben der bereits genannten rechts der Oker verlaufenden Nord-Süd-Fernstraße liegt Stöckheim auch an einer historischen West-Ost-Verbindung. Nach Leiferde hin verengt sich die Okeraue bei der Wüsten Mark, so dass hier schon früher eine Flussquerung gut möglich war. Dieser Weg, der am Westrand Leiferdes auch Deiweg heißt und auf eine Altstraße hindeutet, verbindet das Kloster Steterburg mit Salzdahlum.
Ersterwähnung und Name Die erste urkundliche Erwähnung Stöckheims findet sich in der Königsurkunde Heinrichs II. aus dem Jahr 1007 unter dem Namen Stokkem. Der Ortsname ist in der Region und darüber hinaus vielfach vorhanden (Groß Stöckheim, Flachstöckheim und weitere wüst gewordene Orte). Bornstedt verweist auf die ähnliche Lage dieser Orte an einem hohen Flussufer mit einer Niederwaldnutzung. „Stock“ leitet sich vom althochdeutsch stoc ab, was „Stock, Balken, Baumstumpf“ bedeutet.Bornstedt: Chronik von Stöckheim Siedlungsgeographie, Sozial- und Kulturgeschichte eines Braunschweigischen Dorfes. S. 66 ff. Für den Stockausschlag kamen an der Oker vermutlich vorzugsweise Erlen und Weiden in Frage. Eine ähnliche Namenserklärung wird im Artikel über Flachstöckheim aus der Literatur angegeben. Eine andere Interpretation leitet den Namen vom englischen Begriff „stock“ für Lagerplatz ab.Geschichte Stöckheims auf braunschweig.de In den Überlieferungen taucht auch die Namensvariante Capelstockem auf, was Bornstedt auf das Wort Kapelle und dies wiederum auf die seit 1244 erwähnte Kirche bzw. die Besitztümer des Klosters Steterburg zurückführt. Das Ortsnamenbuch für die Stadt Braunschweig weist dies zurück und leitet es von dem mittelniederdeutschen Wort kavele für „zugerichtetes Holz zum Losen“ oder „Weidenrute“ ab. Dort wird auch die lautgeschichtliche Entwicklung zum Umlaut „ö“ als spezifisch ostfälische Sprachvariante dargelegt. Die Ableitung des Ortsnamens vom Begriff für Lagerplatz wird verworfen.
Der Ort hieß über Jahrhunderte Klein Stöckheim in Abgrenzung zum nahegelegenen Groß Stöckheim. Die Namensänderung von „Klein“ Stöckheim auf „Stöckheim“ erfolgte am 9. August 1963 wohl auf Betreiben der damals dort ansässigen Firma Agfa-Gevaert.lt. Rudolf Zehfuß in der Braunschweiger Zeitung vom 21. Januar 2012, Lokalteil Braunschweig, S.19. geschah dies am 9. August 1962
Das Bauerndorf bis zum Dreißigjährigen Krieg mini|Belagerung Wolfenbüttels im Dreißigjährigen Krieg mit Aufstau der Oker südlich von Stöckheim sowie der Darstellung der Truppenlager. Am unteren Bildrand Stöckheim.
Die Lage Stöckheims an der Heerstraße zwischen der im ausgehenden Mittelalter nach Unabhängigkeit strebenden Stadt Braunschweig einerseits und der herzoglichen Residenzstadt Wolfenbüttel andererseits führte nahezu regelmäßig zu Belagerungen, Brandschatzungen oder der Zwangsversorgung von Söldnern. Bereits Heinrich der Löwe führte seine Truppen gegen die damals noch von Gunzelin von Wolfenbüttel regierte Nachbarstadt ins Feld. 1432 waren es die Nachkommen Heinrichs, die Brüder Wilhelm der Siegreiche und Heinrich der Friedfertige, die sich wegen des Erbes bekriegten. Die auf Heinrichs Seite streitenden Braunschweiger brannten Stöckheim nieder. 1531 fochten die Lutheraner des Schmalkaldischen Bundes auf Braunschweigs Seite gegen das katholische Wolfenbüttel, wovon Stöckheim nicht verschont blieb. Im Dreißigjährigen Krieg ist die Belagerung Wolfenbüttels 1627 mit dem Bau eines Okerstaudamms, des Schwedendamms überliefert, bei der die 12.000 Mann zählenden Pappenheimschen Truppen Stöckheim als Hauptquartier wählten. 1641 war die Verwüstung Stöckheims und Melverodes so nachhaltig, dass der damalige Pastor mit den Dorfkindern in Braunschweig Schutz suchte.
