mini|Solowezki-Gedenkstein für die Opfer politischer Repressionen am Moskauer Lubjanka-Platz (2006) Stalinsche Säuberungen (, Plural ) ist eine euphemistische Bezeichnung für die massive Verfolgung und Ermordung von aus stalinistischer Sicht politisch „unzuverlässigen“ und oppositionellen Personen, die in den 1920er Jahren begann und bis zu Stalins Tod im Jahr 1953 anhielt. Die Gesamtzahl der Opfer ist nicht bekannt und schwer zu verifizieren. Schätzungen von Historikern reichen von einer Million bis zu 22 Millionen Toten.

Bereits Mitte der 1920er Jahre begann Josef Stalin, echte oder vermeintliche politische Gegner aus der Kommunistischen Partei ausschließen zu lassen. Später wurden die Betroffenen häufig mit konstruierten Anschuldigungen in Schau- und Geheimprozessen zum Tod oder zu Lagerhaft und Zwangsarbeit im Gulag verurteilt. Entsprechende Geständnisse wurden regelmäßig unter Folter erpresst.

Im sogenannten Großen Terror von 1936 bis 1938, auch als „Große Säuberung“ bezeichnet, erreichten die politischen Verfolgungen ihren Höhepunkt: In dieser Zeit wurden jeden Tag etwa 1000 Menschen ermordet. Der stetige Verlust an Funktionsträgern begann die elementaren Funktionen von Partei, Verwaltung und Armee zu gefährden. So waren in manchen Gebieten sämtliche Funktionäre der Kommunistischen Partei verhaftet worden. Daher wurde die Intensität der Verfolgung 1938 auf Befehl Stalins reduziert, ohne jedoch eingestellt zu werden.

Eine zweite Welle setzte zu Beginn des Jahres 1948 ein. Sie war hauptsächlich gegen Juden in der Sowjetunion gerichtet, die als „wurzellose Kosmopoliten“ denunziert wurden. Die Kampagne führte zunächst zur Auflösung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und zur Hinrichtung jiddischer Intellektueller, bekannt als Nacht der ermordeten Dichter. Sie erreichte ihren Höhepunkt in der sogenannten Ärzteverschwörung und endete abrupt mit Stalins Tod im März 1953.

Zu den Hintergründen und Motiven dieses politisch motivierten Massenmords gibt es in der Forschung zum Teil sehr unterschiedliche Erklärungsansätze, die kontrovers diskutiert werden.

Hintergrund Hintergrund waren verschiedene einander ablösende Verschwörungstheorien, unter anderem gegen die Trotzkisten. Ebenso wie ein großer Teil der Gründer der III. Internationale wurden nahezu alle bedeutenden Theoretiker der Vorläuferpartei der KPdSU (erst SDAPR, dann KPR(B), später KPdSU(B)) Opfer dieser Säuberungen. Chefankläger der Moskauer Prozesse von 1936 bis 1938 war der Generalstaatsanwalt der Sowjetunion Andrei Wyschinski.

Außerdem wurde ein Großteil der militärischen Führungsspitze um Marschall Michail Tuchatschewski einer Verschwörung bezichtigt und umgebracht. Auch viele ausländische Kommunisten, die in die Sowjetunion emigriert waren, fielen den Verfolgungen zum Opfer.

Im Jahre 1940 wurde der Hauptverantwortliche für die Durchführung der Säuberungen Nikolai Jeschow (nach ihm wird die Periode auch Jeschowschtschina genannt), der von 1936 bis 1938 Chef des NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten) und Kandidat des Politbüros der KPdSU(B) gewesen war, ebenso wie bereits sein Vorgänger Genrich Jagoda selbst zum Opfer des stalinistischen Terrors. Sein Nachfolger wurde am 24. November 1938 Lawrenti Beria, der die Verfolgungen gemeinsam mit Iwan Serow fortsetzte. Beria wurde 1953 hingerichtet.

Stalins Propaganda, die oft auch von kommunistischen Parteien im Ausland vertreten wurde, rechtfertigte später die Säuberungen als vorbeugende Beseitigung politischer Gegner, die sonst mit dem NS-Staat, mit Japan, mit Polen, mit Finnland oder weiteren angenommenen äußeren Feinden kollaboriert hätten oder als „Klassenfeinde“ gefährlich geworden wären. Einige der Verbrechen Stalins wurden 1956 – gut drei Jahre nach Stalins Tod – in der Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU enthüllt und verurteilt. Im Zuge der Entstalinisierung wurden zudem Opfer teilweise rehabilitiert.

