mini|hochkant|Selbstbildnis, 1910, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München Marianne von Werefkin ( / Marianna Wladimirowna Werjowkina, wiss. Transliteration ; * Zu der häufig fehlerhaft vorgenommenen Umrechnung von Daten des Julianischen in den Gregorianischen Kalender muss bemerkt werden, dass zwar bei der Oktoberrevolution im 20. Jahrhundert die Zeitdifferenz 13 Tage betrug, für das 19. Jahrhundert jedoch nur eine Differenz von 12 Tagen zutrifft. in Tula, Russisches Kaiserreich; † 6. Februar 1938 in Ascona, Schweiz) war eine russische Malerin, die für den deutschen Expressionismus Herausragendes leistete. mini|hochkant|Wappen der Familie Werefkin Leben In Russland 1860–1896 mini|hochkant|General Werjowkin, der Vater der Künstlerin mini|hochkant|Ilja Jefimowitsch Repin: Bildnis Marianne Werefkin, 1888, ehemalige Sammlung Ernst Alfred Aye, heute Museum Wiesbaden Marianna Wladimirowna Werjowkina wurde als Tochter von Elisabeth, geb. Daragan (1834–1885), und Wladimir Nikolajewitsch Werjowkin (1821–1896), dem Kommandeur des Jekaterinburger Regiments in Tula, der Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements, geboren. Der Vater war russischer Adeliger, dessen Vorfahren aus Moskau stammten. Er machte Karriere beim Militär, wurde General und zuletzt Kommandant der Peter-und-Paul-Festung in Sankt Petersburg. Mütterlicherseits war sie Enkelin der Schriftstellerin und Pädagogin Anna Daragan (1806–1877). Deren Mann, Generalleutnant Peter Michailowitsch Daragan (1800–1875), war von 1850 bis 1866Sofia Andreevna Tolstaya: My life, 2010, S. 39. der Gouverneur von Tula.Biographischer Index Rußlands und der Sowjetunion, Band 1, München 2005, S. 439.Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin: Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters, 2014, Kapitel I. 1860-1879 Prägung.

1874 wurde Werefkins zeichnerische Begabung entdeckt. Daraufhin erhielt sie umgehend akademischen Zeichenunterricht. Als Jugendliche verfügte sie über ein großes Atelier in der Peter-und-Paul-Festung und ein Atelierhaus auf dem Landgut ihrer Familie namens „Blagodat“ (Glückseligkeit)S. Kubickienė: Vyžuonėlių Dvaras. Utenis, 12. Juli 1994. in Litauen. Es liegt etwa sieben Kilometer nordwestlich der Provinzstadt Utena im Park von Vyžuonėlės, der 1958 zum litauischen Naturdenkmal erklärt wurde. Das Gut und die dortige Landschaft betrachtete Werefkin als ihre eigentliche Heimat. mini|hochkant|Selbstbildnis in Matrosenbluse, 1893, Fondazione Marianne Werefkin, Ascona 1880 wurde sie Privatschülerin von Ilja Repin, dem bedeutendsten Vertreter der Peredwischniki („Wandermaler“), die den russischen Realismus vertraten. Durch Repin bekam Werefkin schon früh Kontakt zur Künstlerkolonie von Abramzewo und zu Walentin Alexandrowitsch Serow, dem zweiten Privatschüler von Repin. Seit 1883 studierte sie in Moskau bei Illarion Michailowitsch Prjanischnikow Malerei und hörte Vorlesungen bei Wladimir Sergejewitsch Solowjow. 1888 schuf Repin das Bildnis Marianne Werefkin. Im selben Jahr erlitt sie einen Jagdunfall, bei dem sie sich versehentlich die rechte, die Malerhand durchschoss.

Werefkins erste, künstlerisch wichtige Werkphase ist jene Zeit vor 1890, als sie sich in der realistischen Malerei des Zarenreiches einen Namen als „Russischer Rembrandt“ machte. Einige Werke sind erhalten, andere nur durch Fotos nachweisbar, viele sind verschollen. Nach 1890 modernisierte Werefkin ihren Malstil und wechselte zu einer Freilichtmalerei mit Zügen eines Impressionismus osteuropäischer Prägung. Aus dieser Zeit existieren offensichtlich nur noch zwei Gemälde. 1892 ging Werefkin eine 27 Jahre dauernde Beziehung mit Alexej Jawlensky ein. Sie war in der Malerei weiter fortgeschritten als dieser und hatte beschlossen, den fünf Jahre jüngeren mittellosen Offizier auszubilden und zu fördern.Marianne Werefkin, Brief an Herrn Schädl, 1919, Archiv Fondazione Marianne Werefkin, Ascona, S. 2 f.

