mini|Der Anfang der Apologie in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus

Die Apologie des Sokrates () ist ein Werk des antiken Philosophen Platon. Es handelt sich um eine literarische Gestaltung der Verteidigungsrede (Apologie), die Platons Lehrer Sokrates vor dem athenischen Volksgericht hielt, als er im Jahr 399 v. Chr. wegen Asebie (Gottlosigkeit) und Verführung der Jugend angeklagt war. Angefügt sind seine Stellungnahmen zum Strafmaß und zum Ausgang des Verfahrens. Die Apologie besteht somit aus drei aneinandergereihten Reden, die der Angeklagte nach dieser Darstellung am selben Tag in verschiedenen Phasen des Gerichtsverfahrens hielt. Seine Argumentation verhinderte den Schuldspruch nicht. Sokrates wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Stark umstritten ist in der modernen Forschung die Frage, inwieweit Platons Apologie trotz ihres literarischen, fiktionalen Charakters auch eine zumindest teilweise verlässliche Quelle darstellt, deren historischer Kern brauchbare Informationen über den Prozess liefert. Strittig ist auch, inwieweit sie einen zutreffenden Eindruck von den Motiven und Überzeugungen des historischen Sokrates vermittelt. Die Diskussion dieser Thematik ist Teil der allgemeinen Fragestellung, wie zuverlässig sich das Leben und die Philosophie des historischen Sokrates aus den überlieferten Berichten rekonstruieren lassen.

Unabhängig von den weiterhin offenen Fragen zur historischen Zuverlässigkeit gilt die Apologie als das bedeutendste Werk aus der Frühzeit der klassischen griechischen Philosophie. Sie beschreibt und begründet die Haltung eines gesetzestreuen Bürgers, der schuldlos in einen tragischen Konflikt mit der Justiz geraten ist und dabei unerschütterlich an seinen Grundsätzen festhält. Die Konsequenz und Furchtlosigkeit von Platons Sokrates-Gestalt hat die Nachwelt tief beeindruckt. Das Auftreten des Sokrates vor Gericht wurde zum klassischen Muster für die praktische Umsetzung philosophischer Einsicht in einer Krisensituation. Auch als literarische Schöpfung wird die Apologie sehr geschätzt: Sie zählt zur Weltliteratur.

Vorgeschichte und Umstände des Prozesses mini|Sokrates (römische Büste, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris)

Der Prozess fand im Frühjahr 399 v. Chr. statt. Platons Sokrates nennt in der Apologie die Namen seiner drei Ankläger Anytos, Meletos und Lykon.Platon, Apologie 23e–24a und 36a–b. Anytos gehörte zu den Anführern der demokratischen Bewegung, die 404/403 v. Chr. die oligarchische Herrschaft der Dreißig gewaltsam beseitigt und die traditionelle athenische Demokratie wiederhergestellt hatte. Daher war er nach dem Sieg der Demokraten einer der einflussreichsten Politiker Athens in jener Zeit. Der Apologie zufolge agierte er als Repräsentant der Handwerker und der Politiker, die an Sokrates’ Tätigkeit Anstoß nahmen.Platon, Apologie 23e–24a. Vgl. Ernst Heitsch: Platon: Apologie des Sokrates. Göttingen 2002, S. 101; Thomas C. Brickhouse, Nicholas D. Smith: Routledge philosophy guidebook to Plato and the trial of Socrates, New York/London 2004, S. 78. Er war ein radikaler Gegner der Sophisten, die als Lehrer auftraten und zu denen Sokrates von seinen Kritikern gezählt wurde, obwohl er sich scharf von ihnen abgrenzte. Meletos trat der Apologie zufolge im Namen der Dichter auf, deren Gegnerschaft sich Sokrates zugezogen hatte. Er war ein ziemlich unbekannter junger MannPlaton, Euthyphron 2b. und hatte die Klageschrift verfasst.Siehe zu den Anklägern Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 37f., 188f., 202; Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 100; Ernst Heitsch: Platon: Apologie des Sokrates, Göttingen 2002, S. 100–102; Thomas C. Brickhouse, Nicholas D. Smith: Socrates on Trial, Oxford 1989, S. 27–30; Emile de Strycker, Simon R. Slings: Plato’s Apology of Socrates. Leiden 1994, S. 91f. Unklar ist die Identität des Lykon, der die politischen Redner repräsentierte, denen der angeklagte Philosoph verhasst war.Platon, Apologie 23e–24a.

In der Apologie ist Sokrates der alleinige Sprecher, abgesehen von einer kurzen Befragung des Anklägers Meletos, der Sokrates knapp antwortet. Dadurch unterscheidet sich die Apologie von den anderen Werken Platons, die – außer den höchstens teilweise authentischen Briefen – alle in Dialogform abgefasst sind.

Der Prozess ist öffentlich, eine Menge von Freunden und Gegnern des Angeklagten hat sich versammelt. Das Gericht ist – wie bei solchen Verfahren üblich – ein Gremium von 500 oder 501 durch ein Losverfahren bestimmten Geschworenen (Heliasten), die als Richter einen Entscheid mit einfacher Mehrheit zu fällen haben.Siehe dazu Siegfried Erasmus: Richterzahl und Stimmenverhältnisse im Sokratesprozess. In: Gymnasium 71, 1964, S. 40–42; Emile de Strycker, Simon R. Slings: Plato’s Apology of Socrates, Leiden 1994, S. 201. Die gesamte Verhandlung, die zum Todesurteil führt, spielt sich an einem einzigen Tag ab, da die Zusammensetzung des Spruchkörpers und der zu verhandelnde Fall täglich neu ausgelost werden. Nach Platons Darstellung rügt Sokrates nach dem Schuldspruch das Schnellverfahren. Er macht geltend, andernorts sei es nicht üblich, an einem Tag über Leben und Tod zu entscheiden. Die Zeitknappheit habe ihm keine angemessene Darlegung seiner Argumente gestattet und dieser Umstand habe entscheidend zur Verurteilung beigetragen.Platon, Apologie 37a–b.

Inhalt der Apologie Die Apologie setzt sich aus drei separaten, aber in Platons Darstellung unmittelbar aneinandergefügten Reden des Sokrates am Tag des Gerichtsverfahrens zusammen. In der ersten Rede erörtert er die zu diesem Zeitpunkt noch offene Frage seiner Schuld. In der zweiten, nach dem Schuldspruch gehaltenen Rede befasst er sich mit dem Strafmaß, dessen Festsetzung nun ansteht. Die dritte Rede ist sein Schlusswort nach der Verhängung der Todesstrafe.Platon, Apologie 17a–35d (erste Rede), 35e–38b (zweite Rede), 38c–42a (dritte Rede).

Die erste Rede Verteidigung gegen alte Gerüchte und Vorurteile Sokrates beginnt seine erste Rede mit einem ironischen Lob für seine Ankläger, die mit großer Überzeugungskraft aufgetreten seien. Allerdings hätten sie dabei überhaupt nichts Wahres vorgebracht. Sie hätten vor seiner rhetorischen Überredungs- und Täuschungskunst gewarnt, doch setze er in Wirklichkeit keine rednerischen Kunstmittel ein, sondern werde nur auf seine gewohnte Weise in schlichten Worten die ganze Wahrheit vortragen.Platon, Apologie 17a–18a.

Schwerwiegender als die gegenwärtige Anklage seien die anonymen Beschuldigungen, die schon seit langem gerüchteweise von vielen Verleumdern verbreitet würden. Die dadurch entstandenen Vorurteile hätten zu einer generellen Voreingenommenheit geführt, gegen die er nun ankämpfen müsse. Zu seinem schlechten Ruf habe auch seine Verspottung durch den Komödiendichter Aristophanes beigetragen. Es werde behauptet, dass er „Unterirdisches und Himmlisches“ erforsche (also Naturphilosophie betreibe) und „die schwächere Sache zur stärkeren mache“ (das heißt, mit geschickten Täuschungsmanövern Meinungen manipuliere und so Unrecht zu Recht mache). Außerdem unterrichte er andere in dieser Täuschungskunst und lasse sich dafür bezahlen. Nichts davon sei wahr, und dies könnten die vielen Bürger bezeugen, die bei seinen Diskussionen zugehört hätten. Die Verführungskünste überlasse er den für Honorar lehrenden Sophisten, mit deren Umtrieben er nichts zu tun habe.Platon, Apologie 18a–20c.

Allerdings habe die Gerüchtebildung einen realen Ausgangspunkt. Dies sei eine gewisse Weisheit, die ihm zugeschrieben werde. Sein Freund Chairephon habe die Kühnheit besessen, das Orakel von Delphi zu fragen, ob jemand weiser sei als Sokrates. Darauf habe die Pythia, die weissagende Priesterin, geantwortet, dies sei nicht der Fall. Dieser Ausspruch sei ihm, Sokrates, mitgeteilt worden. Dadurch sei er in Verwirrung geraten, da er sich über seine Unwissenheit im Klaren gewesen sei: „Denn ich bin mir doch bewußt, daß ich weder im Großen noch im Kleinen weise bin.“Platon, Apologie 22c–d, in der Übertragung von Kurt Hildebrandt. Um die Behauptung der Pythia zu überprüfen, habe er als weise oder kundig geltende Männer – Politiker und Dichter, aber auch Handwerker – befragt, denn er habe herausfinden wollen, was es mit deren Wissen auf sich habe. Dabei habe sich herausgestellt, dass er trotz seines sehr bescheidenen Erkenntnisstands die vermeintlich Weisen übertreffe, denn er habe ihre Irrtümer aufdecken können. So habe sich gezeigt, wie wenig menschliche Weisheit tauge, und dies sei wohl der Sinn des Orakelspruchs. Mit seinen Nachforschungen habe er sich verhasst gemacht, da er die Inkompetenz seiner Gesprächspartner ans Licht gebracht habe. So habe er sich viele Feindschaften zugezogen. Seither betrachte er es als seine Berufung im Dienste des Gottes, Unwissenden, die sich für kompetent hielten, ihre Unwissenheit aufzuzeigen.Platon, Apologie 20c–23c. Zur strittigen Historizität und mutmaßlichen Datierung des Orakelspruchs siehe Ernst Heitsch: Platon: Apologie des Sokrates, Göttingen 2002, S. 73–77, 198–202. Mit dieser Vorgehensweise hänge der Vorwurf zusammen, er verderbe die Jugend. Manche Jünglinge hätten nämlich nach seinem Vorbild begonnen, die Inkompetenz Unwissender zu entlarven. Damit hätten sie deren Zorn erregt, der sich dann gegen ihn, Sokrates, gerichtet habe.Platon, Apologie 23c–24b.

Verteidigung gegen die Anklageschrift Nach diesen Ausführungen über die alten Beschuldigungen wendet sich Sokrates der aktuellen Anklage zu. Er nimmt den Ankläger Meletos, der ihn als Verderber der Jugend hingestellt hat, ins Verhör. Meletos beantwortet seine Fragen nur knapp oder gar nicht. Aus seiner Reaktionsweise wird aber deutlich, dass er über das, was für die Jugend nützlich oder schädlich ist, keine durchdachten Vorstellungen hat. Er meint, die moralische Erziehung der Jugend obliege der gesamten Gesellschaft und diese Aufgabe werde von ihr auch richtig ausgeführt, nur Sokrates störe dabei.Zum Hintergrund dieses Konzepts siehe James A. Colaiaco: Socrates against Athens. Philosophy on Trial, New York 2001, S. 116–118; Emile de Strycker, Simon R. Slings: Plato’s Apology of Socrates. Leiden 1994, S. 107–113. Dann kommt der wichtigste Anklagepunkt zur Sprache: die Behauptung, Sokrates halte nicht am Kult der in Athen traditionell verehrten Götter fest. Ihm wird vorgeworfen, er wolle die herkömmliche Religion durch einen neuartigen Kult von „Daimonischem“ ersetzen. Dies zielt auf das Daimonion, eine innere Stimme des Sokrates, von der er sich tatsächlich beraten lässt. Hier verwickelt sich Meletos aber, wie Sokrates zeigen kann, in einen Widerspruch. Einerseits bezichtigt er den Angeklagten, konsequent gottlos zu sein, also keinerlei übermenschliche Wesen zu verehren und Sonne und Mond für Steine statt für Gottheiten zu halten, andererseits stellt er ihn als Anhänger einer daimonischen, also übermenschlichen und somit göttlichen Macht dar.Platon, Apologie 24b–28a. Vgl. Lynette Reid Smith: The Interrogation of Meletus: Apology 24c4–28a1. In: The Classical Quarterly 45, 1995, S. 372–388; Thomas C. Brickhouse, Nicholas D. Smith: Socrates on Trial, Oxford 1989, S. 112–128; Emile de Strycker, Simon R. Slings: Plato’s Apology of Socrates, Leiden 1994, S. 101–126.