Opfer Stalin ließ nicht nur seine vermeintlichen politischen Gegner, darunter zahlreiche ausländische Kommunisten, die in der Sowjetunion lebten oder vor Verfolgung dorthin emigriert waren, aburteilen. Ethnische Deportationen in der UdSSR betrafen zahlreiche ethnische Minderheiten der Sowjetunion, wie etwa Tschetschenen, Inguschenhttp://www.gfbv.de/de/news/memorandum-69-jahrestag-der-deportation-der-tschetschenen-37/, Krimtataren oder die Wolgadeutschen, die in die Lager des Gulag und Verbannungsregionen deportiert wurden. Die „Entkulakisierung“ richtete sich gegen „Kulaken“ und willkürlich als solche Deklarierte. Im Rahmen der religionsfeindlichen Politik Stalins fielen Priester und Mönche sowie kirchliche Laien dem Staatsterror zum Opfer. Angehörige der Verhafteten blieben durch Sippenhaft nicht verschont. So wurden regelmäßig selbst unpolitische Menschen verhaftet, um das dafür vorgegebene Plansoll zu erfüllen und damit Gefängnisse sowie Straflager zu füllen. Auch Einwohner der Gebiete, die von der Roten Armee besetzt wurden, zählten zu den Opfern – Balten, Polen, Ungarn, Rumänen, Deutsche.

Straflager Die Opfer von Stalins Willkür wurden in Arbeitslager (Gulag) gebracht, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen Waldarbeiten, Straßenbau, Kanalbau, Eisenbahnbau, Städtebau, Arbeit in Bergwerken sowie Erdarbeiten verrichten mussten. Beispielsweise wurden der Weißmeer-Ostsee-Kanal, Teile der Transsibirischen Eisenbahn sowie Teile der Baikal-Amur-Magistrale von Häftlingen gebaut. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren äußerst schlecht. Teilweise erhielten die Häftlinge lediglich 300 Gramm und zudem feuchtes Schwarzbrot und einen Teller Brennnesselsuppe am Tag, verfügten auch im Winter nur über leichte Sommerbekleidung und lebten in hölzernen Baracken. Das Plansoll entschied über die Länge des Arbeitstages, der oft mehr als 12 Stunden betrug.

Viele Menschen wurden nach Folterungen exekutiert.

Anzahl der Opfer Die Zahl der Menschen, die in den Säuberungen umgekommen sind, ist Gegenstand vieler Kontroversen. Frühe Historiker konnten sie nur schätzen, und so gingen die Schätzungen mit einer bis 60 MillionenAlexander Solschenizyn: Der Archipel GULAG. Scherz, Bern 1974, ISBN 3-502-21001-2. weit auseinander, je nachdem, wer sie zählte und was als Säuberungen galt.Source List and Detailed Death Tolls for the Primary Megadeaths of the Twentieth Century.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war es erstmals möglich, Angaben durch dortige Archive zu erhalten. Ihnen wurde entnommen, dass ungefähr 800.000 Gefangene unter Stalin exekutiert worden, 1,7 Millionen im Gulag gestorben und außerdem 389.000 Kulaken während der Umsiedlung umgekommen seien – insgesamt ungefähr drei Millionen Opfer.

Die Debatte geht jedoch weiter, solange einige Historiker diese offiziell bisher herausgegebenen Daten für unzuverlässig halten.Anne Applebaum: Der GULAG. Siedler, Berlin 2003, ISBN 3-88680-642-1. Inzwischen ist man sich sicher, dass die Daten unvollständig sind, da über einige Opfergruppen keine sorgfältigen Daten erhoben wurden. Dazu gehören die Opfer von ethnischen Deportationen und die Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Deshalb vertreten einige Wissenschaftler die Meinung, die Opfer Stalins überschreiten nicht die vier Millionen, während andere glauben, die Zahl liege wesentlich höher. Der russische Schriftsteller Wadim ErlikmanWadim Erlikman: Poteri narodonaseleniia w XX weke: sprawotschnik. Moscow 2004, ISBN 5-93165-107-1. stellte beispielsweise folgende Schätzung an:

1,5 Millionen exekutiert, 5 Millionen starben im Gulag, 1,7 Millionen verloren bei der Deportation ihr Leben (von den 7,5 Millionen Deportierten), 1 Million umgekommene Kriegsgefangene und deutsche Zivilisten. Danach ergibt sich eine Gesamtzahl von ungefähr 9 Millionen Opfern.

