Der Bremen-Verdener Feldzug war eine Auseinandersetzung im Rahmen des Nordischen Krieges. Vom 15. September 1675 bis zum 13. August 1676Anmerkung: Zu dem Zeitpunkt galt in Schweden der Julianische Kalender. Soweit nicht anders angegeben, gilt für allein stehende Datumsangaben der Gregorianische Kalender. eroberte eine gegen Schweden gerichtete Koalition aus Brandenburg-Preußen, den benachbarten Reichsfürstentümern Lüneburg und Münster sowie Dänemark das Herzogtum Bremen-Verden.

Bremen-Verden, ein entlegener Außenposten des schwedischen Ostseereiches, war neben Schwedisch-Pommern und der Herrschaft Wismar das dritte schwedische Reichslehen in Norddeutschland seit dem Westfälischen Frieden 1648. Nach der Eroberung verblieb es bis zum Kriegsende im Jahr 1679 in alliierter Hand, kam dann aber wieder im Zuge des Nimweger Friedens vollständig an Schweden zurück.

Für die großen Kriegsparteien Schweden, Brandenburg und Dänemark blieb dieser nordwestdeutsche Kriegsschauplatz nur von untergeordneter Bedeutung.

Vorgeschichte mini|Nordwestdeutschland inklusive Bremen-Verden, dem Hochstift Münster und dem Herzogtum Lüneburg (als ganzes ohne die Unterteilung in die einzelnen Teilfürstentümer) um 1675

Nachdem Frankreich 1672 als Vergeltung für den Ausgang des Devolutionskrieges in die Generalstaaten eingefallen war, bildete sich eine Allianz gegen die Franzosen. Der Konflikt eskalierte zum Holländischen Krieg. Um die zunehmend beanspruchten Kräfte zu entlasten, drängte daher Frankreich seinen traditionellen Alliierten Schweden zum Kriegseintritt gegen seine Gegner: neben den Generalstaaten das Haus Habsburg und das Kurfürstentum Brandenburg. Ende 1674 fiel ein schwedisches Heer unter dem Kommando von Reichsfeldherr Carl Gustav Wrangel in die militärisch kaum gesicherte Mark Brandenburg ein, während sich das brandenburgische Heer unter Kurfürst Friedrich Wilhelm I. im Krieg gegen Frankreich befand. In einem kurzen Sommerfeldzug 1675 gelang es dem Kurfürsten, das schwedische Heer zu schlagen und zurück nach Schwedisch-Pommern zu drängen.

Ermutigt durch den brandenburgischen Sieg folgte am 17. Juli 1675 die Verhängung der Reichsacht über den schwedischen König in seiner Eigenschaft als Reichsfürst in Pommern, Mecklenburg und Bremen-Verden und die Kriegserklärung des Heiligen Römischen Reiches gegen Schweden. Der Westfälische Reichskreis und der Obersächsische Reichskreis wurden mit der Vollstreckung der Reichsexekution gegen die Schweden beauftragt. Wenig später folgte die Kriegserklärung Dänemarks an Schweden.

In dem großangelegten Krieg sollten die Alliierten Dänemark und Brandenburg zuerst die schwedischen Besitzungen in Norddeutschland erobern, um sich dann mit vollen Kräften den Kriegsschauplätzen in Schonen zuwenden zu können. Mit der Eroberung Bremen-Verdens, an der Südgrenze Dänemarks gelegen, sollte Schweden eine potenzielle Aufmarschbasis gegen Dänemark genommen werden.Henning Eichberg: Festung, Zentralmacht und Sozialgeometrie. Kriegsingenieurwesen des 17. Jahrhunderts in den Herzogtümern Bremen und Verden. Köln 1989, S. 534. Eine weitere machtpolitische Erwägung war es, den Schweden Möglichkeiten zur Werbung und Rekrutierung von Söldnern zu nehmen.

Die Kriegsplanungen im schwedischen Mutterland sahen vor, die militärische Entscheidung durch den Einsatz der schwedischen Flotte zu suchen, um im Falle eines als wahrscheinlich angesehenen Sieges über die dänische Flotte in der Ostsee die norddeutschen Besitzungen zu entlasten und in einem weiteren Schritt auf Seeland, dem Zentrum des dänischen Königreichs, zu landen. Die schwedischen Hoffnungen in Bremen-Verden lagen daher vor allem auf der Stärke der eigenen Flotte, die durch Entsendung von Truppen vom Mutterland für eine militärische Wende hätte sorgen sollen. Da die schwedische Flotte aber durch Verzögerungen bei den Ausrüstungen nicht auslaufen konnte, wurde Bremen-Verden nicht entsetzt und war auf die vorhandenen Kräfte angewiesen.

