mini|Pulstastung am Unterarm mini|Audioaufnahme des Herzschlags eines Menschen

Der Puls (, „Stoß“, wie „klopfen“, von „schlagen, stoßen“) beschreibt seit der AntikeWerner Friedrich Kümmel: Der Puls und das Problem der Zeitmessung in der Geschichte der Medizin. In: Medizinhistorisches Journal, Band 9, 1974, S. 1–22.John A. Pithis: Die Schriften ΠEPI ΣΦYΓMΩN des Philaretos: Text – Übersetzung – Kommentar. (Medizinische Dissertation Berlin) Husum 1983 (= Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Band 46). (etwa bei dem alexandrinischen Arzt Herophilos um 300 v. Chr.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek, Band 771); 6. Auflage: ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 31 f.) die mechanischen Auswirkungen der durch den systolischen Blutausstoß vom Herz stammenden Druck- und Volumenschwankung (Pulswelle),Susanne Hahn: Puls. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1202 f. die sicht- oder tastbar ist.Nicole Menche: Innere Medizin: kompakte Darstellung des Fachgebietes unter Berücksichtigung der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Pflegeberufe. Band 4. Urban & Fischer Verlag, 2004, ISBN 978-3-437-26136-7, S. 23.

Bei der Pulsmessung (Pulszählen) wird nicht nur die Anzahl der erfassbaren Druckstöße pro Minute (Frequenz) bestimmt, sondern auch deren Regelmäßigkeit (Pulsrhythmus) erfasst. Die Pulsfrequenz stimmt normalerweise mit der Herzfrequenz überein, kann bei einem Pulsdefizit aber auch geringer sein. Andere Eigenschaften des Pulses (Pulsqualitäten) spielen heute in der klinischen Untersuchung kaum noch eine Rolle.Hermann Füeßl, Martin Middeke: Anamnese und klinische Untersuchung. Georg Thieme Verlag, 2005, ISBN 978-3-13-126883-9, S. 184.

Arterien- und Venenpuls Im engeren Sinne bezeichnet der Puls den Arterienpuls, die in den Arterien stattfindenden Volumenschwankungen. Sie entstehen primär durch die Kontraktion der linken Herzkammer, welches Blut in die Aorta pumpt. Mit dem Ende dieser Kammerkontraktion schlägt die Welle zurück Richtung Herz. Dieser Rückfluss, auch als Incisur (Einschnitt) bezeichnet, wird aber sofort durch den Schluss der Aortenklappe gestoppt. Je weiter das Blut in die Peripherie fließt, umso stärker verschwindet diese Incisur. In den herzfernen Arterien kommt es durch die Elastizität der Gefäßwände sowohl zu peripher gerichteten als auch zu durch Reflexionen bedingten rückläufigen Wellen, die sich überlagern. Man bezeichnet die resultierende Welle als dikrote Welle. Der Puls entsteht durch die lokale Erweiterung der Arterienwand und dem sich anschließenden Zusammenziehen durch elastische Elemente in der Arterienwand, wodurch sich der Puls immer weiter in die Peripherie fortsetzt. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit dieser Welle ist im Übrigen deutlich größer als die Strömungsgeschwindigkeit des Blutes im Inneren.Physiologie. Georg Thieme Verlag, 2010, ISBN 978-3-13-138411-9, S. 124.

In den herznahen Venen des Halses wie der tiefen Drosselvene und oberflächlichen Drosselvene gibt es ebenfalls Druck- und Volumenschwankungen, die aus Druckveränderungen im rechten Herzvorhof resultieren und als Venenpuls bezeichnet werden.Physiologie. Georg Thieme Verlag, 2010, ISBN 978-3-13-138411-9, S. 133.

Ruhepuls

Der Ruhepuls (die Herzschlagfrequenz (HF) in Ruhe oder Ruheherzfrequenz (RHF)) beträgt bei einem gesunden untrainierten Erwachsenen 65 bis 85 Schläge pro Minute. Der Ruhepuls eines trainierten Ausdauersportlers kann unter 40 Schlägen pro Minute betragen, was durch einen erhöhten Parasympathikotonus und ein erhöhtes Schlagvolumen bedingt ist.Rosemarie Baumann: Physiologie. Georg Thieme Verlag, 2010, ISBN 978-3-13-796006-5, S. 607. Bei Säuglingen beträgt der durchschnittliche Ruhepuls etwa 140 Schläge pro Minute, bei einem 10-jährigen Kind 90 Schläge pro Minute.Steffen Schaal, Konrad Kunsch, Steffen Kunsch: Der Mensch in Zahlen: Eine Datensammlung in Tabellen mit über 20000 Einzelwerten. 4. Auflage. Springer-Verlag, 2015, ISBN 978-3-642-55399-8, S. 84.

