mini|hochkant=1.1|Eduard Magnus, 1846, Alte Nationalgalerie Jenny Lind (* 6. Oktober 1820 in Stockholm als Johanna Maria Lind; † 2. November 1887 in Malvern, Worcestershire) war eine schwedische Opernsängerin (Sopran), die wegen ihres hohen technischen Niveaus und ihrer kometenhaften, kontinentübergreifenden Karriere auch als „schwedische Nachtigall“ in die Musikgeschichte einging.
Leben mini|hochkant=0.85|Jenny Lind, Gemälde von Louis Asher, 1845 Jenny Lind wurde als uneheliche Tochter von Anne-Marie Fellborg (1793–1856) und Nils Johan Lind (1798–1858) geboren. Name und Beruf des Vaters differieren je nach Quelle, mal wird er als Buchhalter, mal als Fabrikant bezeichnet.Sonja Gesse-Harm: Jenny Lind, Lexikalischer Artikel bei MUGI – „Musik und Gender im Internet“, Hochschule für Musik und Theater, Hamburg (Abruf am 18. August 2020) Jenny stammte aus komplizierten Verhältnissen: Als einjähriges Kleinkind bis 1824 wuchs sie bei einer Pflegefamilie auf dem Lande auf; in den nächsten vier Jahren lebte sie bei ihrer Mutter in Stockholm, zusammen mit ihrer Halbschwester Amalie (aus erster Ehe der Mutter) und ihrer Großmutter. Ihre Mutter hielt sich mit Unterrichten über Wasser und vermietete Zimmer. Von 1828 bis 1830 war Jenny wieder als Pflegekind bei einem Ehepaar. Ihre Eltern heirateten erst 1835 nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung, bei der es darum ging, wer das Kind zu sich nimmt. Die Beziehung zu ihrer Mutter war von früher Kindheit an durch Spannungen getrübt.
Ab 1830 erhielt das musikalische Mädchen Gesangs- und Schauspielunterricht als Schülerin des Königlichen Theaters. Ihre ersten Gesangslehrer waren Carl Magnus Crælius und Isaak Berg (beide Tenor).
Im Januar 1837 erhielt sie einen Vertrag am Königlichen Theater, zunächst als Schauspielerin. Nachdem sie im Dezember 1837 bei einer konzertanten Aufführung des vierten Aktes von Meyerbeers Robert le diable die Partie der Alice gesungen hatte, debütierte Jenny Lind am 7. März 1838 als Agathe in Webers Der Freischütz.
Bei einer dieser Aufführungen war Fredrika Bremer anwesend:
mini|links|hochkant=0.65|Jenny Lind als Alice in Robert le Diable In den ersten Jahren ihres Engagements trat Jenny Lind sowohl in Sprechrollen auf als auch in Partien wie der Pamina in Mozarts Zauberflöte, der Titelrolle in Webers Euryanthe und mit besonderem Erfolg wiederum in Robert le diable. 1840 wurde sie mit 20 Jahren Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie in Stockholm und zur Hofsängerin ernannt.
Aufgrund von Stimmproblemen ging sie 1841 nach Paris zu dem berühmten Gesangspädagogen Manuel García d. J., der meinte, dass sie kurz davor sei, ihre Stimme völlig zu verlieren, und ihr zur Erholung erst einmal drei Monate Gesangspause verordnete.George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 188, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020). Danach baute er ihre Stimme wieder gezielt auf und schulte ihre Atemtechnik, wodurch sie die Kunst des messa di voce und ihren perfekten Triller erlernte.