Schwedens Kräfte im Herzogtum Bremen-Verden galten als zahlenmäßig schwach und waren überdies auf verschiedene befestigte Stützpunkte verteilt. Das Gros der schwedischen Truppen lag in Stade, Carlsburg und sieben weiteren kleinen Festungen. Großangelegten Angriffsoperationen konnten sie nur hinhaltenden Widerstand entgegensetzen. Die schwedischen Verteidigungsplanungen waren auf einen Festungskrieg angelegt. Die Menge der befestigten Orte zwang den potenziellen Gegner zwar zu einer Abfolge mühseliger kleiner Belagerungen, zersplitterte jedoch auch die verfügbaren Truppen des Verteidigers und verhinderte so die Bildung einer einsatzfähigen Feldarmee.Henning Eichberg: Festung, Zentralmacht und Sozialgeometrie. Kriegsingenieurwesen des 17. Jahrhunderts in den Herzogtümern Bremen und Verden. Köln 1989, S. 535.

Diplomatische Vorbereitungen mini|Christoph Bernhard von Galen – vorübergehender Oberkomman­die­ren­der des Bundesheeres

Der auf Machtexpansion bedachte katholische Fürstbischof von Münster, Christoph Bernhard von Galen, der bis zum 22. April 1674 auf Seiten Frankreichs gegen die Niederlande im Kampf stand, hatte am 7. Juni 1675 einen Vertrag mit dem kaiserlichen Hof in Wien abgeschlossen, der ihn dazu verpflichtete, zu des Kaisers und Reiches Pflicht 9000 Mann zu stellen. Infolge dieser Verpflichtung wurde der Bischof zu der Teilnahme am Krieg gegen Schweden veranlasst.Ersch/Gruber: Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste. Section 1, Theil 52 (G – Gallatin), S. 334. Am 11./21. September 1675 kam es zur Unterzeichnung eines Neutralitätsvertrages zwischen den Alliierten, dem Hochstift Münster, Dänemark und Brandenburg auf der einen Seite und mit Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg auf der anderen Seite. Braunschweig-Lüneburg, das bis dato auf Seiten Schwedens stand, verpflichtete sich demnach zur Neutralität im anstehenden Kampf gegen Schweden.

Dass sich die vier Alliierten einigten, war in erster Linie der Interessenpolitik der beteiligten Reichsfürsten geschuldet, weniger einem Engagement zugunsten der Reichs- oder Kreisverteidigung. So wurde die Reichsexekution von den jeweiligen Territorialarmeen durchgeführt, während die Kreistruppen keinen wesentlichen Anteil an den Kämpfen hatten.Henning Eichberg: Festung, Zentralmacht und Sozialgeometrie. Kriegsingenieurwesen des 17. Jahrhunderts in den Herzogtümern Bremen und Verden. Köln 1989, S. 488.

Herbstfeldzug 1675 Einfall der münsterischen Armee in Bremen-Verden Chronologie: Herbstfeldzug 1675 15. September – Einmarsch der Münsterschen in das Amt Wildeshausen und weiterer Vorstoß über die Stadt Bremen nach Verden 28. September – Anlandung brandenburgischer Truppen vor Carlsburg 2. Oktober – Überwältigung der Brandenburger vor Carlsburg durch schwedischen Entsatz 3. Oktober – Einnahme Ottersbergs durch münstersche Truppen 4. Oktober – schwedischer Truppen schlagen dänischen Angriff auf das Land Wursten ab 12. Oktober – Einnahme von Buxtehude durch Alliierte Truppen 28. Oktober – Einnahme von Bremervörde durch Alliierte Truppen Ende Oktober – Alliierter Führungswechsel 6./7. November – erfolglose alliierte Angriffe auf Stade Anfang Januar – schwedischer Sieg im Gefecht bei Freiburg 22. Januar – Einnahme Carlsburgs durch Alliierte Frühjahrsfeldzug 1676 Anfang April – Beginn der Belagerung Stades durch Alliierte 13. August – Kapitulation der Schweden in Stade

Der Feldzug begann am 15. September 1675 im Südwesten des schwedischen Territoriums, als nach Angaben des Theatrum Europaeum etwa 10.000 MannTheatrum Europaeum, Band 11, S. 725. – nach anderen Angaben 4.000 Mann – des Fürstbischofs von Münster über Haselünne in das schwedische Amt Wildeshausen einmarschierten. Der weitere Vormarsch in Richtung Weser wurde nicht behindert. In Bremen gingen am 25. September die münsterischen Truppen mit ihrer Artillerie über die Weser.