Pulsmessung mini|links|Zum Pulsfühlen geeignete Punkte mini|Pulstastung am Handgelenk auf einer Darstellung um 1717 mini|Pulsmessung mit einem Gerät von Anastasios Filadelfeus, 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mini|Pulsmessung durch den Arzt mit Hilfe seiner Taschenuhr (aus einem Kinderbuch von 1888) Der Puls bzw. der ArterienpulsKarl Vierordt: Die Lehre vom Arterienpuls in gesunden und kranken Zuständen, gegründet auf eine neue Methode der bildlichen Darstellung des menschlichen Pulses. Viehweg, Braunschweig 1855. kann auf unterschiedliche Weise gemessen werden. Eine praktisch sehr einfache, kostengünstige und genaue Messmethode zur Erfassung des Momentanwertes ist die Verwendung eines Pulsoxymeters, welches als Clip auf einen Finger gesteckt wird und neben dem aktuellen Puls auch die Sauerstoffsättigung im Blut anzeigt. Weitere Methoden sind die Verwendung von speziellen Herzfrequenzmessgeräten, welche je nach Ausführung beispielsweise auch die Erfassung der Pulsfrequenz über längere Zeit mit automatischer Datenaufzeichnung erlauben. Eine weitere einfache und verbreitete Methode ist die manuelle Messung mit Hilfe einer Uhr, wobei die Anzahl der Herzschläge pro Zeitspanne gezählt wird. Es kann aber auch umgekehrt die für eine bestimmte Anzahl von Pulsschlägen nötige Zeitspanne auf der Uhr abgelesen werden. In der Naturwissenschaft, etwa bei Cardano im 16. Jahrhundert, führte man umgekehrt zunächst Zeitmessungen mit Hilfe des Pulses durch. Bei dieser Messung wird die Anzahl der Impulse pro Zeit gemessen. Gewöhnlich wird der Puls in Schlägen pro Minute angegeben. Der belgische Theologe, Mathematiker und Astronom Froidmont bestimmte spätestens 1627Libertus Fromondus: Meteorologicorum libri sex. Antwerpen 1627, S. 63. bei seinen Untersuchungen von Witterungserscheinungen die menschliche Pulsfrequenz bei Erwachsenen mit 4450 Schlägen pro Stunde (74/min). Die ersten genaueren Zahlen für die Pulsfrequenz teilte Johannes Kepler zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit. Die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen der Pulsfrequenz publizierte 1707 John FloyerGary L. Townsend: Sir John Floyer (1649–1734) and His Study of Pulse and Respiration. In: Journal of the History of Medicine. Band 22, 1967, S. 286–316. (1649–1734).Werner Friedrich Kümmel: Der Puls und das Problem der Zeitmessung in der Geschichte der Medizin. 1974, S. 2, 5 f. und 22. Erst ab dieser Zeit wurde gemäß PowerD’Arcy Power: William Harvey. London 1897, S. 215, Anm. 1. der Puls mit Hilfe von Uhren gemessen.

Es gibt verschiedene Stellen am Körper, an denen man den arteriellen Puls für die manuelle Messung leicht tasten kann, weil die Schlagadern hier oberflächlich auf einer festen Unterlage (Knochen, Muskeln) verlaufen. Zur Messung wird die Arterie nicht zu stark komprimiert, sondern nur mit leichtem Druck ertastet:Susanne Schewior-Popp, Christoph Becker, Renate Fischer: Examen Pflege. Band 2. Georg Thieme Verlag, 2007, ISBN 978-3-13-141511-0, S. 161–162. Arteria radialis (Speichenarterie) – daumenseitig oberhalb des Handgelenks Arteria carotis communis (Halsschlagader) – in der Drosselrinne Arteria femoralis (Oberschenkelarterie) – Oberschenkelinnenseite Arteria poplitea (Kniekehlarterie) – in der Kniekehle bei angewinkeltem Bein Arteria tibialis posterior (hintere Schienbeinarterie) – hinter dem Innenknöchel Arteria dorsalis pedis (Fußrückenarterie) – mittlerer Fußrücken Arteria temporalis superficialis (oberflächliche Schläfenarterie) – Schläfe Arteria facialis (Gesichtsarterie) – Nase oder Unterkiefer Arteria subclavia (Schlüsselbeinarterie) – Schlüsselbein Arteria axillaris (Achselarterie) – Achselhöhle Arteria brachialis (Oberarmarterie) – Innenseite des Oberarmes Arteria ulnaris (Ellenarterie) – Handgelenk (Seite des kleinen Fingers)

Im Notfall sind der Femoralispuls und der Carotispuls am verlässlichsten tastbar, da er oft auch noch bei niedrigen Blutdruckwerten nachweisbar ist. Um bei der Messung die ganze Pulswelle zu erfassen, sollte der Puls mit zwei oder drei Fingern getastet werden.