1842 kehrte sie zurück nach Stockholm, wo sie als Primadonna assoluta gefeiert wurde und außer in Opern des deutschen, italienischen und französischen Repertoires auch in Werken von schwedischen Komponisten wie Johan Fredrik Berwald, Franz Berwald und Johan van Boom auftrat.Siehe Abschnitt Repertoire in: Sonja Gesse-Harm: Jenny Lind, Lexikalischer Artikel bei MUGI – „Musik und Gender im Internet“, Hochschule für Musik und Theater, Hamburg (Abruf am 18. August 2020)
Im darauffolgenden Jahr machte sie eine erste Auslandstournee durch Skandinavien, bei der sie den dänischen Dichter Hans Christian Andersen kennenlernte, der sie bewunderte und sich in sie verliebte, was sie aber nur auf freundschaftlicher Ebene erwiderte. Sein zu dieser Zeit entstandenes Märchen Die Nachtigall bezieht sich nach einer biografischen Notiz Andersens auf Jenny Lind, die selber als „die schwedische Nachtigall“ bezeichnet wurde.
mini|hochkant=0.85|Jenny Lind in Bellinis La sonnambula
Giacomo Meyerbeer, dem sie bereits in Paris vorgesungen hatte, holte sie 1844 nach Berlin, wo sie die Partie der Vielka in seiner Oper Ein Feldlager in Schlesien sang (5. Januar 1845). Sie sang außerdem die weiblichen Hauptrollen in Bellinis Opern Norma und La sonnambula und stieg nun endgültig zur international gefeierten und verehrten Primadonna auf. Henriette Sontag (verheiratete Gräfin Rossi) soll Jenny Lind als „erste Sängerin der Welt“ bezeichnet haben.George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 196, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020). Zu dieser Zeit lernte sie auch Felix Mendelssohn Bartholdy kennen, mit dem sie eine jahrelange Freundschaft – oder unglückliche Liebesbeziehung (?) – verband.
Jenny Lind bezauberte das Publikum nicht nur mit ihrem Gesang, sondern auch mit ihrem persönlichen Charme, ihrer mädchenhaften Natürlichkeit und unschuldigen Ausstrahlung – sie entsprach in vollkommener Weise dem Frauenideal des Biedermeier und der Romantik. Laut Andersen „liebte sie ihre Kunst mit ganzer Seele“ und er meinte, dass „eine edle, fromme Anlage wie ihre nicht durch Huldigungen verdorben werden“ könne.“She loves Art with her whole soul … a noble, pious disposition like hers cannot be spoiled by homage.” Hier nach: George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 192, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020). Fredrika Bremer berichtete, dass Jenny Lind so fromm war, dass ihr Tränen in die Augen stiegen, wenn man mit ihr über Gott sprach, und sie sei „groß als Künstlerin, aber noch größer in ihrer reinen menschlichen Existenz“.“Converse then with her of God, and of the holiness of religion, and you will see tears in those innocent eyes: she is great as an artist, but she is still greater in her pure human existence.” Hier nach: George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 192, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020). Dem entspricht die Tatsache, dass Jenny Lind von dem Vermögen, das sie verdiente (Eintrittspreise zu ihren Aufführungen waren oft erhöht), viel Geld für wohltätige Zwecke spendete, beispielsweise zur Unterstützung für vernachlässigte Kinder, arme Musiker oder für Musik studierende Mädchen.George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 192f. und 211f., online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020). Ihre Wohltätigkeit war bekannt und trug zu ihrem legendären Ruf bei, und sie wurde beinahe verehrt wie eine Heilige.
Während ihres Gastspiels in Wien 1846/47 widmete ihr Johann Strauss (Sohn) den Walzer Lind-Gesänge op. 21, und der Dichter Franz Grillparzer schwärmte:
Clara Schumann, die sie dort am 12. Januar 1847 als Marie in Donizettis Regimentstochter erlebte,Genaues Datum laut Robert Schumann, Tagebücher, Band III, Haushaltbücher, hrsg. von Gerd Nauhaus, Leipzig, VEB Deutscher Verlag für Musik, 1982, S. 324 notierte in ihrem Tagebuch:
Nach einem Aufenthalt im heimatlichen Schweden folgte sie 1847 einem Engagement nach London. Ihre Popularität bei ihren Landsleuten war mittlerweile so groß, dass ihr vor ihrer Abreise nach England Militärkapellen ein Ständchen gaben und sich Tausende von Menschen versammelten, um sie zu verabschieden.George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 200, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020).