Ein aus den westfälischen Besitzungen kommendes brandenburgisches Korps von 1.600 Mann Infanterie und 700 Reitern unter Generalmajor Freiherr von Spaen traf ebenfalls Ende September in Bremen ein.Curt Jany: Geschichte der Preußischen Armee – vom 15. Jahrhundert bis 1914, Biblio-Verlag, Osnabrück 1967, S. 230. Die Dänen beteiligten sich mit 2.500 Mann unter dem Befehl von Graf Gustav Adolf von Baudissin.

Die münsterischen Truppen unter Fürstbischof von Galen marschierten vom neutralen Bremen zur Festung Langwedel an der Weser, die am 27. und 28. September eingenommen wurde. Damit war der Weg ins Gebiet des ehemaligen Hochstifts Verden offen. Verden selbst gelangte bereits am 27. September in alliierten Besitz. Münsterische Truppen drangen handstreichartig in die Stadt ein und behaupteten sich in einem der Stadttore.

Nach Verden eroberte man Rotenburg, das sich ebenfalls nach einigem Widerstand ergab. Von da setzte sich die Marschkolonne sofort weiter nach Ottersberg in Bewegung, das am 3. Oktober 1675 durch die überlegenen Truppen des Fürstbischofs von Münster eingenommen wurde. Die rund 140 Mann zählende schwedische Garnison geriet in Gefangenschaft. Das alliierte Heer marschierte daraufhin in nordöstlicher Richtung mit Ziel Buxtehude weiter, das am 12. Oktober erreicht wurde.

Die Stadt war gut befestigt, hatte reichlich Lebensmittel und Munition und nach Angaben des Theatrum Europaeum eine Besatzung von annähernd 400 Mann. Eine Belagerung erschien unausweichlich. Nachdem die Verbündeten noch am selben Tag eine wichtige Anhöhe vor der Stadt besetzten, brachten sie hier ihre gesamte Artillerie (14 Mörser und 37 Geschütze) in Stellung. Am Morgen des 13. Oktober begann der Beschuss, wobei mehr als 60 Häuser in Brand gerieten. Am 14. Oktober wurden aus Haubitzen und Mörsern insgesamt 100 Bomben und 60 Granaten in die Stadt geschossen, die wiederum großen Schaden anrichteten, allerdings ohne dass dabei Menschen in der Stadt ums Leben kamen. Am 15. Oktober wurde der Beschuss eingestellt, um die für einen Sturmangriff erforderlichen Laufgräben vor der Stadt fertigzustellen und anschließend eine massive Attacke durchzuführen.

mini|links|Ansicht von Bremervörde im Jahr 1653Kupferstich von Matthäus Merian, 1653

Da der Artilleriebeschuss bereits schwere Schäden hinterlassen hatte, sah sich der Buxtehuder Kommandant Hamelton auf das Drängen der Bürger und der deutschen Söldner, die von der Verhängung der Reichsacht über die Schwedische Krone erfahren hatten, zur Übergabe der Stadt gezwungen. Der Besatzung wurde unter Mitnahme ihres Besitzes und ihrer Handwaffen der Abzug nach Stade gewährt. Am 16. Oktober zogen die Alliierten in die Stadt ein. Hier fielen ihnen von den Schweden zurückgelassene 24 Geschütze samt Munition in die Hände.

Nach dem Fall Buxtehudes stießen einige alliierte Regimenter nach Bremervörde vor. Am 25. Oktober begann die Belagerung der Festung Bremervörde. Nach dreitägiger schwerer Beschießung verweigerten die überwiegend deutschen Söldner unter der Besatzung den Waffendienst. Die Alliierten hatten einen Trompeter als Parlamentär in die Stadt geschickt. Dieser drohte der Besatzung, dass man alle deutschen Kombattanten nach Einnahme der Festung exekutieren werde. Die Drohung wurde damit begründet, dass jene ihre Waffen im Dienste eines Geächteten gegen das Heilige Römische Reich gebrauchten. Dem schwedischen Kommandanten blieb angesichts der Lage keine Wahl, als den Ort zu übergeben. Die schwedischen Offiziere und Mannschaften erhielten freien Abzug mit allem Besitz und Waffen, während die deutsche Besatzung zum größten Teil in alliierte Dienste übertrat. Aufgrund einer vorab erfolgten Absprache unter den Alliierten wurde die Stadt den Lüneburgern zugesprochen, die in Buxtehude mit 500 Mann einzogen. Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch die Festungen Carlsburg und Stade in schwedischem Besitz.

Brandenburgische und dänische Landungsunternehmungen mini|Das schwedische Reich um 1660, mit seinen norddeutschen Besitzungen