Der Alte Weg und die Barockstraße mini|Landkartenskizze um 1800 mit der Barockstraße
Nach dem Dreißigjährigen Krieg eroberte Herzog Rudolf August von Braunschweig-Wolfenbüttel 1671 die Stadt Braunschweig. Er verlegte anschließend seine Residenz von Wolfenbüttel nach Braunschweig und ließ um 1680 eine völlig neue Prachtstraße als Verbindungsweg zwischen beiden Residenzen anlegen, den so genannten Herrschaftlichen Weg, der im Weiteren zur Barockstraße ausgebaut wurde.
Alter Weg Die frühere Heerstraße knickte von Melverode kommend auf Höhe des heutigen Hopfenkamps zum Rüninger Weg ab und überquerte den früher dort fließenden Hohe-Wiese-Bach. Dieser Abschnitt ist noch heute an der auffällig diagonal verlaufenden Südgrenze des Alten Friedhofs erkennbar, der westlich der alten Straße lag. Diese führte weiter zum Alten Weg durch den historischen Ortskern und das Baugebiet Stöckheim-Süd Richtung Feldmark und ist dort als Wirtschaftsweg erhalten. Südlich der heute den Weg unterbrechenden Autobahn ging es vorbei am Hohen Gericht entlang dem Lechlumer Holz Richtung Wolfenbüttel. Auch dort heißt die Straße Alter Weg in Abgrenzung zum Neuen Weg. Der Weg, der 1752 noch als „Damm und Heerstraße nach Wolfenbüttel“ kartiert wurde,Preußische Landesaufnahme 1752. verlor nach Freigabe des Herschaftlichen Wegs für den überregionalen Verkehr an Bedeutung und hieß in Stöckheim bis zur Eingemeindung Dorfstraße.
Großes Weghaus mini|Das Große Weghaus als Zollhaus mit Schlagbaum in der Straße 1840.
Herzog Rudolf ließ parallel zur alten Heerstraße einen schnurgeraden Weg quer durch das Lechlumer Holz anlegen, der beidseitig mit Schlagbäumen versperrt und nur der herzoglichen Familie vorbehalten war. In Stöckheim endete der Weg an dem 1691 als Zoll- und Gasthaus konzipierten Großen Weghaus, in das die herrschaftlichen Gäste mitsamt der Kutsche einfahren konnten. Östlich davon lag ein barocker Garten, worauf der heutige Straßenname Am Weghausgarten hinweist. Auf der Nordseite des Weghauses wurde die Straße im heutigen Verlauf der Leipziger Straße geradlinig fortgesetzt und an die alte Heerstraße angeschlossen. Kurz hinter dem Weghaus führte diagonal ein Verbindungsweg zur Gemeindebäckerei und weiter über das Hirtenhaus am Hohen Weg Richtung Friedhof und stieß gegenüber der heutigen Grundschule beim Ütschenpfuhl auf den Rüninger Weg. Heute ist noch der erste Abschnitt als Gasse mit dem Namen Bäckerstieg vorhanden. Das Weghaus beherbergte viele Jahre später Gotthold Ephraim Lessing bei seinen Aufenthalten zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig sowie später Wilhelm Raabe mit seinen Kleidersellern. Es wird heute als Wohn- und Gewerbehaus, Künstleratelier und Gaststätte genutzt.
Sternhaus mini|Das Sternhaus liegt im Lechlumer Holz und war früher eine Gastwirtschaft.