In der Tiermedizin wird der Puls bei Pferden und Rindern an der Gesichtsarterie oder der Unterseite des Schwanzes (Arteria caudalis mediana), bei Fohlen, Schafen, Ziegen, Ferkeln, Frettchen, Hunden und Katzen an der Oberschenkelarterie bestimmt. Bei größeren Schweinen kann die Arteria auricularis an der Ohrmuschelbasis herangezogen werden. Bei Neuweltkamelen und kleinen Heimtieren kann der Puls nicht ertastet werden, weshalb die Pulsmessung nicht zur Routinediagnostik gehört. Bei größeren Vögeln kann der Puls an der Flügelunterseite ertastet werden, was aber ebenfalls nicht routinemäßig durchgeführt wird. Bei Amphibien und Reptilien ist eine Pulsmessung nicht möglich.Walter Baumgartner: Klinische Propädeutik der Haus- und Heimtiere. Georg Thieme Verlag, 2009, ISBN 978-3-8304-4175-5, S. 83–85.

Pulsqualitäten Neben der wichtigen Aussage Puls tastbar oder Puls nicht tastbar, zum Beispiel bei einem akuten Gefäßverschluss durch eine Thrombose, unterscheidet man bei der Pulseinschätzung fünf Pulsqualitäten:Gerd Herold: Innere Medizin 2021, Selbstverlag, Köln 2024, ISBN 978-3-11-132040-3, S. 154. Frequenz frequens (häufig) rarus (selten) Regelmäßigkeit regularis (regelmäßig) irregularis (unregelmäßig) (respiratorische Arrhythmie, Herzrhythmusstörung, Extrasystolen) Härte (Unterdrückbarkeit) durus (hart) (bei Bluthochdruck) mollis (weich) (bei niedrigem Blutdruck) Amplitude altus (hoch; Syn. magnus) parvus (niedrig) Anstiegssteilheit celer (schnell) tardus (langsam)

Klinisch bedeutsam sind z. B. folgende Pulsqualitäten und Kombinationen:H. S. Füeßl, M. Middeke: Anamnese und klinische Untersuchung. Thieme, Stuttgart 2005.

Pulsus celer, altus, durus „Wasserhammerpuls“, schnell, hoch und hart, typisch bei Aorteninsuffizienz Pulsus tardus, parvus, mollis langsam, klein und weich, typisch bei Aortenstenose Pulsus celer et parvus schneller und schwacher Puls, zum Beispiel bei SchockJörg Braun: Reanimation und Kreislaufstabilisierung. In: Jörg Braun, Roland Preuss (Hrsg.): Klinikleitfaden Intensivmedizin. 9. Auflage. Elsevier, München 2016, ISBN 978-3-437-23763-8, S. 151–183, hier: S. 159–164 (Schock). Pulsus bisferiens, auch Pulsus dicrotus (Dikrotie) zweigipfelig, bei hypertropher obstruktiver Kardiomyopathie Pulsus tricrotus (Trikrotie) dreigipfelig bei Dikrotie mit folgender Extrasystole Pulsus alternans Wechsel von stark und schwach, evtl. bei Herzinsuffizienz Pulsus bigeminus (Bigeminie) regelmäßiger Wechsel von hart und weich, typisch für ventrikuläre Extrasystolen Pulsus trigeminus (Trigeminie) zwei Sinusschläge und eine Extrasystole (oder umgekehrt) Pulsus anacrotus (Anakrotie) zusätzliche Pulswelle im aufsteigenden Schenkel, typisch bei Aortenstenose Pulsus vibrans schwirrender Carotispuls, typisch bei Aortenstenose Pulsus filiformis (parvus, frequens, mollis) fadenförmiger, „dünner“ Puls, z. B. bei Kreislaufkollaps Pulsus intermittens Aussetzen einzelner Schläge, vgl. Pulsdefizit Pulsus paradoxus (paradoxer Puls) Die Pulsamplitude nimmt bei der Einatmung ab, bei HerzbeuteltamponadeWilhelm Haverkamp, Felix Herth, Helmut Messmann: Internistische Intensivmedizin: Methoden - Diagnose - Therapie. Georg Thieme Verlag, 2008, ISBN 978-3-13-156261-6, S. 273.

Die Traditionelle Chinesische Medizin beschreibt mehr Taststellen und Pulsqualitäten (→ Pulsdiagnose).

mini|(Pulsmessender) Arzt des 17. Jahrhunderts mit Taschenuhr, um 1880 in Paris von Samson aus Porzellan hergestellt. Wellcome Institute of the History of Medicine, London

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