In England blieb sie bis 1849 und wurde umjubelt wie überall. Eine Anekdote berichtet, dass der berühmte Bassist Luigi Lablache – einer der Ersten, der sie in London zu hören bekam –, über ihren Gesang sagte, dass „jede Note … wie eine vollkommene Perle“ sei; daraufhin erlaubte sich die Lind mit ihm einen Scherz, soll in seinen Hut gesungen und ihm „einen Hut voll Perlen“ zurückgegeben haben. mini|links|hochkant=0.75|Jenny Lind als Marie in La Figlia del Reggimento Giuseppe Verdi komponierte für Jenny Lind die Partie der Amalia in seiner Oper I masnadieri, die ihre Uraufführung am 22. Juli 1847 am Her Majesty’s Theatre erlebte.Julian Budden: Verdis „Londoner“ Oper, Booklettext zur CD Verdi: I Masnadieri, mit Montserrat Caballé, Carlo Bergonzi u. a., New Philharmonia Orchestra, Lamberto Gardelli. Philips, 1975/1989. S. 29–30Anselm Gerhard, Uwe Schweikert (Hrsg.): Verdi Handbuch, Metzler/Bärenreiter, Stuttgart 2001, S. 359, 361, 363. Die Oper gefiel jedoch nicht besonders und der Gesangsstil der Lind entsprach nicht Verdis Ideal, der ihre Stimme in der Tiefe zu schwach und ihre Verzierungskunst als altmodisch empfunden haben soll, ihr aber gerade deshalb gegen seine Gewohnheit Kadenzen zur eigenen Improvisation überließ.Anselm Gerhard, Uwe Schweikert (Hrsg.): Verdi Handbuch, Metzler/Bärenreiter, Stuttgart 2001, S. 361.
Zu ihren Glanzrollen zählten neben Amina in La Sonnambula, der Titelrolle in Donizettis Lucia di Lammermoor und Marie in La figlia del reggimento auch Norma, jedoch soll ihre Interpretation dieser letzten Rolle in dramatischer Hinsicht weit schwächer gewesen sein als die von Giulia Grisi, der wohl bedeutendsten Norma ihrer Zeit.“Her performance of Norma was afterwards held by judicious critics to be far inferior to that of Grisi in its dramatic aspect”. George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 210, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020). Ganz allgemein soll Jenny Lind der Ausdruck sanfter, liebevoller und rührender Gefühle am meisten gelegen haben,“… her vocal powers seem best adapted to demonstrate the more gentle and touching emotions”. Zitat eines namentlich nicht genannten Kritikers in: George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 204–205, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020). während „ihr heftige und stürmische Leidenschaften“ nicht lagen.“but, as she never attempted the delineation of the more stormy and vehement passions …”. George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 207, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020).
Weitere wichtige Partien von Jenny Lind waren die Elvira in I puritani, Adina in L’elisir d’amore, die Titelrolle in Anna Bolena sowie die weiblichen Hauptrollen in Rossinis La gazza ladra, Semiramide und Il turco in Italia. Sie sang außerdem in Mozarts Don Giovanni und Le nozze di Figaro (Susanna)George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 211, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020). sowie in Gaspare Spontinis La vestale und Meyerbeers Les Huguenots.
In Großbritannien gab sie auch Konzerte in Manchester, Liverpool, Edinburgh und Dundee.George T. Ferris: Jenny Lind, in: Great Singers, Bd. 2, D. Appleton & Comp., New York 1879, S. 181–218, hier 209, online im Internet-Archiv (englisch; Abruf am 18. August 2020)
In London lernte sie Frédéric Chopin kennen. Trotz gegenseitiger Zuneigung, die aus Briefen an ihre Familie bekannt wurde, und heftiger Bemühungen ihrerseits – unter anderem einer Reise nach Paris im Mai 1849 – schaffte sie es aber nicht, ihn zu einer Ehe zu bewegen (Chopin starb im Oktober 1849).