Säkularisierung (von , ‚Zeitalter‘; auch: ‚Jahrhundert‘) bezeichnet die Loslösung von religiösen Normen und den Rückgang religiöser Überzeugungen sowie, damit verbunden, die Zuordnung von Religion zur privaten und nicht mehr zur öffentlichen Sphäre.
Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff die Annahme, dass durch Humanismus und Aufklärung ausgelöste Prozesse Bindungen an Religion gelockert oder gelöst und Fragen der Lebensführung dem Bereich der autonomen menschlichen Vernunft zugeordnet haben. Soziologisch wird dieser Prozess als „sozialer Bedeutungsverlust von Religion“ interpretiert. In der jüngeren Geschichte wird Säkularisierung vor allem in „westlichen“ Gesellschaften diagnostiziert und häufig – nicht unwidersprochen – mit Entchristlichung gleichgesetzt.
Der Begriff und insbesondere die daran anknüpfende soziologische Säkularisierungsthese gehören zu den am intensivsten diskutierten Deutungsmustern der Religionssoziologie; seit den 1990er Jahren gilt die klassische Form der These in der Fachwissenschaft weithin als überholt bzw. modifikationsbedürftig, während einzelne Teilaspekte – insbesondere die Differenzierungstheorie – weiterhin als tragfähig gelten.
Begriffliches Das lateinische Wort saeculum bedeutete ursprünglich ‚Zeitalter‘, ‚Jahrhundert‘, im Kirchenlatein dann ‚die zeitliche Welt‘ und damit das Irdische im Gegensatz zum Ewigen. Das Adjektiv „säkular“ (lateinisch saecularis) hat von daher die Bedeutung „weltlich“, „profan“; das davon abgeleitete Verb „säkularisieren“ die Bedeutung „etwas weltlich/profan machen“. Der Begriff Säkularisation bzw. Säkularisierung wurde daher zunächst zur Bezeichnung des Übergangs einer Sache aus dem Eigentum der Kirche (Bistümer und Klöster) in das von (nicht fürstbischöflich regierten) Staaten verwendet (zu dieser Begriffsbedeutung siehe Säkularisation). Die erste dokumentierte Begriffsverwendung in diesem Sinn einer Überführung von Kirchbesitz in weltliche Hände erfolgte durch Henri d’Orléans bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden in Münster 1648.Giacomo Marramao: Säkularisierung. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 8, Sp. 1133. Seit der Wende zum 19. Jahrhundert fächerten sich die Bedeutungen weiter auf.
Der Religionswissenschaftler und interkulturelle Theologe Michael Bergunder gibt an, dass die Bezeichnung Säkularisierung heute vornehmlich in drei Aspekten gebraucht wird:
für die Loslösung „weltlicher“ Bereiche von religiösen Normen und Institutionen, für den Rückgang als traditionell religiös verstandener Überzeugungen und Verhaltensformen, für eine Zuordnung von Religion zu einer privaten Sphäre, die als von einer öffentlichen Sphäre getrennt betrachtet wird.
Diesen Prozess charakterisiert Ernst-Wolfgang Böckenförde als „Ablösung der politischen Ordnung als solcher von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“ (Trennung zwischen Religion und Staat).Ernst-Wolfgang Böckenförde: Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation. In: ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, S. 92–114.
In der Soziologie wird Säkularisierung im Rahmen der Theorie des sozialen Wandels begrifflich enger, thematisch aber allgemeiner als sozialer Prozess verstanden, der gegenläufig zur Magisierung steht. Insbesondere Max Weber, der Klassiker der soziologischen Säkularisierungstheorie, hat den Begriff als „Entzauberung der Welt“ bestimmt. Unterschieden wird dabei zwischen der Säkularisierung (Begriff für den Prozess) und der Säkularität (Begriff für den Zustand) einer Gesellschaft. In der statistischen Umfrageforschung wird der Begriff aus Operationalisierungszwängen oft nur formal und negativ bestimmt, als Prozess eines sozialen Bedeutungsverlustes von Religion in modernen Gesellschaften. Die von Weber begründete Tradition eines materialen Säkularisierungsbegriffs untersucht demgegenüber konkrete Transformationsprozesse kultureller Deutungsmuster im Sinne einer auch inhaltlich fortschreitenden Entzauberung von Weltbildern und Lebensentwürfen. Der Soziologe Manuel Franzmann vertritt in dieser Traditionslinie die Auffassung, dass Säkularisierung material zu einer fortschreitenden Artikulation des strukturellen Autonomiepotenzials menschlicher Praxis führe, wie bereits der Übergang vom religiösen Gottesgnadentum zur Volkssouveränität (kollektive Autonomie) als Prinzip der Herrschaftslegitimation im Zuge der Französischen Revolution zeige. Dies gelte ebenso für die individuelle Lebensführung, auch wenn sich diese historisch erst sehr viel später, in Deutschland erst seit den 1960er-Jahren, massenhaft entfaltete.
Mit Säkularisierung wird – denkerisch – auch der Übergang von Begriffen und Vorstellungen aus einem primär religiösen in einen allgemeineren Kontext von Philosophie und Zeitgeist bezeichnet (z. B. Paradies, Sünde, Erlösung, Heilsgeschichte, Apokalypse u. v. a.).
Säkularisierung in der Geschichte Säkularisierung vollzieht sich in vielen historischen Gesellschaften als eine Form und Begleiterscheinung des sozialen Wandels. So kann man das 5. und 4. vorchristliche Jahrhundert des antiken Griechenlands als klassische Periode einer Säkularisierung auffassen, in dem sich z. B. das Theater von seinem ursprünglich kultisch-religiösen Inhalt trennte und zu einer autonomen Kunstgattung wurde.
Säkularisierung in der ersten Bedeutung ist die Abschaffung der Staatsreligion und hat einen erheblichen Machtverlust der religiösen Institutionen, vor allem der Kirchen, zugunsten des Staates zur Folge.
Säkularisierung in modernen Gesellschaften In der westlichen Welt gilt die Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen für weite Teile der Gesellschaft als erstrebenswerte und notwendige Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaftsform. In der säkularen Demokratie sind nicht religiös fundierte Glaubenssätze, sondern der Wille der Wähler, das Gemeinwohl sowie bürgerliche Werte wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität die Richtschnur des politischen Handelns.
In den aktuellen Diskussionen wird Säkularisierung als ein umfassender Prozess verstanden, der eng mit der Modernisierung verbunden ist – eine Verknüpfung, die selbst nicht wertfrei ist und in der Forschung diskutiert wird. Als der am ehesten konsensfähige Kern dieses Prozesses gilt die funktionale Differenzierungstheorie: die Ausdifferenzierung eigenständiger gesellschaftlicher Teilbereiche (Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Erziehungssystem), die sich zunehmend von religiösen Deutungsmustern lösen.Karel Dobbelaere: Secularization: An Analysis at Three Levels. Lang, Brüssel 2002, S. 31. Damit verbunden werden ein Rückgang des religiösen Einflusses auf das öffentliche Leben sowie ein Rückgang der Mitgliederzahlen von Kirchen und der Zahl religiöser Menschen diskutiert. Steve Bruce zählt zu den Verteidigern der These eines fortschreitenden, differenzierungs- und pluralismusbedingten Bedeutungsverlusts von Religion.Steve Bruce: God Is Dead: Secularization in the West. Blackwell, Oxford 2002.
Die häufig kritisierte Annahme einer linearen, universellen Säkularisierung wurde in jüngeren Arbeiten relativiert. Pippa Norris und Ronald Inglehart entwickelten mit ihrer Theorie der existenziellen Sicherheit (2004) ein Erklärungsmodell, wonach Säkularisierung vor allem dort voranschreitet, wo soziale und materielle Sicherheit hoch ist, während anhaltende Unsicherheit und hohe Fertilitätsraten Religiosität stabilisieren – wodurch weltweit trotz Säkularisierung in vielen Industriegesellschaften die absolute Zahl religiöser Menschen zunimmt.Pippa Norris, Ronald Inglehart: Sacred and Secular: Religion and Politics Worldwide. Cambridge University Press, Cambridge 2004.
Detlef Pollack und sein Schüler Gert Pickel ergänzten die Debatte um das Konzept der kulturellen und institutionellen Pfadabhängigkeit von Säkularisierungsverläufen, das erklärt, warum sich Säkularisierungsprozesse in unterschiedlichen europäischen Ländern trotz ähnlicher Modernisierungsniveaus unterschiedlich stark und unterschiedlich schnell vollziehen.
Vor diesem Hintergrund unterscheidet die aktuelle Religionssoziologie im Wesentlichen drei konkurrierende, teils auch als komplementär verstandene Modelle:
1) Die Säkularisierungsthese geht von einer Grundspannung zwischen Moderne und Religion sowie von einem anhaltenden Abwärtstrend der Religion aus, nachdem die moderne Wissenschaft die Welt „entzaubert“ habe. Frühe Vertreter sind Émile Durkheim und Georg Simmel; auch Peter L. Berger vertrat die These zunächst in dieser klassischen Form und prognostizierte 1968 in der New York Times, religiöse Gläubige würden im 21. Jahrhundert vermutlich nur noch in kleinen, sich gegen eine weltweite säkulare Kultur behauptenden Gruppen anzutreffen sein. Berger revidierte diese Position jedoch ab den 1990er-Jahren grundlegend: Die Annahme, die Welt lebe in einem säkularisierten Zustand, sei falsch, die Welt sei – mit Ausnahme West- und Zentraleuropas sowie einer internationalen säkularen Intelligenz – so religiös wie je zuvor.Peter L. Berger (Hrsg.): The Desecularization of the World: Resurgent Religion and World Politics. Eerdmans, Grand Rapids 1999, Einleitung.
2) Die Individualisierungsthese (Privatisierungsthese) geht von einer konstanten anthropologischen Grundfunktion von Religiosität aus und beschreibt vor allem eine Verschiebung von der institutionellen zur persönlich-individuellen Ebene („Privatisierung der Religion“). Vertreter sind Thomas Luckmann und Grace Davie; Letztere prägte für den europäischen Befund, dass institutionelle Kirchenbindung stärker zurückgeht als religiöser Glaube im weiteren Sinn, die vielzitierte Formel „Believing without Belonging“.Grace Davie: Religion in Britain since 1945: Believing without Belonging. Blackwell, Oxford 1994.
3) Das Marktmodell geht ebenfalls von einer konstanten Grundfunktion von Religion aus, sieht darin aber einen positiven Effekt der Konkurrenz verschiedener religiöser Angebote – religiöser Gemeinschaften, Glaubensüberzeugungen und Praktiken. Das Modell orientiert sich am US-amerikanischen religiösen Pluralismus. Ein einflussreiches ökonomisches Religionsmodell in dieser Tradition stammt von Rodney Stark.Rodney Stark, Roger Finke: Acts of Faith: Explaining the Human Side of Religion. University of California Press, Berkeley 2000.
Entgegen gängigen Säkularisierungstheorien, die Säkularisierung primär als Auflösung vorgegebener Werteordnungen deuten, hat Charles Taylor den Aspekt der Optionalisierung von Verhaltensweisen und Weltanschauungen, auch der Religiosität, als Charakteristikum der Säkularisierung herausgestellt.Charles Taylor: Ein säkulares Zeitalter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-58580-1. (Original: A Secular Age. Harvard University Press, Cambridge 2007.) Taylor unterscheidet dabei drei Bedeutungen von „säkular“: den Rückzug der Religion aus öffentlichen Bereichen wie Politik, Recht und Wirtschaft; den Rückgang religiöser Praxis und Kirchenbindung; und – als für ihn entscheidenden dritten Aspekt – den Übergang von einer Gesellschaft, in der Gottesglaube die unhinterfragte Normalvoraussetzung war, zu einer Gesellschaft, in der Glaube nur noch eine unter mehreren gleichberechtigten Optionen der Sinn- und Transzendenzerfahrung darstellt.Charles Taylor: A Secular Age. Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 2007, S. 25–27. Da er den Ursprung dieser Säkularität im lateinischen Christentum verortet, versteht Taylor seine Theorie ausdrücklich nur als auf Europa und Nordamerika anwendbar. Er wendet sich dabei ausdrücklich gegen sogenannte „Subtraktionserzählungen“, die Säkularisierung als bloßes Verschwinden religiöser Deutungen durch fortschreitende rationale Erkenntnis erklären.Charles Taylor: Ein säkulares Zeitalter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, S. 51.