In Deutschland 1896–1914 1896, nach dem Tod ihres Vaters mit einer noblen zaristischen Rente ausgestattet,Bernd Fäthke: Marianne Werefkin und ihr Einfluß auf den Blauen Reiter. In: Marianne Werefkin, Gemälde und Skizzen. Ausstellungskatalog. Museum Wiesbaden 1980, S. 17. zog Werefkin mit Jawlensky und ihrem Dienstmädchen Helene Nesnakomoff nach München. Sie mietete im Stadtteil Schwabing eine komfortable Doppelwohnung, die sie teils mit Mobiliar im Empirestil und des Biedermeier einrichtete, was sie mit Volkskunst-Möbeln kontrastierte, die in den Werkstätten der Künstlerin Jelena Dmitrijewna Polenowa (1850–1898) in der Künstlerkolonie von Abramzewo hergestellt worden waren. Jawlenskys Weiterbildung vertraute sie zunächst dem Slowenen Anton Ažbe an,Bernd Fäthke: Im Vorfeld des Expressionismus, Anton Ažbe und die Malerei in München und Paris. Wiesbaden 1988. während sie zugunsten seiner Ausbildung ihre eigene Malerei für genau zehn Jahre unterbrach. Wie viele Frauen in der Kunst ordnete sie ihre künstlerischen Ambitionen den Interessen des Geliebten unter.

Werefkin wusste, dass Jawlensky ein Schürzenjäger war: „Die Liebe ist eine gefährliche Sache, besonders in den Händen Jawlenskys.“ Sie lehnte eine Heirat ab, nicht zuletzt wegen der großzügigen Rente des Zaren, die sie als verheiratete Frau verloren hätte. Aber sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, ihn als Künstler in jeder Hinsicht zu fördern. Er sollte an ihrer Stelle künstlerisch all das erreichen und verwirklichen, was einem „schwachen Weibe“ ja ohnehin verwehrt war.

„Drei Jahre vergingen in unermüdlicher Pflege seines Verstandes und seines Herzens. Alles, alles, was er von mir erhielt, gab ich vor zu nehmen – alles, was ich in ihn hineinlegte, gab ich vor, als Geschenk zu empfangen … damit er nicht als Künstler eifersüchtig sein sollte, verbarg ich vor ihm meine Kunst“ (Werefkin, zitiert nach Fäthke 1980:17). Jawlensky dankte es ihr, indem er die neunjährige Helene Nesnakomoff missbrauchte, die Gehilfin von Werefkins Zofe, mit der er schon ein Verhältnis hatte.

1897 gründete Werefkin in ihrem „rosafarbenen Salon“Valentine Macardé: Le renouveau de l’art picturale russe 1863–1914. Lausanne 1971, S. 135 f. die Bruderschaft von Sankt Lukas, deren Mitglieder sich in der Tradition der Lukasgilde verstanden und die letztlich die Keimzelle zur Neuen Künstlervereinigung München (N.K.V.M) und zum Blauen Reiter war.

1897 war sie mit Ažbe, Jawlensky, Dmitri Nikolajewitsch Kardowski und Igor Emmanuilowitsch Grabar in Venedig, um zunächst eine Repin-Ausstellung zu besuchen. Anschließend studierten sie in verschiedenen oberitalienischen Museen die Malerei alter Meister.Bernd Fäthke: Marianne Werefkin. München 2001, S. 47, Abb. 52.

1902 bekam das Dienstmädchen Helene von Jawlensky ein Kind, Andreas Nesnakomoff († 1984). Im November 1902 begann Werefkin, ihre Lettres à un Inconnu (Briefe an einen Unbekannten) als eine Art Tagebuch zu schreiben, die sie 1906 beendete. Ein Jahr später fuhr sie mit dem russischen Maler Alexander von Salzmann in die Normandie, während Jawlensky in München blieb.Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin: Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters. München 2010, S. 87–91. Um 1905 entstand Jawlenskys Bild Die Werefkin im Profil.

1906 reiste Werefkin mit Jawlensky, Helene und Sohn Andreas nach Frankreich. Zunächst fuhren sie in die Bretagne. Von dort ging es über Paris und Arles nach Sausset-les-Pins bei Marseille, wo ihr Malerfreund Pierre Girieud (1876–1948) wohnte. Dort am Mittelmeer nahm Werefkin ihre künstlerische Tätigkeit wieder auf.Bernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. Hirmer-Verlag, München 2004, S. 86 ff.

Im Jahr 1907 entstanden ihre ersten expressionistischen Gemälde. Stilistisch folgte sie den Theorien von Vincent van Gogh, der Flächenmalerei von Paul Gauguin, der Ton-in-Ton-Malerei von Louis Anquetin, der karikativen und plakativen Malerei von Henri de Toulouse-Lautrec und den Ideen der Nabis. Im Freundeskreis in München erhielt sie den Beinamen „Die Französin“. Ikonologisch und motivisch lehnte sich Werefkin oftmals auch an Arbeiten von Edvard Munch an, und sie brachte die erwähnten Künstler neu ins Bild, ehe ihre Kollegen, beispielsweise Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, den ersten Schritt in den Expressionismus machten.Brigitte Salmen, Annegret Hoberg: Um 1908 – Kandinsky, Münter, Jawlensky und Werefkin in Murnau. In: 1908–2008, Vor 100 Jahren, Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau. Ausstellungskatalog. Murnau 2008, S. 16.Isabell Fechter: Sternstunden, Murnau 1908/2008 – Vor 100 Jahren. In: Weltkunst. 09/2008, S. 96 f. Damals verkehrten die Künstler Jan Verkade, Hugo Troendle, Hermann Huber und Curt Herrmann in ihrem Salon.

Im Frühjahr 1908 war der polnische Freund von Gauguin, Władysław Ślewiński, bei Werefkin zu Besuch. Er überzeugte Jawlensky von der Flächenmalerei. Im Sommer trafen sich die beiden Künstlerpaare Werefkin/Jawlensky und Münter/Kandinsky im oberbayerischen Murnau am Staffelsee zu gemeinsamem Malen.Bernd Fäthke: Werefkin und Jawlensky mit Sohn Andreas in der „Murnauer Zeit“. In: 1908–2008, Vor 100 Jahren, Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau. Ausstellungskatalog. Murnau 2008, S. 53 ff. Im Winter desselben Jahres hatten Werefkin, Jawlensky, Adolf Erbslöh und Oscar Wittenstein die Idee zur Gründung der N.K.V.M., zu deren erstem Vorsitzenden 1909 Kandinsky berufen wurde.Brief von Erbslöh an Kandinsky vom 25. Januar 1909. In: Annegret Hoberg, Titia Hoffmeister, Karl-Heinz Meißner: Anthologie. In: Der Blaue Reiter und das Neue Bild, Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. Ausstellungskatalog. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1999, S. 29. Der Tänzer Alexander Sacharoff wurde Mitglied der N.K.V.M. Mit Werefkin und Jawlensky bereitete er seinen großen Auftritt im Odeon in München vor.Alexej Jawlensky: Lebenserinnerungen. In: Clemens Weiler (Hrsg.): Alexej Jawlensky, Köpfe – Gesichte – Meditationen. Hanau 1970, S. 110 f. mini|hochkant|links|Schindelfabrik (in Oberau), 1910, Museum Wiesbaden 1909 war der Schweizer Maler Cuno Amiet, der damals der Künstlervereinigung Brücke angehörte,George Mauner: Von Pont-Aven zur „Brücke“ – Amiet als „pons inter pontes“. In: Cuno Amiet: Von Pont-Aven zur „Brücke“. Ausstellungskatalog. Kunstmuseum Bern, Bern 1999, S. 24 ff. Gast in Werefkins Salon. Später sollte er neben Paul Klee und seiner Frau Lily einer ihrer besten Schweizer Freunde werden. Am 1. Dezember 1909 fand die Eröffnung der ersten Ausstellung der N.K.V.M. mit 16 Künstlern statt. Werefkin stellte sechs Gemälde aus, darunter Schuhplattler, ihr Bekenntnis zur bayerischen Volkskunst.Bernd Fäthke: Marianne Werefkin – „des blauen Reiter Reiterin“. In: Marianne Werefkin, Vom Blauen Reiter zum Großen Bären. Ausstellungskatalog. Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen 2014, S. 46 ff, Abb. 48 Im Jahr 1909 entstand auch das Gemälde Zwillinge.

Kurz danach fuhr Werefkin ins russische Litauen zu ihrem Bruder Peter (1861–1946), der in Kaunas Gouverneur war. In diesem Winter entstanden dort viele Zeichnungen und etliche Gemälde.

Ende September 1910 nahm Franz Marc Kontakt zu den Künstlern der N.K.V.M. auf. Von ihm selbst erfährt man, dass es in erster Linie Werefkin und Jawlensky waren, die ihm die Augen für eine neue Kunst öffneten. mini|Schlittschuhläufer, 1911, Fondazione Marianne Werefkin, Ascona mini|Die Steilküste von Ahrenshoop, 1911 Ab Anfang Mai 1911 wohnte Pierre Girieud (1875–1940) bei Werefkin und Jawlensky in der Giselastraße, als er gemeinsam mit Marc in einer Ausstellung der Modernen Galerie Heinrich Thannhauser seine Gemälde zeigte.Véronique Serrano: Chronologie et témoignages. In: Pierre Girieud et l’expérience de la modernité, 1900–1912. Ausstellungskatalog. Musée Cantini, Marseille 1996, S. 117. Im Sommer reiste Werefkin mit Jawlensky nach Prerow an der Ostsee. Am Ende des Jahres fuhren sie nach Paris, wo sie Henri Matisse persönlich kennenlernten.