Stalins Biograf Dmitri Wolkogonow schätzte dagegen, dass von 1929 bis 1953 19,5 bis 22 Millionen Menschen durch die sogenannten Säuberungen zu Tode kamen.Dimitri Wolkogonow: Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Porträt, Econ, 1993, ISBN 3-612-26011-1.

Am 13. August 1990 wurden die insgesamt etwa vier Millionen Menschen, die in dem Zeitraum von 1920 bis 1950 von der Repression betroffen waren, offiziell rehabilitiert.Russland Geschichte: Verfolgte rehabilitiert, in Russland-Aktuell, 2012.

Einige der prominenten Opfer Den Säuberungen fielen unter anderem zum Opfer:

13 frühere Mitglieder des Politbüros der KPdSU: Bubnow, Bucharin, Kamenew, Kossior, Krestinski, Rudsutak, Rykow, Serebrjakow, Sokolnikow, Sinowjew, Tomski, Trotzki (ermordet in Mexiko), Tschubar und drei Kandidaten des Politbüros (Eiche, Jeschow und Postyschew) 98 ehemalige Vollmitglieder oder Kandidaten des Zentralkomitees der KPdSU mehr als 15 ehemalige Mitglieder der Regierung (Volkskommissare etc.): soweit nicht schon als Politbüromitglieder aufgeführt u. a. Radek, Jagoda, Krylenko, Brjuchanow, Meschlauk 3 von 5 Marschällen der Sowjetunion: Tuchatschewski, Blücher, Jegorow 13 von 15 Armeebefehlshabern (3 von 5 KomandArm I. und alle 10 KomandArm II. Ranges) alle 16 Politkommissare der Armeen 25 von 28 Korpskommissaren alle 11 Stellvertreter des Volkskommissars für Verteidigung 98 von 108 Mitgliedern des Obersten Militärrats

Erklärungsversuche

Wie es zu den stalinschen Verfolgungen kam und welche Funktion sie im Herrschaftssystem des Stalinismus hatten, ist in der Forschung umstritten. Es wird einerseits für möglich gehalten, dass Stalin von den Verschwörungstheorien, die den Anklagen zugrunde lagen, wirklich überzeugt war – die Ursache also die persönliche Paranoia des „Führers“ der Sowjetunion war, wie er sich damals nannte. Dieser Meinung hängen z. B. Oleg Gordijewski und Christopher Andrew an, die in ihrer Studie über den KGB schreiben, es könne nicht bezweifelt werden, dass „Stalin an seine eigenen Verschwörungstheorien glaubte. Dies gilt, auf die eine oder andere Weise, auch für den größten Teil der Parteihierarchie.“Oleg Gordievsky, Christophe Andrew: KGB: The Inside Story. Hodder & Stoughton, 1990, S. 114ähnlich auch Daniel Pipes: Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen. Gerling Akademie, München 1998, S. 166 u. ö. Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore, Autor einer Biographie des jungen Stalin, meint, dass die Mentalität Stalins und anderer Bolschewiki durch ihre Jahre in der Illegalität vor 1917 tief geprägt worden sei. „Konspiration als Haltung und als Praxis, … das Denken in Verschwörungen, geheimen Absichten und Komplotten“ habe Stalin niemals abgelegt.Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin. Das frühe Leben des Diktators. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-10-050608-1; hier zitiert nach „Er liebte das Spiel mit Mysterien“, Interview mit Simon Sebag-Montefiore, in: taz, 4. Dezember 2007, S. 17.

Dimitri Wolkogonow bezweifelt dagegen, dass Stalin tatsächlich trotzkistische Verschwörer und Agenten des Kapitalismus bekämpfen wollte. Die Säuberungen und die ihnen zugrundeliegenden Verschwörungstheorien seien ursprünglich ein im Kern rationales Kalkül zur äußeren Stabilisierung der Sowjetunion und zur Sicherung der persönlichen Herrschaft gewesen, hätten dann aber eine Eigendynamik gewonnen und auf das Bewusstsein ihres Urhebers zurückgewirkt: