mini|Else Schüler als junge Frau um 1894. Der Ehering an der rechten Hand und die Rose in der anderen deuten darauf hin, dass dieses Bild kurz nach ihrer Hochzeit mit Berthold Lasker entstanden sein muss. rahmenlos

Elisabeth „Else“ Lasker-Schüler (geboren am 11. Februar 1869 als Elisabeth Schüler in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem) war eine deutsche Dichterin und Zeichnerin. Sie gilt als herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur.

Biografie Herkunft und Kindheit mini|hochkant|Berthold Lasker (links) mit Else Lasker-Schüler, ihrer Schwester Anna Lindwurm-Lindner und Franz Lindwurm-Lindner, um 1900

Die jüdische Elisabeth „Else“ Schüler wurde 1869 in Elberfeld, heute ein Stadtteil von Wuppertal, geboren und wuchs im Briller Viertel von Elberfeld auf. Sie war das jüngste von sechs Kindern von Jeanette Kissing (1838–1890). Die Mutter wurde zu einer zentralen Gestalt ihrer Dichtung. Ihr Vater war Aaron Schüler (1825–1897), ein Privatbankier. Er wurde später Vorbild für die Hauptfigur des Dramas Die Wupper. Jeanette Kissing war nach dem Tod ihrer Eltern von der Familie des Verlegers und Politikers Leopold Sonnemann in Frankfurt am Main aufgenommen worden. Dessen Frau Rosa war Jeanettes Ziehmutter. Elses Vater Aaron Schüler und der Berliner Bankier Julius Israel Schüler (1827–1908) waren Brüder von Rosa Sonnemann. Jeanette lernte Aaron Schüler über dessen Bruder Julius kennen.

Else galt als Wunderkind der Familie, denn sie konnte bereits mit vier Jahren lesen und schreiben. Ab 1880 besuchte sie das Lyceum West an der Aue. Nachdem sie die Schule angeblich abgebrochen hatte, erhielt sie Privatunterricht im Hause ihrer Eltern. Als sie 13 Jahre alt war, starb ihr Lieblingsbruder Paul. Ihre Mutter starb am 27. Juli 1890; es bedeutete für sie „die Vertreibung aus dem Paradies“.

Ehen und erste Gedichte 1894 heiratete Else Schüler den Arzt Jonathan Berthold Lasker, einen älteren Bruder des langjährigen Schachweltmeisters Emanuel Lasker, und zog nach Berlin um.

1897 starb ihr Vater. Am 24. August 1899 wurde ihr Sohn Paul (1899–1927) geboren. In diesem Jahr wurden erste Gedichte veröffentlicht; ihr erster Gedichtband Styx folgte 1901.

Am 11. April 1903 wurde die Ehe mit Berthold Lasker geschieden. Am 30. November desselben Jahres heiratete sie den Schriftsteller Georg Lewin. Er ist unter dem Künstlernamen Herwarth Walden bekannt, den sich Else Lasker-Schüler ausgedacht hatte.

Weitere Veröffentlichungen mini|Lasker-Schüler in ihrem orientalischen Kostüm als „Prinz Yussuf“ (1912)

1906 erschien Lasker-Schülers erstes Prosawerk Das Peter Hille-Buch nach Hilles Tod; er war einer ihrer engsten Freunde. 1907 erschien die Prosasammlung Die Nächte der Tino von Bagdad. 1909 publizierte sie das Schauspiel Die Wupper, das jedoch erst 1919 zur Aufführung kam. Mit dem Gedichtband Meine Wunder (1911) wurde Lasker-Schüler zur führenden deutschen Expressionistin.

Nach der Trennung von Herwarth Walden 1910 wurde 1912 auch die zweite Ehe geschieden. Walden heiratete noch im selben Jahr in London die Schwedin Nell Roslund. Ohne eigenes Einkommen lebte Lasker-Schüler jetzt von der Unterstützung durch Freunde, insbesondere Karl Kraus. Im Sommer 1912 begegnete Lasker-Schüler Gottfried Benn. Es entstand eine intensive Freundschaft, die sich in einer großen Zahl von Liebesgedichten niederschlug, die sie Benn widmete. In seiner schwärmerischen Rede auf Else Lasker-Schüler pries er sie 1952 als „größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ und lobte ihre Sprache als „ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch […], in jeder Wendung dem Kern des Schöpferischen entsprossen.“ In ihr habe sie ihre Gefühle ausdrücken können, ohne jemals „das Geheimnisvolle“ zu enthüllen.Gottfried Benn: Rede auf Else Lasker-Schüler. In: Dieter Wellershoff (Hrsg.): Essays & Aufsätze, Reden & Vorträge, Prosa, Stücke aus dem Nachlaß. Gesammelte Werke, Band 2. Zweitausendeins. Frankfurt am Main 2003, S. 1102.

1921 erscheint Der Wunderrabbiner von Barcelona, in dem Lasker-Schüler den Antisemitismus aufs Schärfste anklagt. Sie nimmt auf die widersprüchlichen Vorurteile gegenüber Juden als Kapitalisten und Kommunisten Bezug.

Der Briefwechsel mit Franz Marc mini|hochkant|links|Franz Marc: Versöhnung nach dem Gedicht von Lasker-Schüler

Für das Titelblatt der Doppelnummer des Septemberhefts 1912 von Herwarth Waldens Kunstzeitschrift Der Sturm schuf Franz Marc den Holzschnitt Versöhnung („Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …“), eine Illustration des gleichnamigen Gedichts von Lasker-Schüler.Else Lasker-Schüler 1869–1945. Bearbeitet von Erika Klüsener und Friedrich Pfäfflin. Marbacher Magazin 71/1975, Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 1995, ISBN 3-929146-26-6, S. 92 und 93. Im Dezember 1912 lernten Franz und Maria Marc die inzwischen von Herwarth Walden geschiedene Dichterin in Berlin kennen. Bereits vor diesem Treffen hatten Marc und Lasker-Schüler, zwischen denen sich eine enge Freundschaft entwickelte, korrespondiert. Bis zum Sommer 1914 kam es zu einem regen Briefwechsel zwischen dem Prinzen Jussuf von Theben (Else Lasker-Schüler) und dem Blauen Reiter (Franz Marc).Michael Baumgartner, Cathrin Klingsöhr-Leroy, Katja Schneider (Hrsg.): Franz Marc. Paul Klee. Dialog in Bildern. Nimbus. Kunst und Bücher, Wädenswil 2010, ISBN 978-3-907142-50-9. Von den privaten eigenhändig bemalten Kartengrüßen und Briefen sind 66 von Lasker-Schüler, 28 von Franz Marc erhalten. Während Lasker-Schüler ein Ineinander und Nebeneinander von Bild und Schrift setzte, verwendete Marc die Vorderseite einer Korrespondenzkarte für eine Aquarell- oder Tuschzeichnung, betitelte sie und schrieb auf die Rückseite.

Dem ersten Briefgruß Marcs mit dem programmatischen Titel Der blaue Reiter präsentiert Eurer Hoheit sein blaues Pferd folgte das Aquarell Der Turm der blauen Pferde als Neujahrsgruß auf das Jahr 1913. Marc hatte die Postkarte aus einer Bleistiftskizze entwickelt. Sie ist der einzig erhaltene farbige Entwurf für das verschollene gleichnamige Ölgemälde.Vergleiche hierzu die entsprechenden Abbildungen und Kommentare in: Franz Marc – Else Lasker-Schüler, Der blaue Reiter präsentiert Eurer Hoheit sein blaues Pferd, Karten und Briefe. Herausgegeben und kommentiert von Peter-Klaus Schuster. Prestel, München 1987, ISBN 3-7913-0825-4.

Im Ausstellungskatalog Else Lasker-Schüler: Die Bilder betont Ricarda Dick, Marc habe mit der Übernahme von Bildzeichen der Dichterin in seine Aquarelle „das Spiel des poetischen Dialogs“ erwidert und ihre Schrift-Bild-Kompositionen mit seinen Mitteln bereichert: So sind dem vorderen Pferd Halbmonde und Sterne eingeschrieben oder, wie sie einmal selbst geschrieben hatte, in die „Haut [sind] Hieroglyphen eingeschnitten […] bis ins Mark“. Damit führe ihr das Aquarell vor Augen, „wie ihre zeichenhaften Elemente ins Bild integriert werden können, ohne den Charakter zu verlieren“.Zitiert nach Ricarda Dick: Else Lasker-Schüler als Künstlerin. In: Else Lasker-Schüler. Die Bilder. S. 136.

Nach Peter Klaus Schuster liegt das Einzigartige dieser Künstlerfreundschaft in der „doppelten Doppelbegabung“: „So wie sich Franz Marc in seinen Karten über das Bild hinaus als poetischer Maler zeige, antworte Lasker-Schüler in ihren Briefen nicht nur mit Worten, sondern auch mit Zeichnungen“.Franz Marc – Else Lasker-Schüler, Der blaue Reiter präsentiert Eurer Hoheit sein blaues Pferd. S. 6.

Mit dem letzten Kartengruß sandte Marc das Bild einer arkadischen bayerischen Voralpenszene. Das Aquarell Schloss Ried mit einer Märchenlandschaft, in der ein blauer Reiter auf blauem Pferd mit dem Speer Hirsche jagt, war für den kranken Sohn Paul gedacht. Es diente ihr als Frontispiz gegenüber der Titelseite ihres Romans Der Malik.Franz Marc – Else Lasker-Schüler, Der blaue Reiter präsentiert Eurer Hoheit sein blaues Pferd. S. 159. Die Briefe an den blauen Reiter Franz Marc, die zwischen 1913 und 1915 in den Zeitschriften Die Aktion und Der Brenner erschienen waren, wurden 1915 von Lasker-Schüler überarbeitet und als erster Teil des 1919 veröffentlichten Romans „Der Malik.“ Eine Kaisergeschichte mit selbstgezeichneten Bildern und Zeichnungen verwendet, mit der gedruckten Widmung: „Meinem unvergeßlichen Freund Franz Marc / DEM BLAUEN REITER / in Ewigkeit“.Marbacher Magazin 71/1995, S. 151.

Emigration und Exil Der frühe Tod ihres Sohnes Paul (1899–1927) durch Tuberkulose stürzte die Dichterin in eine Krise; sie veröffentlichte den Nachruf Mein Sohn.

Zusammen mit Richard Billinger erhielt die Dichterin 1932 den letztmals vor der nationalsozialistischen Machtergreifung vergebenen Kleist-Preis. Am 19. April 1933, nach tätlichen Angriffen und angesichts der Bedrohung ihres Lebens, emigrierte sie nach Zürich, erhielt dort jedoch Arbeitsverbot. Die kantonale und die städtische Fremdenpolizei mit ihren Kontrolldetektiven erteilten nur befristete Aufenthaltsgenehmigungen und erzwangen dadurch ständige Ortswechsel.Die Vorgehensweisen sind genau dokumentiert in Else Lasker-Schüler 1869–1945. Bearbeitet von Erika Klüsener und Friedrich Pfäfflin. Marbacher Magazin 71/1975, Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 1995, ISBN 3-929146-26-6. Von Zürich aus unternahm sie 1934 und 1937 zwei Reisen nach Palästina, „ihrem Hebräerland“.

1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, sie wurde „schriftenlos“, wie es in der Schweiz heißt.Else Lasker-Schüler 1869–1945. Bearbeitet von Erika Klüsener und Friedrich Pfäfflin. Marbacher Magazin 71/1975, Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 1995, ISBN 3-929146-26-6, S. 295. 1939 reiste sie zum dritten Mal nach Palästina. Der Kriegsbeginn hinderte sie an einer Rückkehr in die Schweiz. Zudem hatten ihr die Schweizer Behörden das Rückreisevisum verweigert.Dagmar C. G. Lorenz: 1939: Else Lasker-Schüler becomes permanently exiled in Jerusalem when Swiss immigration authorities deny her reentry to Switzerland. New Haven : Yale Univ. Press, 1997, S. 563–570.

In Jerusalem wohnte Lasker-Schüler zunächst im Hotel Vienna und ab Mai 1940 im Hotel Atlantic, beide an der belebten Ben Jehuda Street. Ihr letztes Zuhause war ab Sommer 1941 ein privates Zimmer zur Untermiete in der King George Street in Rechavia. Die Dichterin bezog eine monatliche „Ehrenrente“, die je zur Hälfte von der Jewish Agency und von dem Verleger Salman Schocken aufgebracht wurde und ihr eine finanziell einigermaßen gesicherte Existenz ermöglichte. Die meisten ihrer Freunde verlor sie in der Emigration. Doch pflegte sie einen kleinen Freundeskreis mit ebenfalls Emigrierten, zumeist Schriftstellern und Philosophen, darunter Werner Kraft, Martin Buber, Samuel Hugo Bergman, Salman Schocken und Ernst Simon.Ricarda Dick. Nachwort in Mein blaues Klavier - Neue Gedichte. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2006. Den Religionsphilosophen Simon verehrte sie in den letzten Lebensjahren leidenschaftlich, wie aus zahlreichen Gedichten und Briefen hervorgeht. In ihrem Nachlass befanden sich 14 Briefe von Simon aus den Jahren 1940–1943. In ihrem 1943 veröffentlichten, letzten Gedichtband Mein blaues Klavier – Neue Gedichte sind 12 Gedichte Simon gewidmet. Die Verehrung Simons hat Christa Ludwig in einem biografischen Roman über die Dichterin thematisiert.Christa Ludwig: Ein Bündel Wegerich, Verlag Oktaven, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-7725-3008-1.

Lasker-Schüler war in Palästina unglücklich. Sie hatte sich das Leben in Jerusalem anders vorgestellt und war enttäuscht. Dazu trugen neben ihrem eigenen Verlust der Heimat und ihrer zahlreichen Freunde in Deutschland die Kriegssituation bei, die Ermordungen von Juden in Konzentrationslagern, die nach und nach bekannt wurden, ferner die arabischen Aufstände in Palästina unter britischem Mandat und die Bestimmungen aus dem Weißbuch von 1939 mit der drastischen Einfuhrbeschränkung für jüdische Flüchtlingsschiffe in den Häfen.